einer Weile hinzu: »Doch Geduld! Vielleicht werden auch Sie Ihren Racher finden!« –
Verwundert uber den Ton, in welchem Rudolf dies sagte, fragte die Marquise, wie Rudolf das meine? – »Ich habe fast immer,« erklarte er in demselben Tone, der, je langer sie ihn horte, sie um so schrecklicher beruhrte, »das Gluck gehabt, bose Menschen, die ich kannte, gestraft zu sehen. Was sagte Ihnen Ihr Mann nach dieser Brautnacht?« – »Er teilte mir unbefangen mit,« erwiderte sie, »da? sich sein Verlobnis mit den beiden Tochtern anderer Familien nur deshalb zerschlagen habe, weil beide rechtzeitig hinter das Geheimnis seiner Krankheit gekommen seien!« – »Schandlich!« – »Um aus dieser gra?lichen Lage herauszukommen, versuchte ich, bei anderen Mannern Liebe zu finden; aber – ich gestehe es – ich habe nur Tauschungen erlebt, die grausamsten Tauschungen, und sinke wieder in das jammervolle Leben zuruck, das ich an der Seite meines fallsuchtigen Mannes fuhre ... Und heute? Wollte mich nicht heute Harville mit dem Leben bu?en lassen, da? ich wieder einmal versucht hatte, glucklicher zu sein, als es mir an seiner Seite moglich ist?« Sie holte tief Atem. – »O, seit diesem schrecklichen ersten Beisammensein leben wir getrennt voneinander. Vor der Welt aber nehme ich alle Rucksicht, die die Schicklichkeit fordert, gegen ihn und habe auch, mit dieser einzigen Ausnahme, noch niemand ein einziges Wort von diesem schrecklichen Geheimnisse gesagt.« – »Wenn der Dienst, Frau Marquise, irgendwelche Belohnung verdient hat,« erklarte Rudolf, »dann wurde ich mich durch solchen Beweis von Vertrauen Ihrerseits tausendfach belohnt ansehen. Da Sie mich jedoch um Rat befragen, so ...« – »Ja, Hoheit, ich bitte darum.« – »So erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, da? Sie sich um einen schonen Genu? bringen, wenn Sie eine Ihrer trefflichsten Eigenschaften nicht zur Geltung bringen, um einen Genu?, der nicht blo? ein Bedurfnis Ihres Herzens befriedigen, sondern Ihnen auch allen hauslichen Kummer fernhalten wurde ...«
»Was meinen Hoheit damit?« – »Da?, wenn Sie sich damit Unterhaltung schaffen wollten, da? Sie den Menschen Gutes erwiesen und gewisserma?en die Rolle der Vorsehung spielen wollten!«
Frau von Harville sah Rudolf verwundert an ... »Daran habe ich allerdings noch nicht gedacht, Wohltaten zu uben in der Absicht, mir damit Unterhaltung zu schaffen.« – »Und doch bleibe ich bei dem Ausdrucke, den ich gewahlt habe,« versetzte Rudolf, »denn er bringt das, was ich sagen will, trefflich zum Ausdruck. Wurden Sie hingegen mit mir einen Pakt schlie?en wollen, um ein paar schwarze Ranke zu zerstoren, dann wurden Sie rasch erkennen, da?, von der edlen Tat abgesehen, oft nichts merkwurdiger, anziehender, seltsamer, ja zuweilen sogar spa?hafter sein kann als dergleichen mildtatige Abenteuer. Sehen Sie, man empfindet dabei etwa dasselbe, was Sie heute morgen fuhlten, als Sie sich nach der Rue du Temple begaben. Der einzige Unterschied ist der, da? Sie heute dachten: erkennt man mich, bin ich verloren; beim Wohltun wurden Sie denken: erkennt man mich, so wird man mich segnen. Da Sie aber zu Ihren Tugenden auch die Bescheidenheit rechnen durfen, so wurden Sie auch die schlimmste List aufbieten, um solchem Segen zu entgehen.« –
»O, Hoheit retten mich,« rief Frau von Harville, »wieviel neue Ideen, wieviel trostreiche Hoffnungen wecken Ihre Worte in mir! Ja, Sie haben recht: wenn man sein Herz und seinen Geist damit beschaftigt, da? man sich Armensegen erwirbt, so kommt dies fast auf Liebe heraus, oder es ist mehr als Liebe!« Und nach einer Pause setzte sie hinzu: »Ja, ich trete solch eigenartigem Bunde mit frohem, dankerfulltem Herzen bei und werde, um unsern Roman zu beginnen, schon morgen wieder zu jenen Unglucklichen gehen, denen ich heut morgen nur ein paar Trostworte bringen konnte, denn ein lahmer Junge, der mir auf der Treppe in den Weg lief, benutzte meine Unruhe und Herzensangst, mir die Borse zu stehlen, die Sie mir in die Hand gedruckt hatten.«
Rudolf wollte nicht merken lassen, da? ihm die Absicht der Marquise, zu Morels zu gehen, nicht angenehm war, und sagte deshalb vergnugt: »Nun, wenn Sie sich meinem Willen unterordnen wollen, dann bleiben die Morels einstweilen von unseren Planen ausgeschlossen. Ja, Sie mussen mir versprechen, in dies Haus den Fu? nicht wieder zu setzen, denn ich selbst wohne dort ...« – »Sie, Hoheit? Aber Sie scherzen!« – »Nein, ich scherze nicht. Es ist freilich blo? eine bescheidene Wohnung zum Preise von nur 200 Franks im Jahr und 6 Franks monatlich fur die Reinigung ... aber meine Nachbarin ist die niedlichste Grisette von ganz Paris, ein Fraulein Lachtaube, und fur einen Kommis voyageur, der nur 1800 Franks Fixum im Jahre hat, ist das doch keine geringe Annehmlichkeit – nicht?« – »Ihre so unvermutete Anwesenheit in diesem Hause mu? mir ja ein Beweis sein, da? Sie die Wahrheit reden. Sicher handeln Sie so aus irgendwelcher guten Absicht, aber welche gute Tat lassen Sie mir? Welche Rolle bestimmen Sie fur mich?«
»Die Rolle des trostenden Engels und – erlauben Sie mir das garstige Wort – die Rolle eines listigen Teufels, denn wie es gewisse Wunden gibt, die nur von weiblicher Hand geheilt werden konnen, so gibt es auch ein stolzes, mi?trauisches, verstecktes Ungluck, das nur durch weiblichen Spursinn entdeckt werden, durch den unwiderstehlichen Zauber der Weiblichkeit mitteilsam gemacht werden kann.« – »Und wann werden Sie mich in die Lage setzen, diese Eigenschaften zu betatigen?« fragte die Marquise. – »Nach vier Tagen gewahren Sie mir wohl das Vergnugen, Ihnen einen Besuch zu machen?« – »Erst in vier Tagen!« rief Clemence, ohne sich zu verstellen. – »Fassen Sie Mut, Freundin! Ihrem Leben fehlte es bisher an einem Zwecke, Ihnen gebrach es in Ihrem Kummer an einer Zerstreuung. Glauben Sie mir: in der Zukunft werden Sie solche finden, und dann werden Sie vielleicht sogar soviel Trost finden, da? Sie aufhoren werden, Ihren Gemahl zu hassen ... Sie werden mit ihm, wie auch mit Ihrem Kinde Mitleid fuhlen lernen. Und was das letztere angeht, so la?t sich wohl, da ich nun den Grund seiner Krankheit kenne, Hoffnung auf Genesung fassen ..«
»Ware das moglich?« rief die Marquise gespannt. – »Mein Leibarzt ist zwar unbekannt als Arzt, aber ein sehr gelehrter Mann, der sich lange in Amerika aufgehalten hat. – Ich erinnere mich, von ihm gehort zu haben, da? er verschiedene Sklaven von der schrecklichen Krankheit geheilt hat. Hoffen wir also das Beste!«
Clemence heftete auf Rudolfs edles Antlitz einen Blick unaussprechlichen Dankes; ihr erschien der Mann, der ihr soviel Trost spendete, fast wie ein Konig.
Funftes Kapitel.
Armut
In der armlich eingerichteten Dachstube des Hauses Rue du Temple Nr. 47, die von einem durch zwei Holzspane auf einem viereckigen Brettchen gehaltenen Talglichte sparlich erhellt wird, sa? an dem viereckigen, plump gearbeiteten, von Fett und Talg bedeckten Arbeitstische der Steinschneider Morel, vor sich eine Handvoll Diamanten und Rubinen von bewunderungswurdiger Gro?e und seltenem Glanze. In der Stube ist es bitterkalt. Den Mann hat Schwache befallen. Von Zeit zu Zeit schuttelt ihn ein heftiger Schauder. – Sieben Personen hausen in dem kleinen Raume. Eine kranke Frau mit ihrer achtzig Jahre alten, in Blodigkeit versunkenen Mutter und funf Kindern, von denen das alteste kaum zwolf Jahre alt ist. Auf einem Strohsack liegen Madchen und Knaben zusammen, mit armlichen Lumpen auf dem Leibe.
Morels Frau Magdalene ist 36 Jahre alt, hat ein vergalltes, gelbes Gesicht, das durch ein blaues Tuch, das sie um die Stirn geschlungen hat, noch mehr verunschont wird. Ihr Gesichtsausdruck ist matt und kraftlos, er verrat, da? Magdalene zu jenen weichlichen Naturen gehort, die den Kampf scheuen und sich lieber in alles fugen, statt sich zusammenzuraffen. Ueber ein grobes, zerrissenes Betttuch, mit dem er die Frau zugedeckt, hatte er noch ein paar Kleidungsstucke gelegt, die so alt und geflickt waren, da? kein Pfandleiher sie hatte nehmen mogen. Auf diese schreckliche Armut wirft das Talglicht seinen flackernden Schein. Durch die Dachritzen pfeift der Wind. Mit unwillkurlicher Angst heften sich die Augen all dieser armen Menschen, von der bloden Gro?mutter bis zum jungsten Kinde herab, auf den Steinschneider, ihre einzige Hoffnung, ihre einzige Hilfe. In ihrer Selbstsucht sehen sie ihn als Ursache ihrer Not an, da er nicht mehr Kraft genug hat, fur sie zu arbeiten. Die Kranke klagt uber Durst. Morel fahrt aus dem Schlummer und blickt zu ihr hin.
Er ist ein Mann von vierzig Jahren, mit einem offnen, klugen, aber durch Not und Trubsal abgezehrten Gesicht, das von einem grauen, struppigen Barte, der schon seit Wochen kein Messer gesehen, uberwuchert ist. Er hat als Kind die Blattern gehabt, wovon noch Narben uber Narben zeugen. Seine kahle Stirn ist von Runzeln gefaltet, seine Augenlider sind durch uberma?iges Wachen gerotet. Sein rechter Arm zeigt als Folge der fortwahrenden Drehung des Schleifsteins eine starke Entwicklung der Muskeln, wahrend sein linker Arm und seine linke Hand stark abgezehrt und kraftlos sind, haben sie doch immer nur die Facetten der Diamanten am Schleifsteine zu halten gehabt.
»Warte, Frau,« sagt er, »ich will dir was zu trinken bringen!« Er ging zum Dache hin, go? aus dem dort stehenden Kruge, nachdem er die Eiskruste gelost, von dem kalten Wasser eine Tasse voll und reichte sie der Frau, die gierig die Hande danach ausstreckte. Aber er schien sich zu besinnen und sagte nach einer Weile: »Nein, Frau, es konnte dir schaden, bei deinem Fieber ... wir wollen es erst ein bi?chen abstehen lassen.« – »Mir
