mir zu kassieren. Mir soll es nicht wieder einfallen, Badinot Wechsel zu geben. Haben Sie mir sonst noch was mitzuteilen?«

Ferrand verzog keine Miene, schlo? die Rechnung ab. die er vorhatte, und sah den Vicomte mit eiskalter Miene an ... Dann sagte er barsch: »Bitte, wo haben Sie das Geld?« – Seine Ruhe und Kalte brachten den Vicomte, der von allen Mannern um sein Gluck bei der Damenwelt beneidet wurde, schier au?er sich ... Sein Stolz, baumte sich gegen solche geringschatzige Behandlung von seiten eines Menschen, der auf der Gesellschaftsleiter keinen hohern Rang als den eines Notars inne hatte! – Ebenso barsch fragte er: »Bitte, wo sind die Wechsel?«

Ferrand wies mit seinem dichtbehaarten Zeigefinger, ohne zu antworten, auf eine lederne Brieftasche neben ihm. Bebend vor Zorn, aber fest gewillt, sich aus seiner kalten Ruhe nicht bringen zu lassen, nahm der Vicomte aus seiner Rocktasche ein zierliches Etui mit reichvergoldetem Deckel, zog vierzig Tausendfranks-Scheine heraus und zeigte sie dem Notar. – »Wieviel Geld?« fragte dieser. – »Vierzigtausend Franks.« – »Geben Sie her!« – »Geben Sie her!« erwiderte der Vicomte: »Zug um Zug!«

»Es ware nicht das erste Mal ...« sagte Ferrand, die Hand nach den Banknoten ausstreckend und eine nach der andern gegen das Licht haltend. – »Was meinen Sie?« rief Saint-Remy, kaum noch imstande, an sich zu halten; wahrend Ferrand, die Achseln zuckend, fortfuhr: »da? einem falsche Banknoten prasentiert wurden.« Nachdem er die Scheine angesehen und nacheinander gemustert hatte, trat er an sein Pult, nahm ein Heftchen voll Stempelpapiere heraus, zwischen denen zwei Wechsel lagen, addierte die darauf verzeichnete Summe und sagte, einen Tausendfranks-Schein und eine Rolle von 300 Franks auf den Tisch legend: »So, das bekommen Sie von den 40 000 Franks heraus. Mein Klient hat mich angewiesen, die Kosten sogleich mit zu erheben.«

Dem Vicomte ging die Ruhe aus. Statt das Geld zu nehmen, erwiderte er mit zornbebender Stimme: »Warum sprechen Sie bei Bankscheinen, die Sie von mir bekommen, von falschen, die schon gesehen worden seien?« – Ferrand ma? den Vicomte mit durchdringendem Blicke... »Sehr einfach, mein Herr,« sagte er, »weil ich Sie zu mir geladen habe, um Ihnen zu sagen, da? Sie sich wegen Falschungen zu verantworten haben werden.« – Der Vicomte fuhr zuruck ... »Lassen Sie mich ruhig ausreden,« fuhr Ferrand fort, aber mit strenger, bekummert aussehender Miene: »Sie wissen, junger Herr, das Ihres Vaters Name in hochster Achtung gestanden hat, und nur deshalb habe ich Sie zu mir beschieden, denn ware dies nicht der Fall, so stunden Sie schon heute vor dem Untersuchungsrichter und nicht in meiner Kanzlei!«

»Ich verstehe den Sinn solcher Reden nicht,« erwiderte der Vicomte, noch immer trotzig. Aber Ferrand lie? sich hierdurch nicht beirren, sondern rief: »Vicomte von Saint-Remy! Vor acht Wochen haben Sie einen Wechsel ausgestellt fur William Smith, von Meulaert und Co. in Hamburg diskontiert. Der Wechsel war beim Bankhause Grimaldi in Paris domiziliert und nach drei Monaten fallig.« – »Nun, und ...?« fragte Saint-Remy. – »Der Wechsel ist gefalscht. Meulaert und Co. haben mit einem Manne namens William Smith niemals zu tun gehabt. In ganz Hamburg ist ein Mann dieses Namens nicht bekannt.« – Saint-Remy rief entrustet: »Dann bin ich eben betrogen worden, denn ich habe den Wechsel fur bares Geld angenommen.« – »Von wem?« – »Von eben diesem William Smith!« erwiderte Saint-Remy: »ich habe ihn als die Redlichkeit selbst gekannt und ohne alles Bedenken den Wechsel von ihm in Zahlung genommen.« – »Aber ich wiederhole, der Wechsel ist gefalscht, und der augenblickliche Inhaber des Wechsels ist uberzeugt, da? Sie selbst die Falschung begangen haben; er behauptet, Beweise dafur in Handen zu haben, und war vorgestern bei mir, um mich zu veranlassen, Sie zu mir zu bescheiden und Ihnen unter gewissen Bedingungen den falschen Wechsel auszuhandigen. Er fordert bis morgen fruh ein Reugeld von 100 000 Franks, widrigenfalls die Angelegenheit bei der Staatsanwaltschaft anhangig gemacht werden soll. Also bis morgen fruh haben Sie noch Frist,« schlo? Ferrand, den Vicomte mit scharfen Blicken musternd, »der Wechsel liegt bei dem Austernhandler Petit-Jean, Kai de Billy, Nr. 16.«

Saint-Remy war mit hochtrabendem Wesen zu Ferrand gekommen, jetzt fuhlte er sich wie niedergeschmettert und hatte, ware er nicht so vollig Herr uber sich gewesen, den schrecklichen Eindruck nicht verheimlichen konnen, den diese unvermutete Enthullung auf ihn machte, die von ganz unberechenbaren Folgen fur ihn sein konnte. Eine lange Pause folgte, denn der hochmutige Edelmann brauchte Zeit dazu, sich zu einer Bitte bei diesem kalten, nuchternen Manne der Justiz zu bequemen, der so rucksichtslos das Recht wider ihn vertrat. Endlich sagte er: »Sie geben mir einen Beweis von Teilnahme, Herr, fur den ich Ihnen nicht genug dankbar sein kann: ich bedauere lebhaft, Ihnen so unhoflich gegenuber getreten zu sein.« – »Bleiben wir bei der Sache,« versetzte Ferrand, »Ihr Vater war ein Mann von Ehre, und ich meine alles tun zu mussen, da? sein Name nicht vor das Schwurgericht gebracht werde. Um weiteres handelt es sich im vorliegenden Falle nicht.« –

»Bis morgen hunderttausend Franks aufzutreiben, ist mir absolut nicht moglich. Verwenden Sie, bitte, die vierzigtausend Franks, die ich Ihnen jetzt uberbracht habe, zum Ruckkaufe des ungluckseligen Papieres – oder schie?en Sie mir die Summe auf eine gewisse Zeit vor. Sie sind ein reicher Mann, und wenn Sie fur die Manen meines Vaters ...« – »Aber, Mann, sind Sie von Sinnen?« fuhr Ferrand auf, »ich soll Ihnen Burgschaft leisten fur hunderttausend Franks?« – »Ich beschwore Sie, Herr ...« – »O, bleiben wir doch bei der Sache,« antwortete der Notar streng, »wer Gute verdient, kann Gute von mir empfangen ... Aber,« setzte er mit spottischem Lacheln hinzu, »Ihre Pferde stampfen schon vor Ungeduld.«

Da wurde an die Tur geklopft ... »Wer ist da?« fragte Ferrand. – »Die Grafin von Orbigny,« antwortete der Bureauvorsteher. – »Ich lasse bitten, einzutreten,« antwortete der Notar, ohne sich zu bedenken; dann wandte er sich an den Vicomte mit den Worten: »Da, nehmen Sie einstweilen die 1300 Franks; vielleicht gelingt es Ihnen, Petit-Jean damit eine kleine Frist abzuringen.«

Die Stiefmutter der Marquise von Harville trat in demselben Augenblick ein, als Vicomte von Saint-Remy, verdrie?lich daruber, da? er sich vergeblich vor dem Notar gedemutigt, hinausging. – »Ei, guten Tag, Vicomte,« sagte Frau von Orbigny, »lange nicht gesehen! Habe es lebhaft bedauert!« –»Freilich, seit der Verheiratung der Frau von Harville habe ich noch nicht wieder die Ehre gehabt,« versetzte Saint-Remy, sich verneigend und bemuht, ein Lacheln zu zeigen; »waren Sie seitdem immer in der Normandie?« – »Leider! Mein Mann will jetzt nirgendwo anders als auf dem Lande leben, und was ihm recht ist, ist mir auch recht! – Sie sehen mir doch wohl die Dame aus der Provinz auf den ersten Blick an? Seit sich meine Stieftochter mit dem Marquis von Harville vermahlt hat, bin ich noch nie wieder in Paris gewesen. Kommen Sie vielleicht ofter mit ihm zusammen?«

»Harville lebt sehr zuruckgezogen und ist recht murrisch geworden. In Gesellschaft ist er sehr wenig zu sehen,« versetzte Saint-Remy mit einem Anfluge von Ungeduld. »Aber ich mu? jetzt gehen, gnadige Frau, Sie entschuldigen mich wohl? Vor Ihrer Abreise werde ich wohl kaum das Vergnugen haben, Sie noch einmal begru?en zu durfen?« – »Sich noch einmal zu mir zu bemuhen, Herr Vicomte,« antwortete Frau von Orbigny, »hatte kaum Zweck, denn ich habe mich nur auf ein paar Tage in einem Hotel-garni einquartiert. Sollten Sie aber im Laufe des Sommers oder Herbstes in unsre Nahe kommen, wurden wir uns uber einen Besuch au?erordentlich freuen. Also adieu, lieber Vicomte!«

Saint-Remy verneigte sich tief vor Frau von Orbigny und sturmte, mit ma?loser Verzweiflung im Herzen, hinaus. Nach kurzem Besinnen sprach er bei sich: »Es geht nicht anders, es mu? sein!« und rief seinem Kutscher, der den Schlag offen hielt, zu, ins Hotel Lucenay zu fahren.

Drittes Kapitel.

Ein Testament.

Frau von Orbigny war eine kleine, schmachtige Blondine mit fast wei?en Lidern und mattblauen Augen. Ihr Blick war heuchlerisch, ihr Benehmen einschmeichelnd und hinterlistig; sie trat behutsam dem Notar naher ... »Ihr Schreiben aus der Normandie,« wandte Ferrand sich an seine Klientin, »habe ich erhalten; was ist das fur eine wichtige Sache, in der Sie mich zu sprechen wunschen?« – »Seit mich der brave Doktor Polidori an Sie gewiesen, sind Sie mir doch immer ein guter Berater gewesen,« sagte Frau von Orbigny leichthin. – »Seit er Paris verlassen,« versetzte der Notar, ebenso leichthin, »habe ich noch keine Nachricht von ihm, warte aber tagtaglich darauf.« Ferrand belog die Frau, denn er hatte Polidori erst den Tag vorher gesehen, um ihn unter dem Namen eines Dr. Vincent zu Martials nach Asnieres zu schicken mit dem Auftrage, dort Luise Morel auf die Seite zu bringen. Eine ahnliche Absicht, diesen Bosewicht fur sich zu gewinnen, der jetzt den Namen Bradamanti trug, fuhrte Frau von Orbigny nach Paris.

»Um Polidori handelt es sich aber jetzt nicht,« nahm Frau von Orbigny wieder das Wort, »sondern um meinen Mann, dessen Gesundheit von Tag zu Tag schlechter wird, und der von fruh bis spat von seinem Testamente faselt, mir aber nicht geben will, was mir dem Gesetze nach zusteht.«

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