Ihren Diensten, lieber Harville.« – »Und wann soll die neue Pracht eingeweiht werden?« – »Ich denke, im nachsten Jahre, mit den Arbeiten wenigstens wird schon jetzt begonnen.« – »Sie schmieden ja Plane uber Plane, lieber Harville. Ich horte, Ihre Burgunder Besitzung wollen Sie auch renovieren lassen?« – »Val-Richer, meinen Sie? Allerdings! Und nicht blo? renovieren, sondern umbauen, lieber Lucenay. Es ist mit den Hausern wie mit den Menschen. Sie brauchen hin und wieder mal neuen Ausputz.« – »Sie haben ja eine Meierei dazu gekauft? Nicht wahr?«
– »Allerdings. Zur Arrondierung. Es war ein recht gutes Geschaft, zu dem mir mein Notar geraten hatte.« – »Welchen Notar haben Sie?« – »Ferrand.«
Als Saint-Remy diesen Namen horte, uberrieselte es ihn kalt. – »Ist er wirklich ein rechtschaffener Mann, wie es immer hei?t?« fragte er leichthin. – »Ferrand?« sagte Lucenay, »o, das ist ein Mensch von antiker Rechtlichkeit, so recht ein Mann vom alten Schlage, die gleich aus dem Hauschen geraten, sobald man eine Quittung fur an ihn bezahltes Geld fordert.« – »Ei! Warum werfen Sie denn solche Frage auf, Saint-Remy?« fragte Harville. – »O, nur nebenbei,« versetzte dieser, »ich habe manches lauten horen, personlich aber keinen Grund, an diesem Wunder von Notar zu zweifeln. Aber um auf Ihre Plane zuruckzukommen, Harville.. welche Bauten haben Sie in Val-Richer vor?«
– »Sie werden schon konsultiert, sobald wir soweit sind. Das wird vielleicht fruher eintreten als Sie denken, denn ich verspreche mir von den hierbei notwendigen Arbeiten recht viel Genu?. Aber, meine Herren,« setzte er hinzu, als die Tafel nach eingenommenem Imbi? abgeraumt wurde, »wir mussen doch noch ein paar Zigarren rauchen? Im Nebenzimmer finden Sie ein paar neu aus Havanna eingetroffene Kistchen.«
Die Herren standen auf und begaben sich in das Nebenzimmer, von dem aus eine Tur in das mit Waffen geschmuckte Schlafzimmer fuhrte ... Dorthin folgte Lucenay seinem Wirte. – »Wie Sie sehen, Lucenay,« sagte Harville, auf die an der Wand hangenden Gewehre zeigend, »bin ich noch immer ein Waffenliebhaber.« – »Sie besitzen ja eine brillante Waffensammlung,« rief der Herzog, »englisches und heimisches Fabrikat! Da wu?te ich wahrhaftig nicht, zu welchem Gewehr man greifen sollte!«
Die anderen Herren traten hinzu, um die Waffen zu besichtigen. Harville nahm ein Pistol von der Wand und sagte lachend: »So ein kleines Ding, meine Herren, ist das Universalheilmittel gegen Spleen, Langeweile und alles sonstige Leid!« Dabei hielt er scherzend den Lauf der Waffe in den Mund hinein ...
»Ich meinesteils,« versetzte Saint-Remy, »gebe einem andern Heilmittel den Vorzug; was Sie empfehlen, ist nur zu benutzen in ganz verzweifelten Fallen.« – »Aber von erstaunlich rascher Wirkung,« meinte Harville, »ein Druck, ein Knall und das Ding ist vorbei. Kaum der Gedanke ist schneller.« – »Harville, machen Sie keine Scherze!« rief Lucenay, als Harville das Pistol abermals dem Munde naherte; »dergleichen Spa?e sind immer mit Fahrlichkeit verknupft.« – »Sie meinen doch nicht, da? ich damit so spielen wurde, wenn es geladen ware?« erwiderte Harville; »ach! gehen Sie mir! Geben Sie acht, meine Herren! Eins, zwei, drei! Und der – Kram ist – vorbei!«
Kaum waren die Worte aus seinem Munde, als der Schu? knallte...
Marquis von Harville hatte sich eine Kugel durch den Kopf gejagt...
Am nachsten Tage stand in den Zeitungen:
»Gestern hat ein unerwartetes trauriges Ereignis die Vorstadt Saint Germain in Besturzung versetzt. Folge von Leichtsinn und Unbedacht – wie man sie leider zu oft festzustellen findet – hat ein schreckliches Ungluck veranla?t. Der Marquis von Harville, Besitzer eines unerme?lichen Vermogens, kaum sechsundzwanzig Jahre alt, bekannt durch Herzensgute und Edelmut, seit wenigen Jahren mit einer Frau verheiratet, die er vergotterte, hatte einige Freunde zum Fruhstucke bei sich. Nach dem Tische gingen die Herren in das Harvillesche Schlafzimmer, worin sich wertvolle Gewehre befinden. Herr von Harville nahm scherzend ein Pistol, das er nicht fur geladen hielt, und setzte es an die Lippen, druckte ab, der Schu? ging los, und der ungluckliche junge Mann sank mit zerschmettertem Kopfe tot nieder ... Man denke sich die entsetzliche Besturzung der Freunde des Herrn von Harville, denen er einen Augenblick vorher in Jugendkraft und vollem Glucke verschiedene Plane mitgeteilt hatte! Am Morgen hatte er noch einen Schmuck von gro?em Werte gekauft, um seine Frau damit zu uberraschen. In dem Augenblicke also, in welchem ihm das Leben vielleicht reizender und schoner erschien als je, wurde er ein Opfer eines entsetzlichen Unfalls.«
In Wahrheit aber lagen die Dinge so, da? Harvilles Entschlu? durch ma?lose Verzweiflung geweckt worden war: seine Frau hatte durch ihre jetzt erwachende Liebe in seinem Herzen die peinlichsten Gewissensbisse geweckt, die seine schlimme Krankheit nur zu verscharfen vermochte. Tiefes Mitleid mit seiner Frau, die er in ein Leben ohne Liebe an der Seite eines mit einem epileptischen Leiden behafteten Mannes gekettet sah, zu dem sie doch niemals wahre Liebe empfinden konnte, und tiefer Ueberdru? an sich und am ganzen Leben hatten ihm die Pistole in die Hand gedruckt, hatten ihn bestimmt, Hand an sich zu legen ...
Siebenter Teil.
Erstes Kapitel.
Saint-Lazare.
Frau von Harville hatte sich, ohne Ahnung von dem in ihrem Hause sich abspielenden Drama, nach Saint- Lazare, dem Pariser Weibergefangnis, begeben, wo sie, gewissen Andeutungen zufolge, die ihr durch die Herzogin von Lucenay gegeben worden, die beiden, durch Ferrands Habgier in das tiefste Elend geratenen Frauen aus der besten Gesellschaft des Landes zu finden rechnete. Eine Aufseherin, schon in reiferem Alter, Armand mit Namen, wurde ihr zugeteilt.
»Da die Frau Marquise wunscht, ihr solche unserer Gefangenen zu nennen, die sich durch gute Auffuhrung und aufrichtige Reue hervortun, so meine ich, sie auf ein Madchen von etwa siebzehn Jahren aufmerksam machen zu sollen, die ich weniger fur sundhaft, als fur vom Schicksal verfolgt halte, und die Wohl noch auf gute Wege zu leiten ware.« – »Und warum ist sie im Gefangnisse?« – »Sie ist auf den Elysaischen Feldern erwischt worden. Bekanntlich ist es den Dirnen verboten, sich an gewissen offentlichen Orten bei Tage zu zeigen, und da hierzu auch die Elysaischen Felder gehoren, ist sie festgenommen und hierher gebracht worden.« – »Was fur einen Eindruck macht sie?« – »O, Frau Marquise, sie hat ein richtiges Madonnengesicht, und als sie eingeliefert wurde, trug sie noch ihre landliche Tracht, was sie besonders interessant machte. Sie ist kaum erst drei Tage hier, und schon hat sie einen seltsamen Einflu? auf alle Gefangenen erlangt; man nimmt nicht blo? Anteil an ihr, sondern empfindet Achtung, ja mehr, fast Verehrung fur sie. Auch fur mich, Frau Marquise, bildet sie einen Gegenstand besonderer Teilnahme, und ich bin doch gewisserma?en blasiert gegen alles, was sich an den hierher gebrachten Madchen als auffallig erweist. Ich glaube nicht daran, da? sie aus freiem Willen sich zur feilen Dirne erniedrigt hat. Man hat ja doch oft genug schon erfahren, da? Not und Niedertracht die Madchen in solches Elend hineinsturzen. Sie ist auch sehr still und ruhig, und das verwundert hier auch, weil sich sonst alles hier durch Larm und Schimpf zu betauben sucht. So ist seit etwa vier Wochen ein wildes Geschopf hier untergebracht, das den Spitznamen Wolfin fuhrt und wohl zwanzig Jahre alt sein mag, ein gro?es, kraftiges Geschopf. Das junge Ding, von dem ich Ihnen erzahle, mochte gestern nichts essen und bot ihr Brot aus. Die Wolfin verlangte es auf der Stelle fur sich. Nun haben wir aber noch ein anderes Geschopf hier, das verwachsen und trotzdem seit einigen Monaten in anderen Umstanden ist. Mit dieser Person hatte unsre schone Novize Mitleid und gab ihr das Brot, trotzdem die andere zu schimpfen anfing, und da sie sehr bosartig ist und gleich immer mit dem Messer droht, getraute sich niemand, die Partie der kleinen Schalldirne zu nehmen.«
»Wie nennen Sie das Madchen?« fragte Frau von Harville. – »Schalldirne. Unter diesem Namen ist sie eingeliefert worden. Meines Wissens bedeutet er in der unter diesem Volke ublichen Sprache dasselbe wie Sangerin. Das junge Ding soll namlich wunderschon singen, und ihrer Stimme nach zu schlie?en, die einen hochst melodischen Klang besitzt, mag dies auch der Fall sein.« –
»Was Sie mir von der Person erzahlen, ruhrt mich ungemein. Was soll aber geschehen, um ihre Freilassung durchzusetzen? Ich will fur die Zukunft des Madchens sorgen.« – »Bei Ihrer Stellung und Ihren Bekanntschaften, Frau Marquise, kann es Ihnen nicht schwer fallen, das Madchen in Freiheit zu setzen; das kommt ja lediglich auf
