Treppe zum Garten hinunter. Dort wollte ich ein Loch in die Erde graben und die Leiche verscharren. Aber es hatte in der Nacht gefroren, die Erde war hart und steif; ich konnte, da es mir an Werkzeug gebrach, mit der Arbeit nicht vom Flecke kommen und versteckte die Leiche im Keller, wohin ja im Winter kein Mensch zu gehen pflegte, deckte einen Blumenkasten uber sie und schlich wieder in meine Stube hinauf, ohne von jemand gesehen worden zu sein. Wie ich bei meiner Schwache den Mut und die Kraft fand, das alles zu verrichten, kann ich mir noch jetzt nicht erklaren; aber in der neunten Stunde kam Frau Seraphim, um zu sehen, warum ich noch nicht aufgestanden sei; ich sagte ihr, da? ich mich zu krank fuhlte, um aufzustehen, und zu Bett bleiben mochte, aber am andern Tage aus dem Hause gehen werde, da Herr Ferrand mir den Dienst aufgekundigt habe.
»Nach einer Stunde etwa kam er selbst ... »Sie sind wieder kranker,« sagte er, »das kommt von Ihrem Eigensinne her. Hatten Sie meinem Rate gefolgt, dann konnten Sie heute schon bei den braven Leuten sein, die Ihnen Unterstand geben wollten. Heute abend wird der Doktor Vincent kommen.« – Mich schuttelte die Furcht; ich erklarte, es sei unrecht von mir gewesen, Herrn Ferrands freundliches Anerbieten auszuschlagen, ich wolle es jetzt aber annehmen, es sei also unnotig, den Arzt herkommen zu lassen. Ich sagte das aber nur, um Zeit zu gewinnen, denn mein Wille war, aus dem Hause und zu meinem Vater zu gehen, noch immer in der Hoffnung, da? alles verschwiegen bleiben werde.
»Ich verlie? nun den ganzen Tag das Bett nicht. In der Nacht, als alles im Hause schlief, fand ich Kraft, mich auf den Boden hinauf zu schleichen, um ein Beil zu holen. Damit grub ich ein Loch in die Erde, holte mein totes Kind, bettete es in den kleinen Blumenkasten und verscharrte es ... Ach! Wie schwer ist es mir geworden! Bittere Tranen habe ich vergossen. Endlich aber bin ich in meine Kammer zuruckgeschlichen und habe mich wieder in mein Bett gelegt. Heftiges Fieber befiel mich. Fruh am Morgen lie? Ferrand fragen, wie es mir gehe. Ich lie? ihm sagen, da? ich mich wohler befande und wohl am andern Tage die Fahrt aufs Land hinaus wurde machen konnen. Ich mu?te aber noch einen Tag langer im Bette bleiben, denn ich war noch immer sehr schwach, da? ich nicht gehen konnte. Am dritten Tage ging ich aber in die Kuche hinunter, blieb bis zum spaten Abend dort und ging dann in den Garten hinunter, um zu beten. Als ich wieder nach meinem Dachstubchen hinaufstieg, trat Herr Germain aus der Kanzlei, in der er bis dahin gearbeitet hatte; er sah sehr bleich aus, steckte mir aber schnell eine Geldrolle in die Hand und flusterte mir zu: »Da, nehmen Sie! Ihr Vater soll morgen in aller Fruhe wegen einer Wechselschuld von 1300 Franks verhaftet werden. Bringen Sie ihm das Geld morgen so zeitig wie moglich. Ich wei? erst seit heute, was ich von meinem Prinzipal zu halten habe; aber ich werde ihm die Maske vom Gesicht rei?en. Sie durfen jedoch niemand sagen, da? ich Ihnen das Geld gegeben habe.«
»Er lie? mir keine Zeit, ihm zu danken, sondern war sogleich wieder in der Kanzlei verschwunden ... Und nun,« schlo? Luise, erschopft und kaum noch imstande zu sprechen, aber in die Tasche greifend, aus der sie eine Rolle Goldstucke hervorlangte, »nun habe ich noch eine, wohl meine letzte Bitte: das Geld hier Herrn Franz Germain zuruckzugeben. Freilich hatte ich ihm versprochen, niemand zu sagen, da? er es mir gegeben, und da? er bei Ferrand angestellt sei: Sie haben es ja aber schon gewu?t, ehe ich es Ihnen sagte; ich begehe also keinen Vertrauensbruch, wenn ich Sie mit diesem Auftrage betraue – vor Gott, der mich hort, wiederhole ich feierlich, da? ich in allem die reine Wahrheit gesprochen habe, weder etwas hinzugetan, noch etwas davon genommen habe.« – Mit einem Male aber verfarbte sie sich, zeigte auf ihren Vater und schrie: »Jesus, Herr! Was geht mit meinem Vater vor?«
Der Steinschneider hatte den letzten Teil der Erzahlung seiner Tochter mit dusterer Gleichgultigkeit angehort; sein Verstand war schon langere Zeit erschuttert, jetzt schwankte er eine Zeitlang hin und her, flackerte noch ein paarmal auf, verdunkelte dann aber plotzlich ... Jetzt wu?te er nicht mehr, was um ihn her vorging, was neben ihm gesprochen wurde ... Luise trat zu ihm, von unsaglicher Angst erfullt, und rief ihn an ... Morel sah sich scheu und unstet um ... dann blickte er die Tochter an ... dann antwortete er mit sanfter, trauriger Stimme: »Ja doch, ja doch, der Notar ... Ferrand ... mu? 1300 Franks von mir bekommen ... ich bin sie ihm schuldig ... es ist der Blutpreis Luisens ... ich mu? arbeiten, arbeiten ... um ihn zu bezahlen ... um ihn zu bezahlen ...«
»Jesus, Jesus!« schrie Luise, »ist das ein Ungluck! Ist das ein Ungluck! Und wer ist daran schuld? Wer au?er mir!« – »Fassen Sie sich, Luise!« rief Rudolf, tief ergriffen, und wandte sich zu dem unglucklichen Vater: »Morel, Freund! Wir sind ja da ... Ihre Tochter ist ja doch bei Ihnen,; sie ist unschuldig, und ich will mit dafur sorgen, da? ihre Unschuld auch vor Gericht anerkannt wird!« Und wieder zu Luisen gewandt, wiederholte er: »Fassen Sie sich, Ihr Vater hat zuviel Schmerz gelitten, soviel Gram und Kummer kann kein Mensch ertragen; aber er wird wieder zu sich kommen, sein Verstand wird nicht fur immer umnachtet sein Seien Sie uberzeugt, da? Ihr Schicksal entscheidend sein wird fur die Entlarvung und Bestrafung eines gro?en Verbrechers!« Er hob die Hand zum Schwure ... »Das schwore ich vor Gott,« sprach er feierlich, »da? ich nicht eher ruhen will, als bis den Mann, dessen Verbrechen so klar zu Tage liegen, die Nemesis ereilt hat!«
Die Tur ging auf, und der Polizeikommissar trat ein.. »Es tut mir leid,« erklarte er, »Ihnen sagen zu mussen, da? die Zeit, die ich Ihnen fur die Unterredung bewilligen konnte, abgelaufen ist.« – »Wir sind zu Ende,« versetzte Rudolf, »Luise hat ihrem Vater« – dabei zeigte er mit tiefem Schmerze auf Morel – »nichts weiter zu sagen, denn er kann nicht mehr fassen, was sie ihm sagt; sein Verstand ist umnachtet.«
Zwei Stunden nach Luisens Verhaftung wurde der geisteskranke Steinschneider mit seiner geisteskranken Mutter auf Rudolfs Veranlassung nach dem Irrenhause Charenton gebracht. Seiner kranken Frau teilte Lachtaube mit aller erdenklichen Schonung die beiden schrecklichen Nachrichten von der Verhaftung ihrer Tochter wegen Kindesmordes und von dem Wahnsinn ihres Mannes mit. Zuerst weinte die Frau die bittersten Tranen; allmahlich fand sie aber Trost in der Wandlung, die ihre Verhaltnisse zufolge der Fursorge Rudolfs genommen hatten, und das wirkte so au?erordentlich wohltatig auf sie, da? sich ihr Krankheitszustand langsam bessern zu wollen schien.
Sechster Teil.
Erstes Kapitel.
Jakob Ferrand.
Zu der Zeit, da diese Erzahlung spielt, lief am einen Ende der Rue du Sentier noch eine lange, mit Kalk beworfene Mauer entlang, die Ferrands Garten eingrenzte und da an ein Gebaude stie?, das sich zur Stra?e hinwandte und nur ein Stock hoch war. Ein gro?es Tor, zu dessen beiden Seiten zwei gro?e Schilder von vergoldetem Kupfer, den Notariatssitz anzeigend, hingen, fuhrte zu einem bedeckten Gange hin. Rechts lag das Stubchen eines alten halbtauben Pfortners, der zur Schneiderzunft gehorte. Daneben fuhrte eine schmale, finstre Wendeltreppe zur Expedition hinauf, die, wie eine Inschrift unten besagte, im ersten Stockwerk zu suchen war. Nach dem Garten zu hatte das Haus nur vier Fenster, denn zwei waren vermauert. Der Garten war von Gebusch uberwuchert. Kein einziges Beet war darin. Etwa ein halbes Dutzend Ulmen, ein paar Akazien, Fliedergestrauch, verblichener Rasen, Gange, von Brombeerhecken uberwuchert, im Hintergrunde ein niedriges Gewachshaus und als Horizont die hohlen kahlen Mauern der Nachbarhauser mit wenigen, meist vergitterten Fensterchen: so sah es in dem Garten des Notars aus ...
Er war ein sehr sparsamer Herr, dieser Notar, der so gut wie gar kein Haus machte, zu den Misanthropen gehorte und allen Luxus, alle Zerstreuungen, die mit Geldkosten verbunden waren aufs au?erste ha?te. Alles kam ihm im ubrigen auf den Schein an, und diesem opferte er alle personlichen Neigungen. Er stammte auch aus einer Familie von Geizhalsen. Aber Ferrand war eine Ausnahme von diesem Schlage Menschen, denn er wagte viel, und »wagen« ist bekanntlich sonst ein Wort, das in dem Lexikon dieser geringwertigen Subjekte fehlt. Das kam daher, weil er viel auf seine Klugheit sich zu gute tat; er war auch im Grunde genommen kaum einmal im Leben in wirklicher Bedrangnis, denn er war um ein Auskunftsmittel niemals verlegen, und was er tat, tat er immer mit so ma?loser Kuhnheit, da? ihm, wenn es je versucht worden ware, von Gerichts wegen nichts angehabt werben konnte. Ferrand war auch noch in anderer Hinsicht eine Ausnahme: abenteuerliche, willensstarke Menschen, die vor Uebeltaten nicht zuruckschrecken, werden in der Regel von irgend einer Leidenschaft, Spiel, Luxus oder Verschwendung, beherrscht: Ferrand nicht, aber er war schlau und zah wie ein Hascher, grausam und
