Entsetzens auf Rudolf. – »Woher wissen Sie das?« stotterte sie. – »Aengstigen Sie sich nicht!« antwortete Rudolf; »ich war in der Pfortnerstube, als der Brief dort abgegeben wurde, und konnte ihn zufallig sehen.« – »Nun denn, Herr, ja! Ich habe dem Manne, der mir als ein Herr Bradamanti genannt worden war, geschrieben, ohne mich zu nennen, und ihn, da ich mich nicht zu ihm hingetraute, gebeten, ins Chateau d'Eau zu kommen. Ich hatte den Kopf verloren. In der Absicht, ihn um Rat zu fragen, ging ich nun aus Ferrands Hause, sah aber bald ein, da? ich auf gar schlimmen Wegen wandelte, und kehrte wieder um. Ferrand wu?te darum, da? ich den Gang machen wollte. Er glaubte, ich konne erst in zwei Stunden wieder da sein. Als ich an die kleine Gartenpforte kam, stand sie halb offen, was mich nicht wenig verwunderte, denn in der Regel wurde sie fest verschlossen gehalten. Ich ging hinein und trug den Schlussel in Ferrands Zimmer, wo er gewohnlich seinen Platz hatte. Es lag gerade vor der Schlafstube und im hintersten Teile des Hauses. Die laufenden Geschafte wurden immer vorn in der Kanzlei besorgt; hier hinten gab er solchen Leuten Gehor, die intimere Aufschlusse von ihm haben wollten. Gerade als ich den Schlussel auf den Tisch legte, ging die Schlafstubentur auf. Ich sah, da? in der andern Stube Licht brannte, und da? ein Mann bei Ferrand war. Kaum hatte mich dieser gesehen, als er mich an der Gurgel packte und mich schuttelte. Und dann horte ich ihn rasend vor Wut schreien: »He? Du spionierst? Warte, das will ich dir austreiben. Steh mir Rede, was du hier wolltest! Oder ich erwurge dich!« Er besann sich aber bald eines andern, jagte mich, ohne weiter etwas zu sagen, in die E?stube Zuruck und schlo? hinter mir die Tur ab.«

»Von einem Gesprache zwischen den beiden Mannern hatten Sie nichts gehort?« fragte Rudolf. – »Nicht das geringste. Hatte ich eine Ahnung davon gehabt, da? er jemand bei sich in dem Kabinett habe, ware es mir sicher nicht eingefallen, den Fu? uber die Schwelle zu setzen. Das durfte ja nicht einmal die Haushalterin. Am andern Tage verrichtete ich meine Arbeiten wie sonst, trotzdem ich recht krank und schwach war und beim Aufraumen ein paarmal mich einer Ohnmacht nahe fuhlte. Beim letzten Anfall ware ich schier umgefallen, wenn ich mich nicht an einem Mantel hatte festhalten konnen, der an einer Wand hing: es passierte mir dabei, da? ich ihn vom Nagel ri? und so unter ihn zu liegen kam, da? er mich fast verdeckte. Im selben Augenblick wurde die Glastur des Alkovens eingeklinkt, und ich horte Ferrands Stimme. Er sprach sehr laut: mir kam der Auftritt vom vorigen Abend in die Erinnerung; mich beschlich Angst vorm Tode, und ich getraute mich nicht zu ruhren. Er hatte mich wahrscheinlich darum nicht gesehen, weil der Mantel mich verdeckte. Aber wenn er mich gesehen hatte, dann hatte er doch sicher nicht geglaubt, da? hier ein Zufall obwalte. So hielt ich den Atem an und wurde Wider Willen Ohrenzeuge des Schlusses einer Unterredung, die sicher schon geraume Zeit gedauert hatte.«

»Und wer fuhrte die Unterredung mit Ferrand?« fragte Rudolf. – »Ich kann es nicht sagen. Kannte ich doch nicht einmal die Stimme des Menschen, der bei Ferrand war. Ich habe nur das Folgende gehort: »Nichts kann einfacher sein,« sagte die unbekannte Stimme, »durch einen Schmuggler oder doch Steuerhinterzieher namens Rotarm bin ich der eben besprochenen Affare halber mit Leuten zusammengebracht worden, die auf einer kleinen Insel unfern von Asnieres hausen und Flu?rauberei treiben. Vater und Gro?vater sind hingerichtet worden; die Mutter lebt aber noch mit drei Jungen und zwei Madchen im Lande, und von ihnen sticht eins das andere an Schlechtigkeit aus, die fur Geld zu allen Schandtaten zu haben sind. Um was handelt es sich aber denn? Den kleinen Irrwisch von Frauenzimmer – der Ihnen den Kopf so dick macht – werden die Martials – so hei?en die braven Leute – bald um die Ecke gebracht haben, und schwemmt die Krote am Ufer an, nun, dann ist sie eben selbst ins Wasser gegangen. Dafur sorgen schon ein paar Trankchen, die ihr rechtzeitig beigebracht werden. Drau?en auf dem Dorfe macht man sich mit einer Leiche nicht viel Schererei. In Paris ists ja was anderes. Da sieht man scharfer hin ... Aber wann gedenken Sie Ihre kleine Krote nach Asnieres hinaus zu spedieren? Ich mu? doch Martials von der Rolle in Kenntnis setzen, die sie bei der Affare spielen sollen.«

»Die Mamsell kann schon morgen dort sein,« versetzte Ferrand, »ich werde ihr weismachen, da? Dr. Vincent sie besuchen soll.« – »Der Name verrichtets ebensogut wie jeder andere,« erwiderte der Unbekannte, »ich habe also nichts dagegen einzuwenden.« – Darauf horte ich, wie Stuhle geruckt wurden; Ferrand sagte noch zu dem Menschen, er verlange von ihm, da? er reinen Mund halte; worauf der Unbekannte sagte, Ferrand hatte ihn, und er Ferrand in den Handen; sie konnten einander also immer von Nutzen, aber wohl kaum von Nachteil oder gar zum Schaden sein ... Zwei Stunden spater holte mich Frau Seraphim – die Haushalterin – aus meiner Kammer, in die ich mich kranker als vordem zuruckgezogen hatte ... »Der Herr will mit Ihnen sprechen« sagte sie. – »Gleich?« fragte ich erschrocken, denn mir war es zumute, als sei die Unterhaltung der beiden Manner um meinetwillen gefuhrt worden. – »Jawohl,« versetzte Frau Seraphim, »und was Sie von ihm horen werden, wird Ihnen geschwind wieder die Farbe ins Gesicht bringen.«

Ferrand war wieder in seinem Kabinett... »Es scheint nicht zu best mit Ihnen zu stehen,« sagte er. Ich war verwundert, da? er mich nicht, wie bisher, du nannte. – »Das ist aber weiter nicht zu verwundern,« nahm er wieder das Wort, »das hangt mit Ihrem Zustande zusammen und ruhrt wesentlich von dem Bestreben her, Ihren Zustand zu verheimlichen ... Aber,« setzte er hinzu in freundlicherem Tone, »Sie tun mir leid, denn nach ein paar Tagen werden Sie Ihren Zustand vor niemand mehr verbergen konnen. Ueber mein Haus muhte so etwas naturlich Schande bringen, und uber Ihre Familie herbes Ungluck. Es ist also fur Sie und alle ubrigen das beste, wenn Sie auf einige Zeit verschwinden. Darum habe ich mir vorgenommen, Sie auf ein Vierteljahr aufs Land hinaus zu bringen. Ich kenne unfern von Asnieres Leute mit Namen Martial. Dort werden Sie aufgehoben sein wie ein Kind vom Hause. Aerztlichen Beistand kann Ihnen ein mir befreundeter Arzt leisten, der Doktor Vincent ... Sie sehen also, da? ich es nur gut mit Ihnen meine.«

»Ein ganz schandliches Komplott!« rief Rudolf emport aus; »jetzt wird mir alles verstandlich; Ferrand dachte, Sie hatten am Abend vorher ein fur ihn bedeutsames Geheimnis erlauscht und wollte Sie aus dem Wege schaffen.« –

»Mir war es entsetzlich zumute; ich konnte nicht antworten, sah aber den Mann, der wie ein Teufel vor mir stand, eine Weile lang an, bis er mich fragte: »Nun, verstehen Sie mich nicht?« – »O ja,« erwiderte ich, am ganzen Leibe zitternd, »aber ich ginge lieber nicht aufs Land.« – »Was?« rief Ferrand, noch immer sich den Zorn verhaltend, »du schlagst meine Gute in den Wind?« – Ich konnte weiter nichts sagen, sondern sah ihn nach wie vor stumm und starr an. – »Aber deiner Familie Schande zu machen, scheust du dich nicht?« schrie er; »ich sage dir kurz und bundig: entweder gehst du morgen zu den Leuten, die ich dir nannte, oder du sagst deinem Vater, ich hatte dich aus dem Hause gewiesen und er musse ins Gefangnis wandern.« – »Frau Seraphim war, als sie die laute Stimme ihres Herrn horte, herbeigerannt, und mit ihrer Hilfe gelangte ich in meine Kammer, wo ich unter gro?en Schmerzen bis gegen ein Uhr fruh auf meinem Bette lag. Da stellten sich die ersten Wehen ein, und ich wu?te, da? ich das Kind, das ich unter meinem Herzen trug, vor der Zeit zur Welt bringen wurde.«

»Aber warum haben Sie nicht um Hilfe gerufen?« fragte Rudolf. – »Ich wagte es nicht,« antwortete Luise, »und das sollte mir zum Ungluck werden, denn statt dessen erstickte ich mein Geschrei, indem ich weinend vor Schmerz in das Bett bi?. Nun folgten qualvolle Augenblicke, bis ich endlich der Burde ledig war, die ich unter dem Herzen getragen hatte. Aber das Kind, dem ich das Leben geschenkt hatte, lebte nicht, sondern war tot; ohne Zweifel infolge seiner vorzeitigen Geburt.«

Luisens Stimme erstickte in Schluchzen. Morel hatte die Erzahlung seines Kindes mit dumpfer Gleichgultigkeit angehort. Erst Luisens Tranen losten ihm die Stimme ... »Sie weint, sie weint,« lallte er, »warum? warum?« Und nach kurzer Pause sprach er weiter: »Ach ja, ich wei?, ich wei? – Ferrand, der Notar, sprich nur weiter, nur weiter ... Du bist ja meine Tochter, meine arme Luise... ich habe dich nach wie vor lieb ... aber ich habe dich ja gar nicht mehr erkannt, mein Kind! Wie wird mir denn? Ach, mein Kopf! mein Kopf!«

»Ich druckte mein Kind an mich,« fuhr Luise fort, »freilich verwunderte es mich, da? ich es nicht atmen horte, aber ich dachte, kleine Kinder atmen wohl nicht laut. Dann aber fiel mir auf, da? es eiskalt war. Es war finster in der Stube. Licht konnte ich nicht machen. Ich suchte es zu erwarmen, ohne da? es mir gelang; ich dachte, die Kalte in meiner Kammer sei daran schuld; ich wartete, bis es hell geworden war, dann hielt ich mein Kind zum Lichte hin, und sah, da? es sich nicht ruhrte, fuhlte, da? es kalt und steif blieb ... ich legte ihm die Hand aufs Herz... es schlug nicht, sondern stand still, ganz still ...« Luise konnte die Tranen nicht langer zuruckhalten. Sie weinte bitterlich, und sie war lange Zeit nicht imstande, ein Wort zu sagen ... »In diesem Augenblicke,« sagte sie dann, »ging etwas Unbeschreibliches in mir vor. Verzweiflung, Schreck, Zorn ubermannten mich; ich furchtete, wenn man mein Kind tot neben mir fande, so wurde man mich beschuldigen, es umgebracht zu haben; und da uberkam mich der Gedanke, es zu verstecken; ich hoffte, meine Schande wurde der Welt dann verborgen bleiben, mein Vater wurde mir nicht mehr zurnen, und ich wurde auch Ferrands Rache entgehen, weil ich, meiner Burde ledig, mich ja nach einem andern Dienste umsehen konnte, der mir die Moglichkeit schufe, nach wie vor fur meine Eltern und Geschwister mitzusorgen. Diese Gedanken, Herr, waren es, die mich bestimmten, uber meine Niederkunft zu schweigen und den Leichnam meines Kindes zu verstecken. Als es Tag zu werden anfing, bin ich aufgewacht. Nun zogerte ich nicht langer, sondern nahm die Leiche, wickelte sie in ein Tuch und ging leise die

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