Besorgnis, eine allzu gro?e Freigebigkeit mochte sein Inkognito in Gefahr bringen, anderseits aber bekummert um die arme Familie, die Gedanken des Mannes, um nach keiner Seite behindert zu sein, auf eine andere Fahrte lenken wollte. »Gestern fruh,« fragte er, »ist doch eine junge Dame hier gewesen?« – »Jawohl, Herr, und allem Anschein nach hatte sie reges Mitgefuhl mit unserer Armut.« – »Nicht mir, sondern ihr haben Sie nachst dem allgutigen Gott zu danken, da? Ihnen Hilfe in Ihrer Kummernis zu teil wird. Sie hat gestern Erkundigungen uber Sie und Ihre Familie eingezogen, und Sie hatten nur allzu recht, heute morgen zu ihrer Frau Magdalene zu sagen: »Ach, Frau, wenn nur die reichen Leute wu?ten ...« –
»Aber wer hat Ihnen das gesagt? und woher kennen Sie den Namen meiner Frau?« – »Ich war seit heute fruh in Ihrer Nahe: versteckt in der Bodenkammer neben Ihrer Stube.« – »Jesus! Und warum?« rief Morel. – »Wo hatte ich bessere Auskunft uber Sie bekommen sollen als durch Sie selbst?« erwiderte Rudolf: »mir mu?te es in erster Linie auf ungeschminkte Wahrheit ankommen. Der Pfortner sprach von der Kammer in der Absicht, sie mir als Holzstall zu geben. Ich habe sie mir heute fruh angesehen, mich eine Stunde darin aufgehalten und die Meinung gewonnen aus den Reden, die ich von Ihnen in dieser Zeit horte, da? es keinen rechtlicheren und biederen Charakter geben konne als den Ihrigen. Es traf sich gestern so gut, da? ich einige Schulden einziehen konnte. Was ich daraus gewann, reichte gerade hin, der wohltatigen Dame, die sich fur Sie interessiert, das zur Tilgung Ihrer Schuld notwendige Geld zur Verfugung zu stellen. Sie haben alles Ungluck, das Sie betroffen, so standhaft und ohne sich Ihrer Wurde und Ehre zu begeben, ertragen, da? Hilfe, wenn irgendwo, so hier am Platze ist, und um deswillen ist es mir eine Freude, Ihnen im Auftrage Ihrer Wohltaterin sagen zu durfen, da? Sie hinfort keine unmittelbaren Lebenssorgen mehr haben sollen.«
»Sprechen Sie im Ernst? O, nennen Sie mir zum wenigsten den Namen der edlen Dame, damit ich sie in mein Gebet einschlie?en kann.« – »Ich kann Ihren Wunsch nur unter der einen Bedingung erfullen, da? Sie den Namen keiner zweiten Person sagen, sei es, wer es sei.« – »Ich gebe Ihnen mein heiliges Versprechen,« rief Morel begeistert. – »Nun, der Name der Dame ist Marquise von Harville.« – »Er wird nie aus meinem Gedachtnisse, nie aus meinem Gebete schwinden. Wie soll ich ihr danken, da? sie mir meine Frau und meine Kinder rettet? Ach, Herr, wenn unsre liebe, gute Luise bei uns bleiben kann und uns in unsrem Haushalte unterstutzen kann, dann werden wir uns vorkommen in unsrer armlichen, bescheidenen Wohnung wie im Paradiese.«
»Nun, Luise soll Sie nicht mehr verlassen. Das soll der Lohn sein fur Ihre Standhaftigkeit und Rechtlichkeit,« antwortete Rudolf; »jetzt aber sagen Sie mir, dieser Jakob Ferrand ...« – Ueber Morels Stirn huschte eine finstere Wolke. – »Dieser Jakob Ferrand,« nahm Rudolf wieder das Wort, »ist doch der Notar in der Rue de Sentier?« – »Allerdings, Herr. Sie kennen ihn doch nicht etwa?« rief Morel; »wenn mein armes Kind nur nicht ...« – Es war ihm nicht moglich, den Satz zu vollenden. Er schlug die Hande vor das Gesicht. Rudolf erriet den Grund seines Kummers. – »Ich sollte meinen,« sagte er, »gerade dieses rucksichtslose Vorgehen des Mannes, lieber Morel, mu?te Sie beruhigen! Sicher hat er Sie ins Schuldgefangnis setzen lassen wollen, um Ihre Tochter, die sich ihm widersetzte, murbe zu machen. Ich habe ubrigens alle Ursache, den Mann fur einen hochst unredlichen Charakter zu halten. Aber,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »sollten Sie recht haben, lieber Morel, sollten Ihre Befurchtungen sich bestatigen, dann glauben Sie auch, da? Ihnen ein Racheengel erschienen ist, der den Mann, wenn er sich wirklich an Ihrer Tochter vergangen hat, mit unerbittlicher Strenge verfolgen wird.«
Jungfer Lachtaube trat aus ihrer Stube und trocknete sich mit ihrer Tandelschurze die Augen. – »Nicht wahr, hubsche Nachbarin,« sprach Rudolf sie an, »Herr Morel kann nichts Besseres tun, als die Zeit uber, bis sein Gonner, in dessen Auftrage ich ja nur hier bin, eine passendere Wohnung fur ihn gefunden, hinuber in die von mir hier im Hause gemietete zu ziehen?« – Jungfer Lachtaube schien so betroffen, da? sie keine Antwort fand. – »Ich mu? fur meinen Herrn,« nahm Rudolf wieder das Wort, »ein paar eilige Arbeiten machen; aber ich rechne darauf, da? Sie mir ein Platzchen an Ihrem Arbeitstische fur die kurze Zeit abtreten? Ich werde Sie ganz gewi? nicht storen. Morels konnten aber, wenn sich die Pfortnersleute fur Geld und gute Worte bereit finden lie?en, beim Umzuge zu helfen, ohne jeden Aufenthalt ihre alte Wohnung raumen und in die meinige einziehen.«
»Vater,« rief einer der Knaben, den Fu? auf den Flur hinaussetzend, »du mochtest zur Mutter kommen.« – »Gehen Sie, mein lieber Morel,« sagte Rudolf, ihm auf die Schulter klopfend, »sobald unten alles in Ordnung, lasse ich es Ihnen sagen.«
Darauf wandte er sich zu Lachtaubchen ... »Nun, schone Nachbarin, hatte ich an Sie eine recht gro?e Bitte: mich in den nachsten Laden zu fuhren, wo wir fur unsere armen Freunde das Allernotigste kaufen konnen. Sie verstehen das gewi? recht gut, und ich mochte mich in aller Hinsicht dabei auf Sie verlassen.« – »O gewi?!« rief Lachtaubchen, von Begeisterung erfullt, »ach! Ich will gewi? alles tun, was in meinen Kraften steht.«
Lachtaubchen stand ungefahr in dem gleichen Alter wie ihre einstige Mitgefangene, die Schalldirne; aber zwischen den beiden Madchen bestand ungefahr der gleiche Unterschied, wie zwischen Lachen und Weinen; die eine war von Temperament zart, poetisch, empfindlich; die andere prosaisch, munter und mitleidig, eines jener Pariser Madchen, die der Stille den Larm, der Ruhe die Bewegung, dem sanften Rauschen des Windes, des Wassers und der Wellen die laute Orchestermusik in den Kolosseumsballen usw. vorziehen, die lieber ein Feuerwerk sehen, als den Blick zum heiteren Sternenhimmel hinauf richten, die der Stille der Felder und Fluren den betaubenden Stra?enlarm vorziehen. Und doch setzte sie den Fu? aus ihrem Stubchen blo? alle Morgen in der Fruhe, um das Fruhstuck fur sich und das tagliche Futter fur ihre beiden Vogelchen zu holen, und an Sonntagen, aber anderswo als in Paris zu wohnen, hatte sie fur ein Ding der Unmoglichkeit angesehen, und sie ware, hatte man sie von dort in die Provinz verpflanzt, vor Verzweiflung in den ersten vier Wochen am Heimweh gestorben.
Lachtaubchen war kaum achtzehn Jahre alt, nicht gro?, sondern eher klein zu nennen, aber von tadellosem Wuchse, fast ubervoller Buste und rundlicher Fulle, doch genau den Verhaltnissen von Korper und Gro?e angepa?t. Ihre flinken Bewegungen erinnerten an das zierliche Trippeln der Wachtel oder Bachstelze; sie ging weniger als schwebte gleichsam uber das Pflaster, das sie mit ihren Fu?chen kaum zu betreten schien.
Rudolf hatte Lachtaubchen immer nur in Morels dunkler Wohnung gesehen oder auf dem kaum helleren Vorsaale, und die strahlende Frische seiner kleinen Nachbarin blendete ihn jetzt formlich. Das vorn schmale, weit nach hinten geruckte Haubchen zeigte zwei breite, dicke Flechten von glanzendem Schwarz, die weit uber die Stirn hinein hingen. Die feinen schmalen Brauen sahen aus wie mit Tusche gemalt und rundeten sich uber den beiden munteren, schalkhaften Augen von tiefem Schwarz. Ihre festen vollen Wangen hatten eine an den Hauch eines Pfirsichs erinnernde Farbung; ihr kleines Stumpfnaschen guckte keck in die Welt hinein; den eher gro?en als kleinen Mund mit den roten, feuchten Lippen und kleinen wei?en Perlenzahnen umspielte ein neckisches Lachen; drei reizende Grubchen, zwei auf den Wangen, eines auf dem Kinn, nicht weit von einem schwarzen Schonheitsmale am Mundwinkel, liehen dem Gesicht einen Zug von schalkhafter Anmut.
Rudolf stand noch immer unbemerkt an der Tur und ruhrte kein Glied, wahrend seine schone Nachbarin noch immer allein zu sein dachte und sich mit der zierlichen wei?en Hand das Haar glatt strich, dann den kleinen Fu? auf einen Stuhl stellte und sich buckte, um sich den Schuh zuzuschnuren. Naturlich konnte Rudolfs neugierigen Blicken der blendendwei?e Strumpf und das Bein von untadelhafter Fulle der Form nicht entgehen.
Lachtaubchen war in Gedanken bei ihrem neuen Nachbar, der ihr recht gut gefiel, sowohl von Aussehen als von Charakter, hatte er sich doch gegen die arme Familie Morel so gutig gezeigt, ihr sein Zimmer abzutreten: ein Beweis von Herzensgute, der ihm das Herz der kleinen Naherin auf der Stelle gewonnen hatte. So wunschte sie sich von Herzen Gluck, da? ein Logisherr wie der Herr Rudolf, auf die bisherigen Mieter, den Herrn Cabrion und den Herrn Franz Germain, gefolgt war, hatte sie doch recht gebangt, da? das Zimmer entweder gar nicht oder an jemand vermietet werden mochte, mit dem sie nicht harmonieren konne.
Rudolf musterte das Stubchen, wahrend sich das Madchen noch immer mit ihren Schuhen zu schaffen machte. Es war ein recht schmucker, sauberer Ort. Die Wande waren mit grauen Papiertapeten bekleidet. Auf dem marmorartig gestrichenen Kamine standen ein paar schone, grune Blumentopfe; in einem kleinen Uhrgehause hing eine silberne Taschenuhr, als bescheidener Ersatz fur die sonst ubliche Stutzuhr. Daneben stand ein spiegelblanker kupferner Leuchter, mit einem Wachslicht darin, auf der andern Seite eine ebenso blank geputzte Lampe. Ueber dem Kamine hing ein ziemlich gro?er Spiegel in schwarzem Holzrahmen. Bett und Fenster waren durch bunte Wollvorhange verdeckt. Rechts und links vom Alkoven standen zwei Schranke, worin die Garderobe und das geringe Hausgerat aufbewahrt waren. Eine blankpolierte Nu?baumkommode, vier Nu?baumstuhle, ein mit grunwollner Decke bedeckter Tisch, ein Lehnstuhl aus Strohgeflecht und eine Fu?bank, auf der gewohnlich Lachtaubchen sa?, bildeten das ganze Mobiliar.
An einem der Fenster hing ein Kafig mit einem Paar Kanarienvogeln, den Kameraden des holden Madchens. Auf dem Fensterbrett stand ein Kasten aus Holz, mit Erde gefullt und zur Winterszeit mit Moos belegt. Ihn pflegte
