Ein Korper plumpst ins Wasser, das ihm ins Gesicht spritzt... Aus einer unendlichen Menge von Blasen, die an die Wasserflache emporsteigen, sieht er jah eine Frau aufsteigen, die sich vorm Ertrinken wehrt... Dann sieht er sich selbst und die Eule, ein Kastchen in schwarzer Leinwand schleppend, vom Kanale hinwegrennen: aber den Todeskampf des Opfers, das er und die Eule in den Kanal geworfen haben, erblickt er von Phase zu Phase ...
Und wieder schwebt uber ihm die Eule und flattert mit den Flugeln, und wieder kreischt sie ihm zu: »Die Frau aus dem Kanale Saint-Martin! – Dein dritter Mord! – Morderchen! Morderchen! Morderchen!«
Eine kraftige, feierliche Stimme ertont: die Stimme Rudolfs. Bakel erbebt vor Entsetzen. Er lauscht. Die Stimme ist nicht mehr zornig, sondern traurig ... »Armer Elender,« sagte er zu Bakel, »fur dich hat die Stunde der Reue noch nicht geschlagen; wann sie schlagen wird, wei? Gott allein. Noch ist das Ma? deiner Verbrechen nicht voll, die Strafe fur deine Verbrechen nicht voll. Du magst gelitten haben, hast aber nicht gebu?t. Das Werk der Gerechtigkeit wird durch das Schicksal vollendet. Die deine Mitschuldigen waren, sind deine Qualer geworden, denn ein Weib und ein Kind demutigen dich und foltern dich. Durch neue Missetat wolltest du dich betauben. In greulichem Blutdurst gehst du mit dem Plane um, dein Eheweib zu ermorden. Sie weilt hier, unter dem gleichen Dache mit dir, schlaft ohne Schutz in einer Stube, nur wenige Schritte entfernt: du kannst ohne Hindernis zu ihr gelangen, nichts kann sie deiner Wut entrei?en, nichts als deine Ohnmacht, deine Blindheit. Was du eben getraumt, konnte, sollte dir eine Lehre sein, konnte dir zur Rettung sein. Was deiner wartet,« schlo? Rudolf, »ist ein Schicksal so entsetzlicher Art, da? sich keine schwerere Strafe aussinnen lie?e, und wenn du bu?en solltest fur alle Verbrechen aller Menschen! Wehe, wehe uber dich! Das Fatum will, da? du die gra?liche Strafe vernimmst, die deiner wartet, ohne da? du das Geringste tun kannst, ihr zu entgehen ... Vernimm also deine Zukunft...«
Da war es dem Rauber und Morder, als hatte er das Licht seiner Augen wiedererlangt ... er schlug die Augen auf... er sah ...
Doch was er sah, machte auf ihn einen so furchtbaren Eindruck, da? er einen schrillen Schrei ausstie? und aus dem entsetzlichen Traume auffuhr, der ihn verfolgte ...
Achtes Kapitel.
Ein Brief.
Es schlug eben neun, als Frau Georges leise in Mariens Stube trat, die einen so leisen Schlaf hatte, da? sie auf der Stelle wach wurde. Eine helle Wintersonne warf ihre Strahlen durch die Jalousien und Vorhange und warf einen goldenen Schein uber das Stubchen, dem bleichen und doch so lieblichen Gesichte die ihm fehlende Farbe leihend.
»Nun, Kind,« sagte Frau Georges, »bist du heut nicht schon in aller Fruhe aus dem Schlafe geschreckt worden?« – »Nein, liebe Frau Georges.« – »Das ist ja recht gut,« sagte die Frau, »ich dachte nur, du seiest durch den armen Blinden, der gestern um Nachtquartier fur sich und seinen Knaben bat, geweckt worden; Chatelain sagte wenigstens, die beiden Leute wollten beizeiten wieder aufbrechen.« – »Ich habe nichts gehort, Frau Georges.« – »Und doch stehst du aus, als ob du recht schlecht geschlafen hattest, deine Augen sind trube.« – »Ich bin heut nacht von recht garstigen Traumen gequalt worden, habe das Weib wiedergesehen, das mich als Kind so schrecklich peinigte, und bin so heftig erschrocken, da? ich keinen Schlaf mehr habe finden konnen.« – Sie umschlang den Hals ihrer andern Mutter und verbarg das Gesicht an ihrer Brust. »Aber, mein liebes Kind, regt dich das denn jetzt noch auf?« – »Ach, liebe Frau Georges, Sie sind so gutig gegen mich, und es bedruckt mir das Herz schwer, da? ich Ihnen nicht schon gesagt habe, was ich gestern abend dem Herrn Pfarrer gebeichtet habe. Aber er mag es Ihnen morgen sagen. Mir ware es nicht moglich, alles noch einmal zu beichten.«
Da klopfte es an der Tur, und Claudine trat ein... »Peter ist im Einspanner von Frau Dubreuil aus Arnouville gekommen und hat hier den Brief fur Sie mitgebracht. Er sagt, es sei sehr eilig.« – Frau Georges las das Folgende:
»Sie wurden mir einen recht gro?en Gefallen erzeigen, liebe Frau Georges, wenn Sie gleich zu mir kommen konnten. Peter konnte Sie her- und nach Tische gleich wieder heimfahren. Ich wei? tatsachlich nicht, was ich in dem vorliegenden Falle mache; mein Mann ist in Pontoise. Ich habe au?er Ihnen und Marien niemand, an den ich mich momentan wenden konnte. Klara ku?t ihre liebe kleine Schwester in Gedanken und erwartet sie mit Ungeduld. Kommen Sie, wenn irgend moglich, noch vormittags und nicht spater als elf. Ich halte Fruhstuck bereit.
Ihre aufrichtige Freundin
Dubreuil.«
»Um was mag es sich handeln?« fragte Frau Georges ihr Pflegekind; »glucklicherweise beweist der Ton in dem Briefe, da? nichts Schlimmes geschehen ist.« – »Soll ich mitfahren, Frau Georges?« fragte Marie. – »Das ware am Ende nicht klug, denn es ist kalt,« erwiderte Frau Georges; »aber ein bi?chen Zerstreuung ware es sicher fur dich; und wenn du dich warm anzogest, so konnte man es wohl wagen, Kind.«
Kurz nachher stiegen Frau Georges und Marie in einen jener stattlichen Einspanner, die zur damaligen Zeit unter den reichen Pachtern in der Pariser Gegend Mode waren, und bald rollte der Wagen, von vier kraftigen Pferden gezogen, auf dem von Bouqueval nach Arnouville fuhrenden Wiesenwege entlang. Die gro?en, zur Besitzung gehorigen Baulichkeiten legten Zeugnis ab von der Gro?e des Gutes, das Fraulein von Noirmont dem Herzoge von Lucenay durch Heiratsgut in die Ehe gebracht worden war. Peters Peitschenknall meldete Frau Dubreuil die Ankunft ihrer Gaste. Sie eilte ihnen vors Haus entgegen und hie? sie mit aufrichtiger Herzlichkeit willkommen.
Frau Dubreuil war annahernd funfzig Jahre alt, hatte ein freundliches, mildes Gesicht, war insofern eine Seltenheit als Brunette, als sie blaue Augen hatte, und hatte ein sehr einnehmendes Wesen.
Klara lie? Marien den warmsten Platz am Kamine, druckte ihr wiederholt herzlich die Hande, herzte und ku?te und schalt sie, da? sie sich so selten bei ihr sehen lasse. – Frau Georges erkundigte sich bei Frau Dubreuil, in welcher Hinsicht sie ihr dienen konne. – »Ach, meine Liebe, in mancherlei Hinsicht,« antwortete Frau Dubreuil, »und Sie sollen gleich horen. Wie Ihnen wohl nicht unbekannt ist, gehort dieses Besitztum der Frau Herzogin von Lucenay. Wir haben deshalb auch immer mit ihr zu verkehren gehabt, den Pachtschilling an sie abgefuhrt, und so weiter. Sie ist eine sehr gutige und liebe Dame, die ich noch als Madchen gekannt habe, als ihr Vater, der selige Furst von Noirmont, noch hierher kam. Vor kurzem trat sie mit dem Wunsche an uns heran, ihr den Pachtschilling auf ein Halbjahr vorauszuzahlen. Vierzigtausend Franks findet man nicht, wie man immer sagt, gleich immer in der Schieblade, aber es lie? sich doch machen, und wir brachten ihr am andern Tage das Geld nach Paris hinein. Fruher mahnte uns die Herzogin nie, wenn wir ein paar Tage im Verzuge blieben; jetzt aber mussen wir, wenn wir nicht erinnert sein wollen, dafur sorgen, da? das Geld am Tage vorm Falligkeitstage in ihren Handen ist. Nun bekomme ich gestern durch einen expressen Boten das folgende Schreiben von der Frau Herzogin: »Meine liebe Frau Dubreuil! – Sie mussen dafur sorgen, da? ubermorgen der kleine Pavillon im Garten imstande ist. Lassen Sie es an nichts fehlen, was die Einrichtung anbetrifft, und der Person, die ich Ihnen als Bewohnerin schicke, lassen Sie dieselbe Aufmerksamkeit und Fursorge zuteil werden, als wenn Sie mich selbst bei sich hatten. Ich rechne auf Ihre mir so oft bewiesene Ergebenheit. Einen Ku? fur mein kleines Patchen. Ihre Ihnen immer gewogene Noirmont von Lucenay.«
»Sie sehen mich nun in der dummsten Verlegenheit, meine Liebe, denn von besserem Mobiliar habe ich gar nichts; au?erdem la?t mich das Schreiben in volliger Unkenntnis daruber, ob die avisierte Person ein Herr oder eine Dame ist. Und danach richtet sich doch die ganze Einrichtung. Sagen Sie mir blo?: Wie verhalte ich mich da am besten?«
»Der Pavillon ist fur gewohnlich unbewohnt?« fragte Frau Georges. – »Ja – verstanden wird darunter das kleine wei?e Haus, das allein am Gartenende steht, und das fur die Frau Herzogin gebaut wurde, als sie noch Fraulein war. Es hat drei freundliche Stuben. Am Gartenende steht noch die kleine Schweizerei, in der die Frau Herzogin als Kind das Milchmadel spielte. Seit sie vermahlt ist, hat sie den Pavillon nur zweimal wieder besucht, das erste Mal vor sechs Jahren, und zwar zu Pferde mit ...« – Aber wie wenn sie sich durch Mariens und Klaras Anwesenheit behindert fuhlte, weiter zu sprechen, sagte sie, den Faden abbrechend: »Aber ich rede und rede, und aus der Verlegenheit bringt mich das nicht. Raten Sie mir doch, liebe Freundin, bitte, bitte!« – »Ich an Ihrer Stelle schickte einen vernunftigen Menschen nach Paris ... es ist jetzt elf Uhr. Um ein Uhr kann er in Paris sein, geht zu einem Tapezier, bestellt bei ihm, was fur den Pavillon notwendig, mit dem Beding, da? heut abend, spatestens heute nacht alles hier sein musse. Unmoglich ist's nicht, die Sache zu besorgen, aber Zeit darf nun
