entschlossen wie ein Morder; ihn beherrschte eine andere Leidenschaft, die ihn aber fast zum Tiere erniedrigte: bei ihm war der sinnliche Trieb aufs starkste ausgepragt; befiel er ihn, dann kannte er sich nicht mehr, dann konnte er zum Wolfe, zum Tiger werden. So hatte er Luise verfolgt, bis sie ihm unterlegen war; darum hatte er ihrem Vater das Geld vorgeschossen, nur um auf diese Weise das Madchen fest in seine Gewalt zu bekommen. Luisens Schonheit mu?te ihn in sehr starke Bande geschlagen haben, sonst hatte er sich in solche Geldausgaben ganz gewi? nicht gesturzt, denn nicht selten uberwog der Geiz alle anderen Laster, sogar die Sinnlichkeit, bei ihm.

Ferrand stand hochstens im 50. Lebensjahre, sah auch erst wie ein vierziger aus, war von Mittelgro?e, hatte eine etwas gebuckte Haltung, war breitschulterig, vierschrotig, rothaarig und dichtbehaart, so da? er etwas vom Baren an sich hatte. Das Haar lag ihm glatt an den Schlafen, die Stirn war kahl und glatt, die Brauen fehlten ihm fast ganz, und die gelbliche Haut seines Gesichts war so stark mit Flecken bedeckt, da? sie kaum sichtbar war. Ergriff ihn aber die Leidenschaft, dann farbte sich sein Gesicht mit tiefer Rote.

Er hatte ein plattes Gesicht, eine stumpfe Nase und dunne, schmale Lippen, so da? sein Mund aussah, wie in das Gesicht eingeschnitten; sobald er lachelte – was nie anders geschah als aus Bosheit – traten die Spitzen seiner Zahne, die fast durchweg schwarz und schadhaft waren, zum Vorschein. Er war fast immer glatt rasiert, sein Gesicht hatte einen strengen, kalten Ausdruck, in der Regel auch den einer frommen Heuchelei, der um so scharfer hervorzutreten pflegte, als er den durchdringenden Blick seiner kleinen schwarzen, uberaus lebhaften Augen hinter gro?en, grunen Brillenglasern versteckte.

Er trug sich mit gesuchter Nachlassigkeit, die fast bis zur Unsauberkeit ging; aber dadurch weckte er den Eindruck eines von der Welt abgelenkten, zynischen Philosophen, was ihm bei seinem Berufe nicht von Nachteil war.

Seine Kanzlei sah aus wie jede andere, und seinen Schreibern haftete auch nichts Besonderes an. Im Vorzimmer standen vier alte Stuhle. Ueber ihre Pulte gebeugt, sa? zwischen Schranken und Aktenregalen, etwa ein halbes Dutzend Junglinge, die samtlich flei?ig die Feder fuhrten. Der erste Schreiber, auch wohl Bureauvorsteher tituliert, hielt sich gewohnlich im Vorzimmer auf, wo er all die Klienten, die nicht unbedingt den Notar sprechen mu?ten, abzufertigen pflegte; zwischen dem Vorzimmer und dem Privat-Kabinett des Notars lag ein kurzer Gang. Eben hatte es an einer altertumlichen Kuckucksuhr, die zwischen den beiden Fenstern der Schreibstube hing, zwei Uhr geschlagen. Unter den Schreibern entstand eine gewisse Unruhe ..

»Hatte mir jemand gesagt, Germain sei ein Dieb,« sagte einer von Schreibern, »so hatte ich ihm ins Gesicht gesagt, da? er luge.« – »Na, ich auch.« – »Ich habe es auch kaum mitansehen konnen, wie er abgefuhrt wurde,« sagte ein dritter; »aber siebzehntausend Franks sind freilich eine Summe!« – »Aber in den funf Vierteljahren, seit Germain Kassierer ist, hat doch alles bisher auf den Centime gestimmt.« – »Unrecht wars von Ferrand, ihn einstecken zu lassen,« sagte der erste wieder, »hat er sich doch hoch und teuer verschworen, nur 1300 Franks auf ein paar Stunden entliehen zu haben, die er ja auch wiedergebracht hat.« – »Ja, aber Menschen von Ferrands Grundsatzen lassen eben nicht mit sich spa?en,« meinte ein anderer. – »Er macht, wie es scheint, reinen Tisch,« zischelte einer, »in der Fruhe gings der Luise an den Kragen, und am Vormittag mu? Germain ins Loch.«

»Ach, da kommt Chalemel! Der bringt vielleicht was Neues vom feschen Saint-Remy.« – »Hm,« antwortete Chalemel, »sein Wagen war schon vorgefahren, und ein Diener mu?te mir sagen, er kame auf der Stelle, setzte aber hinzu, er sahe gar nicht gut aus ... Aber, meine Herren! herrscht dort ein Luxus! Davon hat ja kein gewohnlicher Sterblicher eine Ahnung.« – »Na, Schulden genug hat der Herr Vicomte bekanntlich und mu? sich stundlich darauf gefa?t machen, da? er ins Schuldgefangnis abgefuhrt wird.« – »Ein Wechsel von 3400 Franks ist vom Gerichtsamt hergeschickt worden. Der Glaubiger besteht drauf, da? er in unsers Herrn Kanzlei bezahlt werde. Warum? ist aus der Zustellung nicht ersichtlich.«

»Nun, er mu? doch bezahlen konnen,« meinte ein anderer wieder, »denn gestern abend ist er vom Lande wieder in die Stadt gekommen, nachdem er sich drei Tage lang versteckt gehalten hat.«

»Und weshalb ist er nicht schon gepfandet worden?« – »Ist das eine alberne Frage! Gehort ihm denn was? Das Haus gehort nicht ihm, das Mobiliar ist auf den Namen seines Dieners gekauft worden, Pferd und Wagen gehoren dem Kutscher ... O! Der Vicomte ist ein gar schlauer Kunde ... Doch wovon war die Rede? Was gibts Neues?« – »Ach! denken Sie sich! Vor zwei Stunden kommt Ferrand wie ein Wilder in die Kanzlei gesturzt, schreit nach Germain und behauptet, von ihm um 17000 Franks bestohlen worden zu sein.« – »Aber das ist doch Unsinn,« versetzte Chalemel, »da kenne ich doch Germain besser.« – »Ferrand hat ihn aber verhaften lassen, trotzdem er beteuert hat, nur 1300 Franks aus der Kasse entnommen zu haben, die er aber auf der Stelle wiederbrachte. Aber Ferrand blieb dabei, Germain habe 17 000 Franks, 2000 in Gold und den Rest in funfzehn Tausend-Franks- Scheinen, gestohlen, die er in einem grunen Portefeuille in seinem Privatkabinett verwahrt hatte.. Es half Germain nichts, seine Unschuld zu beteuern. Ferrand war unerbittlich und lie? ihn festnehmen.«

»Aber Germain ist doch die Ehrlichkeit in Person!« rief Chalemel wieder. – »Nun, eins spricht sehr zu seinen Ungunsten: er wollte doch niemals sagen, wo er wohnte.« – »Freilich. Das stimmt.« – »Und dann sah er immer so aus, als ob er etwas auf dem Herzen hatte.« – »Vielleicht Luisens wegen?« fragte einer. – »Wi?t Ihr denn nicht, was von der alten Seraphim gesagt wird?« rief ein anderer, »Germain soll ja Luisens Liebhaber und Vater von ihrem Kinde sein!« – »Na, solch ein Schleicher!« – »Ach, schwatzt doch kein sinnloses Zeug!« verwies sie der erste Schreiber, »so etwas ist doch hundsgemeine Luge!« – »Das sage ich auch,« stimmte ein anderer bei, »mir hat Germain doch erst vor vierzehn Tagen gesagt, da? er sich in eine kleine Nahmamsell verliebt habe, die er in einem Hause, wo er gewohnt, kennen gelernt habe. Als er von dem Madchen sprach, traten ihm die Tranen in die Augen.«

»Lassen wir Germain beiseite,« sagte der erste Schreiber, zu Chalemel tretend; »es wird sich schon herausstellen, wie es sich mit ihm verhalt.. Sagen Sie mir lieber, wie Sie Ihren Auftrag erfullt haben?« – »Herr von Saint-Remy wird sogleich kommen, Herr Dubois,« versetzte Chalemel, »er hat mir gesagt, da? er die Wechselsumme zahlen werde.« – »Waren Sie auch bei der Grafin Mac Gregor?« – »Allerdings. Hier ist ihre Antwort.« – »Und bei der Grafin d'Orbigny?« – »Sie la?t sich bei Herrn Ferrand bedanken. Gestern fruh ist sie aus der Normandie gekommen, hat so schnell nicht auf Bescheid gerechnet, schickt aber beifolgenden Brief. Ich bin auch beim Intendanten von Harvilles gewesen, um mich wegen der Kontraktkosten zu erkundigen; auch der Intendant hat gleich bezahlt. Hier ist das Geld. Aber fast hatte ich die Karte hier vergessen, die mir der Pfortner gab, und auf der mit Bleistift ein paar Worte geschrieben stehen. Der Herr hatte nach dem Notar gefragt und das Billet dagelassen.«

»Walter Murph,« las der Bureauvorsteher, »wird sich erlauben, in einer hochst wichtigen Sache um 3 Uhr wieder zu erscheinen ... Murph? Ich kenne keinen Klienten dieses Namens.« – »Eins noch,« sagte Chalemel, »Badinot meinte, ich solle bestellen: so wie es Herr Ferrand gemacht habe, sei alles gut.« – »Schriftlich hat er nichts mitgegeben?« fragte der Bureauvorsteher; »oder hatte er keine Zeit?« – »Er la?t nur sagen, da? Herr Karl Robert im Laufe des Tages mit dem Herrn zu sprechen suchen werde. Soweit ich gehort zu haben meine, hat er sich gestern mit dem Herzoge von Lucenay duelliert.«

»Oho!« riefen alle wie aus einem Munde: »ein Wagen!« – »Es ist die Kalesche des Herrn von Saint-Remy,« erklarte der Bureauvorsteher: und wenige Augenblicke spater trat Herr von Saint-Remy auf die Schwelle.

Zweites Kapitel.

Herr von Saint-Remy

Larmend, mit dem Hut auf dem Kopfe, trat Herr von Saint-Remy in die Kanzlei und fragte, ohne jemand anzusehen, in wegwerfendem Tone: »Wo ist der Notar?« – »In seinem Privatzimmer,« versetzte der Bureauvorsteher: »einen Augenblick! Ich werde Sie gleich melden.« – »Sagen Sie ihm, Herr von Saint-Remy sei da und finde es seltsam, da? ihm zugemutet werde, in einem Geschaftszimmer warten zu sollen.«

Nichtsdestoweniger verstrich eine volle Viertelstunde, bis der Notar ihn zu sich bescheiden lie?. Einen gro?eren Gegensatz als zwischen den beiden Mannern, die sich jetzt zum ersten Male sahen, la?t sich kaum denken. Beide waren gute Menschenkenner und gewohnt, auf den ersten Blick zu erraten, mit wem sie es zu tun hatten. Saint-Remy seinerseits hatte gemeint, in dem Notar einen Tropf oder einen Gecken zu finden, und sah sich zu seinem Mi?behagen einem lauernden, hinterhaltigen Gauner gegenuber. Ferrand nahm sein schwarzes Kappi nicht ab, und Saint-Remy behielt den Hut auf dem Kopfe ...

»Es kommt mir hochst sonderbar vor, da? Sie mich wegen des Bagatellbetrages herbestellen, statt ihn bei

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