sich nun meinen Schreck denken, als ich von dem Manne auf meine Frage nach dem Gelde horte, ich befande mich in einem unentschuldbaren Irrtume, wenn ich meinte, mein Bruder habe bei ihm irgend ein Depot, sondern im Gegenteil bei ihm ein Darlehn von 2000 Franks aufgenommen. Ich, war au?er mir, fragte, was denn sonst aus der Summe geworden sein konne; der Notar sah mich kalt an und erwiderte, das konne er freilich nicht wissen, da er doch meinen Bruder nicht gehutet habe. Ich war einer Ohnmacht nahe, denn ich wu?te mir keinen Ausweg in der gra?lichen Not, in die mich diese Auskunft des Mannes sturzte. Ich erklarte dem Notar, ich konne so etwas von meinem Bruder, der die Redlichkeit selbst gewesen sei, nicht glauben, denn er hatte sich eher selbst alles Geldes entau?ert, statt mich und mein einziges Kind in solches Elend zu sturzen. Der Notar blieb bei seiner Behauptung und verwies mich an das Gericht, falls ich in ihn Mi?trauen setzte. Mit dem Tode im Herzen verlie? ich den Mann. Was sollte ich wider ihn machen? Ich hatte ja gar nichts in den Handen, weder von ihm, noch von meinem Bruder als dessen Zuschrift, da? er mir das Geld zu sehr hohen Zinsen unterbringen wolle. Geld hatte ich auch nicht mehr, und da? von irgendwelchem Anwalt ohne Geld ein Rat nicht zu haben sei, wu?te ich ja doch zur Genuge. Darum mu?te ich es lassen, wie es stand und lag, denn einen Proze? zu fuhren, war ich nicht imstande, und so blieb mir weiter nichts ubrig, als mit meiner Tochter ...«
Hier brach der Brief ab. Was nun folgte, war so stark durchstrichen, da? es nicht mehr zu entziffern war. Aber unten in der Ecke konnte Rudolf noch die Worte lesen: »an die Herzogin von Lucenay zu schreiben.«
Als er den Brief gelesen hatte, fiel ihm ein, wie niedertrachtig sich derselbe Ferrand gegen Morel und dessen Tochter benommen hatte, und es nahm ihn nicht wunder, ihn jetzt auch im Licht eines Betrugers offenbart zu sehen. Anderseits meinte er, da? ihm der Zufall die Spur zu einem Ungluck weise, bei dem sich Herz und Phantasie der Marquise von Harville werde betatigen konnen. Der Brief, den er eben gelesen, und der sicher nicht an die Person abgeschickt worden war, fur die er bestimmt gewesen, zeigte auf einen stolzen Charakter, den jedes Ansinnen eines Almosens sicher emporen wurde. Es galt also hier, List anzuwenden, wenn man Hilfe bringen wollte.
Lachtaubchen ri? Rudolf aus seinem Sinnen durch die Worte: »Nun, mein Lieber, ich denke, unsre Schutzlinge konnen zufrieden mit der Einrichtung sein, die wir ihnen besorgen. Jetzt handelt es sich nur noch darum, zu bezahlen, was wir fur sie eingekauft haben.« – »Daran solls nicht fehlen, meine Liebe,« erwiderte Rudolf, »aber da fallt mir ein, wahrend ich die Rechnung bei Frau Bouvard abmache, konntest du eigentlich Garderobe fur Frau Morel und fur die Kinder aussuchen. Was du einkaufst, la? doch hierher bringen. Dann kann ja alles miteinander zu ihnen geschafft werden.« – »Gewi?, gewi?! Du hast ja immer recht! Warte also hier ein bi?chen, lange bleibe ich ja nicht; ich kenne zwei Verkaufsstande, wo ich schon wiederholt gekauft habe und immer gut bedient worden bin. Dort finde ich auch alles, was sich fur Morels eignet.«
Als sie hinweggeeilt war, meinte Frau Bouvard zu Rudolf: »Das mu? man sagen, lieber Herr! Eine recht niedliche Hausgesponsin haben Sie sich ausgesucht. Die versteht ja ihre Sache aus dem ff.« – »Nicht wahr?« erwiderte Rudolf, »ich fuhle mich auch wirklich recht glucklich, liebe Frau.« – »Na, und die Gesponsin gewi? auch!« – »Sie mogen recht haben, aber ich mochte nun doch auch wissen, was ich Ihnen schuldig bin,« sagte Rudolf. – »Hm, bis auf 330 Franks hat mich Ihre kleine Madame heruntergedruckt. Was verdiene ich an der Sache dabei noch? Keine funfzehn Franks! So billig kauft man namlich heute doch nicht mehr ein, wie es allgemein hei?t, trotzdem die Leutchen, von denen ich die Sachen hier gekauft habe, in rechte gro?er Not waren.« –
»Den Schrank haben Sie wohl auch von ihnen?« fragte Rudolf. – »Allerdings, Herr. Wirklich, wenn man blo? daran denkt, konnte sich einem das Herz im Leibe herumdrehen. Kommt da vorgestern eine junge, hubsche Dame her, aber so bleich und hager, da? man es ihr auf den ersten Blick ansah, da? sie das liebe Leben nicht hatte. Ihre Garderobe war ja sauber, aber stark mitgenommen, aus allem guckte verschamte Armut hervor; sie fragte mich, wahrend ihr die Rote auf die Wangen trat, ob ich zwei vollstandige Betten und einen alten Wascheschrank kaufen wolle, und als ich sagte, ich mu?te mir die Sachen doch erst ansehen, bat sie mich, gleich mitzukommen, sie wohne auf der andern Boulevard-Seite, am Kanale des Saint-Martins-Kai. Es war ein gar armseliges Haus, wohin sie mich nun fuhrte; bis in den vierten Stock hinauf! Dort klopfte sie an eine wurmstichige Tur, ein Madchen von etwa vierzehn Jahren machte auf, die auch so bleich und hager war und ebenso in Trauerkleidern ging wie die altere Dame. Ich merkte gleich, da? ich Mutter und Tochter vor mir hatte, wenn auch kein Wort zwischen den beiden Frauen gewechselt wurde. Alles, was in der Wohnung vorhanden war, beschrankte sich au?er den beiden Betten und dem Wascheschrank auf ein paar Stuhle, einen alten Koffer, eine Kommode und auf ein Paket, das in ein Tuch eingewickelt war. Die altere Dame bat mich, Matratzen, Betten, Decken und Vorhange redlich abzuschatzen, und als ich die Tranen in den Augen des jungen Madchens sah, konnte ich es nicht uber das Herz bringen, mein eigenes Interesse scharf wahrzunehmen, sondern tat, wie ich auf Treu und Glauben versichere, mein ubriges, und ob ich sonst keine Mobel kaufe, nahm ich doch den alten Sekretar auch mit und habe ihn, wie Sie mir glauben konnen, uber den Wert bezahlt.«
»Nun, liebe Frau, den Schrank kaufe ich Ihnen ab,« antwortete Rudolf. – »Mir solls recht sein, lieber Herr,« sagte die Frau »denn sonst bleibt er mir vielleicht gar auf dem Halse. Als wir handelseins waren, sagte sie zu ihrer Tochter: »So, Klara! Nun nimm das Paket!« ... Ja, Klara war der Name: ich besinne mich ganz genau. – Dann gab sie mir den Schlussel zu dem Sekretar, ich sah in ihren Augen eine Trane stehen; mir kam es vor, als ob ihr das Herz dabei blute, sich von dem alten Mobel trennen zu mussen: aber sie tat sich Zwang an, ihre Wurde vor mir zu bewahren; ich zahlte ihr das Geld auf den Tisch, zusammen 115 Franks, und ging, nachdem ich die Sachen weggeschafft hatte. Seitdem habe ich die Leutchen nicht wiedergesehen.«
»Wie hie? die Dame?« – »Ja, das kann ich nicht sagen.« – »Und wo wohnt sie?« – »Auch das kann ich nicht sagen,« sagte die Frau. – »In der fruheren Wohnung mu? sie aber doch bekannt gewesen sein?« – »Doch nicht, Herr! Als ich beim Torwart vorbeiging, sagte der: »Ach! Sie haben wohl oben im vierten Stock eingekauft? Na, wenn die armen Menschen sich nicht nur noch ein Leid antun! Vor einer Weile haben sie sich durch das Hinterhaus entfernt, ohne zu sagen, ob sie wiederkommen wollen ober wohin sie sich zu begeben denken. Ich wei? nicht, was aus ihnen noch werden soll.« Rudolfs Hoffnungen schwanden. Wie sollte er, ohne andern Anhalt als den Namen Klara, den Brief und den darin enthaltenen Hinweis auf die Herzogin von Lucenay, erwarten konnen, die Frau zu finden, von der diese Ausweise herruhrten? Nur die Beziehungen, die zwischen der Herzogin und der Marquise bestanden, konnten vielleicht einigerma?en dazu helfen. Er bezahlte die Frau, worauf sie fragte, wohin sie die Sachen bringen solle. Als Rudolf die Hausnummer 17 in der Rue du Temple sagte, rief die Trodlerin, da? sie das Haus ja recht gut kenne.
»Sind Sie schon dort gewesen?« fragte Rudolf. – »Mehr als einmal,« versetzte die Frau; »wohnt doch eine Frau dort, die Geld auf Pfander leiht, kauft und verkauft und auch sonstige Geschafte noch mit allen moglichen Leuten macht. Aber was gehts mich an? Ich habe blo? einiges gekauft bei ihr, und bin noch einmal spater bei ihr gewesen, um fur den jungen Mann, der im vierten Stock wohnte, etwas Mobiliar zu erstehen ...«
»Wohl Franz Germain? Wie?« – »Ganz recht. Kennen Sie ihn etwa?« – »o freilich! Schade, da? er aus der Rue du Temple gezogen ist, ohne seine neue Wohnung zu sagen. Ich habe schon versucht, ihn ausfindig zu machen, aber ohne Erfolg.« – »Ich meine gehort zu haben, da? er bei einem Notar angestellt sei,« fugte Rudolf. – »Doch nicht gar beim Ferrand?« erwiderte die Trodlerin; »es war doch mit dem jungen Menschen eine gar zu komische Sache: er kam zu mir, ich solle ihm all sein Mobiliar abkaufen; ich machte ihm den Preis, und er ging darauf ein; er mag wohl mit mir zufrieden gewesen sein, denn er kam nach vierzehn Tagen wieder und kaufte sich ein Bett; aber als er bezahlen wollte, fand er, da? er seine Borse vergessen; ich wollte ihm das Bett hinschicken und mir das Geld dabei mitnehmen; er sagte aber, er sei selten zu Hause, ich solle lieber beim Notar Ferrand vorsprechen, wo er nachmittags sicher zu treffen sei; da? er dort angestellt sei, hat er mir nicht gesagt; aber als ich am andern Tage hinging, war er in der Kanzlei und bezahlte mich auf Heller und Pfennig ... Von einem jungen Menschen ists doch wunderlich, heute sein Mobiliar zu verkaufen und morgen sich wieder neues anzuschaffen.«
Rudolf meinte, den Grund hierfur in dem Bestreben Germains, seine Widersacher von seiner Spur abzubringen, suchen zu sollen, und da er furchten mochte, da? sie, wenn er umzoge wie andere Leute, leicht seine neue Wohnung erfahren mochten, hielt er es wahrscheinlich fur gescheiter, in der alten Wohnung sein bi?chen Gerat zu verkaufen und sich in der neuen neu einzurichten. Das Herz krampfte sich ihm vor Freude daruber, da? es ihm endlich gelungen sei, den Sohn von Frau Georges ausfindig zu machen, zusammen, und kaum konnte er es erwarten, ihn ihr in die Arme zu fuhren. Als Lachtaube mit freudestrahlendem Gesicht zuruckkam, und ihm jubelnd zurief: »Sehen Sie, ich habe ganz richtig gerechnet, die Rechnung macht netto 640 Franks, aber nun sind Morels auch eingerichtet wie Patrizier,« – reichte er ihr dankerfullten Herzens die Hand, gab der Trodlerin ihr Geld und begab sich mit seiner schmucken Gefahrtin hinweg.
