unter dem Namen Schalldirne wirklich in Saint-Lazare eingeliefert worden sei, sich aber durch ein so mustergultiges Verhalten hervortue, da? ihre Entlassung tagtaglich zu erwarten stande. Daraufhin hatte er sich einen teuflischen Plan zurechtgelegt, den er jedoch ohne Bradamantis Hilfe nicht ausfuhren konnte, und deshalb hatte Frau Seraphim wiederholt versucht, den Scharlatan zu finden. Als nun abends bei Ferrand uber Bradamantis Verschwinden kein Zweifel mehr bestand, besann er sich auf die Familie Martial, die sogenannten Su?wasser- Piraten bei der Brucke von Asnieres und wollte nun mit ihrem Beistande das ihm verha?te und gefahrliche Madchen um die Ecke bringen lassen, und Frau Seraphim mu?te sich in seinem Auftrage dorthin begeben.
Viertes Kapitel.
Die Pirateninsel
Vater Martial war wie sein Vater hingerichtet worden. Er hatte eine Witwe, vier Sohne und zwei Tochter hinterlassen. Der zweite Sohn war schon auf den Galeeren zu lebenslanglicher Zwangsarbeit verurteilt. Von der Familie waren demnach noch auf der Insel, die sie bewohnten: die Mutter und drei Sohne, von denen der alteste im 25. Jahre stand und der Liebste der Wolfin war, wahrend der zweitalteste 20, der jungste 12 Jahre alt war. Von den beiden Tochtern zahlte die eine 18, die andere 9 Jahre. Neben seiner Flu?-Piraterie hatte der alte Martial Gastwirtschaft und Fischfang betrieben, auch sich durch Vermieten von Kahnen Geld zu verdienen gesucht. Nach seiner Hinrichtung hatte die Witwe diejenigen seiner Geschafte weiter betrieben, zu denen sie die Eignung und die Kraft besa?. In ihrer Wirtschaft kehrten Landstreicher, Scharlatane, Heimatlose mit Vorliebe ein. Den verbotenen Fischfang betrieb der alteste Sohn, nahm wohl auch als echter Bravo gegen guten Lohn einmal die Partei eines Schwachen gegen den Starkeren, war aber im Grunde genommen der harmloseste der Bruder, wahrend Niklas, der um weniges jungere, sich bereits an Barbillons Raubzugen beteiligte und auf der Seine, wie an dem Gelande derselben, Rauberei in gro?em Stile trieb. – Der jungste der Bruder, Franz, ubernahm Kahnfahrten auf der Seine. Ein letzter Bruder, Ambroise, war wegen nachtlichen Diebstahls und wiederholten Mordversuches lebenslanglich auf die Galeeren gebracht worden. Die alteste Tochter, die den Spitznamen Kurbis fuhrte, half in Wirtschaft und Kuche. Ebenso die jungere, Amandine mit Namen ...
Es war eine rabenfinstere Nacht. Am Himmel hing schweres Gewolk, nur hin und wieder blinkte ein Stern auf. Die Mutter Martial sa? von dreien ihrer Kinder umringt, am Herde; sie war eine gro?e, magere Frau, die etwa 45 Jahre zahlen mochte. Sie ging schwarz gekleidet. Ihr galligtes Gesicht mit der langen spitzen Nase und den scharf vorstehenden Backenknochen war von tiefen Pockennarben zerfressen, und tiefsitzende Mundwinkel machten den Ausdruck des kalten starren Gesichtes noch harter. Ueber mattblauen Augen ziehen sich graue Brauen hin. Die drei Frauen waren mit Naharbeit beschaftigt. Die altere Tochter, gro? und hager, sah der Mutter wie aus den Augen geschnitten; ihrer gelben Farbe verdankte sie den Namen Kurbis. Auf einem Schemel kauerte der jungste Sohn, ein Fischnetz flickend. Sein sonnenverbranntes Gesicht verriet bluhende Gesundheit. Ein Wald braunen Haares umschlo? es. Seine Augen hatten einen lebhaften, durchbohrenden Blick. Neben ihm sa? Amandine, seine Lieblingsschwester, Zeichen aus gestohlener Wasche zupfend. Sie war kaum 9 Jahre alt und sah Franz tauschend ahnlich; nur waren ihre Zuge bei weitem nicht so grob, wie die seinigen. Ihre Augen waren klein, aber von sanftem Ausdruck und reinem Blau. Traf ihr Blick den des Bruders, dann zeigte sie auf die Tur, und der Bruder antwortete mit einem Seufzer, um die Aufmerksamkeit der Schwester durch eine geschwinde Gebarde auf sich zu lenken und dann laut zehn Maschen abzuzahlen, was soviel bedeutete, wie da? er vor zehn Uhr nicht zuruckkommen werde. Fa?te man die beiden alteren Weiber mit den bosen Mienen und dann die beiden armen, stummen und schuchternen Kinder scharfer ins Auge, dann konnte man nicht im Zweifel daruber sein, da? man sich einem Henker- und einem Opferpaare gegenuber befand. Das leuchtete aus der Angst hervor, die auf den Gesichtern der letzteren stand, da die Mutter kein Wort an sie richtete. War diese auch im allgemeinen recht redselig, so verriet doch dieses ganzliche Schweigen, wie auch der scharfe Zug um die zusammengebissenen Lippen, da? die Mutter in sehr boser Stimmung war.
Das Feuer drohte auszugehen ... Die altere Schwester befahl Franz, noch mehr Holz anzulegen. Franz erwiderte, da? keines mehr da sei; ruhrte sich auch nicht, als ihm der weitere Befehl wurde, welches zu holen. Er hielt den Kopf auf den Boden gesenkt, erriet aber, da? jetzt die Mutter einen grimmen Blick auf ihn heftete, und wagte sich nicht zu ruhren, um ihm nicht zu begegnen ...
Die altere Schwester fuhr ihn an: »Junge, bist du denn taub?« – »Eher lasse ich mich prugeln,« rief der Bruder, »als da? ich in den Stall gehe. Ich furchte mich dort.« – »Bist doch schon hundertmal dort gewesen, erst gestern abend noch ... warum willst du jetzt auf einmal nicht?« –
Von Schauder geschuttelt, versetzte Franz: »Weil dort – einer – begraben liegt.« – Mutter und Tochter zuckten zusammen, wie von einer Tarantel gestochen ... »Du bist ein erbarmlicher Lugner, Franz,« rief die altere Schwester. – »Nein, was ich sage, ist die Wahrheit. Wie ich gestern das Holz aufschuttete, habe ich gesehen, da? ein Knochen, von einer Leiche, aus der feuchten Erde ragte.« – »Ist das ein dummer Junge!« sagte die Schwester, der Mutter zublinzelnd, »du wei?t doch, da? ich gestern Schopsenknochen hingetragen habe.« – »Nein, es war ein Knochen von einer Leiche,« beharrte Franz, »ich habe ganz deutlich gesehen, da? es ein menschlicher Fu? war.« Aber er konnte nicht weiter sprechen, denn die Mutter trat mit einem Stock in der Hand auf ihn zu, packte ihn und stie? ihn, seines Widerstrebens nicht achtend, die Treppe zur Kuche hinauf. Gleich darauf horte man Gestampf, dann Geschrei, untermischt mit Schluchzen. Nach einiger Zeit kam die Frau die Treppe wieder herunter und setzte sich, ohne eine Spur von Erregung zu zeigen, am Herde nieder, die Arbeit wieder vornehmend, die sie aus der Hand gelegt hatte. Aus ihrem Munde kam kein Wort.
Funftes Kapitel.
Su?wasser-Piraterie
»Wenn Niklas und Martial heim sind,« sagte die Tochter, »dann mochten wir doch einmal das Holz im Stalle aufraumen, Mutter.« – »Ich furchte,« versetzte die Mutter nach einer Weile, »da? wir auf den Niklas umsonst warten werden. Wer wei?, ob ihm nicht die Alte von heute fruh, die mit jemand von Bradamanti auf ihn wartete, eine schlimme Suppe eingebrockt hat? Sie sah gar so duckmauserisch aus und wollte gar nicht mit der Sprache heraus, weder sagen, wie sie hei?e, noch Auskunft geben, woher sie komme.« – »Mutter,« erwiderte die Tochter, »du wei?t doch, da? seit ein paar Tagen in Griffons Landhause ein alter Mann haust ... ich meine das Haus, das dem Kalkofen gegenuber etwa hundert Schritte vom Ufer steht. Niklas meinte gestern, da sei vielleicht ein guter Fang zu machen. Ich habe spioniert und wei?, da? die Beute sicher ware. Amandine sollte um das Gaus herumschleichen. Sie konnte sich stellen, als ob sie beim Spiele sei. Da wird niemand auf sie achten. Sieht sie etwas, dann mu?te sie herkommen und es erzahlen. Du, Amandine, komm mal her!«
Zitternd sagte die Kleine: »Ja ja, Schwester, ich habe alles gehort und will hingehen und lauschen.« – »Duckmauserin, mit dem Ja bist du immer bereit, tust aber nie, was dir gehei?en wird. Erst letzthin habe ich dir gesagt, du solltest im Kramerladen in Asnieres, wahrend ich mit dem Manne in einer Ecke stand und schwatzte, ein Hundertsousstuck aus der Ladenkasse nehmen, hasts aber nicht gemacht, trotzdem es ganz leicht und sicher war. Auf Kinder kommt niemand, wenn so etwas entdeckt wird. Warum hast du es nicht gemacht?« – »Ich hatte solche Angst, Schwester ...« – »Es verbietet dir sicher jemand,« erwiderte die altere, »gewi? der alteste von deinen Brudern! Nicht wahr, du petzt ihm alles? Aber ich will dir was sagen, vorlaufig kommandiert hier noch die Mutter, und wenn du es so weiter treibst, nimmts mit dir bei uns noch einmal ein schlimmes Ende! Meinst du, wir furchten uns? Niklas ist fuchswild auf den Bruder, und ich auch! Warum hetzt er dich und Franz Wider uns? Das kann nicht so weiter gehen.«
»Auf keinen Fall leide ich das langer,« setzte die Mutter hinzu. – »Seit die Wolfin im Stockhause sitzt,« nahm die Schwester wieder das Wort, »ist der Mensch schier wie aus dem Hauschen. Unsre Schuld ist's doch nicht, da? seine Liebste eingesperrt worden ist.«
Nach einer Weile fragte die Mutter: »So? Du meinst wirklich, da? druben im Landhause ein guter Fund zu machen sei?« – »Ja doch, Mutter,« antwortete das Madchen. – »Woher soll der Alte denn das Geld haben?« – »Als ich auf dem Postamte druben in Asnieres war, um nach einem Briefe aus Toulon zu fragen, kam der Alte auch hin und fragte, ob Briefe von Angers an den Grafen von Saint-Remy da feien. Ein Brief war da. Der Alte legitimierte
