Neuntes Kapitel.

Eine Verhaftung

»Jesus, Jesus,« rief Lachtaubchen, als sie bei sich zu Hause wieder eintraten, »es ist ja ein Polizeikommissar mit seinen Leuten da.« – Und kaum waren sie ins Haus getreten, als sich der an seiner Scharpe kenntliche Herr mit ernstem, strengem Gesicht ihnen nahte. – »Hier wohnt doch der Steinschneider Hieronymus Morel?« lautete die Frage, die er ihnen stellte. – »Jawohl, Herr Kommissar,« antwortete an ihrer Statt die aus ihrer Loge tretende Frau Pipelet. »So fuhren Sie mich zu ihm!« befahl der Kommissar kurz, gebot seinem Sergeanten, das Haus scharf zu bewachen, den Flur nicht zu verlassen und einen Wagen holen zu lassen.

Als er mit der Pfortnersfrau die Treppe hinaufging, wandte sich Rudolf an ihn, in der Erwartung, es mit einem humanen Beamten zu tun zu haben ... »Ich wei? ja nicht, Herr, welch neuer Schlag dem armen Manne droht; gestern ist ihm ein Kind an Hunger und Kalte vor den Augen gestorben, und in der verwichenen Nacht ist er von einer sehr schweren Prufung heimgesucht worden: es handelte sich um einen von ihm ausgestellten Wechsel, Infolgedessen er in Schuldhaft abgefuhrt werden sollte; nur durch eine mildtatige Person ist er hiervon erlost worden. Soll die arme Familie etwa schon wieder ihres Ernahrers beraubt werden?«

»Nicht ihn betriffts heute,« versetzte der Kommissar kurz, »sondern seine Tochter ... er hat doch eine Tochter, die Luise hei?t?« – »Das Madchen?« rief Rudolf erschrocken, »und wessen klagt man sie an?« – Der Kommissar ma? ihn mit scharfem Blicke; dann sagte er: »Ich glaube, da? den Mann unverdientes Elend trifft; aber er wird all seine Starke vonnoten haben, den neuen Schlag zu ertragen, der ihm droht: seine Tochter ist des Kindesmordes angeklagt.« – »Luise? Was sagen Sie? O Gott, ihr armer Vater!« rief Rudolf, tief ergriffen. – »Ich mu? meiner Pflicht gehorchen,« sagte der Kommissar, die weitere Unterhaltung abschneidend, »das Madchen ist denunziert worden, und zwar von einem in jeder Hinsicht achtbaren und vertrauenswurdigen Herrn ...« –

»Von wem?« fragte Rudolf hastig. – »Von dem Herrn, der bisher ihr Brotgeber war,« versetzte der Kommissar, Frau Pipelet folgend, die schon ein ganzes Stuck vorausgeeilt war. – »Vom Notar Ferrand?« rief Rudolf emport. – Der Kommissar nickte, Rudolf aber rief, au?er sich vor Entrustung: »Ha, dieser Schurke!« – »Ich mu? Sie darauf aufmerksam machen,« versetzte der Kommissar barsch, »da? Sie von einem unserer achtbarsten Mitburger nicht in solcher herabwurdigenden Weise sprechen durfen. Ich kann nur annehmen, da? Sie uber ihn ganzlich falsch unterrichtet sind, denn sonst mu?te ich Sie auf der Stelle zur Rechenschaft ziehen.« – »Sie haben recht, Herr Kommissar,« sagte Rudolf, »und es erfullt mich mit Bedauern, in einem vielleicht vollig begrundeten Unwillen vergessen zu haben, da? hier nicht der Ort und der gegenwartige Augenblick auch nicht dazu geeignet ist, derartige Erorterungen anzustellen. Aber um eine Gefalligkeit mochte ich Sie nichtsdestoweniger ersuchen: das Madchen, das mit der Pfortnersfrau vorausgeht, durfte gern bereit sein, Ihnen Ihr Zimmer zur Verfugung zu stellen. Es mochte wohl angehen, Luisen dorthin rufen zu lassen und den Vater im stillen zu unterrichten, damit der auf den Tod kranken Mutter wenigstens der schwere Kummer erspart bliebe.« – »Wenn Sie mir Burgschaft dafur leisten wollen, da? das Madchen keinen Fluchtversuch unternimmt, will ich dieser Bitte willfahren ...«

Beide kamen jetzt auf dem Flure des vierten Stockwerks an, vor der Tur, die zu der von dem Steinschneider Morel mit seiner Familie bewohnten Stube fuhrte. Da ging mit einem Male diese Tur auf, und Luise trat bleich und mit verweinten Augen auf die Schwelle... »Vater, leb Wohl,« fugte sie, »ich bin bald wieder da, aber ich mu? jetzt gehen.« – »Aber, Luise, mein Kind,« rief Morel, indem er seiner Tochter nachlief und sie aufzuhalten suchte, »so hore doch nur, was ich dir noch zu sagen habe.«

Als sie nun Rudolf und den Polizeikommissar vor sich stehen sahen, blieben beide wie an den Boden gewurzelt stehen ... »Ach, gnadiger Herr,« redete Morel Rudolf an, »Sie sind unser Retter. Helfen Sie mir, Luisen zuruckzuhalten!« – Rudolf brach das Herz. Es gebrach ihm an Kraft zur Antwort. Der Kommissar wandte sich zu dem Madchen und fragte mit strenger Stimme: »Sie sind Luise Morel? Tochter des Steinschneiders Morel?« – »Jawohl, Herr,« erwiderte Luise, am ganzen Leibe zitternd. – »Und Sie sind Hieronymus Morel, Steinschneider, und Vater des Madchens?« fragte der Kommissar Morel?« – »Jawohl, Herr,« antwortete auch dieser; »aber ...« – Der Kommissar zeigte auf die Stube, in der sich Rudolf bereits befand. – »Dann treten Sie beide hier herein!« sagte er streng; »ich wei?, Morel,« fuhr er hier fort, »da? Sie ein rechtschaffener Mann sind, der aber vom Ungluck verfolgt wird; darum erfullt es mich mit tiefem Schmerz, Ihnen sagen zu mussen, da? ich mit dem Auftrage hierher kommandiert worden bin, Ihre Tochter Luise zu verhaften.«

»Jesus, Jesus!« schrie Luise auf, »alles ist entdeckt! Vater, Vater, es ist um mich geschehen! – Ich bin verloren, ich bin verloren!« – Morel wich entsetzt zuruck. »Was sagst du? Was redest du?« rief er, »bist du bei Sinnen oder nicht? Warum droht dir Verhaftung? Was hast du verbrochen?« Und mit drohend erhobener Faust trat er auf den Kommissar zu ... »Sie wollen mir mein Kind entrei?en? Ich lege meine Hand ins Feuer, sie kann nichts verbrochen haben, was der Polizei ein Recht gabe, Hand an sie zu legen.« – Rudolf trat auf ihn zu und nahm ihn am Arme ... Ihm fiel plotzlich das Geld ein, das Luise hergebracht, den Vater vor der Schuldhaft zu bewahren... Der gleiche Gedanke kam auch Morel, und er rief: »Nicht wahr, das Geld, das du heute fruh hattest? Du wolltest doch den Wechsel aus der Welt schaffen, und dann sahest du erst, da? es doch nicht dazu reichte?« Wahrend er seinem Kinde einen schrecklichen Blick zuwarf, nahm Rudolf wieder das Wort ... »Beruhigen Sie sich, Morel! Luise kann nichts getan haben, das sie in Gefahr bringen konnte; ihre Unschuld wird sich herausstellen, es wird alles zu einem guten Ende kommen.«

Luisens Wangen erroteten vor Unwillen uber des Vaters Gedanken, sie konne an fremdem Eigentum sich vergriffen haben, und der Ausdruck ihres Gesichtes, der Klang ihrer Stimme gaben dem Vater seine Ruhe wieder. Der Kommissar nahm jetzt wieder das Wort ... »Nicht des Diebstahls wird Ihre Tochter angeschuldigt, Herr Morel,« sagte er, tief ergriffen, »sondern ...«

»Luise, Luise!« rief Morel, »sprich! Ich will alles wissen! Sage du es mir, weshalb dich die Polizei verfolgt. La? es mich nicht horen aus fremdem Munde! Sprich sprich! – Ich kann es eher tragen, wenn ich es aus deinem Munde hore.« –

Aber Luise schwieg, und der Kommissar, um dem Auftritte ein Ende zu machen, sprach: »Des Kindesmordes ist Ihre Tochter angeklagt! Aber ...« setzte er hinzu, als er sah, wie leichenbla? der Vater wurde, »fassen Sie sich. Mann! Sie steht ja nur unter der Anklage. Bewiesen ist ihr das Verbrechen nicht.« – Da loste sich Luisens Zunge, und sich muhsam in die Hohe richtend, sagte sie, leise zwar, aber fest und bestimmt: »Nein, nein, Vater! Es ist nicht wahr! Ich habe das Kind nicht umgebracht, es kam schon tot zur Welt, das schwore ich dir bei allem, was mir heilig ist! Aber, Vater, ich hatte all meine Besinnung verloren, wu?te nicht, was mit mir vorging, und nur das ist mein Vergehen! Nur das, und kein anderes! Wie kannst du denken, da? ich imstande gewesen ware, das Kind, dem ich das Leben gegeben, das Leben wieder zu nehmen!«

Beide Hande gegen Luisen erhebend, wie wenn er sie durch Wort und Gebarde vernichten wollte, rief Morel mit schrecklicher Stimme: »Hinweg von mir, Elende! Solchen Schimpf auf deines Vaters Haupt zu laden!« – Luise brach zusammen ... »Gnade, Gnade, Vater!« stammelte sie, »Gnade, Gnade!« –

Eine Pause gra?lichen Schweigens trat ein. Dann wandte Morel sich mit Eiseskalte zu dem Kommissar und sprach: »Fuhren Sie das Geschopf hinweg! Sie ist mein Kind nicht langer!« Er wollte gehen, aber Luise fiel vor ihm nieder, umklammerte seine Knie und rief, bitterlich weinend und flehentlich zu ihm aufschauend: »Vater, Vater! Fluche mir nicht! Ich will dir ja alles, alles sagen, wie es gekommen, wie es zugegangen ist! So schlecht wie du meinst, ist dein Kind nicht!« – »Gott, mein Gott! Mein Kind!« rief Morel, voll Verzweiflung dem Umsinken nahe. – Da trat Rudolf zu ihm und sagte leise: »Fassen Sie sich. Mann! Wie, wenn sie sich geopfert hatte, um Sie zu retten?«

Rudolfs Worte machten einen niederschmetternden Eindruck auf den unglucklichen Vater. Die Zahne zusammenpressend, ma? er sein Kind mit einem Blicke voll unsaglichen Schmerzes und stammelte: »Ferrand? Ferrand?« – Luise wandte sich, ihre Fassung einigerma?en wiedergewinnend, zu dem Kommissar: »Herr,« rief sie, »vergonnen Sie mir ein paar Worte mit meinem Vater und mit diesem Herrn da! Vielleicht sehe ich keinen von beiden wieder. Ich mochte mich vor ihnen rechtfertigen.« – Stumm nickend, trat der Kommissar in den Hintergrund. – Luise, totenbleich, einer Ohnmacht nahe vor Schmerz uber die Enthullung, die sie geben sollte, nahm zitternd die magere, arbeitsharte Hand des Vaters. Und als er sie ihr nicht entzog, brach sie in klagliches Schluchzen aus und bedeckte sie mit Kussen... Sein Zorn war verraucht; die lange zuruckgehaltenen Tranen rannen ihm uber die Wangen..

»Ach, Vater,« stammelte sie, »wenn du wu?test, wie tief, wie tief ich zu beklagen bin!« – »Mein Kind, diesen Gram werde ich nimmer vergessen, solange mir der gutige Gott noch das Leben la?t! Jesus, Jesus! Du im

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