Jakob Ferrand bewahrte all seine Kaltblutigkeit, trotzdem die Situation nichts weniger als ungefahrlich fur ihn war, und um sich Zeit zur Ueberlegung zu schaffen, sagte er ruhig zu Sarah:
»Sie wollen morgen wissen, wie ich mich zu Ihrem Antrage stelle. Nun, lassen wir uns Zeit beiderseitig bis ubermorgen nachmittag. Habe ich bis dahin keine Nachricht von Ihnen, da? Sie sich anders besonnen haben, so werden Sie zu Ihrem Nachteile spuren, da? die Justiz ehrliche Leute zu schutzen wei?, die sich an verbrecherischen Umtrieben nicht beteiligen wollen.«
»Sie wunschen also einen Tag Bedenkzeit mehr? Nun, das erachte ich fur ein gutes Zeichen, und ich gebe Ihnen diese Frist gern. Uebermorgen, zur namlichen Zeit, werde ich wieder bei Ihnen erscheinen, und von Ihnen wird es abhangen, ob Sie Krieg oder Frieden haben wollen. Vorm Kriege nehmen Sie sich in acht: er wird erbittert und rucksichtslos gefuhrt werden.«
Mit diesen Worten ging Sarah ... »Alles geht gut,« sagte sie bei sich, »das Madchen, das Rudolf in einer Zufallslaune nach Bouqueval hinausgeschafft hat, doch gewi? nur in der Absicht, es spater zur Maitresse zu machen, brauche ich nicht mehr zu furchten. Und ein anderes Waisenkind, das sich in die von mir ausgesonnene Rolle findet, wird sich schon auftreiben lassen. Ich kenne ja Rudolfs edles und gro?es Herz. Um dem Madchen, das er fur sein Kind halt, das bislang verlassen und unglucklich gelebt, Rang und Namen zu geben, wird er unser Verhaltnis wieder aufleben lassen, und die Weissagung meiner Amme, da? ich eine Krone tragen werde, wird sich endlich erfullen.«
Funftes Kapitel.
Zwei Edelleute.
Ferrand war heute eine sehr gesuchte Personlichkeit, denn kaum hatte Grafin Mac Gregor seine Kanzlei verlassen, als aus einem eleganten Kabriolett der junge Herr stieg, den Frau Pipelet als »Herr Kommandant« anzureden liebte. Aber ihm bereitete Ferrand einen hochst ungnadigen Empfang ... »Die Nachmittagszeit,« sagte er, »habe ich nur fur meine Klienten frei; haben Sie mit mir zu sprechen, dann finden Sie sich am Vormittage ein.« – »Mein lieber Aktenwurm« – so nannte Karl Robert den Notar scherzweise – »mich fuhrt eine recht ernste Sache her – au?erdem liegt mir daran, Ihnen gewisse Sorgen vom Haupte zu nehmen ...«
»Was sollen dergleichen Reden?« fuhr ihn der Notar wieder an. – »Der Tausend! Wissen Sie wirklich nichts von dem Duell, das ich mit Herrn von Lucenay ausgefochten habe?« – »Sie haben sich duelliert? Und warum denn?« – »Aber wie kann sich jemand herausnehmen, auf offentlichem Balle mir ins Gesicht zu sagen, ich litte an der Fettsucht? Dergleichen Spott la?t sich doch nur mit Blut abwaschen!« – Ferrand zuckte die Achseln. – »Aber ich bitte Sie, das kann man doch nicht auf sich sitzen lassen!« rief Karl Robert, »noch dazu, wenn es einem vor Damen ins Gesicht geschleudert wird. Nun, gestern fruh haben wir in Vincennes den Handel ausgetragen: der Herzog bekam eine leichte Schramme am Handgelenk, und daraufhin erklarten die Sekundanten, der Ehre sei Genuge getan.« – »Nun, das hei?t doch, einem Gegner mutig gegenubertreten!« meinte Ferrand mit hamischem Lacheln, »aber noch immer wei? ich nicht, was Sie von mir wunschen?« – »Mein lieber Siegelbewahrer,« – auch diesen Namen gab Karl Robert dem Notar zuweilen – »Sie wissen doch, da? ich mir in unserm Vertrage, als ich Ihnen 350 000 Franks vorstreckte, als Kaufschilling fur Ihre Notariatskanzlei – das Recht vierteljahrlicher Kundigung vorbehielt!« – »Nun, und ... weiter?« – »Nun, ich kann ein Gut sehr gunstig kaufen, und daher sehe ich mich veranla?t, Sie ...« – »Um mein Geld zu bitten?« erganzte der Notar Karl Roberts Rede ... – »Und das bedauern Sie gar nicht?« – »Warum sollte ich das bedauern?« fragte Ferrand spottisch. – »Hm, die bose Welt will wissen, Sie seien in allerhand dumme Dinge hineingekommen, allerdings ohne Ihr Zutun ... Sie wissen, damals hie? es ja auch von uns, wir spielten an der Borse ... aber das Gerucht verlor sich allmahlich wieder.«
»O, und darum meinen Sie, Ihr Geld stunde bei mir nicht mehr sicher?« fragte Ferrand. – »Nicht doch, nicht doch!« erwiderte Karl Robert; »aber ich kann mir eine gunstige Kaufgelegenheit doch nicht entgehen lassen!«
Ferrand drehte den Schlussel in seinem Sekretar herum und stand auf ... »Wohin?« fragte Karl Robert. – »Ich will Ihnen
Der Schreiber meldete, da? eine verschleierte Dame Herrn Ferrand sprechen wolle, und zwar in einer sehr dringlichen Sache. – »Herr Ferrand wird wohl gleich wieder da sein,« sagte Karl Robert, »ich will es ihm sagen.« – Kaum war der Schreiber aus dem Zimmer, als der Notar mit einem Bundel Papiere zuruckkam ... »Da ist Ihr Geld,« sagte er zu Karl Robert, »350 000 Franks in Anweisungen auf den koniglichen Schatz ... Bitte! In den nachsten Tagen wollen wir die Zinsquoten ins reine bringen. Stellen Sie mir die Quittung aus!« – »Aber,« rief Robert erstaunt. – »Nehmen Sie Ihr Geld nur gleich heute wieder mit,« sagte Ferrand, »wei? ich doch ohnehin nicht, was ich momentan damit anfangen soll.« – »Aber ich wollte es doch erst nach einem Vierteljahre abheben.« – »Herr Robert, Sie mi?trauen mir ...« – »Ach, reden Sie doch nicht,« sagte Karl Robert, die Quittung ausfertigend, »eben war Ihr Schreiber da, um eine verschleierte Dame anzumelden, die Sie in einer sehr dringlichen Sache sprechen wollte ...«
Der Notar klingelte. Der Schreiber erschien wieder ... »Die Dame soll eintreten,« sagte Ferrand ... »Herr Robert, Sie lassen mich wohl allein?« – »Hier ist die Quittung. Sie ist doch in Ordnung?« – »Ja. Aber gehen Sie auf dieser Treppe hier hinaus!« – »Und die Dame?« – »Ich mochte eben nicht, da? Sie ihr in den Weg laufen,« sagte Ferrand und schob Karl Robert durch die Tapetentur, den Schlussel hinter ihm im Schlosse zudrehend.
Die Herzogin von Lucenay war es, die hereingefuhrt wurde. Sie erschien in bescheidener Stra?entoilette, in einen gro?en Schal gehullt, das Gesicht durch einen dichten schwarzen Schleier verdeckt, der von einem schwarzen Moireehute herunterhing. Sie trat langsam, sichtlich verlegen, an den Schreibtisch des Notars. – »Ihr Name?« fragte Ferrand barsch, aufstehend, »und in welcher Angelegenheit kommen Sie her?« – Aergerlich uber Sarahs versteckte Drohungen und uber Karl Roberts Mi?trauen, lie? er sich durch die schlichte Kleidung der Dame tauschen, und meinte, nicht viel Umstande notig zu haben.
Die Dame suchte das Gesicht unter den Falten ihres Schleiers zu verbergen. Schuchtern und tief ergriffen, begann sie: »Ach, mein Herr, darf man Ihnen ein Geheimnis von gro?er Wichtigkeit anvertrauen?« – »Mir darf man alles anvertrauen,« sagte Ferrand, »aber ich mu? wissen, mit wem ich zu tun habe.« – »Es genugt vielleicht, wenn ich Ihnen sage, da? soeben ein Verwandter von mir Ihr Haus verlassen hat ... Herr Florestan von Saint- Remy.«
Der Notar warf einen forschenden Blick auf die Herzogin. Dann lie? er ein verwundertes »Oh!« horen. – Die Herzogin aber sagte: »Ja, Herr von Saint-Remy, und ... er hat mir schon alles erzahlt ...« – »So? und was denn, wenn ich bitten darf, meine Dame?« fragte Ferrand. – »Aber Sie wissen doch ...« – »Hm, ich wei? so manches von diesem Herrn von Saint-Remy,« antwortete mit lauerndem Blicke der Notar. – »Ach, er hat mir freilich schon gesagt,« erwiderte die Herzogin, »da? Sie kein Erbarmen kennten.« – »Falschern und Spitzbuben gegenuber freilich nicht,« erwiderte Ferrand mit brutaler Derbheit, »und wenn Sie mit solchem Menschen verwandt sind, so sollten Sie sich schamen. Bilden Sie sich nicht etwa ein, mich durch Tranen zu erweichen, sie waren ganz zwecklos.«
Diese Rucksichtslosigkeit emporte die Herzogin. Stolz richtete sie sich empor, schlug den Schleier zuruck und rief mit gebieterischer Stimme: »Mein Herr, die Frau, die vor Ihnen steht, ist die Herzogin von Lucenay.« Ferrand verneigte sich auf der Stelle tief und nahm das schwarzseidene Barett vom Kopfe ... Die Herzogin war trotz ihrer drei?ig Jahre noch immer eine stattliche Erscheinung und galt noch immer als eine hervorragende Schonheit, und noch nie zuvor hatte der Notar eine so stolze und schone Dame der vornehmen Welt gesehen. Sein Ha? und Zorn gegen Saint-Remy mehrten sich noch durch die Bewunderung, die ihm diese Frau abgewann, in der er die Geliebte eines Mannes wie Saint-Remy erblickte, der fast vor ihm auf die Knie gesunken ware, um nicht von ihm als Falscher denunziert zu werden. Und nun mu?te er erleben, da? sich eine so schone Frau um seinetwillen zu einem Schritte entschlo?, der gar leicht sie selbst mit kompromittieren konnte. Es setzte ihn nicht wenig in Verwunderung, die stolze Frau so fest und bestimmt auftreten zu sehen, als handelte es sich um die allereinfachste Sache der Welt, als habe sie gar nicht notwendig, Rucksichten auf Schicklichkeit zu nehmen, die sie ihresgleichen gegenuber ganz gewi? nicht aus den Augen setzen wurde. Die Herzogin von Lucenay war eine geistreiche, edelsinnige Frau, auch der Aufopferung fahig, war aber die Tochter einer Mutter, die durch ma?lose
