Person beruhigt: ein heilsamer Weg ist Ihnen gebahnt. Folgen Sie ihm, dann werden Sie sicherlich jene Jahre der Prufung durchschreiten, die fur Frauen, vor allem aber fur Frauen von Ihrem Charakter, so gefahrvoll sind. Ihr Verdienst wird gro? sein. Zwar werden Sie noch zu kampfen und zu leiden haben, da Sie noch sehr jung sind; der Gedanke aber an das Gute, das Sie vollbracht haben und noch zu vollbringen haben, wird Ihnen Kraft und Mut leihen.« – »Ohne Ihren edlen Beistand wurde mich alle Kraft verlassen,« sagte die Marquise, »das fuhle ich tief, doch glauben Sie mir, ich werde keinen Schritt von meiner Pflicht weichen.«
Kaum waren diese Worte aus ihrem Munde, so offnete sich eine verborgene Tur in der Tapete. Clemence schrie auf, und Rudolf fuhr zusammen. Kreidebleich, heftig erregt, die Augen voll Tranen, trat Harville uber die Schwelle, den von der Grafin Mac Gregor erhaltenen Brief in der Hand.. »Hier, Hoheit, lesen Sie, was mir vorhin uberbracht wurde. Lesen Sie den Brief und dann verbrennen Sie ihn!« – Rudolf rief, wahrend die Marquise erschreckt aufsah, voll tiefer Entrustung: »Wie ist solche Schandlichkeit moglich? Da mu?te man ja an der Welt verzweifeln!« – »Konigliche Hoheit! Noch schandlicher vielleicht ist mein Verhalten,« sagte der Marquis. »Habe ich nicht an Ihnen gezweifelt, bis ich horte, aus Ihrem Munde horte, was Sie in die Rue du Temple gefuhrt hat? Der diesen Brief geschrieben, wei? recht gut, an wen er ihn geschrieben! wei? recht gut, was fur ein Schwachkopf ich bin! Knieend vor Ihnen, konigliche Hoheit, und vor dir, mein Weib, bekenne ich, da? Wut und Eifersucht mein Herz zerfleischten, und bettle um Gnade, die ich nur finden kann, wenn sie Ihr Edelmut spendet.« – »Ach, mein lieber Albert,« erwiderte Rudolf, »was habe ich Ihnen zu verzeihen? Jetzt wissen Sie Bescheid um unsre Geheimnisse, und ich kann Ihnen gehorig den Text lesen. Sie wissen nun auch, was Sie von diesem edlen Herzen zu erwarten haben..« – »Ach, Clemence, kannst du mir auch diesmal verzeihen?« fragte Harville mit trubem Blicke seine Frau. – »O ja, doch unter der Bedingung, da? du mir beistehst, dich glucklich zu machen!« Bei diesen Worten gab sie ihrem Manne die Hand, die von ihm mit Warme gedruckt wurde.
Am andern Morgen klingelte Harville seinem Lakai, der nicht wenig verwundert war, seinen Herrn ein Jagdlied trallern zu horen. Das war ein sicheres, wenn auch seltenes Zeichen fur seine gute Laune.
»Ach, gnadiger Herr,« sagte der Diener, »es ist doch schade, da? Sie so wenig singen! Sie haben doch eine so prachtige Stimme!« – »So? Meinst du?« fragte der Marquis, sichtlich erfreut, »ich denke, du wirst die Musik wohl jetzt alle Tage horen.« – »Ach, wie mich das freuen wurde! Also werden Sie alle Tage sich so recht von Herzen glucklich fuhlen?« – »Ja, Joseph, ich werde jetzt so recht von Herzen glucklich sein. Hat mir doch meine Frau versichert, da? sie mich jetzt so recht, recht lieb habe.« – »Nun, habe ich nicht immer gesagt, da? sie noch einmal einsehen werde, was fur einen guten Mann sie an Ihnen habe?« – »Und mich, Joseph, macht diese Zuversicht, jetzt meiner Frau Liebe so ganz zu besitzen, so glucklich, da? ich fast uberzeugt bin, von meiner schrecklichen Krankheit geheilt zu sein.« – »Wirklich, gnadiger Herr! Ach, wie wollte ich Gott dafur von Herzen danken!«
»Nun, wenigstens hat mir mein Arzt wiederholt schon gesagt, da? ebenso, wie eine starke Erschutterung hinreiche, sie hervorzurufen, nichts anderes vonnoten sei, sie zu heilen.« – »Herr Marquis, wenn Sie den festen Glauben haben, so wird die Heilung auch eintreten, sofern sie nicht wirklich schon eingetreten ist. Aber – aber – es ist des Gluckes fast zuviel fur einen Tag. Zum Gluck bringe ich ein bi?chen Wermut mit: ein Freund von Ihnen hat einen Degensto? bekommen, der freilich nicht viel auf sich hat, aber – die Sache genugt doch, dem schonen Sonnenschein des heutigen Tages ein bi?chen Schatten zu geben.« –
»Wer ist's denn, der einen Degensto? abbekommen?« – »Der Herzog von Lucenay.« – »Die Verwundung hat aber nicht viel auf sich?« fragte Harville. – »Nein. Der Arm ist blo? ein bi?chen geritzt. Gestern wollte er Ihnen seinen Besuch machen, traf Sie aber nicht und hat hinterlassen, da? er heute vormittag wiederkommen werde, um eine Tasse Tee mit Ihnen zu trinken.«
»Nun, so mochte ich den Anla? benutzen, heute morgen ein Herrenfruhstuck zu geben, zur Feier des glucklichen Ausgangs, den dieses Duell genommen hat. Lucenay wird sich gewi? freuen, denn er vermutet doch so etwas nicht.« – »Das ist nur zu gewi?, Herr Marquis! Wieviel Kuverts soll ich decken?« – »Sechs,« antwortete Harville, »und im kleinen Winterfestsaale.« – »Ich eile, gnadiger Herr!«
Vicomte von Saint-Remy, Baron von Monville, Lord Douglas und Graf von Sezanne waren die Herren, an die Harbille durch einen expressen Boten die Einladungen zur Teilnahme an dem Herrenfruhstuck ergehen lie?. Joseph konnte sich vor Freude nicht fassen.. »So lustig und guter Dinge habe ich Sie seit langem ja nicht gesehen,« rief er, »sonst sahen Sie immer bleich aus, und heute haben Sie richtig rote Wangen.« – »Da kannst du sehen, Joseph, was Gluck beim Menschen ausmacht!« erwiderte Harville; »aber wei?t du, Joseph, du mu?t mir bei einer kleinen Intrige beistehen, das hei?t: du mu?t dich bei Jungfer Julien erkundigen, wer der Juwelier ihrer Herrin ist, und wo er wohnt; du mu?t ihr aber ans Herz legen, ihrer Herrin kein Sterbenswort davon zu sagen. Schnell, schnell, horst du? Da kommt ja Doublet!«
Wahrend Joseph hinausging, trat der Intendant tatsachlich auf die Schwelle. »Nun, mein lieber Doublet,« sagte Harville, »heut will ich mal Geld springen lassen.« – »Nun, Herr Marquis, das konnen wir doch auch, wir haben es doch, Gott sei Dank!« – »Ich will schon lange nach dem Garten zu eine Galerie an den rechten Flugel meines Palais bauen, habe ja lange gezaudert und deshalb noch nicht mit Ihnen geredet; nun habe ich mich aber fest entschlossen. Mein Baumeister soll einmal zu mir kommen, damit wir zusammen uber die Sache sprechen.« – »Ich habe immer gesagt, es fehlt dem gnadigen Herrn weiter nichts als eine bestimmte Arbeit oder, sagen wir lieber, Zerstreuung, ein kleines Steckenpferd. Um das Geld brauchen wir uns wahrhaftig keinerlei Gedanken zu machen. Wir konnen uns das Steckenpferd, wie ich sagte, wahlen, ganz nach Belieben.«
Joseph trat ein... »Hier ist die Adresse des Juweliers.. Baudoin hei?t er.« – »Ach, Doublet, Sie gehen wohl bei dem Manne mit heran und sagen ihm, er moge mir sogleich eine Diamantenschnur herbringen im Werte von annahernd 2000 Louisdor.« – »Gewi?, Herr Marquis! Auf der Stelle. Behalten doch Diamanten, genau wie Hauser, immer ihren Wert.«
Harville, wieder mit sich allein, ging, die Arme uber der Brust gekreuzt, nachdenklich in seinem Zimmer auf und ab. Da anderte sich jah sein Gesichtsausdruck: die Zufriedenheit, die darin bislang geherrscht hatte, schwand, und ruhige, kalte Entschlossenheit trat an ihre Stelle. Noch ein paar Schritte machte er durch das Zimmer. Dann sank er auf einen Sessel, wie wenn ihn die Wucht seiner Schmerzen niederdruckte: dann stutzte er beide Ellbogen auf den Schreibtisch und die Stirn auf beide Hande. Dann fuhr er wieder jah empor, wischte sich eine Trane aus dem Auge und sprach mit Anstrengung zu sich: »Mut! Mut!« Dann machte er verschiedene Notizen auf einem Blatte, verlegte besprochene Zusammenkunfte auf spatere Tage und ordnete allerhand Papiere in seinem Schreibsekretar.
Ein Wagen rollte in den Hof.. Joseph trat mit der Meldung ein, da? die Frau Marquise ihre Equipage zur Ausfahrt bestellt habe. Kaum war der Diener wieder gegangen, als Harville vor den Spiegel trat und sich aufmerksam betrachtete.. »Recht so,« sprach er vor sich hin, »rote Wangen und Augen, aus denen Fieber leuchtet. Was hats zu sagen, wenn man sich blo? dadurch irrefuhren la?t? Nun noch ein Lacheln um die Lippen! Wer wird dann ahnen, da? Todesgedanken sich dahinter bergen? Sicherlich niemand.. Aber ich hore meine Frau.. Nun zu Deiner Rolle, Du armer Histrio!«
»Guten Morgen, lieber Mann,« rief ihm Clemence mit liebevollem Stimmklange entgegen und gab ihm die Hand.. »Aber was ist dir denn?« fragte sie neugierig, als sie den lachelnden Zug um seine Lippen sah, »du strahlst ja schier vor Freude!« – »O, ich war eben bei dir in Gedanken, meine Liebe, und dann ist mir die Nacht etwas eingefallen.« – »Nun, so sprich doch!« – »All die gestrigen Vorgange, dein bewunderungswurdiger Edelmut, das vornehme Verhalten des Fursten haben mir zu denken gegeben und mich zu deinen Ideen bekehrt; ich beklage, da? ich gestern so aufbrauste, aber du bist mir deshalb nicht weiter bose.. wie? Du hattest es mir doch nicht verzeihen konnen, wenn ich mich in den Verlust deiner Liebe ohne weiteres still gefugt hatte?« – »Ach, was sind das fur liebe Worte, guter Albert! Sieh, das freut mich von ganzem Herzen, da? du mich jetzt besser verstehen willst; o, ich habe mir immer gedacht, da? es besser zwischen uns werden musse, wenn ich nicht blo? an dein Herz, sondern auch an deinen Verstand appellierte. Jetzt macht mir die Zukunft keine Bange mehr. Geschwisterlich aufeinander gestutzt, wollen wir einem gemeinsamen Ziele zupilgern; und beschlie?en wir unsre Laufbahn, werden wir einander so wiederfinden, wie wir uns jetzt wiedergefunden haben.«
»Meine teure Clemence,« antwortete der Marquis, »ich habe dich gebeten, einen Augenblick hier zu erscheinen, weil ich dir sagen wollte, da? wir heute nicht zusammen den Tee einnehmen konnten. Ich habe ein paar gute Bekannte zu einem Imbi? eingeladen, den ich zur Feier des glucklichen Ausgangs improvisiert habe, den Lucenays Duell genommen hat.«
Die Marquise errotete, als sie an die Ursache dachte, die diesem Duell zugrunde lag: jenes krankende Wort, das Lucenay in ihrer Gegenwart zu Karl Robert gesagt hatte.. »Ein seltsames Zusammentreffen!« sagte sie, »Lucenay fruhstuckt bei dir, und mich hat seine Frau, leider auf eine etwas zudringliche Art, zu sich zum Fruhstuck
