– »Und wie soll es mit seiner Tochter werden?« fragte Ferrand streng; »Herr von Harville hat mich seit etwa Jahresfrist mit der Fuhrung seiner Geschafte betraut; sollte also Ihr Mann etwas gegen sein Kind im Schilde fuhren, so hatten Sie meinerseits keine Unterstutzung zu erwarten.«

– »Nun, ich sage ja meinem Manne auch immer,« erwiderte Frau von Orbigny, »da? er kein Recht habe, sie zu enterben. Er meint aber, sie besa?e von ihrer Mutter eine reichliche Million, und ihr Mann ware ja auch Millionar; warum solle er also nicht mir hinterlassen, was nach dem Erbe von 25 000 Franks Rente, die er mir vermachen wolle, noch verbleibt?« – »Und warum weist er sie an mich?« fragte Ferrand. – »Er will all meinen Skrupeln den Boden abschneiden: so sagte er; und darum sprichst du am besten mit einem Manne von so strenger Rechtlichkeit wie Notar Ferrand. Meint er, da? du nicht annehmen sollest, was ich dir anbiete, so wollen wir nicht weiter uber die Ungelegenheit reden. Ich habe mich diesem seinem Wunsche gefugt, und demnach sind Sie unser Sachwalter und – Schiedsrichter.«

»Es geschieht nun Wohl schon zum dutzendsten Male, da? man mich zum Schiedsrichter wahlt, immer mit Bezug auf meine Rechtlichkeit. Es ist wirklich zum Verdrie?lichwerden! Was habe ich von solchem Renommee? Doch immer nur Arbeit, Sorge, Verdru?!« – »Lieber Ferrand.« erwiderte Frau von Orbigny, »seien Sie mir gegenuber etwas nachsichtiger und schreiben Sie an meinen Mann ein paar Zeilen, da? er Ihnen Vollmacht ubermittelt ... zum Verkaufe ...« – »Um welche Summe handelt es sich wohl?«

– »Um 4–500 000 Franks.« – »Ich hatte mehr gerechnet. Nun, Sie haben sich fur Ihren Mann geopfert. Ihre Tochter ist schon sehr reich, Ihnen kann Geld nur recht kommen. Also meine ich, unter solchen Umstanden konnen Sie ohne Bedenken annehmen, was Ihnen Ihr Mann aussetzen will.« – »So? Meinen Sie?« erwiderte Frau von Orbigny, die sich wie alle Welt durch die sprichwortliche Rechtlichkeit Ferrands tauschen lie?, war sie doch uber diesen Punkt von Polidori noch nicht aufgeklart worden; »nun gut,« schlo? sie, »so will ich annehmen.«

Wieder pochte der Bureauvorsteher ... »Wer ist denn schon wieder da?« rief Ferrand verdrie?lich. – »Grafin Mac Gregor.« – »Ich lasse bitten, einen Moment zu warten,« sagte der Notar. – »Leben Sie wohl, lieber Herr Ferrand,« sagte Frau von Orbigny, »und schreiben Sie meinem Manne wegen der Vollmacht, da er es nun doch einmal nicht anders haben will.« – »Sehr wohl,« erwiderte Ferrand. –

Frau von Orbigny ging, und Grafin Mac Gregor trat ein.

Viertes Kapitel.

Sarah Mac Gregor.

Jakob Ferrand kannte die Dame noch nicht, die jetzt mit ihrer gewohnten Ruhe und Sicherheit in sein Privatzimmer eintrat, und kannte die Absicht nicht, die sie zu ihm fuhrte. Er ma? die Grafin mit einem inquisitorischen Blicke und nahm, trotzdem sie sich jetzt mehr denn je ihrer eisigen Ruhe beflei?igte, ein schwaches Zittern ihrer Brauen wahr, das ihm einen gewissen Grad von Verlegenheit zu verraten schien. Er erhob sich von seinem Sessel, zeigte auf einen anderen und sagte zu seiner neuen Klientin: »Sie haben eine Unterredung mit mir gewunscht. Gestern mu?te ich wegen Ueberburdung ablehnen. Ich war auch erst heute orientiert. Entschuldigen Sie also, bitte!« –

»Was mich zu Ihnen fuhrt, ist folgendes, Herr Notar – ich schicke voraus, da? ich mich uber Sie genau erkundigt habe, und da? mich lediglich der Ruf strenger Rechtlichkeit zu Ihnen fuhrt, in welchem Sie in allen Kreisen stehen ...« – »Ich bitte, gnadige Frau, zur Sache,« versetzte der Notar, wieder uber die gleichen Worte, die er schon von Frau von Orbigny gehort, argerlich. –

»Es mogen vierzehn Jahre her sein – wenn ich nicht irre, war es im Dezember des Jahres 1824 – als ein noch junger Mann zu Ihnen kam – streng schwarz gekleidet – um fur ein Kind von drei Jahren 150 000 Franks zu deponieren. Die Namen der Eltern sollten unbekannt bleiben. Sie ubernahmen die Verpflichtung, dem Kinde eine Leibrente von 8000 Franks zu sichern. Die Halfte davon sollte bis zum Mundigkeitsalter fur das Kind zum Kapital geschlagen, die andere Halfte an diejenige Person ausgezahlt werden, die sich mit der Erziehung des Madchens befa?te.«

»Weiter, bitte,« sagte Ferrand. – »Das Kind ist, wie ich gehort habe, im vierten Lebensjahre verstorben.« – »Eine Frage: welches Interesse haben Sie personlich an dieser Sache?« – »Nun, fande morgen meine Schwester ihr Kind wieder, so durfte sie aufs sicherste hoffen, sich mit dem Vater des Kindes, der jetzt ledig ist wie sie, zu verehelichen. Meine Nichte ist den Eltern fruhzeitig genommen worden; weder der Vater noch die Mutter haben noch eine Erinnerung von ihr. Fande man jetzt ein Madchen von 17 Jahren – so alt ware jetzt meine Nichte – ein beispielsweise von ihren Eltern verlassenes Kind – und man brachte es zu meiner Schwester und sagte ihr, da? es ihre Tochter sei, da? nur gewisse Interessen es als notwendig hatten erscheinen lassen, das Kind fur tot anzugeben, fande sich vielleicht gar ein achtbarer Notar, der das Kind legitimierte ...«

Ferrand sprang vom Stuhle auf und rief emport: »Still, still! Was Sie mir sagen, was Sie mir zumuten zu wollen scheinen, ist die bodenloseste Niedertrachtigkeit!«

»Mein Herr!« rief die Grafin, nicht minder erregt, »bitte, keine uberflussige Aufregung! Wem geschahe damit ein Unrecht? Meine Schwester ist ledig, der Mann, den sie heiraten mochte, desgleichen. Beide sind untrostlich uber den Verlust ihres Kindes; ists sundhaft, sie durch eine Tauschung zu den glucklichsten Menschen zu machen? Einem armen Madchen auf diese Weise ein geradezu glanzendes Geschick zu sichern?«

»Ich wiederhole, da? es eine niedertrachtige Handlung ohnegleichen ist,« rief Ferrand, »und wenn eine Frau von Stande, wie Sie, sich mit dergleichen Manipulationen befa?t, so ist das geradezu eine Schande!« –

Sarah warf dem Notar aus ihren schwarzen Augen einen durchbohrenden Blick zu und versetzte mit kalter Ruhe: »Nun, so lassen Sie sich sagen, Herr Ferrand, da? ich keine Schwester habe, sondern da? ich selbst die Mutter des Kindes bin, von welchem ich sprach, da? ich nur auf Umwegen zu dem Ziele, das ich mir gesteckt, zu gelangen suchte, und da? ich eine Fabel ersonnen habe, um Sie fur die Angelegenheit zu gewinnen. Sie wollen nichts davon wissen, nun, so werfe ich die Maske ab; wenn Sie den Krieg wollen, dann sollen Sie ihn haben.« – »Warum soll mir an Krieg gelegen sein?« erwiderte Ferrand, »ich weigere mich ja nur, an einem Verbrechen teilzunehmen!« – »Bitte auf eine kurze Zeit noch um Gehor,« sagte Grafin Sarah, »Sie sind als Mann von Grundsatzen bei aller Welt angesehen; aber seit dem ersten Augenblick unserer Unterredung mochte ich bezweifeln, da? Sie tatsachlich Anspruch auf ein solches Renommee besitzen.« –

Ferrand richtete einen bosen Blick auf die Grafin, die sich aber nicht dadurch einschuchtern lie?, sondern kalt fortfuhr: »Mein Zweifel grundet sich zwar nur auf Nichtigkeiten, auf den Instinkt, auf unerklarliche Ahnungen, die mich aber selten irregefuhrt haben ...«

»Es wird am Platze sein, dieser Zusammenkunft ein Ende zu bereiten.« – »Ich bin gewi? damit einverstanden,« versetzte Sarah, »vorher aber noch ein paar Worte uber das, was ich von Ihnen will: Zuerst bemerke ich, da? ich vom Tode meines Kindes fest uberzeugt bin, worauf aber nichts weiter ankommt, denn ich werde behaupten, da? es nicht tot sei, da? Sie es blo? haben verschwinden lassen, um sich im Verein mit Ihrem Klienten die fur das Kind ausgesetzte Summe zu teilen.«

Ferrand zuckte die Achseln ... »Ware ich solch verbrecherischen Tuns fahig,« rief er, »dann hatte ich das Kind wohl nicht verschwinden lassen, sondern ich hatte es endgultig beseitigt.«

Sarah fuhr zusammen, schwieg eine Weile und fuhr dann fort: »Fur einen Mann von Grundsatzen ist es ein tief durchdachter, verbrecherischer Gedanke ... Sollte ich vielleicht zufallig das Richtige getroffen haben? Auf alle Falle notigt einen so etwas zum Ueberlegen, und ich werde es an Ueberlegung nicht fehlen lassen. Sie sollen sehen, da? ich eine Frau bin, die auf ihrem Schein besteht und sich kein X fur ein U machen la?t. Was mich auf meinem Wege hindert, das zermalme ich unerbittlich. Bis morgen lasse ich Ihnen Bedenkzeit. Ich wiederhole: Was ich von Ihnen begehre, konnen Sie skrupellos tun; wenn unsre Luge einigerma?en pfiffig angedreht ist, dann wird der Herr Papa in seiner Freude uber diesen Wiederfund seines Kindes sich kaum Gedanken machen. Zudem sind fur den Tod meines Kindes andere Beweise als meine Briefe an ihn nicht vorhanden. Daruber sind nun elf Jahre ins Land gegangen, und ihm die Ueberzeugung beizubringen, da? ich ihn deshalb hintergangen, weil er sich damals nicht gerade nett gegen mich benommen, wird mir sonderlich schwer kaum fallen. Irgend welche Gefahr, ihren Ruf zu schadigen, ist nicht vorhanden; Sie brauchen als Notar ohne Furcht und Tadel blo? zu versichern, da? alles zwischen Ihnen, mir und Madame Seraphim abgesprochen gewesen, und wer sollte in solche Aussage von Ihnen Zweifel setzen? Ueber das defraudierte Geld soll kein Wort fallen; das soll Ihrem Klienten, der von all diesen Dingen nichts horen soll, ungeschmalert bleiben; und was Sie dabei verdienen wollen, nun, das brauchen Sie ja nur zu sagen.«

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