schaden?« wiederholte die Frau verbittert, »das ware ja nur gut, denn um so schneller gehts zu Ende und befreit dich von meiner Last. Es bleiben dir dann blo? die Kinder noch, denn die Mutter kanns ja doch auch nicht mehr lange machen.«
»Wozu solche Worte, Magdalene?« erwiderte Morel dumpf, »ich verdiene sie doch wahrlich nicht! Was ich wohl erwarten darf, ist, da? du mir keinen Schmerz bereitest. La? mich doch nicht auch noch den Kopf verlieren! Was soll denn aus euch werden, wenn ich nicht mehr sollte arbeiten konnen? Ware ich fur mich allein, dann machte ich mir keine Sorge, sondern lieber allem ein Ende.« – »Wie kann ich einem so guten Manne, wie dir, noch harte Worte sagen?« – »Du bist ja krank, Frau, und das macht dich verdrossen. Sage mir alles, was du willst, blo? nicht, da? ich von dir erlost sein wolle.« – »Aber wozu nutze ich dir, lieber Mann?« – »Lassen wir all die Betrachtungen, Frau,« antwortete Morel, »ich will suchen, mich fur die Kinder zu erhalten; da, trink, aber nimm nur kleine Schlucke, denn das Wasser ist noch sehr kalt.«
Die Frau nahm die Tasse und trank sie gierig auf einen Zug aus ... »Ja, Morel,« sagte sie, »du hast recht. da? Wasser ist recht kalt, recht kalt!« – »Ich habe es dir ja gesagt, du bist krank, Frau ...« – Der Mann zog die Jacke aus und deckte sie der Frau noch auf die Fu?e. Nun stand er nackt und blo? da, denn er hatte kein Hemd auf dem Leibe ... »Mann,« sagte die Frau, »du wirst dich erkalten.« – »Nicht doch,« sagte er, »frierts mich, dann ziehe ich die Jacke eben wieder an.« – »Mann, Mann!« wehklagte die Frau, »warum sind wir nur so tief unglucklich und bitterarm? Womit haben wir das verdient?« – »La? nur gut sein, Frau,« erwiderte er, »es hat ein jedes seine Not und Plage, die Hohen sowohl als die Niedrigen ...« – »Die gute Mamsell Lachtaube,« wehklagte die Frau, »die schon so oft bei uns gewacht hat, hat gestern zwei Kinder mit zu sich hinuber zum Essen genommen.« – »Das gute, liebe Ding!« rief der Mann, »ja, auch sie kennt die Not, und wie ich immer sage: Wenn nur die reichen Leute wu?ten!« – »Was es nur mit der Dame gestern fur ein Bewenden hatte, Mann?« fragte die Frau matt. »Sie kam doch so verstort und erschrocken herein. Wozu hat sie gefragt, ob es uns an etwas fehle, wenn sie sich nicht um uns kummert? Sie mu? es doch gesehen haben, woran es uns fehlt! An allem, dachte ich, und doch hat sie nichts von sich horen lassen!« – »Sie sah ja so sanft und lieb aus, wenn sie auch recht aufgeregt war, und kommt doch vielleicht noch wieder.« – »Sage mal, Mann, wann wollte die Mathieu die Steine wieder abholen?« – »Heute morgen. Sie hat mir zehn Rheinkiesel zu schleifen gegeben, die sie fur echt ausgeben will, und auf die ich deshalb besondere Sorgfalt verwenden mu?. Juwelier Baudouin ist von einer Herzogin mit dem Verkauf ihrer Brillanten betraut worden und will sich mit unechten Steinen behelfen. Die Mathieu besorgt doch fur Baudouin alle diese Geschafte und la?t noch bei vier andern schleifen. Naturlich braucht er auch Zeit, die falschen Steine zu fassen.« – »Und wieviel Geld wirst du heute von der Mathieu bekommen?« – »Gar keins, denn ich habe ja schon 120 Franks auf die Arbeit voraus.« – »Wir haben aber seit gestern schon keinen Pfennig mehr.« – »Ich wei? es wohl,« sagte Morel traurig. – »Und was soll nun werden?« – »Ja, das wei? der liebe Gott!« – »Und die Burette gibt wohl auch nichts mehr?« fragte die Frau. – »Die Burette?« sagte der Mann, »ach, geh doch! Worauf soll sie noch etwas geben? Sind nicht schon alle Habseligkeiten bei ihr versetzt? ... Sie mu?te gerade die Kinder als Pfand nehmen!« rief er verbittert. – »Was soll denn aber werden?« fragte die Frau; »mochtest du nicht noch einmal an den Notar Ferrand dich wenden? Vielleicht hilft er uns?« – »Kein Wort von ihm!« rief Morel, »lieber gehe ich in den Tod!«
Das sonst so milde Gesicht des Steinschneiders zeigte bei diesen Worten einen grimmigen Ausdruck und farbte sich mit leichtem Rot. Schnell war er auf den Beinen und ging in der Stube auf und nieder ... »Frau,« rief er, »ich bin kein schlechter Kerl, aber diesem Ferrand wunsche ich alles Bose wieder, das er mir getan hat!« – »Was aber soll werden, wenn er dich wegen des Wechsels von 1300 Frks., der doch schon seit einem Vierteljahre verfallen ist, ins Gefangnis sperren la?t? Halt er dich nicht wie einen Vogel am Faden? Ich kann ihn auch nicht ausstehen, den Menschen; da wir aber einmal von ihm abhangen, so mussen wir uns schon drein finden ...«
»Da? er unsre Tochter entehrt? Nicht wahr? Darauf willst du hinaus?« rief Morel mit bitterer Ironie; »ach! meine armen Kinder! meine liebe, schone Luise! Ware sie nicht so schon, dann ware ich weniger unglucklich, dann hatte der Mann sich nicht bereit finden lassen, mir den Betrag zu leihen! Ich bin ehrlich und flei?ig und Baudouin hatte mich mit dem Gelde nicht gedrangt, sondern es mir ratenweis abgezogen; ich hatte mein Kind nicht in Gefahr zu setzen brauchen bei diesem Ungeheuer!« – »Ach, du siehst gleich wieder zu schwarz. Wenn ihr auch der Notar nachstellt, so bleibt doch unsre Luise ein rechtschaffenes und braves Madchen!« – »Ja, das ist sie, und flei?ig ist sie auch. Habe ich es dir nicht oft genug gesagt, da? es mir schrecklich schwer wurde, sie in Dienst gehen zu lassen, als mich das Malheur traf, den einen Diamanten zu verlieren? Uns ware sie doch die gro?te Freude gewesen, aber seit sie fort ist, hat uns unser Gluck verlassen!«
»Und wenn man denkt, da? einer von den Diamanten, die dort auf deiner Bank liegen, ausreichte, die Wechselschuld zu tilgen und unser Kind von dem Notar weg und wieder zu uns zu nehmen!« sagte die Frau langsam. – »Was nutzt es, das immer und immer zu wiederholen? Freilich, wenn ich ein reicher Mann ware! Aber so mussen wir uns in unser Schicksal fugen,« setzte er mit schmerzlicher Ungeduld hinzu. Da wurde stark an die Tur geklopft, Morel stand verwundert auf und machte die Tur auf. Zwei Manner traten ein: einer war ein magerer, gro?er Mann mit gewohnlichem, stark mit Finnen bedecktem Gesicht, der in der Hand einen schweren Knotenstock hielt. Der abgeschabte schwarze Samtkragen des langen, bis oben zugeknopften, mit Schmutz bespritzten grunen Rockes lie? einen langen, roten, dichtbehaarten Hals sehen. Der andre war kleiner, dick und untersetzt, hatte ein gemeines Gesicht, war aber mit barockem Luxus gekleidet: das Hemd von zweifelhafter Wei?e wurde durch Brillantenknopfe gehalten und auf der verschossenen schottischen Weste, die von einem gelblichen Ueberrock verdeckt wurde, hing eine lange goldene Kette.
»Pfui Teufel,« rief der erstgeschilderte der beiden Manner Malicorne hie?, »stinkt's aber hier nach armen Leuten!«
Durch die halboffne Tur guckte das hamische Gesicht des lahmen Jungen, der die beiden Manner die Treppe hinaufgefuhrt hatte und jetzt lauschte und spionierte.
»Was wunschen Sie hier?« fragte Morel, der sich rasch die Jacke wieder angezogen hatte; uber die Grobheit der Manner emport, wollte er ihnen die Tur weisen, da fragte Bourdin, der letzteingetretene der beiden, seinen Ueberrock aufknopfend und mit seiner goldnen Kette spielend: »Sie sind wohl der Steinschneider Morel?« – »Jawohl.« – »Na, Kamerad,« sagte Malicorne, der andere der beiden, »da werden wir wohl kaum was finden! Denn ware was da, da ware der Vogel doch gewi? ausgeflogen, wie Musje Saint-Remy, von dem wir eben kommen.« – »Stimmt, Bourdin, Ungeziefer, wie das hier, klebt immer am Loche.«
»Jesus!« rief Magdalene, »nimm doch deine Steine in acht, Morel! Wer wei? denn, was das fur Leute sind! Dann konntest du wieder dafur aufkommen.« – Morel trat an seinen Arbeitstisch und breitete beide Hande, wie schutzend, uber die Steine, die er in Arbeit hatte. Der lahme Junge sah das von der Tur aus und dachte bei sich: »Seh einer an! Wenn Morel, wie es immer hei?t, blo? falsche Steine schliffe, dann hielte er doch die Hande nicht so druber! Wahrscheinlich hei?t's blo? immer so, damit keiner Lust zum Mausen bekommt. Warte, Kujon! Das stecke ich der Eule!«
Morel trat auf die beiden Manner zu und drohte ihnen, wenn sie nicht gleich wieder gingen, mit der Wache. – Die beiden lachten hell auf. Dann sagte Malicorne: »Wache? Na, mein guter Herr, das kommt uns zu, nicht aber Euch, damit zu drohen ... Seht doch her, was wir Euch hier zu prasentieren haben. Bezahlt mal das Wechselchen, sonst marschiert Ihr mit nach Clichy, versteht Ihr?«
Morel fuhr entsetzt auf ... »Was? Ich ins Gefangnis?« rief er, »wer la?t mich denn einstecken? Ich habe nichts verbrochen.« – »Aber bezahlt habt Ihr dem Glaubiger nicht, was Ihr ihm schuldig seid!« sagte Bourdin. »hier habt Ihr das gerichtliche Urteil! Dem Notar sollt Ihr bei Vorzeigung dieses 1300 Franks nebst Zinsen vom Verfalltage ab und den durch die Klage entstandenen Kosten zahlen, widrigenfalls Ihr ins Schuldgefangnis wandert. Da steht's, Urteil vom 13. September dieses Jahres, wider Euch gefallt vom Pariser Handelsgericht und bestatigt vom Appellgericht.«
»Und Luise? Luise?« rief Morel, fast von Sinnen, »wo ist sie? Ist sie denn aus Ferrands Hause? Sonst lie?e er mich doch nicht ins Gefangnis fuhren! Jesus! Was mag aus unserm Kinde geworden sein?« – »Na, marsch, wenn Ihr nicht bezahlen konnt!« rief Malicorne grob, »aus diesem Loche sehnt sich jeder, der noch riechen kann! Hier ist's ja, wie verpestet!«
Morel horte kein Wort von dem, was gesprochen wurde; plotzlich aber trat ein Ausdruck heller Freude auf sein Gesicht ... »O, gewi? hat Luise dem Notar den Dienst aufgekundigt. Nun, so kann ich leichten Herzens ins Gefangnis wandern! Aber,« setzte er hinzu, »wer wird meine Frau und meine Kinder ernahren? Im Gefangnis werde ich doch keine Steine schleifen durfen. Man wird denken, ich sei wegen liederlichen Wandels eingesperrt worden ... Will denn dieser Mensch den Tod der Meinigen? Will er unser aller Tod?«
Der Schlag, der Morel drohte, war so schrecklich, so unvermutet, da? ihn die Krafte zu verlassen drohten. Er
