die finsteren Plane der Eule zu schanden gemacht hatte.
Es verging nur kurze Zeit, so kam Rene wieder mit der Nachricht, ein armer Blinder mit einem lahmen Jungen stunde drau?en, und bate um ein Obdach fur die Nacht. – »Frau Georges ist ja immer so gutig,« sagte Chatelain, »da? sie keinem ein Nachtquartier abschlagt, am wenigsten wohl einem Blinden! aber gesagt werden mu? es ihr. Claudine, besorge das!« Dann sagte er zu den Leuten: »Ruckt ein bi?chen zusammen und stellt noch zwei Teller auf den Tisch: einen fur den Blinden und einen fur den Lahmen! Es ist doch sicher anzunehmen, da? Frau Georges ihnen die Tur nicht weisen la?t.« – »Blo? uber eins wundere ich mich,« sagte Rene, »da? die Hunde so wutend waren. Besonders Turk war schier au?er sich, als die beiden Leute uber den Hof gefuhrt wurden. Die Haare baumten sich bei ihm wie bei einem Igel.«
Claudine kam mit dem Bescheide zuruck, da? Vater Chatelain fur die beiden armen Leute ein Nachtessen und eine Schlafstelle besorgen solle. Wieder bellten die Hunde drau?en, und wieder horte man Renes Stimme, sie zu beruhigen. Dann ging die Tur auf, und Bakel mit dem lahmen Jungen kam herein ... »Auf Eure Hunde konntet Ihr aber doch bessere Obacht geben,« sagte Bakel, der vor Schreck an allen Gliedern zitterte; »wenig fehlte, so hatten sie mich zerrissen.« – »Ja, so bose habe ich unsere Hunde noch nie gesehen,« bemerkte Rene, die Tur hinter sich zumachend, »ob es an der Kalte liegt? Fast waren sie ja mir an den Hals gesprungen!«
Auch den alten Schaferhund mu?te Chatelain am Halsbande fassen, denn er war ganz ebenso wild wie die Hunde drau?en ... »Kusch dich, Lysander!« rief Vater Chatelain; »la? die drau?en bellen, du aber verhalte dich still!«
Vor Bakels ha?lichem Gesicht grauten sich die Leute so, da? sie zum Teil zuruckwichen, zum Teil sprachlos stehen blieben. Dem Lahmen entging das naturlich nicht; ihm bereitete es ma?lose Freude, da er sich hiervon den besten Erfolg fur den geplanten Raub versprach.
»Warmen Sie sich nur erst ein bi?chen am Ofen,« sagte Vater Chatelain zu Bakel, »und dann setzen Sie sich mit uns zum Essen. Komm, Junge, fuhr deinen Vater her!« – »Vergelts Euch Gott,« sagte der Junge in heuchlerischem Tone; »Vater, komm, aber sieh dich vor, da? du nicht fehl trittst!«
Der Schaferhund war zu dem Blinden herangekrochen und hatte ihn beschnopert. Wahrend er erst nur geknurrt hatte, fing er jetzt greulich zu heulen an. – »Tod und Teufel!« dachte Bakel bei sich; »die verfluchten Biester wittern doch nicht etwa noch Blut? Als ich den Viehhandler umbrachte, hatte ich die gleichen Hosen an.«
»Da? Lysander heult,« sagte Rene leise, »bedeutet nichts Gutes.« – Aber Vater Chatelain brachte ihn zur Ruhe und fragte dann Bakel, ob sein Sohn lahm geboren sei oder sich nur verletzt habe ... »Recht schade,« setzte er hinzu, »da? Sie nicht vor drei Wochen schon hergekommen sind. Da war ein Doktor aus Paris da, ein tuchtiger Mann, aus der Rue des Veuves ... Aber was ist Ihnen denn?« fragte er Bakel, jah abbrechend, denn ein heftiges Zittern schuttelte den Blinden wieder, und sein Gesicht verzerrte sich zu einer gra?lichen Fratze.
»Wenn Sie der Weg wieder nach Paris fuhrt,« sagte Vater Chatelain, »dann sollten Sie doch einmal zu dem Herrn gehen. Er soll gegen Arme sehr gutig sein. Also Rue des Veuves Nr. 17, Sie finden ihn aber auch, wenn Sie die Nummer nicht behalten sollten, denn Sie brauchen blo? nach dem schwarzen Arzte zu fragen, denn Herr Dr. David ist namlich ein Neger.«
Bakels Gesicht war von Narben so zerfetzt, da? man sein Erbleichen nicht bemerken konnte. Aber als er die Hausnummer gehort und gehort hatte, da? es ein Negerarzt sei, der hier gewesen sei, da ahnte er, da? es derselbe sein mochte, der die grausame Strafe an ihm vollzogen hatte, deren Folgen er in jedem Augenblick an sich verspurte ... Zum ersten Mal in seinem Leben beschlich ihn eine Art aberglaubischer Furcht, und er fragte sich, ob wirklich Zufall allein ein so merkwurdiges Zusammentreffen bewirkt haben konne.
»Die Meierei ist nicht so, wie sie durchschnittlich sind,« schwatzte Vater Chatelain weiter, »hier gibts wohl alle Tage tuchtig Arbeit, aber auch alle Tage gutes Essen, ein gutes Gewissen und auch ein gutes Bett. Wir sind unser zwar nur sieben Mann, aber Arbeit verrichten wir fur vierzehn, werden aber auch ebensogut bezahlt. Unser Herr hat freilich eine ganz besondere Art, sich zu bereichern, ist auch ein ganz besonderer Herr, dem wir alle mit Leib und Seele ergeben sind.«
»Wenn Sie einen so guten Herrn haben,« sagte der Rauber, »ware dann nicht vielleicht in einem Winkel ein Platzchen fur mich frei fur die kurze Zeit, die mein Leben noch dauern kann?« – Vater Chatelain sah den Frager voll Verwunderung an. – »Dazu kann ich freilich nichts sagen,« antwortete Chatelain, »da mu?ten Sie sich schon an »unsere liebe Frau von edler Hilfe« selbst wenden.« – »An wen?« – »So nennen wir unsre Herrin; verstehen Sie es, sie fur sich einzunehmen, so ist Ihre Sache in Ordnung.« – »Versuchen bei ihr will ich es,« rief der Rauber, dem es allen Ernstes darum zu tun war, sich von der Tyrannei der Eule loszumachen. Aber bei dem lahmen Jungen fand seine Freude keinen Widerhall, denn ihm lag am Leben auf dem Lande gar nichts ... »Aber, Vater,« fragte der Lahme, »die gute Tante, die dich so pflegt und liebt, wirst du doch nicht im Stich lassen wollen? Die liebe Tante Eule! Die kame doch mit dem Vetter Barbillon gleich her, dich wieder abzuholen!« – »Junge, du irrst dich am Ende doch, wenn du dir einbildest, sie konnte mich nicht missen?« – »Aber, wie konnt Ihr so etwas denken, Vater?« erwiderte der Junge, »nein, nein! Tante Eule ware auf der Stelle da! Sie hat's mir auf die Seele gebunden, alles fur dich zu tun!«
»Schon gut, schon gut,« unterbrach ihn Bakel, »das soll mich nicht hindern, morgen fruh mit der guten Dame ein paar Worte zu reden; aber Sie wollten mir sagen, wie die Dame hei?t?« – »Ach richtig,« antwortete Vater Chatelain, »und warum sollte ich auch mein Wort nicht halten? Aber wenn Sie einen vornehmen Namen erwartet haben, so sind Sie nun freilich im Irrtum, denn unsre liebe Frau von edler Hilfe fuhrt den schlichten Namen Frau Georges, und unser eigentlicher Gutsherr – denn Frau Georges ist nur Pachterin – hei?t Herr Rudolf.«
Wenig fehlte, so ware Bakel vor Schreck in die Erde gesunken ... Wie ein Blitzstrahl hatten die beiden Namen ihn getroffen... »Meine Frau!« murmelte er entsetzt, »mein Peiniger!« – Da? er durch eine zufallige Uebereinstimmung der beiden Namen getauscht werde, konnte er nicht annehmen, denn Rudolf hatte, bevor er ihn zu der entsetzlichen Strafe verurteilte, zu deutlich der Teilnahme Worte geliehen, die ihn fur Frau Georges erfullte. Sodann bewies ihm doch die Erwahnung des Negerarztes mehr denn genug, da? er sich nicht irrte ... Das Entsetzen, das ihn packte, schuttelte ihn so, da? er nach einem Halte suchen mu?te. Dann aber suchte er nach der Hand des Lahmen und erhob sich ... »Komm, Junge,« sagte er, »wir wollen gehen, ich will weg von hier. Fuhre mich hinaus!«
»Was? Jetzt in der Nacht wollen Sie gehen?« fragte Vater Chatelain, »das kann doch Ihr Ernst nicht sein; armer alter Mann?« Und zu dem Lahmen sagte er leise, man musse ja furchten, es sei bei dem Vater nicht richtig im Oberstubchen. – Dann sah der Lahme klug auf, seufzte tief und nickte ... Dann legte er den Finger an die Stirn, zum Zeichen, da? es beim Vater wirklich so sei, wie der alte Oberknecht dachte, und da er keine Lust verspurte, sich um das warme Nachtlager zu bringen, sagte er: »Aber, Vater, schon wieder der ha?liche Anfall? Sei doch blo? ruhiger! Wohin sollen wir denn in der kalten Nacht?« Und zu Vater Chatelain gewandt, sagte er: »Nicht wahr, Sie leiden nicht, da? der arme alte Mann sich jetzt noch auf den Weg macht?«
»Hab keine Bange, Kind,« erwiderte Chatelain, »wir machen deinem Vater nicht auf; da kann er ja nicht weg und wird sich drein finden mussen, die Nacht hier zuzubringen.« – »Ich lasse mich zu nichts zwingen,« erwiderte Bakel; »zudem konnte es auch sein, da? ich, da die Frau Georges nur Pachterin ist, dem Gutsherrn zur Last fiele.« – »Dem Gutsherrn?« erwiderte Chatelain, »o, der ist jetzt nicht hier, sondern kommt erst in funf bis sechs Tagen. Tragen Sie unserer lieben Frau nur immer Ihre Bitte morgen vor, heute wird sie leider nicht mehr herunterkommen, sonst wurde sie Ihnen sicher heute schon sagen, da? Sie auf ein Platzchen rechnen durfen, und da? sie es auf sich nehmen wird, den Gutsherrn fur Sie freundlich zu stimmen.«
»Nein, nein!« rief der Rauber, wieder von Entsetzen geschuttelt, »ich habe mich anders besonnen. Mein Sohn hat recht. Tante Eule wird sich meiner erbarmen. Komm, Junge, wir wollen zur Tante Eule.«
Aber was half es ihm, gehen zu wollen, wenn ihm der Lahme nicht beistand? Und der mochte nun einmal nichts davon wissen, so spat noch auf die Wanderschaft zu gehen. So sehr sich nun Bakel furchtete, seine Frau mochte ihn, all der Verstummelungen, die er an sich vorgenommen, ungeachtet, wiedererkennen, und so sehr es ihn infolgedessen von dannen trieb, so mu?te er sich doch fugen und bleiben. Aber damit ihn seine Frau nicht sehe, sagte er zu Chatelain: »Auf Ihre Versicherung hin, da? ich weder Ihrem Herrn noch Ihrer Pachterin zur Last falle, will ich das angebotene Nachtquartier annehmen: da ich aber schrecklich abgespannt bin, will ich mich gleich zu Bett legen, aber morgen in aller Fruhe aufbrechen,«
»Ich werde den armen Mann eine Strecke fahren,« sagte Rene, »denn Madame hat mir gesagt, ich solle vom Notar in Villiers-le-Bel im kleinen Wagen Geld holen.«
– »Meinetwegen,« sagte Chatelain, »aber du wirst zu Fu?e gehen, denn die gnadige Frau hat sich die Sache
