wollen, die meiner Mutter noch vergonnt sei zu leben; aber wie sehr ich die beiden Personen auch jetzt noch verabscheue, an ein eigentliches Verbrechen hatte ich nie glauben mogen. Bald nachher fuhr mein Vater mit mir nach der Normandie, wo wir die erste Trauerzeit verleben sollten. Es dauerte aber nicht lange, so erklarte er, mich allein lassen zu mussen; aber Madame Roland werde sich meiner annehmen, da sie das Hauswesen hinfort fuhre. Es half mir nichts, da? ich mich weigerte, mit ihr unter einem Dache zu leben; mein Vater beharrte auf seinem Willen, und ich mu?te mich fugen, so abscheulich mir diese Person war. Ich spreche deshalb so ausfuhrlich uber diese Zeit, weil ich uber die Situation, in der ich mich damals befand, keinerlei Unklarheit bestehen lassen mochte, denn sie zwang mich, trotz einer Andeutung, die mich hatte aufklaren sollen, Harville meine Hand zu geben. Noch ein anderer Schmerz blieb mir vorbehalten, denn diese Madame Roland war taktlos genug, die Raume zu beziehen, in denen meine Mutter gewohnt hatte. Mein Vater sagte aber auf meine Beschwerde, da? ich mich daruber nicht wundern, sondern mich daran gewohnen solle, in der Frau meine zweite Mutter zu erblicken. Aber ich lie? keine Gelegenheit, die sich mir bot, unbenutzt, meinen Widerwillen gegen die Frau laut werden zu lassen. Daruber wurde er zornig und zankte mich in ihrem Beisein aus. Seine Gleichgiltigkeit gegen mich nahm so uberhand, da? er sich um mich gar nicht mehr kummerte, sondern mich tun lie?, was mir pa?te, bis er mir eines Morgens erklarte, diesem unerquicklichen Zustande nach Ablauf unsrer Trauerzeit durch die Verheiratung mit Frau Roland ein Ende machen zu wollen. »Unsre finanziellen Verhaltnisse erfordern es,« sagte er, »da? du dich vor mir verheiratest; dein mutterliches Erbe beziffert sich auf eine Million, die du zur Mitgift bekommen mu?t. Ich werde mich von jetzt ab um eine passende Verbindung fur dich umsehen. Verschiedene Antrage dazu liegen mir schon vor.« – Eines Tags kam Herr Dorval, der Notar meiner Mutter, mit geheimnisvoller Miene im Parke zu mir, wo ich in der Regel spazieren ging.
»Fraulein,« sagte er zu mir, »ich mochte nicht von dem Herrn Grafen ertappt werden, aber lesen Sie den Brief da und verbrennen Sie ihn dann gleich; es handelt sich fur Sie um etwas Wichtiges.« – Gleich darauf ging er. – In dem Briefe stand, da? ich mit dem Marquis von Harville verheiratet werden solle; es sahe ja so aus, wie wenn die Partie vortrefflich fur mich stande; aber ich solle doch nicht vergessen, da? die Familien von zwei Madchen, mit denen er schon verlobt gewesen sei, mit ihm kurz nach dem Verlobnis gebrochen hatten. Weshalb, konnte mir der Notar nicht sagen; aber seine Pflicht sei es, mich hiervon zu unterrichten.«
Rudolf sagte nach kurzem Besinnen: »Ja, mir fallt ein, da? mir Ihr Mann in knapp einem Jahre von zweierlei Heiratsplanen erzahlt hat, die sich, und zwar wegen Geldangelegenheiten, schrieb er, plotzlich zerschlagen hatten.« – Frau von Harville lachelte bitter und antwortete: »Sie sollen sogleich die Wahrheit erfahren. Naturlich wurde ich durch den Brief des Notars nicht blo? neugierig, sondern auch angstlich. Wer war Herr von Harville? Mein Vater hatte nie mit einem Worte seiner erwahnt. Da fuhr auf einmal ganz unverhofft Madame Roland nach Paris. Sie sollte hochstens acht Tage abwesend sein, und doch wollte mein Vater sich gar nicht in die kurze Abwesenheit schicken. Den Tag nach ihrer Ruckkehr beschied mich mein Vater zu sich. Er war allein mit meiner Stiefmutter ... Morgen kommt Marquis von Harville, sagte er zu mir, ein junger, sehr reicher und sehr talentvoller Herr. Er hat dich in Gesellschaft gesehen, ist entzuckt von dir und bewirbt sich um deine Hand. Alles ist bereits geordnet, und du kannst in sechs Wochen eine gluckliche Frau sein. Schlagst du aber – was ich nicht wunschen mochte – aus irgendwelcher Marotte die Partie aus, so wirst du dich doch verheiraten, und zwar nach meinem Willen, verstehst du? sobald meine Trauerzeit vorbei ist. Bis dahin wirst du dich in allen Hinsichten nach den Wunschen meiner Frau richten, sofern du langer in meinem Hause verweilen willst.«
»Ich horte, lieber Vater, Herr von Harville sei bereits zweimal verlobt gewesen?« – Das wei? ich; aber,« antwortete mein Vater, »es hat gar nichts auf sich; man ist in beiden Fallen nicht in der Geldfrage einig geworden. Hast du mir keinen andern Einwand zu nennen, so konnen wir dich schon als verheiratet ansehen, und zwar fur glucklich verheiratet, denn ich wunsche weiter nichts als dein Gluck!« »Und Madame Roland?« fragte Rudolf. – »O, die Heirat war ihr eigenstes Werk. Sie wu?te recht gut, warum sich die beiden Partien zerschlagen hatten, und eben darum lag ihr soviel daran, mich mit dem Marquis zu verheiraten. Sie wollte sich fur den Ha?, den ich ihr immer gezeigt, rachen dadurch, da? sie mir ein mehr als schreckliches Schicksal bereitete.« – »Das ware ja geradezu bestialisch,« rief Rudolf, »doch wie verhielt es sich um den Marquis?« – »Er kam. Ich fand keinen ha?lichen Mann in ihm, auf seinem Gesicht lag sogar ein gewisser Zug von Gutmutigkeit, nur seine Stimmung war etwas trubsinnig. Es beruhrte mich angenehm, da? er sich gegen einen greisen Diener sehr gutig zeigte, der ihn erzogen hatte. Kurz nach seiner Ankunft blieb Herr von Harbille zwei volle Tage in seinem Zimmer. Mein Vater wollte ihn aufsuchen, um sich zu erkundigen, wie es ihm ginge. Aber der alte Diener erklarte, sein Herr leide an heftigem Kopfweh, so da? er niemand sehen konne. Als ich ihn am dritten Tage wiedersah, war er sehr bla?, sehr verandert. Aber je langer ich mit ihm zusammen war, desto liebenswurdigere Eigenschaften erkannte ich an ihm. Er erriet die Verhaltnisse, die zwischen Madame Roland und mir bestanden. Mit vielem Takt gab er mir zu verstehen, da? er mich um deswillen nur um so mehr liebe und schatze. Ich sagte ihm, da? sich durch meines Vaters Wiederverheiratung die Vermogensverhaltnisse zu meinen Ungunsten verschieben wurden. Er lie? mich nicht ausreden, sondern bewies mir die vornehmste Uneigennutzigkeit, so da? ich meinte, die Familien, mit denen er vor der meinigen in Beziehungen gestanden, mu?ten sehr eigen – wenn nicht gar habsuchtiger Natur gewesen sein. Je naher der Tag unserer Vermahlung ruckte, desto glucklicher pries sich Harville. Und doch sah ich ihn wiederholt recht traurig. Es schien ihm etwas schwer das Herz zu bedrucken, als wolle er mir ein tiefes Geheimnis anvertrauen, fande aber den Mut nicht dazu. Mir fielen seine beiden ersten Verlobnisse ein, und wieder beschlich Angst und Bangen mein Herz. Mich uberkam es wie eine Ahnung, da? ich in mein Ungluck renne; das Leben im Vaterhause war mir aber so zur Qual, da? ich meine Besorgnis verscheuchte.«
Nach kurzer Pause begann sie wieder: »Ein paar Tage vor der Hochzeit kamen Harvilles Trauzeugen: Herzog von Lucenay und Herr von Saint-Remy. Eingeladen von meiner Seite waren nur die allernachsten Verwandten. Nach der Trauung umarmte mich mein Vater, auch Frau Roland. Mit heuchlerischer Freundlichkeit sagte sie zu mir, indem sie mir einen Ku? auf die Wange druckte: »Vergessen Sie mich nicht, wenn Sie sich in Ihrer Ehe recht glucklich fuhlen, denn ich habe Sie verheiratet.« – Um elf Uhr war die Trauung voruber, und eine Stunde spater waren wir in Paris, wo wir in der zehnten Abendstunde eintreffen mu?ten. – Hatte ich von Herrn von Harville nicht gewu?t, da? er im Glucke immer traurig sei, so hatte ich mich gewi? uber sein Schweigen gewundert. Mich selbst hatte eine sehr gro?e Trubnis befallen, als ich den Fu? in den Wagen gesetzt hatte, und sie verlie? mich auch nicht, als ich vor Harvilles Hause ausstieg. Aber – zu Ende! Zu Ende!« rief sie heftig. »Wenn Sie nicht alles erfuhren, mu?ten Sie mich ja verachten! Wir gingen in die fur uns bestimmten Gemacher. Die Dienerschaft ging. Wir waren allein. Mich beschlich eine schreckliche Angst. Vor Schluchzen konnte ich nicht sprechen. Aber – mein Gemahl hatte ein Recht an mir, und ich mu?te mich fugen. Er trat auf mich zu, und da sah ich plotzlich, wie seine Augen sich mit Blut fullten ... jah packte er mich am Arme, wie wenn er ihn mir zerbrechen wollte... Vergebens suchte ich mich seiner eisernen Umklammerung zu entziehen. Er horte mein Betteln nicht. Er hielt mich wie in einem Schraubstock. Sein Gesicht wurde durch gra?liche Zuckungen verzerrt. Die Augen rollten in ihren Hohlen. Vor dem Munde stand ihm blutiger Schaum. Und noch immer hielt er mich fest ... bis endlich seine Finger sich losten und er in einem Anfalle schrecklicher Epilepsie zu meinen Fu?en niederschlug und wie eine tote Masse dalag ... Das war meine Brautnacht! Das war die Rache, die meine bose Stiefmutter an mir nahm fur den Trotz und den Ha?, den ich ihr entgegengebracht!«
»Ungluckliches Weib!« sagte Rudolf, tief ergriffen: »es ist entsetzlich!« –»O, was aber noch schrecklicher ist.« sagte Clemence, »o! da? diese Nacht ewig verflucht sei! – Mein Kind, mein Tochterchen, hat die schreckliche Krankheit von ihrem Vater geerbt!«
Die Marquise bedeckte das Gesicht mit den Handen und vermochte kein Wort mehr zu sprechen ... Auch Rudolf schwieg.
Viertes Kapitel.
Mildtatigkeit
Clemence stutzte die Stirn in die Hand. Tranen standen ihr in den Augen. Ihre Wange brannte vor Scham, und sie vermied, so schwer war ihr die Offenbarung ihres tiefen Leides geworden – Rudolfs Blicke ... Nach langer Pause begann dieser: »O, jetzt errate ich den Grund von Harvilles Traurigkeit, den ich mir bisher nicht erklaren konnte.« – »O, beklagen Sie ihn nicht!« erwiderte die Marquise, »denn nie ist ein Verbrechen mit kalterer Grausamkeit verubt worden!« – »Sie haben recht! Ihre Stiefmutter konnte sich auf so entsetzliche Weise rachen, wenn er uber seine Krankheit schwieg: und auch das war von ihm ein Verbrechen!« sagte Rudolf, setzte aber nach
