das Madchen seinen Garten zu nennen, denn im Sommer zog sie allerhand hubsche Blumchen darin.

Als Rudolf jetzt eine Bewegung machte, drehte sich Lachtaubchen um, tat aber gar nicht verwundert, sondern, rief ihm, ohne ihre Stellung zu verandern, munter zu: »Ei, Sie da, Herr Nachbar?« – Aber im Nu verschwand der niedliche Fu? unter den weiten Falten des braunen Kleides. – »Sie sind wohl hereingeschlichen?« fragte sie schelmisch. – »Sie haben mich nicht kommen horen. Ich bin hereingekommen wie jeder andere Mensch, war aber vor Staunen uber die saubere, niedliche Einrichtung so verdutzt, da? ich eine Weile ganz sprachlos war. Die Gardinen sind doch gar zu schmuck! Und die Kommode sieht aus, wie wenn sie aus Mahagoni ware, so blank ... Es hat Sie viel Geld kosten mussen.«

»Reden wir nicht weiter davon. Als ich aus dem Gefangnisse herauskam, hatte ich 450 Franks in meinem Besitze, aber fast alles ist wieder floten gegangen.« – »Was reden Sie von Gefangnis? Sie haben doch nicht schon gesessen?« fragte Rudolf. – »Ach! Das ist eine gar verwickelte Sache. Es passierte, als ich kaum zehn Jahre alt gewesen war.« – »Wer hatte bis dahin fur Sie gesorgt?« – »O, ein paar recht brave alte Leute. Aber sie starben an der Cholera. Ich wu?te da nicht, was ich anfangen sollte, und so ging ich auf die unserm Hause gegenuber liegende Wache und sagte zu dem schildernden Posten: Ach, lieber Herr Soldat, mir sind die Eltern gestorben, und ich wei? nicht, wohin ich mich wenden soll. Da kam ein Offizier herbei und lie? mich zur Polizei abfuhren, und er hatte nichts Eiligeres zu tun, als mich ins Stockhaus unter dem Vorgeben zu stecken, ich sei eine Landstreicherin. Herausgelassen wurde ich erst wieder, als ich das sechzehnte Jahr vollendet hatte.«

»Und Ihre Eltern?« – »Wer mein Vater gewesen, wei? ich nicht. Als ich die Mutter verlor, war ich sechs Jahre alt; sie hatte mich aus dem Findelhause zu sich genommen, nachdem sie mich zuerst dorthin hatte geben mussen. Die braven Leute, von denen ich spreche, wohnten in unserm Hause, waren kinderlos und nahmen sich meiner an, als sie horten, da? ich die Mutter auch verloren hatte.« – »Was waren es denn fur Leute?« fragte Rudolf; »ich meine, ihrem Stande nach.« – »Der Mann war Maurer, die Frau verdiente sich durch Sticken ihr Nadelgeld.« – »Und Sie hatten es gut bei ihnen?« – »Ach, sie lie?en mir allen Willen, freuten sich, wenn ich recht lustig und vergnugt war, und an Lustigkeit hat es mir auch nicht gefehlt.« – »Daher wohl der Kosename, den Sie fuhren?« fragte Rudolf. – »Ganz recht, der Name ruhrt von meinem Pflegemutterchen her und ist mir auch geblieben. Es waren wirklich recht gute Leute, meine Pflegeeltern, lieber Herr Rudolf, und wenn ich auf sie mich besinne, konnte ich des Erzahlens manchmal kein Ende finden. Aber jetzt will ich nur schnell den Schal vom Bette nehmen und um die Taille stecken, denn wir mussen gehen. Ehe wir alles fur Morels gekauft haben werden, was sie brauchen konnen, wird geraume Zeit vergehen.«

»Wir wollen im Vorbeigehen bei Pipelets mit vorsprechen, damit sie wissen, was mit den Sachen geschehen soll, wenn sie hergebracht werden,« sagte Rudolf: »es mu? naturlich alles in meine Wohnung geschafft werden, in die Morels ja vorlaufig ziehen sollen.« –

Als sie wieder aus der Pfortnerstube traten, um sich auf den Weg nach einem Kaufhause zu machen, kam ein Mensch in Sicht, so dicht in einen Mantel gehullt, da? man kaum die Augen sehen konnte, und fragte, ohne bis an die Tur der Pfortnerstube zu treten, ob Frau Burette zu Hause sei. – »Sie kommen doch nicht etwa aus Saint- Denis?« fragte Pipelet, ein pfiffiges Gesicht schneidend. – »Jawohl,« gab der Mann zur Antwort. »Ein Viertel auf zwei.« – »Na, dann gehen Sie dreist hinauf,« erwiderte auf die wunderliche Antwort der Pfortner, der noch immer das pfiffige Lacheln zeigte. – Der Mann war schnell auf der Treppe verschwunden. –

»Was hat das zu bedeuten?« fragte Rudolf. – »Hm, bei der Burette oben geht wohl was Besonderes vor; es bleibt in einem Hin- und Herrennen, und heute fruh hat sie zu mir gesagt: ich solle alle, die aus Saint-Denis kamen und sagten, »jawohl; ein Viertel auf zwei«, ohne Umstande zu ihr hinauf lassen, sonst aber niemand.« – »Das nimmt sich ja gerade so aus wie ein Losungswort,« meinte Rudolf. – »Ganz recht; drum habe ich auch bei mir gedacht: es musse was oben im Gange sein. Heut nacht ist ubrigens der kleine Lahme, der beim Herrn Bradamanti im Dienst ist, in der zweiten Stunde mit dem Weibe, das den Spitznamen Eule hat, hergekommen. Die Eule ist bis gegen vier Uhr dageblieben, dann im Fiaker, der vorm Hause solange gewartet hat, weggefahren. Wohin, wei? ich nicht, und was sie hier gewollt hat, auch nicht. Aber ich denke, sie wird wieder herkommen, denn die Burette hat mir gesagt, die Eule konne ich ohne weiteres hinauf lassen, auch wenn sie das Losungswort nicht sagen sollte.«

Rudolf dachte sogleich, da sei doch wieder eine neue Missetat im Gange, hatte jedoch nicht die geringste Ahnung, da? sie ihn so nahe angehen sollte. – Drum sagte er jetzt zu der Pfortnerin: »Nun, liebe Frau, Sie vergessen doch nicht, was ich Ihnen uber die Morels gesagt habe? Sie sorgen fur eine kraftige Suppe und lassen fur die Familie Essen aus dem nachsten Gasthause holen? Nicht wahr?«

Die Frau versprach es, Rudolf reichte dem Madchen den Arm und verlie? mit ihr Haus und Stra?e.

Achtes Kapitel.

Ein seltsamer Fund.

Auf den Schnee, der in der Nacht gefallen war, hatte sich eine empfindliche Kalte eingestellt. Das Pflaster der Stra?e war fast ganz getrocknet. Das junge Paar schlug den Weg zu dem gro?en und wunderlichen Kaufhause ein, das schon damals unter dem Namen »Temple« in Paris bestand. Es stand ungefahr in der Mitte der Rue du Temple, unweit von einem Brunnen an der Ecke eines gro?en Platzes, und bildete ein unregelma?iges Parallelogramm, das mit einem Schieferdache gedeckt war und durch einen langen Gang, der es in der Mitte und Lange durchschnitt, in zwei ungefahr gleiche Halften geteilt wurde, die ihrerseits wieder von einer Menge kleiner Seiten- und Querga?chen nach allen Richtungen hin gequert, aber samtlich durch das Schieferdach vor eindringendem Regen geschutzt wurden. Von neuen Waren war in dem Kaufhause kein Stuck zu finden, sondern nur allerhand Altwaren, die von vielen in Kasten streng voneinander geschiedenen Trodlern verschlei?t wurden. Tuchreste, alte Schuhe, alte Stiefel, Herren- und Damenhute, Schnuren, Troddeln, Seide, Baumwolle, Zwirn und was sonst von den Frauen zu ihren Handarbeiten gebraucht wird, Herren- und Damen-, auch Kindergarderobe waren auf der einen Halfte, Wohn- und Wirtschaftsgerate, Betten, Matratzen, Vorhange, Ton- und Eisenware auf der andern Seite des Kaufhauses untergebracht.

Kaum hatte das Paar diesen Teil betreten, als es mit allerhand Angeboten sogleich uberschuttet wurde. Eine gutmutige, korpulente Verkauferin sprach sie als junges Ehepaar an. Das gefiel Rudolf, und er sagte zu seiner Begleiterin, da? sie bei Frau Bouvard – so lautete der Name, der auf dem Schilde des Verkaufsstandes stand– die notige Bettware einkaufen wollten. Lachtaube musterte die ausliegende Ware mit Kennerblicken ... Frau Bouvard merkte auf der Stelle, da? sie es mit keiner unerfahrenen Person zu tun hatte, und sagte: »Bitte, meine liebe Dame, hier habe ich einen wunderhubschen Gelegenheitskauf: zweimal uberzuziehen, ganz funkelnagelneu! Und dann sehen Sie sich doch mal den schonen Wascheschrank an: ich handle ja in der Regel nicht mit Mobeln, aber die Leute, von denen ich den Schrank habe, mu?ten ihn aus Not verkaufen, und die Frau mochte sich gerade von dem Schranke gar nicht trennen, der ein altes Erbstuck zu sein scheint.«

Rudolf betrachtete den alten Schrank aus Rosenholz jetzt aufmerksamer und gewahrte in der Mitte der mit verschiedenem Holz ausgelegten Klappe einen Namenszug, ein M und ein R mit einer Grafenkrone daruber. Hieraus schlo? er, da? der Schrank dereinst einem Gliede der vornehmen Welt gehort haben musse. Er musterte ihn aufmerksam, zog einen Kasten nach dem andern auf, bis er bei dem letzten sich durch ein zwischen geklemmtes Papier daran behindert sah. Muhsam gelang es ihm endlich, aber nicht wenig erstaunt war er, in dem Hinderungsgegenstande einen Brief folgenden Inhalts zu erkennen:

»Mein Herr! – Nur das allerschwerste Mi?geschick kann mich zu dem Schritte zwingen, den ich jetzt tue. Beim Tode meines Mannes fiel ein Vermogen von annahernd 800 000 Franks an mich, die durch meinen Bruder beim Notar Ferrand hinterlegt wurden. Ich hatte mich mit meiner einzigen Tochter nach Angers begeben. Dorthin sandte mein Bruder mir die Zinsen. Auf welche schreckliche Weise mein Bruder um das Leben kam, ist Ihnen bekannt. Er hatte sich durch unvorsichtige Spekulationen ruiniert und gab sich vor acht Monaten selbst den Tod. Kurz vorher schrieb er mir noch, da? er uber die beim Notar Ferrand hinterlegte Summe keine Quittung bekommen habe. Das sei nun einmal bei diesem Notar nicht Brauch, da er auf seinen ehrlichen Ruf sich stutze. Ich wurde, sagte mir der Bruder, nur bei dem Manne vorzusprechen brauchen, um alles Geld, was ich brauche, dort abzuheben. Es verging ein Jahr, ehe ich nach Paris kam und mich zu dem Notar verfugte. Sie konnen wohl denken, da? ich nun mit meinen Mitteln recht knapp war, denn wie schon gesagt, die bei Ferrand hinterlegte Summe bildete mein Gesamtvermogen, und andere Einkunfte hatte ich nicht. Es war indessen nicht fruher moglich gewesen, die Reise nach Paris zu unternehmen, und auf Briefe hatte der Notar mir nicht geantwortet. Sie konnen

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