sa? bleich, mit stierem Blicke, auf seinem Schemel, lie? die Arme hangen, den Kopf auf die Brust gesenkt, ganz in sich zusammengesunken... »Na, wird's nun bald?« rief Malicorne, Morel an der Achsel packend, und suchte ihn zur Tur hin zu drangen. Die Kinder fingen an zu schreien, die Frau warf sich vor den beiden Mannern auf die Knie, und die blode Gro?mutter winselte in ihrem Winkel wie ein Hund ... Da sollte eine schaurige Episode die Szene noch schauriger machen ... »Mutter, Mutter!« rief das alteste der Madchen, das bei ihrem kranken Schwesterchen auf dem Strohsacke kauerte, »unsre Adele starrt mich in einem fort an, und mir kommt's ganz so vor, als ob sie gar nicht mehr atmete!«

Das Schwesterchen, das an der Schwindsucht litt, war sanft entschlafen, ohne einen Laut der Klage, das Auge auf die Mutter gerichtet. Morel fuhr aus seinem Stumpfsinn auf, war mit einem Satze neben dem Strohsacke und hob sein vierjahriges Kind in die Hohe ... Es war tot. Kalte und Hunger hatten sein Ende beschleunigt. Die schwachlichen Glieder waren schon kalt und starr.

Sechstes Kapitel.

Luise.

Morels Verstand schien unter all den harten Schlagen wanken zu wollen. Die Frau rief nach dem Kinde ... »Ja doch, ja doch,« antwortete der Mann, »eins nach dem andern, Mutter! sie kommen alle an die Reihe!« Die Hande vor das Gesicht schlagend, fing er laut an zu jammern, wahrend seine Frau die kleine Leiche in das Stroh ihren Lagerstatt legte. Die andern Kinder weinten bitterlich.

Einen Augenblick hatte dies unsagliche Elend auch die beiden Gerichtsbeamten mitleidig gestimmt; doch dauerte die Empfindung nicht lange, und Malicorne forderte den armen Steinschleifer von neuem auf, sich zu dem Gange fertig zu machen, indem er sagte: »Na ja, das Kind mu?te nun auch nicht gerade jetzt sterben, aber was kanns helfen? Sterben mussen wir doch einmal alle, der eine wird fruher abkommandiert als der andere, einer schon in seiner Jugend, andere erst im hohen Alter. Dagegen gibts nun mal keinerlei Kraut! – Aber jetzt marsch weiter! Wir haben, noch jemand anders abzuholen, an Arbeit fehlt's fur uns nicht, und wenn ich nicht sehr irre, so bekommen Sie unterwegs noch recht gute Gesellschaft.« Morel horte nichts von diesen Worten, sondern stand, in finsteres Sinnen vertieft, mit dem toten Kinde auf den Armen da... »Der Mensch verliert schlie?lich noch seinen Verstand,« meinte Bourdin zu seinem Kameraden; »sieh doch nur, was fur Augen er macht! Man konnte sich schier vor ihm furchten.« – »Aber wir mussen doch einmal zu Rande kommen,« sagte Malicorne, »die Spesen zahlt halt der Glaubiger, denn hier ist ja nichts zu holen ... Also, Mann,« wandte er sich wieder zu Morel, ihm auf die Achsel klopfend, »Zeit zu warten haben wir nicht mehr; machen Sie sich zum Mitgehen fertig und zwingen Sie uns nicht erst zu Gewaltma?regeln, was ja doch keinen Zweck hatte.« –

Da trat ein junges, niedliches Madchen in die Dachstube ... »Was sagen Sie?« fragte sie die beiden Manner, »ins Gefangnis sollen Sie, Herr Morel?« – »Ach, liebes Fraulein,« rief eines von den Kindern, »helfen Sie doch dem Vater!« – Und ein anderes Kind rief: »Ach, liebes Fraulein, die kleine Adele ist tot!«

»O, uber all den Jammer!« wehklagte Lachtaube; und ihre Augen fullten sich mit Tranen ... »wie soll da ich helfen? Ich bin doch auch nur ein armes Ding!« – »Ja, wir konnen's auch nicht andern,« sagte Malicorne hohnisch, »wenn kein Geld da ist und keins geschafft werden kann, dann hilfts eben nicht; dann mu? der Mann mit!«

Morel hatte auf einen Augenblick das Bewu?tsein seiner Lage wiedergefunden ... »Ich darf die Diamanten nicht hier zurucklassen,« sagte er, auf die auf dem Tische herumliegenden Steine zeigend, »denn meine Frau ist nicht mehr recht bei sich, und die Person, die mir die Arbeiten vermittelt, wollte heute herkommen und sie abholen. Die Steine haben doch keinen geringen Wert!«

»Schon,« sagte der Lahme wieder, »das will ich der Eule stecken!«

Malicorne sagte zu Morel, er moge doch die Steine mitnehmen, in Clichy lagen sie doch so sicher wie auf der Bank. »Doch nun geschwind! Wir wollen still hinausgehen, damit die Frau nichts merkt!« Morel nahm einen Moment wahr, in welchem Frau und Kinder sich mit der kleinen Leiche befa?ten, und verlie? vorsichtig die Stube. Kaum aber war er auf die Treppe getreten, so horte er die Stimme seiner altesten Tochter ... »Vater, Vater! Gott sei Dank, ich komme noch gerade zurecht!« rief Luise und sturmte die Treppe hinauf... Eine rauhe Stimme von unten rief: »Keine Bange, Kind!« – und sie gehorte niemand, als Frau Pipelet, die mit Luisen hergerannt war, aber fast keinen Atem mehr hatte, »keine Bange! Ich stelle mich vorm Hause mit meinem Manne auf, und lasse niemand heraus, ehe Sie Ihre Sache ausgerichtet haben.« »Bist du es wirklich, Luise?« rief Morel, wahrend ihm Tranen in die Augen traten; »aber was fehlt dir? Du siehst ja schrecklich bleich aus!« – »Mir fehlt nichts,« versetzte Luise, stotternd; »ich bin nur so schnell gerannt ... Da ist das Geld, Vater, du bist frei! La? die Menschen laufen!« Und sie ubergab Malicorne eine Rolle mit Goldstucken.

»Wo hast du das Geld her, Luise?« fragte Morel, dem Madchen angstvoll in die Augen starrend. –

Unterdessen zahlte Malicorne nach ... »Ja,« sagte er. »es stimmt. Der Stamm ware in der Ordnung. Aber wie stehts mit den Kosten und Zinsen? Das macht noch beinahe ebensoviel!« – »Aber, Vater, es waren doch blo? 1300 Franks, die du an Ferrand zu bezahlen hattest? Nicht wahr?« fragte Luise, voll lebhafter Besturzung zu dem Vater aufschauend. – »Ganz recht, aber Kosten und Zinsen machen auch beinahe 200 Franks aus!«

»Ach du lieber Gott!« klagte Luise, »daran habe ich nicht gedacht! Ich bezahle den Rest spater, lieber Herr, rechnen Sie, was ich jetzt bezahlt habe, auf Abschlag! Bitte, bitte!« – »Auf so etwas durfen wir uns nicht einlassen, liebes Fraulein. Das ware wider die Instruktion. Wenn Sie die 200 Franks zusammenhaben, kommen Sie damit nach Clichy. Dann werden die Leute dort Ihren Vater schon freilassen; aber – vergessen Sie dann auch nicht, da? Sie das Geld noch fur Unterhalt Ihres Vaters zu bezahlen haben. Der Tag wird mit 4 Franks gerechnet.«

Luise bettelte um Nachsicht ... »Na, da haben wirs!« rief Malicorne, »nun geht das Gewinsel von frischem an! Das kriegt man aber satt!« – Und zu Morel sich wendend, sagte er: »Marsch nun! Und wenn Sie sich noch immer dagegen sperren, so nehme ich Sie am Kragen und zerre Sie die Treppe hinunter.«

»Ach, lieber Gott!« klagte Luise, »und ich dachte, ihn gerettet zu haben!«

»Nein!« rief Morel verzweifelt, »es gibt keinen Gott! Mogen die Pfaffen reden, was sie wollen!« und er stampfte wild mit dem Fu?e ... »Und doch gibts einen gerechten Gott!« sagte eine Stimme, die von der andern Seite des Daches her klang, »der sich der rechtschaffenen Menschen immer annimmt, wenn sie in unverschuldeter Not sind ...« – Und Rudolf trat in die Tur, blassen Angesichts und tief ergriffen...

Die beiden Buttel traten unwillkurlich einen Schritt zuruck, als sie den fremden Mann erblickten. Auch Morel und seine Tochter waren au?er sich vor Besturzung ... Rudolf nahm ein paar Bankscheine aus seiner Brieftasche und behandigte sie Malicorne mit den Worten: »Da haben Sie, was Stamm, Zinsen und Kosten zusammen betragen. Geben Sie dem armen Madchen die Goldstucke wieder, die sie Ihnen bezahlt hat.«

Der Buttel nahm das Geld, beguckte es von allen Seiten, ehe er es einsteckte, fa?te dann Rudolf mit inquisitorischem Blicke ins Auge und fragte, ob er auch mit vollem Recht uber soviel Geld verfugen durfe... Rudolf war schlicht gekleidet, auch durch sein Verweilen mit Pipelet in der Dachstube mit Staub bedeckt ...

»Hast du nicht verstanden,« versetzte Rudolf schroff, »da? du dem Madchen das Geld wiedergeben sollst?« und als der Mann keine Anstalten dazu machte, packte er ihn so fest am Handgelenk, da? er auf die Knie niedersturzte und zu winseln anfing. – Kaum aber hatte ihn Rudolf losgelassen, so trat er zornig auf ihn zu und fragte, wie Rudolf dazu komme, ihn mit du anzureden? – Rudolf drohte, ihn wieder zu packen... Da zauderte aber Malicorne nicht langer, sondern gab Luisen das Geld zuruck und rannte, da er Stamm, Zinsen und Kosten durch Rudolf bekommen, die Treppe hinunter und aus dem Hause heraus.

Siebentes Kapitel.

Lachtaubchen

Des Steinschneiders Tochter Luise war ein Madchen von auffallender Schonheit, eine gro?e, schlanke Erscheinung, in der Regelma?igkeit der Zuge der Juno, in der Zierlichkeit der Gestalt der Diana vergleichbar. Der gebraunte Teint, wie auch die durch Arbeit angegriffenen Hande und ihr schlichtes Kleid taten dem schonen Gesamteindruck, den sie machte, keinen Abbruch. Sie war zwar heute recht bleich und auch sichtlich bekummert, trotzdem ihr Vater aus den Handen der Schergen, die ihn ins Gefangnis hatten fuhren wollen, befreit worden war; es fiel wohl beides aber niemand au?er Rudolf auf, der den Vater in den Vorsaal hinausgezogen hatte und aus

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