Gefangnisse! Du auf der Anklagebank! Wer kann es ausdenken? Und ich au?erstande, dir zu helfen! Doch nun rede, Kind! Aber im Namen Gottes keine Unwahrheit! Ich beschwore dich, Luise! Keine Unwahrheit! und mag es noch so gra?lich sein, was du mir sagen mu?t!«
»Vater,« antwortete Luise, »ich will dir alles, alles sagen, nur versprich mir, niemand ein Wort davon zu sagen! Horst du niemand! Wu?te er, da? ich gesprochen,« fuhr sie fort, am ganzen Leibe zitternd, »dann warest auch du verloren, verloren wie ich, denn du kennst die Bosheit und die Macht dieses Menschen nicht!« – »Ferrands?« fragte Morel. – »Ja,« antwortete Luise, sich umschauend, wie wenn sie furchtete, von jemand gehort zu werden ... Nach einigem Besinnen fuhr sie fort: »In meiner Erzahlung wird von jemand die Rede sein, der mir einen gro?en Dienst getan, und der sich gegen dich und meine Angehorigen sehr gutig gezeigt hat; ihm habe ich versprechen mussen, ihn ungenannt zu lassen.« – Rudolf dachte auf der Stelle an Germain und sagte: »Sollten Sie den jungen Mann meinen, der bei diesem Notar in Stellung ist und meines Wissens Franz Germain hei?t, so durfen Sie vollig beruhigt sein: ich werde uber ihn nicht das geringste sprechen, sondern seinen Namen gegen jedermann verschweigen.« – Luise sah Rudolf verwundert an ... »O, Sie kennen Franz Germain?« – Und auch Morel rief: »Sie kennen den jungen braven Menschen, der ein Vierteljahr im Hause hier gewohnt hat? Aber auch du, Luise, hast doch immer getan, als kenntest du ihn nicht!«
»Vater, es war so abgemacht zwischen uns,« antwortete Luise, »Germain hatte triftigen Grund, niemand wissen zu lassen, da? er bei Ferrand in Stellung sei. Die Stube bei uns im vierten Stock zu mieten, habe ich ihm seinerzeit geraten, weil ich recht gut wu?te, da? er einen guten Nachbar abgeben werde.«
»Eine Frage, Morel!« sagte Rudolf; »durch wen ist Ihre Tochter zu dem Notar gekommen?« – »Als meine Frau so schwer erkrankte, habe ich die Frau Burette, die Pfandleiherin in unserm Hause, die mit der Haushalterin des Notars bekannt war, gebeten, sich bei dem Manne fur sie zu verwenden, falls ein Madchen fur den Dienst im Hause gebraucht wurde.« – Rudolf wandte sich zu Luisen: »Ich bin zwar uber einige Umstande, die Ferrands Ha? wider Ihren Vater zugrunde liegen, unterrichtet, mochte Sie aber bitten, mir kurz zu sagen, was zwischen Ferrand und Ihnen vorgegangen ist, seit Sie bei ihm in Dienst getreten sind. Fur Ihre Verteidigung in dem Prozesse, der doch wider Sie ohne Frage eingeleitet werden wird, kann das nur von Nutzen sein.«
»In der ersten Zeit habe ich keine Ursache gefunden,« erwiderte Luise, »zu irgendwelcher Klage. Arbeiten mu?te ich freilich sehr viel, die Haushalterin war sehr streng, Zerstreuung wurde mir gar keine gegonnt, aber ich habe alles mit Geduld ertragen. Der Herr zeigte immer ein strenges, finsteres Gesicht, besuchte regelma?ig die Kirche und bekam sehr oft Besuch von geistlichen Herren. Ich hatte ihm in keiner Weise gemi?traut. Au?er dem Hausverwalter und der Frau Seraphim – so hei?t die Haushalterin – war niemand weiter in dem Hause, einem gro?en, einzeln stehenden Gebaude zwischen Hof und Garten. Im obersten Stock, fast unterm Dache, lag meine Kammer. Sa? ich dort allein, beschlich mich ofter Furcht. Nachts war es mir zuweilen, als ob sich unter mir zu ebener Erde dumpfe Gerausche horen lie?en. Ich wagte nicht, mich zu ruhren, dann horte ich, da? unten tagsuber Herr Germain arbeite, und da? sich seine Kasse dort befande. Eine der Turen unten war mit Eisen beschlagen, die beiden Fenster waren hoch hinauf zugemauert. Eines Abends hatte ich sehr lange zu tun; und als ich mich endlich zu Bette legen wollte, horte ich auf dem Flure leise Schritte. Zuerst dachte ich, die Haushalterin sei es; vor meiner Tur machten die Schritte Halt; ich fragte, wer da sei, bekam aber keine Antwort; ich angstigte mich und ruckte meine Kommode vor die Tur; die Nacht verging aber ohne weitere Storung. Am andern Morgen bat ich die Haushalterin, ein Schlo? vor meine Tur zu legen; Herr Ferrand aber meinte, indem er mit den Achseln zuckte, ich musse wohl eine recht gro?e Narrin sein, mich so zu furchten, und ich getraute mich nicht, meine Bitte zu wiederholen. Kurz darauf ereignete sich die ungluckliche Geschichte mit Vaters Diamantenverlust. Wir waren in Verzweiflung, wu?ten wir doch nicht, wie wir uns aus dieser schwierigen Sache herauswinden sollten. Ich erzahlte es der Haushalterin des Notars. Sie sagte mir: »Sprechen Sie doch mal mit dem Herrn. Vielleicht tut er was fur Ihren Vater.« –
Luise machte eine Pause, um tief Atem zu schopfen; dann griff sie sich mit beiden Handen an die Stirn und lie? einen tiefen Seufzer horen ... »Am namlichen Abend,« fuhr sie dann fort, »trat Herr Ferrand selbst auf mich zu, als ich in die Stube trat, um das Geschirr aufzuraumen, und sagte: »Wie ich hore, fehlen deinem Vater 1300 Franks. »Geh gleich zu ihm und sage ihm, er konne sich das Geld morgen in der Kanzlei von mir holen; ich wei? ja, da? er ein rechtschaffener Mann ist, und will ihm gern beistehen.« Sie konnen denken, da? mir Freudentranen in die Augen traten, und da? ich kaum wu?te, wie ich dem Manne danken sollte, der mit seinem gewohnten barschen Wesen mich abwies ... »Schon gut, schon gut,« sagte er zu, mir, »ich tue ja blo?, was Christenpflicht ist!« – Ich rannte abends, als ich mit meinen Arbeiten im Haushalte fertig war, zum Vater und meldete ihm die frohe Kunde. Um mich Herrn Ferrand dankbar zu erweisen, verdoppelte ich meinen Flei?. Nun aber fing die Haushalterin an, mich zu Hassen und zu peinigen, wo sie irgend konnte. Herr Ferrand hatte das Geld auf ein Vierteljahr vorgestreckt. Wenn die Haushalterin zugegen war, verhielt er sich nach wie vor barsch und unfreundlich gegen mich; wenn wir zusammen allein waren, guckte er mich immer haufiger von der Seite an auf eine Weise, die mich in Verlegenheit setzte; wenn ich dann rot wurde, fing er an zu lachen. Einmal nachmittags ging die Haushalterin ganz wider ihre Gewohnheit aus. Die Schreiber waren auch au?erhalb beschaftigt. Ich war mit Herrn Ferrand ganz allein und hatte im Vorzimmer zu tun. Da klingelte er mir. Ich traf ihn in seinem Schlafzimmer, wo er vor dem Kamine stand; er winkte mich zu sich heran, und mit einem Male umschlang er mich mit beiden Armen. Ich sah, da? er ganz rot im Gesicht war, da? seine Augen funkelten; ich war so erschrocken, da? ich mich nicht ruhren konnte; aber dann uberkam mich plotzlich eine solche Angst vor dem Manne, da? ich all meine Kraft zusammennahm und ihn von mir stie?. Es gelang mir, wieder ins Vorzimmer zu fluchten. Dort hielt ich mit beiden Handen die Tur zu; aber mit vor Zorn zitternder Stimme rief er mir durch den Turspalt zu: »Du bringst blo? deinen Vater ins Ungluck, wenn du dich gegen mich sperrst; er ist mir 1300 Franks schuldig, und bekomme ich mein Geld nicht, so lasse ich ihn in das Schuldgefangnis stecken. Blo? du kannst ihn vor diesem Schicksal bewahren, wenn du mir zu Willen bist.«
»Ich flehte ihn um Gnade an, erklarte, mich in jeder Hinsicht dankbar zu erweisen, die nicht wider meine Ehre verstie?e; da horte ich, da? er die Vorzimmertur abschlo?, die er, trotzdem es finster war, gefunden hatte, und nun wu?te ich, da? ich in seiner Gewalt war. Er kam bald mit einer Lampe in der Hand wieder. Wieder suchte ich mich mit aller Kraft zu wehren; ich lie? mich schlagen, kratzen, bis mir das Blut von den Wangen lief...«
»Jesus!« rief Morel, »und fur solche Verbrechen soll es keine Strafe geben?« – »Vielleicht doch,« versetzte Rudolf, nachdenklich werdend; dann sagte er zu Luisen: »Erzahlen Sie weiter – erzahlen Sie alles!«
»Es dauerte lange, bis mich die Krafte verlie?en; im letzten Augenblicke jedoch trat der Hausverwalter mit einem Briefe in das Vorzimmer; Ferrand drohte mir, als er Schritte horte, nicht blo? mich, sondern auch meinen Vater ins Verderben zu sturzen, sobald ich ein Wort daruber verlauten lie?e, was zwischen uns vorgegangen sei; den Vater lie?e er wegen seiner Schuld, mich aber wegen Diebstahls einstecken. Tags darauf ging ich nach Hause, um meinem Vater alles zu bekennen. Aber ich fand die Mutter schwerkrank, die Meinigen brauchten das bi?chen Geld, das ich bei dem Notar verdiente, und so sagte der Vater, ich solle deshalb nicht aus dem guten Dienste gehen ... Was sollte denn werden, wenn ich nicht blo? keinen Dienst hatte, sondern vielleicht gar ins Stockhaus kame!« –
»Ja,« nahm nun Morel das Wort, »Luise redet die Wahrheit; wir waren so tief in unser Elend gesunken, da? wir uns nicht aufraffen konnten, das Madchen zu uns zu nehmen, sondern da? wir sie wieder zuruck zu dem alten Sunder schickten! Gott! Ach, Gott! Und ich will dem armen Madchen jetzt zurnen, da? sie zuletzt doch dem Wustlinge unterlag?«
Er schaute stier vor sich hin. Solches Ungluck war zu schwer fur ihn... »Und was hat er dir ferner angetan, der Bose?« lallte er. – »Vater, Vater! Das Boseste kommt noch. Fasse dich, fasse dich! O Gott! Ich kann den Blick nicht ertragen, mit dem du mich anstierst!« Und nach einer Pause, in der sie, Hilfe suchend, den Blick zu Rudolf gewandt hatte, fuhr sie fort: »Als ich mich Mutter fuhlte, leugnete er, mich nachts durch Opium eingeschlafert und gemi?braucht zu haben, und wollte mich aus dem Haufe werfen. Ich flehte ihn um Erbarmen an, sagte ihm, da? die Meinigen in gro?ter Not seien, da? sie auf den geringen Verdienst, den ich bei ihm hatte, angewiesen seien, und gelobte ihm, gegen keinen Menschen etwas uber meinen Zustand verlauten zu lassen. Darauf behielt er mich in seinem Dienste. Funf Monate verflossen unter schrecklichen Qualen und Aengsten; noch immer war es mir gegluckt, die Leute im Hause zu tauschen; im letzten Vierteljahr meiner Schwangerschaft war das aber nicht mehr moglich, und nun drohte mir Ferrand wieder mit Entlassung. Es folgte eine schreckliche Nacht. Wohin sollte ich mich fluchten? Da kam mir ein schlimmer Gedanke. Die Pfortnersfrau hatte mir gesagt, es wohne ein Mann im Hause, der allerhand Wunderkuren verrichte. Ich schrieb an diesen Mann ...«
»Vorvorgestern, nicht wahr?« fragte Rudolf, »und beim Schreiben hatten Sie ungluckliches Kind geweint? Und Tranen waren auf das Papier gefallen und hatten die Schrift verloscht?« – Luise heftete einen Blick des
