Rotarm geschafft und mag dann in seinem Keller ersaufen oder sich von den Ratten fressen lassen.«

»Und du hast den Schwur geleistet?« – »Ja. Ich hatte zu gro?e Furcht vor solchem Tode und dachte auch noch immer mit Entsetzen, da? es der Eule wieder einfallen konne, mir mit Vitriol das Gesicht zu verbrennen.« – »Das erklart allerdings dein Schweigen, du wolltest die schlechten Menschen nicht der Polizei in die Hande liefern. Aber du hattest doch auch denken mussen, da? die Leute, die sich deiner mit solcher Liebe annahmen, um deinetwillen in schwerer Sorge sein mu?ten!« – »Ach, ich habe in meinem ersten Schrecken nicht bedacht, da? mich mein Eid verhindern wurde, ihnen Nachricht zukommen zu lassen. Aber, nicht wahr? das bricht doch den schrecklichen Eid nicht, wenn ich Sie bitte, an die liebe Frau Georges in Bouqueval zu schreiben, sie solle sich um meinetwillen nicht sorgen? Freilich durften Sie nichts davon sagen, wo ich sei, denn uber meinen Aufenthaltsort zu schweigen, habe ich geschworen.«

»Kind, sofern du auf meine Bitte hin aus diesem Gefangnis freigelassen wirst, so hast du wohl kaum noch von diesen beiden Verbrechern etwas zu furchten. Du wirst dann schon morgen wieder nach Bouqueval fahren konnen. Dort kannst du dich mit deinen Wohltatern beraten, inwiefern du dich durch deinen Eid gebunden zu erachten hast. Der Geistliche, von dem du sprichst, wird dir die rechte Auskunft schon geben.«

»O gnadige Frau, womit verdiene ich all die Liebe und Gute, die Sie mir zuteil werden lassen? Und wie kann ich mich dafur dankbar erweisen?« – »Dadurch, da? du dich nach wie vor eines guten Wandels beflei?igst. Da? ich fur dich nichts weiter tun kann, tut mir leid; aber es ware ja unrecht von mir, deinen fruheren Freunden dieses Vorrecht kurzen zu wollen.«

Die Tur ging auf, und Frau Armand kam hereingesturzt ... »Gnadige Frau Marquise,« sagte sie zogernd, »ein Bote mit einer schrecklichen Nachricht...« – »Wer? Was?« rief die Marquise. – »Herr von Lucenay! Kein anderer als er ist unten und will Sie auf der Stelle sprechen. Es sei etwas Furchtbares, das er Ihnen mitzuteilen habe.«

»Fuhren Sie mich auf der Stelle zu ihm!« befahl die Marquise, Marienblumchen als eine Beute namenlosen Schreckens allein lassend.

Zweites Kapitel.

Cecily.

Wir finden Frau Anastasia Pipelet, Gattin des, Pfortners vom Hause in der Rue du Temple, in Gesellschaft der Madame Seraphim, Haushalterin des Notars Jacob Ferrand. Frau Anastasia, die an der Tugend und Frommigkeit dieses Herrn keinerlei Zweifel hegt, tadelt die Strenge au?erordentlich, mit der er gegen Luise Morel und Francois Germain vorgegangen ist. In ihrem Herzen trifft Madame Seraphim kein geringerer Tadel; aus Klugheitsgrunden halt sie aber mit ihrer Abneigung gegen diese Dame hinter dem Berge.

»Wie steht es eigentlich um den Herrn Bradamanti?« fragt die Seraphim, »gestern Abend habe ich ihm geschrieben, aber bis jetzt keine Zeile Antwort erhalten; heute vormittag spreche ich bei ihm vor, treffe aber niemand zu» Hause; hoffentlich habe ich nun besseres Gluck?« – Frau Pipelet stellt sich au?erst betrubt und antwortet, da? Herr Bradamanti zuruck erwartet werde. – Die andere sagt, sie habe allerhand mit dem Herrn zu reden, und fragt die Pfortnersfrau, ob sie nicht wisse, bis wann er zuruck sein konne?

»Zwischen 6 und 7 hat er jemand herbestellt und mich beauftragt, der Person, wenn er noch nicht da sei, zu sagen, da? sie warten moge. Es wird also gut sein, Sie fragen gegen Abend noch einmal vor.« – In Gedanken aber setzt sie hinzu: »Komm oder komm nicht, in einer Stunde ist Bradamanti doch schon auf dem Wege nach der Normandie.«

Frau Seraphim erwidert verdrie?lich, sie wolle also wiederkommen, fragt aber nachher, ob Frau Pipelet schon wisse, was der armen Luise Morel passiert sei, die doch alle Welt fur die kreuzbravste Dirne gehalten habe, die die Sonne bescheine ... »Kein Wort von dem Thema!« sagt, die Hande zum Himmel aufschlagend, die Pfortnersfrau, »da stehen einem ja die Haare zu Berge!« – »Ich spreche ja doch nur davon, weil wir kein Madchen mehr haben und fur ein braves, dienstwilliges Ding bei uns ein guter Platz offen ist. Falls Sie einmal in ehester Zeit etwas horen, so denken Sie doch an uns!« – »Gern, gern,« antwortete Frau Pipelet, »es sind eben nicht blo? die guten Stellen rar, sondern auch die guten Dienstboten.« – Und in Gedanken setzt sie wieder bei sich hinzu: »Du kamst mir schon recht! Bei euch geizigen Menschen kann ja ein Madchen schier verhungern, und dann noch sich solchen Gefahren auszusetzen wie die arme Luise! Es geht einem ja wider die Haare, wenn man denkt, so ein armes Ding und solchen armen Kerl wie den Germain mir nichts dir nichts von der Polizei festnehmen zu lassen! Das hab ich mein Lebtag noch nicht erlebt!«

Als Frau Seraphim darauf gegangen war, trat kurz nach ihr Rudolf in die Pfortnerstube ... »Guten Tag, liebe Frau Pipelet,« sagte er, »Fraulein Lachtaube zu Hause? Ich mochte gleich einmal mit ihr reden.« – »Wozu fragen Sie da erst?« versetzte die Pfortnerin, »das Madchen ist doch immer bei der Arbeit.« – »Und wie gehts oben bei Morels? Hat sich die Frau erholt?« – »O ja, dank ihrem Wohltater fuhlt sie sich jetzt weit wohler und hat wieder reges Interesse fur ihre Kinder. Aber schrecklich bleibt die Lage der armen Frau noch gerade genug. Der Mann im Narren- und die Tochter im Zuchthause! Aber die arme Luise, glauben Sie mir, gramt sich noch zu Tode; gerade ist die Seraphim gegangen, die Haushalterin vom Ferrand, und hat das arme Ding schlecht gemacht nach Noten. Ich soll ihr ein anderes Madchen schicken, aber die kann lange warten, ich mag mit schlechten Menschen nichts zu tun haben, und schlecht ist die Seraphim mitsamt ihrem Notar.«

Rudolf meinte dagegen, gerade in dem Wunsche der Seraphim nach einem neuen Dienstmadchen das beste Mittel zu einer kraftigen Zuchtigung des Notars zu bekommen, und anderte zufolgedessen in Gedanken die Rolle, die er Cecily zugedacht, vollstandig, indem er sie als das eigentliche Werkzeug zu dieser Zuchtigung ins Auge fa?te ... »Mir ware darum zu tun, eine Person aus dem Anstande, die noch nicht in Paris gewesen, bei guten Leuten unterzubringen.« – »Aber um alles in der Welt nicht zu diesem alten Geizhalse, Herr Rudolf!« erwiderte die Pfortnersfrau. – »Sagen Sie das nicht! Es ist doch wenigstens immer ein Dienst und malen kann man sich nicht alles, wenn man auf fremde Leute angewiesen ist ... Wenn es ihr bei Ferrands nicht gefallt, steht ihr der Wechsel ja frei; vorderhand hat sie doch wenigstens den Lebensunterhalt.« – »Nun, wie Sie denken, Herr Rudolf ... aber gering sind die Anforderungen nicht, die dort gestellt werden, und reich gemacht wird auch niemand dort... Da? die Luise so lange ausgehalten, hat eben anders zusammengehangen,« –

»Liebe Frau Pipelet,« sagte Rudolf, »ich will Ihnen ein Geheimnis anvertrauen.« – »So? Und das ware?« fragte Frau Pipelet gespannt. – »Das Madchen hat einen Fehltritt getan. Es war in Deutschland bei Verwandten von mir in Stellung und hat sich vom Sohne verfuhren lassen; die Mutter hat sie weggejagt, der junge Mann hat sie nun hierher gebracht und wollte sie hier irgendwo unterbringen: das geht aber nicht so geschwind, und daruber ist ihm das Geld ausgegangen. In einem Hause, wo strenge Zucht herrscht, durfte Cecily – so hei?t das Madchen – am ehesten wieder auf den rechten Weg kommen, und wenn sie von einer Frau wie Ihnen beim Notar und bei der Frau Seraphim empfohlen wurde, so lie?e sich wohl annehmen, da? sie dort ankame?« –

»Nun, wenigstens will ich ganz gern mit der Seraphim reden ...« – »Liebe Frau Pipelet,« fugte Rudolf, sie schelmisch um die Taille fassend, »wenn Sie mir den Gefallen tun, meiner Bekannten zum Dienste beim Notar Ferrand zu verhelfen, sollen Sie ein Entgelt von hundert Franks dafur bekommen.« – »Ei, das mu? man sagen,« erwiderte mit gutmutigem Lacheln die Frau, »seit Sie bei uns eingezogen sind, konnte man meinen, wir hatten einen Treffer in der Lotterie gemacht! So einen Logisherrn wie Sie gibts in der ganzen Welt nicht wieder! Doch da kommt eine Droschke! Sicher die Dame wieder, die beim Doktor Bradamanti war! Als sie gestern da war, habe ich ihr Gesicht nicht sehen konnen. Heute soll mir das nicht wieder passieren, im Gegenteil! Ich mu? vielmehr versuchen, auch ihren Namen zu erfahren. Geben Sie nur acht! Das soll Ihnen einen Heidenspa? machen.«

»Ach, lassen Sie das lieber, Frau Pipelet,« erwiderte Rudolf, »am Namen und am Gesichte der Dame liegt mir gar nichts,«

Die Pfortnerin aber lie? sich nicht beirren, sondern trat der naherkommenden Dame rasch entgegen, »wohin, meine Dame, wenn ich bitten darf?« – »Zu Herrn Doktor Bradamanti,« versetzte die Dame, offenbar argerlich uber den Aufenthalt, der ihr durch die Pfortnerin bereitet wurde. – »Herr Bradamanti, mein liebe Dame, ist nicht zuhause,« sagte die Pfortnerin, »blo? eine bestimmte Dame soll ich auffordern naher zu treten und auf seine Ruckkunft zu warten.« – »Diese Dame bin ich,« sagte die Unbekannte, »wehren Sie mir also den Zutritt nicht langer!« – »Sie mussen mir schon Ihren Namen sagen, meine Dame!« sagte die Pfortnerin, »denn nur wenn es der richtige ist, darf ich Sie vorlassen.« –

Betroffen antwortete die Dame: »Was? Er hatte Ihnen meinen Namen genannt? Ich hatte ihn fur vorsichtiger gehalten.« Als sie aber sah, da? die Pfortnerin keine Anstalt machte, sie vorbeizulassen, entschlo? sie sich, wenn

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