fraglichen Hause der Rue du Temple ein Zimmer im vierten Stock gemietet hat. Wollen Sie nicht den Glauben wecken, ein gar zu eifriger Furstendiener zu sein, dann mi?achten Sie diese Warnung nicht!«

In der funften Nachmittagsstunde desselben Tages, an welchem sie zu Ferrand ging, brachte Sarah den Brief zur Post. – Rudolf seinerseits ging an demselben Tage, an welchem er Graun benachrichtigen lie?, Davids Frau so schnell wie moglich nach Paris zu schaffen, in das Palais des x-schen Gesandten, um dessen Gemahlin eine Visite zu machen: dann beabsichtigte er, sich zu der Marquise vor Harville zu begeben, um sie von einer neuen Gelegenheit, ihre Mildtatigkeit zu betatigen, zu unterrichten. Der Marquis und seine Gemahlin erhoben sich eben von der Tafel, als Rudolf angemeldet wurde.

»Es freut mich au?erordentlich, Sie und meinen lieben Albert einmal wiederzusehen,« sagte Rudolf, dem Marquis die Hand druckend. – »Es ist wirklich lange her,« versetzte der Marquis, »da? ich die Ehre nicht hatte, Konigliche Hoheit zu sehen.« – »Und an wem liegt die Schuld, Sie ewig Unsichtbarer? Erst vor drei Wochen habe ich mich bei Ihrer schonen Gemahlin nach Ihnen erkundigt. Es ist recht unlieb von Ihnen, sich niemals sehen zu lassen.« – »Seien Sie versichert, konigliche Hoheit, da? mich nur unvorhergesehene Umstande zwangen, mich fern zu halten.« – »Unter uns, lieber Albert, Sie sind ein zu arger Platoniker als Freund! Wissen Sie, da? man Sie schatzt, dann liegt Ihnen nichts, mehr an Anhanglichkeitsbeweisen.«

Da trat ein Diener ein mit einem Briefe an den Marquis: es war die Warnung, die von der Grafin Sarah geschrieben worden war, und die den Fursten als Liebhaber der Marquise blo?stellte. Harville trat zum Kamine, um an einem der dortstehenden Leuchter zu lesen, was der Brief enthielt. Unterdes plauderte Rudolf mit der Marquise. Der Marquis las lange, las zweimal, aber seine Zuge blieben unverandert, nur seine Hand zitterte, als er das Billet in die Westentasche schob. – »Auf die Gefahr hin, Sie zu kranken, mu? ich um Erlaubnis bitten, mich zu verabschieden. Ich mu? den Brief sofort beantworten, der mir jetzt zugestellt wurde.« – »So werde ich Sie nicht wiedersehen?« fragte Rudolf. – »Schwerlich, Hoheit! Wie gesagt, ich bitte, mich zu verabschieden.« –

»Seltsam! Wie konsequent er uns meidet!« sagte Rudolf; »wollen Sie ihn nicht zuruckzuhalten suchen?« – – »Solchen Versuch mochte ich nicht wagen,« erwiderte die Marquise, »nachdem er Ihnen, Hoheit, mi?gluckt ist.« – »Ein Wort im Ernst, lieber Albert,« sagte Rudolf, »kommen Sie doch wieder, sobald Sie mit Ihrem Briefe fertig sind; oder versprechen Sie mir wenigstens fur den nachsten Vormittag einen Besuch. Ich habe Ihnen tatsachlich viel zu berichten.« – »Konigliche Hoheit sind sehr gutig,« erwiderte der Marquis mit tiefer Verbeugung, um dann hinauszugehen und Rudolf mit seiner Gemahlin allein zu lassen.

»Ihr Mann peinigt sich mit recht ha?lichen Gedanken,« sagte Rudolf, »mir war so zumute, als ob er lieber geweint: als gelacht hatte.« – »Beschaftigen wir uns lieber mit fremdem als eigenem Ungluck,« sagte die Marquise. – »Ach! Ich wei? ja, worauf Sie hinaus wollen,« sagte Rudolf, »nun, es war sehr recht von mir, die Stube in dem Hause der Rue du Temple zu mieten, von dem ich gesprochen. Sie konnen sich nicht vorstellen, wieviel Merkwurdiges und Interessantes ich dort gefunden habe. Ihre Schutzlinge erfreuen sich in dem Dachstubchen alles Gluckes, das Sie ihnen zuteil werden lie?en, aber andere harte Prufungen sind uber sie gekommen. Doch mochte ich Sie nicht traurig stimmen; es wird Ihnen noch fruh genug zu Ohren kommen, was fur schreckliches Leid uber eine einzige Familie kommen kann.«

»Sie haben also die Leute in meinem Namen unterstutzt?« fragte die Marquise. – »Ja, und vor Not sind die Leute zunachst gesichert. Befassen wir uns jetzt mit unsrer kleinen Intrige! Es handelt sich um eine arme Mutter, die mit ihrer Tochter fruher im Wohlstande lebte und jetzt der bittersten Not preisgegeben ist.« – »Wo wohnen die unglucklichen Menschen?« – »Ja, ich wei? es selbst nicht,« antwortete Rudolf, »ich war gestern mit einer Nachbarin aus der Rue du Temple im Temple. Das kleine Ding hei?t Lachtaube und ist ein kleines Wunder von Ordnung und Sauberkeit, zudem eine kleine Lebensphilosophin und eine recht geschickte Naherin.«

»Nun, ich will ihr morgen Arbeit schicken.« – »Also interessieren Sie sich fur meine kleine Nachbarin? Nun, dann konnen wir uns ja ohne weiteres zu dem kleinen Abenteuer wenden, von dem ich vorhin sprach. Also: Ich ging mit meiner kleinen Lachtaube in den Temple, um fur Morels noch ein paar Sachen zu kaufen. Da fand ich in einem alten Schreibsekretar, der auch zu verkaufen war, und den ich mir ansah, weil ich eigentlich die Absicht hatte, ihn an mich zu bringen, das Konzept zu einem Briefe, worin eine Mutter Klage gegen jemand fuhrte, sie mit ihrer Tochter durch Unterschlagung eines Depositums in das gro?te Elend gebracht zu haben. Sie scheinen den besten Kreisen anzugehoren, aber durch diesen Betrug in die argste Not gekommen zu sein.«

»Sie wissen aber nicht, wo die Damen wohnen?« – »Nein. Ich habe aber Graun befohlen, die Adresse auszuspionieren, wenn nicht anders, mit Zuhilfenahme der Polizei. Ich vermute, da? sich die unglucklichen Damen in irgendein Hotel garni gefluchtet haben.«

»Ein wunderliches Zusammentreffen von Umstanden!« rief die Marquise. – »Horen Sie weiter!« fuhr Rudolf fort, »in einer Ecke des Schreibblattes, das ich in dem Sekretar fand, standen die Worte: schreiben an die Herzogin von Lucenay.« – »Nun, dann werden wir ja Naheres erfahren,« rief die Frau Marquise, aber mit einem schweren Seufzer setzte sie gleich hinzu: »Wie soll ich der Herzogin aber die Frau schildern, da ich sie doch gar nicht kenne?« – »Sie werden sich erkundigen mussen, ob sie vielleicht eine junge Witwe kennt, deren Tochter den Namen Klara tragt. Ihn besinne ich mich gehort zu haben.« – »So hei?t ja auch meine Tochter. Nun, das ist fur mich ein weiterer Grund, mich nach den beiden Damen aufs angelegentlichste zu erkundigen.« – »Eins noch mu? ich erwahnen,« sagte Rudolf: »der Bruder der Dame hat durch Selbstmord geendet.« –

»Ich glaube,« antwortete die Marquise, »da? diese Angaben ausreichen werden, uns auf die Spur zu fuhren. Ich werde der Herzogin noch heut abend ein paar Worte schreiben, damit ich sie morgen fruh bestimmt zu Hause treffe. Da? aber solche Damen in so krasse Not geraten konnend Das mu? ja geradezu gra?lich fur sie sein!« – »Und wodurch?« rief Rudolf; »einzig und allein durch die Schurkerei eines Notars, von dem mir schon andere derartige Stuckchen bekannt sind. Ferrand, Jakob Ferrand hei?t der Wicht.« – »Was?« rief Clemence, »meines Mannes Notar? und auch meiner Stiefmutter Notar? Aber Sie irren, Hoheit! Ferrand gilt allgemein als der gro?te Ehrenmann, als Muster von Rechtschaffenheit.« – »Ich habe die wuchtigsten Beweise vom Gegenteil,« rief Rudolf, »doch bitte ich Sie, gegen niemand sich hieruber zu au?ern. Der Halunke ist ein Ausbund von Pfiffigkeit und Gemeinheit, und bis ich ihm die Maske vom Gesicht rei?en kann, darf er in dem Glauben an seine Straflosigkeit nicht irritiert werden. Dies Ungeheuer von Schlechtigkeit hat die beiden Damen um ihr Vermogen gebracht, indem er ein anvertrautes Gut in Abrede stellt, das ihm aller Wahrscheinlichkeit nach von dem verstorbenen Bruder der Witwe eingehandigt worden ist.« –

»Sie mussen ausfindig gemacht werden. Erfahre ich bei der Lucenay nichts, so gehe ich in die fruhere Wohnung der unglucklichen Witwe, und werde selbst Gefahren nicht scheuen, sofern es nicht anders geht. Ich werde den beiden Damen moglichst bald Rettung bringen.«

Rudolf, tief ergriffen von solchem Wohltatigkeitseifer, lachelte traurig, als er die schone, liebenswurdige, kaum zwanzigjahrige Frau ansah, die in edlem Tun ihr Ungluck zu vergessen strebte. Sie merkte es bald, errotete und schlug die Augen nieder, dann rief sie: »Sie lachen uber meinen Eifer? Ich sehne mich aber nach solchen su?en Freuden, mein Leben zu verschonern, das bisher so trub und freudlos verlaufen ist. Schon verdanke ich Ihrem Rate so ruhrende Empfindungen! O! konigliche Hoheit, welchen Schatz von Gute birgt Ihre Seele! Woher haben Sie denn Ihr tiefes, edles Mitempfinden?« – – »Ich habe selbst schon viel gelitten und wei?, wie wehe Schmerz tut!« – »Auch Sie, konigliche Hoheit, sind unglucklich?« fragte tief ergriffen die Marquise. – »Ja, gnadige Frau,« versetzte Rudolf, »im Freunde, im ersten Weibe, das ich mit aller Inbrunst eines jungen Herzens liebte, hat mich das Schicksal heimgesucht; in meiner Frau als Ehgemahl, in meinem Vater als Sohn und in meinem Kinde als Vater hat es mich bitter schwer getroffen.« –

»Und ich meinte, die Gro?herzogin habe Ihnen kein Kind hinterlassen?« – »Das wohl; aber vor meiner Verheiratung hatte ich eine Tochter, und sie verstarb in ihrer fruhesten Kindheit. So eigentumlich es Ihnen auch erscheinen mag, der Verlust dieser Tochter, die ich doch eigentlich kaum gesehen, hat mein ganzes Leben mit Schmerz erfullt. Je alter ich werde, desto tiefer wird dieser Schmerz. Mit jedem Jahre mehrt sich seine Bitterkeit. Mein Kind mu?te jetzt siebzehn Jahre zahlen.« – »Lebt die Mutter des Kindes noch?« fragte nach einer Weile die Marquise. – »O, kein Wort von ihr!« rief Rudolf, dessen Gesicht sich in dustere Falten legte, »ihre Mutter ist eine durch Selbstsucht und Ehrgeiz verhartete Frau. Oft habe ich mir schon gesagt, da? es fur das Madchen besser gewesen, so fruh zu sterben, als in den Handen einer solchen Mutter zu bleiben.« – »O, da wird es mir freilich begreiflich, da? Sie sich so lebhaft nach Ihrem Kinde sehnen!« sagte Clemence. – »Ach, wie innig hatte ich sie geliebt! Mir ist es immer so ums Herz, als wenn wir Fursten einen Sohn nur aus Geschlechts- oder Namensinteresse liebten, eine Tochter aber mit unserm Herzen und um ihrer selbst willen.«

Clemence trat eine Trane ins Auge, so sehr ging ihr Rudolfs Ton zu Herzen. Nach einer Weile, fast errotend uber das Gefuhl, das ihn so ubermannt hatte, sagte Rudolf mit traurigem Herzen: »Verzeihen Sie, da? ich mich so von meinen Empfindungen habe hinrei?en lassen. Doch fassen wir Mut! Das Gesprach hat mich hinsichtlich Ihrer

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