den Polizeiprafekten an, und bei ihm ware die Empfehlung von angesehener Seite sicher entscheidend. Wenn ich mich nicht sehr irre, so empfindet das Madchen, das durch irgendeinen Zufall aus ihrer fruheren Not gerissen worden, eine wahre Liebe, die ihr nun zum Gluck einerseits, zur Qual anderseits geworden ist. So trat ich gestern Abend, als ich in den Schlafsaal kam, an das Bett des Madchens. Sie lag im festen Schlafe, hielt beide Hande uber der Brust gefaltet, und da horte ich auf einmal von ihren Lippen den Namen: Rudolf.«
Frau von Harville dachte im ersten Augenblick an den ihr bekannten Fursten, sagte sich aber gleich, da? ein Gro?herzog von Gerolstein mit solchem Madchen nichts gemein haben konne, und sprach zu der Aufseherin: »Mich hat der Name uberrascht, da er zufallig auch einem Verwandten von mir gehort; aber es interessiert mich, wie gesagt, was Sie von dem Madchen erzahlen ... Vielleicht konnte ich sie schon heute sehen?« – »O gewi?! Ich will sie gleich holen, sofern Sie es wunschen. Man konnte sich dabei auch gleich nach Luise Morel erkundigen, die in einem andern Teile des Gefangnisses untergebracht worden ist.« – »Sehen Sie zu, es zu ermoglichen,« antwortete die Marquise, worauf die Aufseherin sie verlie?.
»Sonderbar!« sprach die Marquise bei sich, »welch ungewohnlichen Eindruck der Name Rudolf auf mich gemacht hat, als ich ihn aus dem Munde dieser Frau horte ... Aber ich bin doch eine rechte Torin. Zwischen ihm und diesem Madchen kann doch gar keine Beziehung walten!«
An der Gefangnisuhr schlug es zwei. Es war die Stunde, in welcher sich die gefangenen Madchen und Frauen im Hofe ergehen durften. Sie waren alle gleichma?ig gekleidet in lange Rocke aus blauem Wollenstoffe, die durch einen Gurt mit eiserner Schnalle festgehalten wurden. Dazu trugen sie schwarze Hauben.
Das Madchen, das den Spitznamen Wolfin fuhrte, hatte sich zu der Schalldirne auf eine Bank gesetzt. Eine Weile sa? sie in murrischem Schweigen da. Endlich fragte die letztere: »Was hatten Sie von mir gewollt?« – »Ich? Weiter nichts,« erwidert die andere, »als da? es so nicht weiter zwischen uns gehen kann. Ich lasse mir solche Unverschamtheiten nicht bieten, wie Sie es ja eben erst getan, indem Sie der Mont-Saint-Jean Brot gaben, das Sie mir zuerst weggenommen.« – »Ach! Das trifft doch gar nicht zu,« erwiderte die andere, »Sie haben blo? etwas gegen mich. Und ich wei? doch gar nicht, was ich Ihnen zu Leide getan haben konnte.« – »Angetan hast du es mir,« rief die Wolfin grimmig: »da? ich nicht mehr so rabiat sein kann wie sonst, das ist's, was dich mir verha?t macht.« – Sie unterbrach sich, streifte den Kleidarmel zuruck und zeigte auf den kraftigen wei?en Arm, in den ein blauer Dolch, zur Halfte in ein Herz hineingesto?en, geritzt war, darunter die Worte: Tod den Feigen! So gilts Martial furs Leben!
»Konnen Sie das lesen?« fragte die Wolfin.– »Ja, aber so etwas ist doch schrecklich!« erwiderte, sich abwendend, die Schalldirne. – »Als mir mein Liebster Martial mit rotgluhender Nadel diese Worte in den Arm stach, meinte er, ich sei eine mutige Dirne. Wu?te er, wie ich mich seit ein paar Tagen benehme, stie?e er mir sein Messer in den Leib, wie dieser Dolch da in dies Herz gesto?en ist. Und recht hatte er, denn es steht geschrieben: Tod den Feigen! und ich bin eine feige Memme geworden.« – Nach einer Pause fuhr sie fort: »Noch hatte ich vor niemand den Nacken gebeugt, und mit Recht nennt man mich die Wolfin, denn manches Weib, und auch mancher Mann tragt von mir Spuren an sich... und nun, nun soll man von mir sagen durfen: ein schwaches Ding wie du hatte mich untergekriegt?« Wieder schwieg sie eine Weile, und wieder sprach sie dann weiter: »Ich hab auch niemand bisher beneidet; und nun passierts mir, da? ich dich um deine fromme Fratze, um dein sogenanntes Madonnengesicht beneide! Mich hat nie was geruhrt... und Tranen in meinen Augen gesehen zu haben, kann sich noch kein Mensch, weder Mann noch Weib, ruhmen. Sehe ich aber dich blo? mit einem Auge an, dann fangt es mir weich ums Herz zu werden an, und das ist feige: ich wei? es, und das Gewissen qualt mich deshalb so, da? ich schon drei Tage lang an Martial kein Wort zu schreiben wage... Du verdirbst mir den Charakter, Dirne, und damit mu? es sein Ende haben, denn ich will bleiben, was und wie ich war, und mag nicht Spott uber mich kommen lassen.«
»Sie haben schlimmen Groll auf mich,« sagte die Schalldirne. – »Gewi?, du wirst mir gefahrlich, und ginge das vierzehn Tage so weiter, dann mochte ich verdienen, nicht mehr Wolfin, sondern Lammchen genannt zu werden. Und dafur bedanke ich mich schonstens, denn mein Liebster brachte mich auf der Stelle um! Kurzum, ich mag mit dir nicht mehr zusammenkommen und werde darum ansuchen, in eine andere Abteilung gebracht zu werden. Sollte man mirs verweigern, dann vollfuhre ich irgend einen schlimmen Streich, da? ich in die Strafabteilung geschafft werden mu?.«
Die Schalldirne merkte recht gut, da? ihre Kameradin noch nicht vollig verdorben war, sondern sich gegen die besseren Regungen ihres Herzens noch mit aller Kraft straubte... »Die beste Art, meinem Wohltater dankbar zu sein, ist doch wohl die, meinen Mitmenschen, solange sie noch horen wollen, den Rat zu geben, den er mir gegeben.« Und schuchtern griff sie nach der Hand der Wolfin, die sie aber mit finsterm Mi?trauen ma?, und dann sagte sie: »Wolfin, ich will Ihnen sagen, da? Sie nicht feige sind, sondern ein gutes Herz haben, denn nur mutige und edle Herzen werden durch anderer Menschen Ungluck geruhrt.« –
Rauh erwiderte darauf die Wolfin: »Von irgend was anderm als Feigheit ist in dem Falle keine Rede, gar keine! And noch heute Abend lege ich mich in einem andern Moderloche von Kerker auf meine Pritsche, oder ich sorge dafur, da? ich in die Strafabteilung komme... Bald werde ich ja doch in Freiheit sein. Dem Teufel oder meinetwegen auch Himmel sei dafur Dank!«
»Und wenn Sie frei sind, wohin gedenken Sie sich dann zu begeben?« fragte Marienblumchen schuchtern. – »Na, wohin denn, als heim, zu den Meinigen? Ich bin in der Rue Pierre Lescot einquartiert, hab meine selbstandige Wohnung und auch mein eignes Mobiliar.« – »Und Martial wird sich wohl recht freuen. Sie wiederzusehen?« fragte Marienblumchen in der Hoffnung, die Wolfin langer bei sich festzuhalten, wenn sie einen interessanten Gegenstand aufs Tapet brachte... »Na ja, na ja,« rief die Wolfin, »er lag noch krank, als ich abgefuhrt wurde, an einem Fieber, das ihn befallen hatte, weil er immer auf dem Wasser zu hausen gewohnt war. Siebzehn Tage und Nachte hab ich den Fu? nicht von seinem Lager gesetzt, hab mein halbes Mobiliar verkauft, um Geld fur Arznei und alles ubrige zu haben. Aber ich darf jetzt auch sagen, da? er seine Genesung allein mir zu danken hat.«
»Und wo ist er jetzt? Was treibt er?« – »Er wohnt dicht am Wasser, an der Asnieres-Brucke.« – »Und was fur einen Beruf hat er?« – »Er ist Fischer. Hat aber irgend ein feiger Kerl Handel mit einem andern, so ficht Martial sie aus, denn er ist mutiger als ein Tiger. Sein Vater hat Verdru? mit der Polizei gehabt. Martial hat eine Mutter, zwei Schwestern und einen Bruder. Den letzteren hatte er freilich lieber nicht; denn dem, wie auch der Schwester, ist die Guillotine sicher.«
»Wo haben Sie denn Martial kennen gelernt?« fragte Marienblumchen. – »In Paris. Dort wollte er die Schlosserei erlernen, kam aber mit keinem Meister zurecht und ging wieder zu seinen Eltern. Dann fing er an, auf der Seine zu raubern. Ich wohne nicht bei ihm, sondern er kommt regelma?ig nach Paris, um bei mir zu nachtigen. Bei Tage besuche ich ihn wohl auch einmal drau?en in Asnieres. Dann bummeln wir ein bi?chen in den Wald hinaus. Na, er wildert auch dann und wann. Vor etwa Jahresfrist hie? es, er habe einem Wildschutz eine Kugel auf den Pelz gebrannt, nachdem dieser ihn angeschossen hatte. Bewiesen ist's dem Martial ja nicht, aber er mu?te doch die Gegend verlassen, und da hat ers wieder in Paris mit der Schlosserei versucht; und dann sind wir miteinander zusammengekommen.«
»Und Ihre Eltern, Wolfin?« – »Habe von Vater und Mutter nicht viel Gescheites vernommen. Vater war Tagelohner und lebte mit einem Weibstuck zusammen, das mit Apfelsinen handelte: die Mutter war dem Vater schon beizeiten mit einem Korporal durchgegangen. Die andere war keine bose Sieben, aber Vater bekam sie doch dick und lie? ihr das bi?chen Mobiliar, das wir hatten, um in die weite Welt zu gehen. Wiedergesehen habe ich ihn nicht seitdem. Nun zog die Stiefmutter, wie ich sie nannte, zu einem Dachdecker, der aber immer besoffen war. Oft habe ich ihn zusammen mit der Stiefmutter verprugelt; als ich aber ins sechzehnte Jahr ging, da hie? es: Nun mu?t du auch Geld verdienen, Madel; mit dem Dienen ist's nicht. La? dich auf der Sittenpolizei einschreiben, du bist ja stark und gesund; wenn du es mit dem Mannsvolke haltst, verdienst du immer noch das meiste Geld. Und so bin ich geworden, was ich jetzt bin, eine, fur die man den Namen Freudendirne beliebt.«
Marienblumchen war zwar recht jung in eine verderbte Atmosphare geraten, hatte aber in den letzten Wochen so reine Luft geatmet, da? sie durch die Reden der anderen in wahre Herzensangst gesturzt wurde. Sie kampfte aber die Bewegung nieder und sagte schuchtern: »Ich mochte Ihnen was sagen, werden Sie aber blo? nicht bos!« – »Nun, sprich, wir wollen sehen, geschwatzt ist ja nun mehr als genug worden; aber auf eine Weile mehr kommts schlie?lich nicht an, da wir uns doch wahrscheinlich zum letzten Male unterhalten. Und so sagen Sie mir doch, Wolfin, fuhlen Sie sich glucklich?« – »O, warum sollte ich nicht?« – »Ihr Schicksal mochten Sie nicht mit einem andern vertauschen?« – »Ich? Was fur ein anderes Schicksal sollte mir winken?«
»Haben Sie denn noch nie in Ihrem Leben Luftschlosser gebaut, Wolfin? Ich sollte meinen, in solchem Aufenthaltsorte, wie dem hier, ware das schlie?lich ein naheliegendes Zerstreuungsmittel.«– »Nein, Luftschlosser habe ich nie im Leben gebaut.« – »Aber Sie sind doch Ihrem Martial gut? Nun, mochten Sie nicht versuchen, ihn
