Unsittlichkeit selbst das edle, heilige Ungluck der Auswanderung entweiht hatte.

»Herr Notar,« nahm die Herzogin resolut das Wort, »Herr von Saint-Remy ist mit mir befreundet; er hat mir bekannt, in welcher Verlegenheit er sich infolge der doppelten Betrugerei befindet, der er zum Opfer gefallen ist. Mit Geld la?t sich alles wettmachen. Um welche Summe handelt es sich?« – Ferrand stand ganz verblufft da. Eine solche Angelegenheit so sturmisch zu behandeln, war ihm noch nie vorgekommen. Murrisch erwiderte er: »Es werden 100 000 Franks verlangt.« – »Ich werde die Summe zahlen, wogegen Sie die Wechsel an Herrn von Saint-Remy ausfolgen.« – »Und wo ist das Geld?« fragte Ferrand; – »morgen vormittag mu? es zur Stelle sein, sofern nicht Klage eingereicht werden soll.« – Es wird Ihnen als Notar nicht schwer fallen, diese Summe zu beschaffen,« erklarte die Herzogin. – »Und wer leistet mir Burgschaft?« – »Sie wissen, da? ich vier Stunden von Paris ein Gut besitze, das mir 80 000 Livres eintragt. Ich glaube, weitere Garantien durften Sie nicht brauchen.« – »Das wohl, wenn mir die Summe hypothekarisch sichergestellt wird,« antwortete Ferrand; »aber dazu bedarf es der Einwilligung Ihres Herrn Gemahls.« – »Aber das Gut ist doch mein alleiniges Besitztum,« versetzte die Herzogin. – »Das andert nichts an dem Bedingnis,« sagte Ferrand, »Sie sind vermahlt, und Hypotheken kann die Frau allein nicht geben; es wird besser sein, Sie wenden sich an Ihren gewohnlichen Notar oder an Ihren Intendanten. Ich bedauere, in diesem Falle nicht dienen zu konnen.« – »Ich habe wieder Grunde, die mich zur Geheimhaltung zwingen,« erwiderte die Herzogin; »Sie kennen die Spitzbuben, die Saint-Remy brandschatzen, und darum eben bin ich zu dem Entschlusse gekommen, mich an Sie zu wenden.« – »Solches Vertrauen ist mir ja sehr schmeichelhaft; leider kann ich aber Ihnen, wie gesagt, in diesem Falle nicht zu Dienst sein.«

»Sie verfugen also nicht uber solche Summe?« fragte die Herzogin geringschatzig. – »In meiner Kasse wird wohl noch einiges mehr liegen,« antwortete Ferrand stolz. – »Nun, warum dann soviel Reden? Ich stelle Ihnen meine Unterschrift zur Verfugung. Aber, bitte, erledigen Sie alles aufs schnellste.« – »Nun, haben Sie Legitimation bei sich?« fragte Ferrand. – »Ich werde in meinem Palais unterzeichnen. Kommen Sie in einer Stunde hin!« – »Wird auch der Herzog seine Unterschrift geben?« fragte Ferrand; »Ihre Unterschrift hat fur mich allein so gut wie keinen Wert.« –

Die Herzogin wu?te im Augenblick nicht, woher sie das Geld nehmen sollte; tags vorher hatte ihr der Juwelier Geld auf ihre Geschmeide vorgestreckt, und verschieden Stucke davon befanden sich bei dem Steinschneider Morel in Arbeit. Mit diesem Gelde hatte Saint-Remy die dringendsten Wechselschulden bezahlt. Vom Pachter ihres Gutes Arnouville hatte sie auch bereits den Pachtschilling auf ein ganzes Jahr voraus erhalten. Sie hielt den Vicomte des Verbrechens der Wechselfalschung nicht fur fahig, sondern nur fur das Opfer einer Intrige. Nichtsdestoweniger war die Situation, in die er durch seinen Leichtsinn geraten war, eine der schrecklichsten fur einen Herrn von Adel, die sich denken lie?. Sie zitterte fur den so gewissenlosen und doch so schonen Mann, weil sie ihn liebte mit jener Leidenschaft, von der Frauen in den drei?iger Jahren, also am Ausgange des liebenswerten Alters, so oft befallen werden, wenn sie sich von einem schonen Manne umschwarmt sehen. Lange war sie au?erstande, dem Notar ein Wort zu sagen, das sich wie eine Bitte anhorte; sie erkannte aber die Nutzlosigkeit jedes anderen Versuchs, denn Saint-Remys Schicksal lag in den Handen dieses Mannes, und so bequemte sie sich endlich, ihn zu fragen, aus welchem Grunde er, da ihm die in Aussicht gestellte Burgschaft doch genuge, ihr die erbetene Summe nicht aushandigen wolle ... Ferrand erwiderte kurz: »Weil Manner nun einmal ihre Launen ebenso haben wie Weiber.« – »Und welche Laune beherrscht Sie? Warum handeln Sie wider Ihr Interesse? Ich wiederhole, da? ich auf alle Bedingungen eingehe, die Sie mir stellen.« – »Wirklich, meine Gnadige?« fragte Ferrand, indem er sie mit einem eigentumlichen Blicke von Kopf bis zu Fu?en ansah. – Glucklicherweise verdeckte das grune Glas seiner Brille die unreine Flamme, die aus seinen Augen spruhte; aber da? sein Atem schwer ging, da? seine Stirn sich mit tiefem Rot farbte, das konnte er nicht verstecken; er stand rasch auf und trat auf die Herzogin zu, die sich ebenfalls erhob und ihn erstaunt, fast besturzt betrachtete ...

»Also alle Bedingungen werden Sie erfullen, die ich stelle?« fragte er noch einmal, aber mit zitternder Stimme, und trat zu der Herzogin noch dichter heran ... »Nun, denn, unter einer, aber keiner anderen Bedingung steht die Summe zu Ihrer Verfugung, und ich gebe Ihnen das heilige Versprechen, da? ...«

Aber es war ihm nicht vergonnt, den begonnenen Satz zu vollenden, denn infolge eines jener wunderlichen Widerspruche in der menschlichen Natur brach die Herzogin plotzlich in ein ma?loses Gelachter aus, hatte sie doch in den erregten Zugen dieses gemeinen und ha?lichen Gesichts gelesen, was das Gemut dieses Mannes beherrschte ... Sie lachte so laut und so hohnisch, da? Ferrand unwillkurlich zuruckprallte. Ohne ihm Zeit zu einem weiteren Worte zu lassen, schlug die Herzogin den Schleier wieder vor das Gesicht und verlie?, noch immer lachend, das Privatzimmer des Notars, der seine Unklugheit sogleich heftig bereute, sich aber bald mit dem Gedanken beruhigte, da? die Herzogin, wenn sie sich nicht schwer kompromittieren wollte, uber die Begegnung mit ihm reinen Mund halten musse. Immerhin ging ihm das Lachen der stolzen Frau schwer zu Herzen, und von finsteren Gedanken erfullt, sa? er auf seinem Sessel, als die Tur abermals aufging und seine Haushalterin hereinsturmte ...

»Jesus, Ferrand!« rief sie, die Hande uber dem Kopfe zusammenschlagend, »Sie haben doch recht gehabt, eines Tages zu sagen, da? wir noch einmal allesamt in schweren Verdru? kommen wurden durch den Wechselbalg von Madchen, dem wir das Leben gelassen.« – »Was bringst du mir noch fur Hiobsposten?« rief der Notar, die Wirtschafterin mit giftigen Blicken messend, »es ist nun fur einen Tag mehr als genug schon.« – »Ein einaugiges Weib, das behauptet, das Kind vor etwa elf Jahren von einem gewissen Tournemine –«

»Aber Tournemine ist ja auf den Galeeren,« rief Ferrand. – »Das Weib war ja doch eben unten und hat mir ins Gesicht gesagt, ich hatte ihr das Kind gebracht.« – »Ha! Wer hat ihr das weismachen konnen?« – »Ferrand, ich habe alles geleugnet und dem Weibe gesagt, sie sei eine elende Lugnerin; sie bleibt aber dabei, das Madchen wiedergefunden zu haben und zu wissen, wo es sich aufhalte, und wenn ihr nicht der Mund gestopft wurde, so wollte sie auf die Polizei gehen und alles an die gro?e Glocke hangen.« – »Himmel! Ist denn heute die Holle gegen mich losgelassen?« rief Ferrand mit einem vor Wut verzerrten Gesicht. Bei sich aber dachte er: »Und dieses Madchen ist das Kind der Grafin Mac Gregor! dieser Frau, die eben hier war und mir Geld uber Geld bot fur die Bescheinigung, da? ihr Kind nicht gestorben sei! Ha! Ich konnte es ihr also wiedergeben ... aber – der gefalschte Totenschein? Falls eine Untersuchung eingeleitet wurde, ware ich unbedingt verloren, und wie leicht konnte das eine Verbrechen auf die Spur anderer fuhren?« – Nach einer Pause fragte er die Haushalterin: »So wei? die Einaugige, wo das Madchen steckt?« – »Sie sagt es.« – »Und sie will wiederkommen?« – »Morgen.« – »Dann schreibe Polidori, da? er mich heute abend nach 9 Uhr besuchen moge.« – »Sie wollen doch nicht etwa das Madchen und die Einaugige mitsammen aus der Welt schaffen lassen? Es ware ein bi?chen viel auf einmal,« sagte Frau Seraphim, den Kopf bedenklich schuttelnd. – »Schreib an Polidori, sage ich dir, da? ich ihn heute abend nach neun erwarte.«

Am Ausgange dieses Tages sagte Rudolf zu Murph, der den Notar nicht hatte sprechen konnen: »Graun soll auf der Stelle einen Expressen absenden lassen. Cecily mu? in langstens sechs Tagen in Paris sein.« – »Wozu soll dieses Satansweib, des armen David Frau, hierher, Hoheit?« fragte Murph. – »Richte die Frage binnen heut und vier Wochen an den Notar Ferrand!«

Sechstes Kapitel.

Eine Konferenz.

Am selben Tage, da Marie durch Bakel und die Eule geraubt wurde, war in der zehnten Stunde ein Reiter in Bouqueval abgestiegen, um Frau Georges im Auftrage Rudolfs uber das Verschwinden des Madchens zu beruhigen und ihr zu sagen, da? sie sich sehr bald wieder werde sehen lassen. Frau Georges solle, falls sie ihm etwas mitzuteilen habe, nicht nach Paris schreiben, sondern ihm, dem Boten, den Brief mitgeben. Der Bote war aber nicht von Rudolf, sondern von der Grafin Sarah abgeschickt worden, die durch diese List erreichte, da? Rudolf erst einige Tage spater von dem Raube des Madchens unterrichtet werden konnte. Inzwischen rechnete sie darauf, von Ferrand Zustimmung zu dem geplanten Betruge zu erlangen. Sie wollte sich ferner auch der Frau von Harville entledigen, da sie sich ernster Gefahr durch sie versah. Zu diesem Zwecke ersann sie folgendes anonyme Schreiben, das ihrer Meinung nach zum ganzlichen Bruche zwischen Rudolf und dem Marquis fuhren mu?te ...

»Sie sind schmahlich hintergangen worden, Herr von Harvillel Ihre Frau hat, als sie merkte, da? Sie ihr nachgingen, den Armenbesuch mit erstaunlicher Biegsamkeit des Geistes ersonnen. Nichtsdestoweniger war sie unterwegs zu einer sehr hochgestellten Person mannlichen Geschlechts, die unter dem Namen Rudolf in dem

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