von dem schlechten Lebenswandel abzubringen und einem guten zuzufuhren? Konnte es sich nicht vielleicht treffen, da? ein vornehmer Herr, der Gefallen am Wohltun fande, ihm einen Posten als Jager oder Wildhuter gabe? so da? er als rechtschaffener Mensch sein Brot hatte – unter der Bedingung vielleicht, da? er Sie zu seiner Frau nahme?« – »Du willst dich wohl uber mich lustig machen? He?« – »Aber wieso denn?« sagte die Schalldirne; »lage es denn so sehr aus dem Bereiche der Moglichkeit, da? Sie dann ein kleines Hauschen zu eigen hatten, worin Sie als ehrsame Hausfrau schalten und walten konnten, statt jetzt entweder in Saint-Lazare oder irgendwo versteckt zwischen bosen Menschen zu leben?« – »Aber so etwas kann ja nicht sein! Es liegt ja ganz aus dem Bereiche der Moglichkeit.« – »Aber Frau Martial, meine ich, mochte sich doch weit hubscher anhoren als die Wolfin! Nicht?« –

Die Schalldirne merkte recht wohl, da? ihre Kameradin sich rege zu interessieren anfing, und war sehr erfreut daruber. Lachelnd fuhr sie fort: »Und wenn sich nun jemand fande, der bereit ware, Ihnen solch ruhiges, arbeitsames Leben fur das jetzige Elend in dem Stra?enschmutze von Paris zu ermoglichen, ware er nicht alles gottlichen Segens wert?«

Kaum hatte die Wolfin das Wort Paris gehort, als sie auch sogleich aus der Welt der Luftschlosser in die Wirklichkeit zuruckgefuhrt wurde... Den Kopf emporwerfend, strich sie mit der Hand uber die Stirn und erhob sich drohend, um mit zorniger Stimme zu rufen: »Ha! Sagte ich es dir nicht, da? ich dir nicht trauen, da? ich nicht auf dich horen durfte? Warum sprichst du all dies Zeug? Doch nur, um mich am Narrenseile zu fuhren, um mich zu qualen! Wie kannst du dir einfallen lassen, mir solche Dinge vorzufaseln? Woran werde ich hinfort denken, als an ein Gluck, das fur mich nie existieren kann? Wird mir das Leben hinfort nicht vorkommen wie eine Holle? Und wessen Schuld wird das sein als deine?« –

»Aber, Wolfin,« rief Marienblumchen, ohne sich einschuchtern zu lassen, »jeder ist eines ehrlichen Lebens wurdig, der sich seiner beflei?igt, und das ist doch wahrlich so schwer nicht!« – »Aber wozu fuhrt es? und wozu frommt es?« fragte murrisch die Wolfin. – »Sie durfen mich nicht fur so frivol halten, Wolfin,« sagte Marienblume voll Mitleid, »da? ich solche Hoffnungen in Ihnen wecken wurde, wenn ich nicht wu?te, da? es einen Mann gabe, der Ihnen gern die Mittel gewahren wurde, zu einem ehrlichen Lebenswandel zuruckzukehren.« –

»Madchen!« rief die Wolfin erregt, »sollte es dir wirklich ernst um deine Rede sein?« – »Durchaus,« versetzte Marienblumchen, »war ich doch selbst vor einem Vierteljahre arm und verlassen gleich Ihnen in der Welt, und kam da nicht eines Tages eben jener Mann, von dem ich rede, zu mir und erhob mich aus meinem Elend und Jammer durch trostende Worte und liebreiche Taten? Und was er mir getan, wird er auch Ihnen tun, des bin ich sicher!«

Ihr Gesicht verklarte sich formlich, als sie diese Worte sprach. Aber die Wolfin wurde an einer Erwiderung verhindert durch den Eintritt der Frau Armand, die Marienblumchen zu der Frau Marquise holen sollte, die in dem kleinen Anstaltssaale auf sie wartete.

»Mein Kind,« sagte Frau von Harville zu ihr, »Frau Armand lobt dein Wesen ja uber die Ma?en – nur daruber fuhrt sie Klage, da? du ihr so wenig Vertrauen schenkst.«

Das Madchen lie? den Kopf sinken und erwiderte mit keinem Worte... »Auf dein Vertrauen, armes Kind, habe ich nun freilich nicht den mindesten Anspruch und will dir auch keine Fragen stellen; es wird mir aber gesagt, da? ein Gesuch um Freilassung dir bewilligt werden wurde, wenn sich eine geeignete Person dafur fande. Ich will es fur dich tun, mochte aber zuvor von dir horen, wie du dir dein spateres Leben denkst, und ob du auf gutem Pfade weiterwandeln willst, wie seit der Zeit, da du aus deinen fruheren Verhaltnissen befreit wurdest.«

Diese freundlichen Worte ruhrten das Madchen zu Tranen, und nach einiger Zeit sagte sie: »O, gnadige Frau, so edel Sie sich gegen mich erweisen, so darf ich doch nichts sprechen, weil mich ein schrecklicher Eid verpflichtet, uber die Ereignisse, die mich hierher gefuhrt haben, unverbruchliches Schweigen zu wahren.« – »Hast du Personen, die dir Gutes getan, den Eid geleistet?« – »Ja, einem Herrn, der mir ein gro?er Wohltater war, konnten vielleicht Unannehmlichkeiten entstehen, wenn ich sprache.« – »Und kannst du mir sagen, wer dieser Mann ist?« – »Nein, denn ich wei? es ja selbst nicht,« – »Wo hast du ihn denn gesehen?« – »In Alt-Paris,« sagte das Madchen, die Blicke senkend, »mich wollte in einer Nacht ein boser Mann schlagen, wenn nicht gar niederstechen, und jener andere Mann gewahrte mir Schutz und rettete mir vielleicht das Leben. Auf diese Weise habe ich seine Bekanntschaft gemacht.« – »Wei?t du seinen Namen? Ist er ein Mann aus dem Volke? Ist er jung oder alt?« fragte die Marquise. – »Als ich ihn zum ersten Male sah, war er wie ein Handwerker gekleidet und fuhrte auch die Sprache eines solchen. Nachher jedoch nicht mehr. Er ist im mittleren Lebensalter, eher darunter, als daruber hinaus. Ich habe ihn immer Herr Rudolf nennen horen und auch nie anders, genannt.«

Die Marquise wurde von gluhender Rote ubergossen. – »Und einen andern Namen,« fragte sie, »hast du nie von ihm gehort?« – »Nein. Auch nicht in der Meierei, wohin er mich brachte, als er mich aus dem garstigen Hause erloste, wo ich bis dahin hatte leben mussen.«

Eine seltsame Ahnung sagte der Marquise, da? der Mann kein anderer sei als der Furst ... »Ich sehe,« sagte sie, »da? Frau Armand mir uber dich die Wahrheit gesagt hat. Nun erzahle weiter, wie es sich mit dem Eide verhalt, von dem du sprachst.« – »Vor einem Vierteljahr etwa hat mich Herr Rudolf, wie schon gesagt, auf die Meierei gebracht, zu einer lieben braven Frau, die mir mehr war wie eine Mutter und die im Verein mit einem edlen Geistlichen mich aus der Unwissenheit erloste, in der ich seither gelebt hatte.« – »Dorthin kam dieser Herr Rudolf wohl recht oft?« fragte die Marquise, die bei allen Eigenschaften, die sie besa?, doch Weib war und Rudolf zu innig liebte, um nicht Eifersucht gegen das Madchen zu fuhlen. »O nein,« antwortete jene, »Herr Rudolf war im ganzen blo? dreimal drau?en in der Meierei, solange ich dort war.« – »Aber aus welchem Grunde hast du denn das Bauerngut, wo du dich so wohl fuhltest, verlassen?« – »Vor ein paar Tagen,« sagte das Madchen, das jetzt am ganzen Leibe bebte, »ging ich, wie es zwischen uns ublich geworden war, mit dem Herrn Geistlichen bis zur Pfarrei. Der Weg fuhrt durch einen Wald, aber es war mir dort noch nie etwas zugesto?en. An jenem letzten Abend uberfiel mich dort eine bose Frau, in deren Gewalt ich schon fruher gewesen, und die mir mit zwei anderen, einem Mann und einem Jungen, aufgelauert hatte. Ich wurde gebunden und in einen Wagen geschleppt. Dort wollte mich die Frau, die unter dem Namen Eule in der Verbrecherwelt lebt, so ha?lich machen, wie sie sagte, da? es jedem Menschen ein Ekel sein solle, mich blo? anzuschauen, und langte ein Flaschchen aus ihrer Tasche, worin Vitriol war.«

»Jesus, du Aermste!« rief die Marquise; »aber wer hat dich vor solchem gra?lichen Schicksale bewahrt?«– »Der Mann, der mit dem Weibe zusammen war, ein Blinder, der auf den Namen Bakel hort.« – »Und der nahm dich in Schutz?« – »Es kam zwischen den beiden zu einem Kampfe um meinetwillen, in dem es dem Manne gelang, sich des Flaschchens zu bemachtigen. Er schleuderte es aus dem Wagen. Es war eine stockfinstre Nacht. Nach einer Stunde etwa hielt der Wagen, wenn ich nicht irre, auf der Stra?e, die uber die Ebene von Saint-Denis fuhrt. Dort wartete ein Mann zu Pferde ... »So?« rief er den Leuten entgegen, »habt ihr das Balg endlich erwischt?« – »Ja,« versetzte die Eule, fuchswild, da? sie mich, wie sie sagte, nicht habe furs Leben zeichnen konnen. Sie sagte zu dem Manne, wenn er mich durchaus los sein wolle, sei es doch das gescheiteste, mich unter die Wagenrader zu schmei?en und totzufahren: da wurde dann jedermann an ein Ungluck glauben, das in solch stockfinstrer Nacht jedem passieren konne, der sich in solcher Finsternis auf der Heerstra?e noch herumtreibe... Aber der Reiter verwies ihr solche Reden und sagte, er wolle nicht, da? mir an meinem Leibe ein Schaden getan werde...«

»Aber das sind ja ganz gra?liche Dinge,« rief die Marquise, voll Entsetzen die Hande uber den Kopf schlagend.

»Daraufhin sagte die Eule, sie wolle mich zu einem gewissen Rotarm bringen, der drau?en auf den Feldern unter der Erde eine Kneipe hielte. Dort gabe es verschiedene sichere Keller, wo ich von niemand gesehen werden konnte und auch niemand mehr sehen wurde ... Das war dem Manne recht. Er gab der Eule Geld und versprach ihr noch mehr, sobald ich aus dem Rotarmschen Keller geholt wurde. Er ritt nun schnell fort. Als die beiden, der Blinde und das Weib, wieder allein waren, fragte der Blinde: »Du, sage mal, willst du denn das Ding ersaufen? Du wei?t doch, da? in Rotarms Keller die Seine austritt!« – »Ja,« sagte die Eule, »ersaufen soll das Balg; dann bin ich sie los. Ich hatt sie schon fruher um die Ecke bringen mussen.«

»Aber, Gott im Himmel,« rief die Marquise, »was hast du denn diesem schlimmen Weibe angetan?«

»Ich? nicht das geringste, gnadige Frau; aber seit meiner fruhesten Kindheit verfolgt sie mich mit ma?loser Erbitterung. Der Mann sagte aber: »Da? du das Madel ersaufst, leide ich nicht; zu Rotarm wird sie auf keinen Fall gebracht. Du holst Rotarm auf die Felder hinaus und la?t sie von ihm zur Wache bringen. Da wird sie als Dirne nach Saint-Lazare gebracht, und wir sind sie los.« – »Soll sie auf der Wache sagen, wir hatten sie geraubt? Da gehts doch uns an den Kragen!« – »Das wird sie schon bleiben lassen,« sagte der Mann, »entweder sie gelobt mir beim Andenken ihrer Mutter, reinen Mund auf der Wache zu halten und sich abfuhren zu lassen, oder sie wird zu

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