den Kopf mit solcher Furcht zu verdummen!« – »Es la?t sich auf andere Weise auch machen,« sagte die Mutter, »kommt er jetzt, dann fange Streit mit ihm an, treib es im Notfalle bis zu Tatlichkeiten, Niklas! Freilich ist er stark, aber du hast die Schwester auf deiner Seite, und wenn ihr beide seiner nicht Herr werdet, dann menge ich mich mit drein. Aber kein Messer, kein Blut! Blo? prugelt ihn ordentlich durch!«
»Und dann, Mutter?« fragte Niklas. – »Dann, na, dann wirds zu einer Auseinandersetzung kommen. Wir sagen ihm, er musse die Insel raumen, wolle er nicht alle Tage den gleichen Krawall erleben. Ich wei? es, da? ihm der Unfriede den Aufenthalt hier verleidet. Wir haben ihn eben immer zuviel in Ruhe gelassen.«
Da ging die Tur auf, und Martial trat uber die Schwelle. Drau?en sturmte es so heftig, da? keiner das Gebell der Hunde gehort hatte, das die Ankunft des altesten Sohnes der Frau meldete.
Sechstes Kapitel.
Mutter und Sohn.
Dem Leser ist der Mann nicht mehr fremd, der jetzt auf die Buhne unserer Handlung tritt, hat er ihn doch schon aus einigen Worten der Wolfin zu der Schalldirne oder Marienblumchen kennen gelernt! Der Liebste des unter dem Namen Wolfin in der Verbrecherwelt von Alt-Paris bekannten Frauenzimmers sah seinen Geschwistern Franz und Amandine ahnlich, war von Mittelgro?e, stark und breitschulterig. Sein mannliches Gesicht gewann durch den dichten, starken Bart, die breite, vorspringende Nase, die runden Backen und die blauen, kecken Augen. Er trug einen alten steifen Hut, trotz der starken Kalte nur eine verschlissene blaue Bluse uber der Jacke und Beinkleider von grobem, ebenfalls schon stark abgeschabtem Manchestersamt. In der Hand hielt er einen derben Knotenstock. In seiner Begleitung befand sich ein kraftiger, rotgefleckter krummbeiniger Hund, der sich vor die Tur kauerte und mi?trauisch schnoperte ...
»Wo sind die Geschwister?« war Martials erste Frage, als er sich an den Tisch setzte. – »Wo sollen sie sein?« fragte tuckisch die Schwester, und die Mutter sagte grob: »Im Bett liegen sie.« – »Haben sie auch gegessen?« fragte Martial wieder. – »Was scherts dich?« fragte Niklas grob; »wir konnten sie zu dem, was wir zu reden hatten, nicht gebrauchen und haben sie deshalb hinaufgeschickt. Ist's dir nicht recht, dann geh doch hinauf zu ihnen!«
Martial heftete einen verwunderten Blick auf den Bruder, zuckte die Achseln, schnitt ein Stuck Brot ab, nahm sich ein Stuck Fleisch dazu und go? sich ein Glas voll Wein. Da befahl die Mutter der Schwester, den Wein wegzutragen. Martial wehrte ihr mit den Worten, er sei noch nicht fertig mit Trinken. – »Schlimm genug,« sagte die Mutter, »ich habe aber keinen Wein mehr fur dich ubrig.« – »Das ist was anderes,« sagte drauf Martial und go? sich sein Glas voll Wasser, trank es auf einen Zug aus und sagte: »Schmeckt auch, besonders wenn es so frisch vom Brunnen ist.«
Seine Kaltblutigkeit reizte Niklas, der durch den vielen Weingenu? in heftiger Erregung war, aber vor einem Zanke noch zuruckschreckte, weil er seines Bruders Leibeskraft sattsam kannte. Plotzlich aber kam ihm ein Einfall, und er rief: »Recht so, Martial, da? du nachgibst, daran solltest du dich uberhaupt gewohnen, denn bilde dir nicht etwa ein, da? wir deiner Liebsten mehr vorsetzen werden als dir, wenn du dirs mal einfallen lassen solltest, sie mit herzubringen.« – »Aber Maulschellen konnte sie von mir kriegen, wenn sie sich mal hier sehen lie?e,« rief grimmig die Schwester. –
Diese krankenden Reden uber seine Liebste brachten Martial aus seiner Ruhe; er war dem Madchen von ganzem Herzen zugetan, und jedes schlimme Wort uber sie brachte ihn au?er sich. Auch jetzt scho? ihm das Blut ins Gesicht, die Adern an der Stirn spannten sich wie Stricke, aber noch immer behielt er soviel Herrschaft uber sich, da? er mit nur leicht vom Zorn getrubter Stimme zu Niklas sagen konnte: »Du, nimm dich in acht! Kein boses Wort uber mein Madel, sonst hast du es mit mir zu tun!« – »Und wenn ich uber sie rede?« fragte die Schwester hamisch. – »Dann werde ich dir erst in aller Gute raten, den Mund zu halten, und wenn das nicht hilft...« – »Still!« rief die Mutter, »was du der Schwester sagen willst, wirst du der Mutter wohl nicht zu sagen wagen, wenn sie uber die – Dirne sich aussprechen will?«
»Du?« fragte Martial – »du auch?« Und als die Mutter nickte, sprang er auf und rief: »Nein, an dir werde ich mich nicht vergreifen, statt deiner aber an meinem Bruder, dem Niklas!« – Der aber sprang wie rasend auf und schwang sein langes Messer ... »Was redest du?« schrie er, »mich prugeln wolltest du? Sprichst du im Ernste?«
»Niklas,« rief die Mutter, »das Messer weg! Horst du?« Und mit schnellem Griffe hatte sie sein Faustgelenk gepackt. Die Schwester aber rief: »La? ihn doch!« und griff nach einem Beile. Mit hocherhobenem Messer sturzte sich Niklas auf den Bruder, der, ein gewandter Stockschlager, schnell den Oberkorper zuruckbog, den Stock hob und dem Bruder einen so wuchtigen Hieb auf den rechten Vorderarm gab, da? dieser vor Schmerz aufschrie und das Messer fallen lie?. Im andern Augenblick hatte ihn Martial am Kragen gepackt und bis zur Tur gesto?en, die zu dem kleinen Keller hinunter fuhrte. Mit der einen Hand ri? er die Tur auf, mit der andern stie? er den Bruder in das schwarze Loch hinein, der wie ein Klotz betaubt dort niederschlug.
Nun kehrte Martial in die Stube zuruck, packte die Schwester an der Schulter und sperrte sie, allem Geschrei und Toben zum Trotz, in dem niedrigen Saale der Schenkstube ein, hatte es aber nicht verhindern konnen, da? sie ihn mit einem Beilhiebe an der Schulter verwundete... »Nun, Mutter,« sagte er kalt, »haben wir es blo? noch beide miteinander zu tun.« – »Ja,« versetzte das Weib, »blo? noch wir beide miteinander!« und ihr kaltes, bleiches Gesicht uberzog sich mit jaher Zornesrote, ihre fast erloschenen Augen fingen zu funkeln an in wildem Hasse ... »ich habe schon lange hierauf gewartet, und endlich sollst du horen, wie es mir ums Herz ist.« – »Das sollst du auch von mir, Mutter!« – »An diese Nacht sollst du denken, und wenn du hundert Jahre alt wurdest...« – »Recht so, Mutter! Du hast die Hand nicht gehoben, als du sahest, da? Bruder und Schwester mich ermorden wollten ... nun sage wenigstens, was habt ihr alle wider mich?« – »Du bist seit Vaters Tode eine erbarmliche Memme!« rief die Mutter: »du faulenzest und lebst auf meine Kosten.« – »Kannst du das sagen, Mutter?« erwiderte Martial finster, »gebe ich dir nicht, was mir der Fischfang bringt? Gebe ich dir nicht alles Geld, das ich sonst verdiene? Wenn es auch nicht gerade viel ist, so ist's doch ausreichend, denn was koste ich dir denn? Ich wollte Schlosser werden, um mehr zu verdienen: wer sich aber von Jugend an im Walde und auf dem Flusse herumgetrieben hat, taugt nicht fur die Arbeit in Wohnraumen. Solche Menschen sind eben verdorben fur Lebenszeit... Und ich bin auch im Walde und auf dem Flusse immer am liebsten allein gewesen, denn ich habs nicht gern, wenn ich viel gefragt werde, am wenigsten will ich gefragt sein nach dem Vater, denn la?t sich etwa abstreiten oder verheimlichen, da? er sein Leben auf dem Schafott verblutet hat? Und fragt mich jemand nach dem Bruder, kann ich dann in Abrede stellen, da? er auf Lebenszeit zu den Galeeren verurteilt worden, kann ich abstreiten, da? die Schwester schon wegen Diebstahls bestraft worden ist?«
»Na, und wenn dich jemand nach deiner Mutter fragt, was sagst du dann?« – »Die Mutter, sage ich, ist uber all dem gestorben,« antwortete Martial finster. – »Recht so,« versetzte die Frau, »ich nenne dich auch zu niemand meinen Sohn, denn du zeigst dich eben nicht als Martial, dessen Bruder im Bagno sitzt und dessen Vater unter dem Henkerbeile verblutet ist. Auch du solltest Beil und Bagno trotzen und ein Ende suchen wie Vater und Bruder, solltest ein Leben fuhren wie Mutter und Schwester!«
Martial uberrieselte es kalt, trotzdem er solche Worte schon oft aus dem Munde der Mutter gehort hatte, die jetzt mit wachsendem Ingrimm fortfuhr: »Du bist aber ebenso dumm wie feige. Willst ein ehrlicher Mensch sein? Du als der Sohn eines Morders? als der Bruder eines Galeerenstraflings? Statt dich gleich uns an der menschlichen Gesellschaft zu rachen, drohst du uns blo? Verderben, und deshalb wirst du hinfort unser Haus meiden, wirst nie wieder deinen Fu? hierher setzen!«
Martial blickte die Mutter verblufft an. Eine Weile verging, ohne da? von einem der beiden ein Wort fiel. Dann versetzte er: »Nun, Ihr habt heute den Zank mit mir vom Zaune gebrochen...« – »Gewi?,« antwortete die Mutter, »um dir zu zeigen, was dich erwartet, wenn du wider unsern Willen hier verweilen solltest. Die Holle hattest du hier – verstehst du? Tag fur Tag soll es zugehen wie heute, und nicht allein werden wir hinfort hier abends sein, sondern werden gute Freunde zu uns laden, die uns Hilfe und Beistand wider dich leisten werden – keine acht Tage sollst du es bei uns aushalten!« – »Und doch sage ich dir, Mutter, da? ich nicht von hier gehen werde! Erst werde ich Mittel und Wege suchen, meine beiden Geschwister anderswohin zu bringen. Waren sie nicht auf der Welt, dann stunden die Dinge anders. Dann wendete ich euch auf der Stelle den Rucken. Aber gewissenlos und feige ware es, sie in euren Handen zu lassen! Also bis ich meine beiden Geschwister versorgt wei?, bleibe ich hier und lasse mich nicht davon abbringen.«
