freilich nicht mehr versaumt werden.« –

»Und was den Zweifel angeht, ob wir einen Herrn oder eine Dame zu erwarten haben?« wandte Frau Dubreuil ein. – »Bestellen Sie so, als ob eine Dame zu erwarten sei. Kommt statt ihrer ein Herr, wird's ihm nur um so besser gefallen.« – »Liebe Freundin, Sie haben, wie immer, das Richtige getroffen.«

Eine Magd meldete, da? das Fruhstuck aufgetragen sei, und auch, da? die Milchfrau von Rains drau?en warte.

– »Die arme Frau!« sagte Frau Dubreuil unwillkurlich.

– »Wer ist denn die Frau, da? sie Ihnen solchen Ausruf entlockt?« fragte Frau Georges. – »Eine flei?ige Bauerin, die vier Kuhe hatte und sich davon ernahrte, da? sie taglich die Milch nach Paris hinein schaffte. Ihr Mann war Schmied. Sie fuhren letzter Tage einmal zusammen nach Paris, wo er sich Eisen einkaufen wollte, wahrend seine Frau ihre Milchkundschaft besorgte, und wollten sich an einer Stra?enecke wieder treffen. Dort fand sie der Mann im Streit mit betrunkenem Volk, das ihr alle Milch verschuttet hatte. Bei der daraus entstehenden Schlagerei wurde der Mann niedergestochen.«

»Das ist ja schrecklich!« rief Frau Georges, »und den Morder hat die Polizei doch festgenommen?« – »Leider ist er entkommen oder hat nicht festgestellt werden konnen. Dadurch ist nun die Frau in Not und Bedrangnis gekommen, hat ihr Vieh verkaufen mussen, auch das bi?chen Feld, das sie besa?, und da sich der Schlo?verwalter von Rains fur die arme Frau bei mir verwandt hat, habe ich ihr eine zufallig bei mir offene Stelle angeboten. Die hat sie angenommen und wird nun heute ihren Dienst antreten. Ach, Klara,« sagte sie zu ihrer Tochter, »fuhre doch die Frau in die Leutestube, wahrend ich dem Oberknecht sagen will, da? er sich auf den Weg nach Paris machen soll.«

»Gewi?, Mutterchen; aber ich kann doch die Marie mitnehmen?« – »Selbstverstandlich. Ohne einander konnt ihr beide nun doch einmal nicht sein... Nicht wahr, Frau Georges, man mu? den beiden Kindern Zeit zum Plaudern gonnen?«

Kaum hatten die beiden Madchen den Hof betreten, als ein Ruf des Unwillens erklang, und zwar aus keinem andern als dem Munde der unglucklichen Bauerin, die keine andere war als die, die taglich die Milch in die Schenke »Zum wei?en Kaninchen« gebracht und Marien auf der Stelle wiedererkannt hatte.

Funfter Teil.

Erstes Kapitel.

Die Milchfrau.

Unter einem Schuppen stand ein Wagelchen, mit einem Esel davor, und drei Kinder waren damit beschaftigt, das geringe Mobiliar abzuladen, das die Bauerin, die bei Frau Dubreuil ihren Dienst antreten wollte, eben in den Hof gefahren hatte. Die Frau mochte etwa 40 Jahre alt sein und hatte ein grobes Gesicht mit schroffem, resolutem Ausdruck. Sie ging noch in Trauer. Ihr altester Knabe mochte zwolf Jahre alt sein.

Kaum hatte sie Marien erblickt, als sie einen Schreckensruf ausstie?, mit von Unwillen verzerrten Zugen auf sie zusturzte und die im Hofe beschaftigten Arbeiter mit den Worten aufmerksam machte: »O, das ist ja eine von den Dirnen, die den Morder meines armen Mannes genau kennen. Ich habe sie wenigstens zwei Dutzend Mal mit ihm zusammen gesehen, kaufte sie doch immer von mir fur einen Sou Milch, wenn ich an der Stra?enecke vom Wei?en Kaninchen hielt. Sie wei? es, wie der Bosewicht hei?t, der meinen armen Mann niedergestochen hat, gehort sie doch mit zu der Banditenklique, die in dieser Spelunke ihr Wesen treibt ... Warte, Balg, mir sollst du nicht entgehen!«

Klara, durch diesen unvermuteten Angriff gegen Marien aufs au?erste verblufft, war sprachlos. Als aber die Bauerin immer heftiger und boser wurde, wies sie sie mit den Worten zurecht: »Dir mu? der Kummer den Verstand getrubt haben. Wovon du sprichst, la?t sich ja nicht zusammenreimen. » – »Aber ich irre mich doch nicht, liebes Fraulein!« erwiderte trotzig die Frau; »nein! Sehen Sie doch nur, wie bleich das elende Weibsstuck geworden ist! Aber warte nur! Die Polizei soll dir die Zunge schon losen! Und wenn du dir einbildest, da? ich dich laufen lassen werde, so bist du arg auf dem Holzwege. Du kommst nicht aus meinen Handen, und wenn ich dich an den Haaren zur Burgermeisterei schleifen sollte!«

»Unverschamte Kreatur!« rief da Klara au?er sich vor Entrustung, »geh auf der Stelle deines Weges! Wie kannst du dich unterstehen, meiner armen lieben Freundin, meiner Schwester, solchen Schreck einzujagen?«

»Die Ihre Schwester, gnadiges Fraulein?« rief die Bauerin und schuttelte den Kopf; »eine Dirne, die ich monatelang in Alt-Paris habe herumlaufen sehen? und Ihre – Schwester?«

Unter den Arbeitern wurde lautes Murren laut, das sich wider Marien richtete. Naturlich stellten sie sich auf die Seite der zu ihrer Klasse gehorigen Bauerin. Klara aber, der vor diesen Kundgebungen angst wurde, rief den Leuten zu: »Schafft die Frau hinweg! Es kann nicht anders sein, als da? ihr der Gram den Verstand verwirrt hat. Marie, sei ihr nicht bose! Die arme Frau wei? wirklich nicht, was sie spricht.«

Marie stand bleich, stumm, au?er stande, ein Glied zu ruhren, da und bemuhte sich umsonst, sich von den Handen der stammigen Frau frei zu machen. – »Gut, Fraulein,« sagte diese, »Sie weisen mir die Tur? Nun, dann kommt, ihr armen Waisen, packt alles wieder auf den Wagen, wir wollen uns anderswo Brot suchen, der liebe Gott wird uns schon nicht verlassen. Aber das Frauenzimmer nehmen wir mit zur Burgermeisterei, denn sie mu? uns den Namen des Schurken sagen, der euren Vater umgebracht hat. Kennt sie doch die ganze Bande! Und wenn Sie sich trotz Ihres Reichtums mit solchen Kreaturen befassen, dann,« rief sie hohnlachend, »brauchen Sie wahrlich nicht so hart gegen arme Leute, wie uns, zu sein.«

Eben ging Frau Dubreuil uber den Hof, nachdem sie den Pavillon einer Musterung unterzogen hatte... »Ach, Mutter,« rief Klara ihr zu, »nimm doch Marien in Schutz gegen die Frau hier« – dabei zeigte sie auf die Bauerin – »O, wenn du wu?test, was sie uber Marien alles geredet hat!«

»Aber was soll das hei?en?« fragte Frau Dubreuil, sich besorgt umschauend, nachdem sie Mariens erschrecktes Gesicht betrachtet hatte. – »Nun, Madame,« sagten die Arbeiter, »Sie werden gewi? das Rechte finden!« – »Liebe Madame,« rief die Witwe, Mariens Arm loslassend, »ich erkenne Ihre Gute gewi? an; aber ehe Sie mich mit meinen Kindern aus dem Hause weisen, nehmen Sie doch die Dirne hier ins Verhor. Sie wirds nicht ableugnen konnen, da? sie im Wei?en Kaninchen als Kellnerin war.« – »Jesus, Marie! Horst du, was die Frau sagt?« rief Frau Dubreuil in hochster Verwunderung. – »Na, so rede doch! Bist du die Schalldirne oder nicht?« fragte die Milchfrau. – »Ja,« antwortete die Ungluckliche leise, ohne die Frau Dubreuil anzusehen, »ja, so hat man mich dort genannt!« –

»Nun also,« riefen die Arbeiter, »wenn sie es gesteht!« – »Na, und nun wird sie auch weiter zugeben, da? sie mit dem Morder meines armen Mannes oftmals geredet hat. Ich wei? es, da? sie ihn kennt, einen jungen blassen Menschen, der immer die Zigarre im Munde hat, in Bluse und Holzschuhen, mit langem Haar ... He! Kennst du ihn oder nicht? Gib Antwort, oder ich schuttle dich, da? dir Horen und Sehen vergehen soll!«

»Ich habe in Alt-Paris freilich wohl mit dem Menschen, der Ihren Mann umgebracht hat, hin und wieder einmal reden konnen; aber wen Sie meinen, wei? ich nicht, gibts doch dort mehr als einen Morder!« – »Was sagt das Madchen?« rief Frau Dubreuil entsetzt, »mit Mordern hat sie gesprochen?« – »Mit wem verkehren denn solche Geschopfe, wie sie eins ist, anders?« sagte die Bauerin. –

Frau Dubreuil, durch eine so unvermutete Enthullung, die Mariens letzte Worte bestatigt worden, aufs hochste uberrascht, wich mit Abscheu vor ihr zuruck und zog Klara mit Gewalt an sich, die ganz trostlos und im hochsten Grade erschrocken war, auch all die Anklagen, die gegen dieses Madchen von der Bauerin erhoben wurden, nicht verstand. Mit Tranen in den Augen sah sie die Freundin, stumm, wie eine Verbrecherin vor ihren Richtern, dastehen.

»Komm, meine Tochter, komm!« sagte Frau Dubreuil, »das ist kein Umgang fur dich! Aber wie hat sich blo? unsre liebe Frau Georges ihrer annehmen konnen? ... Wie hat sie zulassen konnen, da? meine Tochter ... Aber nein! Das ist ja geradezu gra?lich! So etwas la?t sich ja gar nicht denken! Sie mu? doch aufs erbarmlichste getauscht worden sein! Wie kannst du es, als ein so verworfenes Geschopf, wagen, dich mit meiner Tochter auf

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