getauscht hatte. Herzensgute hatte sie zu einem Schritte verleitet, der sie ins Verderben sturzen konnte, und nicht sowohl aus Liebe, als vielmehr aus Mitleid hatte sie ihm ein Stelldichein bewilligt, das ihn uber die blode Rolle trosten sollte, in die ihn in ihrem Beisein auf dem Balle im Gesandtschaftspalais ihr Gemahl, der Herzog, versetzt hatte.
Die Standuhr in dem Zimmer verkundete die neunte Stunde. Je naher die fur Rudolf bezeichnete Zeit heranruckte, desto hoher stieg die Unruhe der Marquise. Aber sie raffte sich auf, gelangte nach einigem Besinnen zu dem Entschlusse, Rudolf ein tiefes Geheimnis mitzuteilen, ein Geheimnis grausamer Natur, und war erfullt von der Hoffnung, da? sie durch solche Offenheit vielleicht die von ihr so hei?ersehnte Achtung Rudolfs zuruckgewinnen werde. Eine geheime Empfindung weckte auch im Gemute der Marquise Zweifel an der Aufrichtigkeit von Sarahs Liebe.
Nach Verlauf einiger Minuten trat ein Diener herein, um Frau Ashton mit dem gnadigen Fraulein Tochter zu melden. Die Marquise nickte, und ihr Kind, ein Madchen von etwa 4 Jahren, kam herein, gefuhrt von der englischen Kinderfrau. Klarchen, ein schwachliches Kind, eilte mit ausgebreiteten Armen auf ihre Mama zu, die sich bei Madame Ashton erkundigte, wie es um die Gesundheit ihres Kindes bestellt sei. – »Es ist ja recht gut gegangen,« antwortete sie, »aber gestern furchtete ich, der Anfall mochte wiederkehren ...« »Wirklich?« rief die Herzogin angstlich, ihr Kind ans Herz ziehend, »es ist aber gunstig verlaufen?« – »Nun, Klarchen hat heut nachmittag ein bi?chen geruht, mochte aber, ohne die Frau Marquise gesehen zu haben, sich nicht schlafen legen.« In diesem Augenblicke offnete der Kammerdiener beide Flugelturen und meldete: »Seine konigliche Hoheit der Gro?herzog von Gerolstein!«
Die Marquise wollte ihr Kind seiner Wartefrau ubergeben und dieser sagen, sich aus dem Zimmer zu entfernen, aber Rudolf buckte sich lachelnd zu dem Kinde nieder und ersuchte die Marquise, ihm doch die Gelegenheit zur Erneuerung seiner Bekanntschaft mit der kleinen Freundin seines Herzens nicht zu rauben, die ihn, wie er furchten musse, wohl schon vergessen habe. Das Kind sah ihn ein paar Augenblicke mit seinem gro?en schwarzen Augenpaare neugierig an; dann erkannte sie ihn, nickte ihm freundlich zu und ku?te ihm die Hand. Die Marquise wie auch Rudolf waren uber die Unterredung, die ihnen bevorstand, beide in gewisser Verlegenheit, sahen sie deshalb nicht ungern auf ein paar Minuten durch die Gegenwart des Kindes verschoben. Bald aber fuhrte Madame Ashton, die nicht neugierig erscheinen mochte, Klara hinweg, und Rudolf war mit Clemence allein.
Er fuhlte, wie peinlich es der Frau sein musse, das Gesprach zu beginnen, und brach deshalb das Schweigen ... »Sie sind einem gemeinen Verrate zum Opfer gefallen, Frau Marquise, und wenig fehlte, so waren Sie durch eine abscheuliche Anklage der Grafin Mac Gregor in Verderben und Ungluck gesturzt worden.« – »Meine Ahnung hat mich also nicht getauscht?« rief Clemence, »aber wie erhielten Eure Hoheit davon Kenntnis?« – »Auf dem Gesandtschaftsballe hat mir ein Zufall Kenntnis von dem Bubenstuck gebracht, das der Bruder dieses Weibes im Komplott mit ihr wider Sie plant. Erlassen Sie es mir, Ihnen zu sagen, wie ich dahinter gekommen bin. Um den Verrat dieser Schottin zu vereiteln, erwartete ich Sie in der Rue du Temple.«
Nach einer kurzen Pause erwiderte die Marquise: »Ich kann Ihnen meine Dankbarkeit nur dadurch beweisen, da? ich Sie zum Mitwisser eines Geheimnisses mache, das ich bislang vor jedermann gehutet habe, das mich zwar in Ihren Augen nicht rechtfertigen kann, Ihnen mein Benehmen aber in gunstigerem Lichte erscheinen lassen wird.« – Sie schopfte tief Atem, dann fuhr sie fort: »Was ich Ihnen zu sagen habe, ist tiefernster Natur und steht mit den Ereignissen von heute fruh in engster Verbindung. Ihr Rat konnte mir von au?erordentlichem Nutzen werden; ehe ich Sie jedoch darum bitte, lassen Sie mich Ihnen ein paar Worte uber die Zeit vor meiner Verheiratung mit Herrn von Harville sagen.«
Rudolf verneigte sich, und Clemence fuhr fort: »In meinem 16. Jahre verlor ich meine Mutter, an der ich mit innigster Liebe hing, war sie doch die Herzensgute selbst, hat sie mich doch ganz allein erzogen. Denken Sie sich nun unser beider Erstaunen, als eines Tages, kurz, nachdem ich mein 16. Lebensjahr vollendet hatte, mein Vater mit der Mitteilung vor uns trat, eine junge Witwe, deren Geist aber durch herbes Ungluck gestahlt worden sei, werde an Stelle meiner Mutter meine weitere Erziehung in die Hand nehmen. Meine Mutter sei ja schon lange kranklich und konne der immer schwieriger werdenden Aufgabe nicht mehr genugen. Meine Mutter widersetzte sich diesem Ansinnen, und auch ich bat den Vater, keine fremde Person zwischen sie und mich zu stellen, aber all unsre Einreden, all unsre Tranen konnten ihn von seinem Vorhaben nicht abbringen. Madame Roland, die sich fur die Witwe eines in Indien verstorbenen Obersten ausgab, zog in unser Haus ein.« –
»Was? Also die Person, die Ihr Herr Vater nach dem Ableben Ihrer Mutter zur Frau nahm?« – »Ganz recht! Sie war nicht hubsch, auch nicht interessant, aber klug und verstand vortrefflich, zu heucheln. Sie mochte 25 Jahre alt sein, war aschblond, hatte fast wei?e Brauen und gro?e, hellblaue Augen. Von Charakter war sie treulos bis zur Grausamkeit, aber von kriechender Freundlichkeit. Wie mein Vater sich fur diese Frau hat begeistern konnen, der doch sonst soviel auf Bildung und Anstand hielt, ist mir noch heute ein Ratsel. Meine Mutter aber durchschaute auf der Stelle den ganzen Zusammenhang, es ging ihr schrecklich nahe, wenn sie vielleicht auch weniger meines Vaters eheliche Untreue beklagte als die Storung des bislang in unserm Hause waltenden Friedens und das bose Beispiel.«
»In welchem Lebensjahre stand Ihr Vater damals?«
– »In seinem 60., und trotz des hohen Verstandes, den jedermann an ihm schatzte, lie? er sich von dieser Frau umgarnen und zwar derma?en, da? er sich in den Illusionen, in die meine Stiefmutter ihn wiegt, dem Anscheine nach glucklich fuhlt. Meine Mutter hatte eine heftige Auseinandersetzung mit meinem Vater und erklarte, da? sie sich so lange von seinem Tische trenne, wie diese Person in unserm Hause weile. Mein Vater blieb unbeugsam, und meine Mutter nicht minder. Hinfort spielte sich unser beider Leben im Zimmer meiner Mutter ab, wahrend Madame Roland, ohne sich irgend welchen Zwang aufzuerlegen, an die Stelle meiner Mutter im Hause und in der Gesellschaft trat, bis meine Mutter schwer erkrankte. Leider starb der Arzt, der sie bislang behandelt hatte. Durch die Roland bekam ein Italiener Zutritt zu unserm Hause, mein Vater betraute ihn mit der weiteren Behandlung meiner Mutter, und Polidori ...« Rudolf schreckte Zusammen ... »Welchen Namen nannten Sie?« rief er, heftig erregt. – »Aber was ist Ihnen denn?« fragte Clemence, erschreckt uber das Staunen, das sich in Rudolfs Gesicht malte. – »Nein, nein!« sprach Rudolf bei sich, »ich mu? mich irren! Es sind doch seitdem annahernd sechs Jahre verstrichen, und Polidori lebt doch erst seit zwei Jahren unter anderm Namen in Paris. Gestern habe ich ihn noch gesehen, diesen Scharlatan Bradamanti ... Ein seltsames Zusammentreffen ware es ja freilich, wenn es zwei Aerzte dieses Namens gabe. Wie alt war dieser italienische Arzt, Frau Marquise?« – »Im funfzigsten Jahre konnte er stehen.«
– »Und wie sah er aus?« – »Er hatte ein finstres Gesicht, graue Augen, Adlernase...«
»Er ist's, er ist's!« rief Rudolf unwillkurlich. »Sagen Sie mir, Frau Marquise, wohnt dieser Mensch jetzt in Paris?«
»Ich kann es nicht sagen, Hoheit,« antwortete die Marquise: »etwa ein Jahr nach meines Vaters Verheiratung verlie? er Paris. Eine mir bekannte Dame, Frau Herzogin von Lucenay, hatte ihn damals auch zum Arzt.«
– »Frau von Lucenay?« fragte Rudolf erschrocken. – »Ja doch, Hoheit! Was wundert Sie dabei? Vor etwa vier Wochen erkundigte ich mich bei ihr nach dem Manne. Sie wich einer Antwort ziemlich verlegen aus und sagte, es sei ziemlich lange Zeit nichts mehr von ihm zu horen gewesen, von manchem werde er sogar fur tot gehalten ...«
»Sonderbar,« sagte Rudolf, an den Besuch der Herzogin bei Bradamanti denkend. – »Also kennen Sie diesen Arzt?« fragte die Marquise. – »Sagen Sie lieber: diesen Verbrecher, denn die schwarzesten Missetaten lasten auf seiner Seele.« – »Es kann Ihr Ernst nicht sein,« rief Clemence entsetzt, »ein Mann, der mit jener Madame Roland befreundet gewesen, der meine Mutter als Arzt behandelt hat, sollte ein Verbrecher sein? Aber – Sie haben doch vielleicht recht! Denn unter seinen Handen starb meine Mutter binnen wenigen Tagen ...« – »Nun, danken Sie wenigstens Gott, da? Ihr Vater, nachdem er sich mit Madame Roland verheiratet, keines Arztes mehr bedurfte!«
– »Hoheit, Hoheit!« rief Frau von Harville, »sollten meine Ahnungen mich also doch nicht getauscht haben?« – »Was wollen Sie damit sagen?« rief Rudolf. – »Die Krankheit meiner Mutter hatte funf Tage gedauert, ich war nicht von ihrem Bett gewichen; eines Abends trat ich auf die Terrasse hinaus, frische Luft zu schopfen; da sah ich den Arzt mit Madame Roland aus ihrem Zimmer treten. Ich stand im Schatten und konnte von ihnen nicht gesehen werden; sie sprachen leise zusammen; ich verstand von dem Arzte nur das Wort: Uebermorgen; und als die Frau abermals in ihn hinein sprach, wiederholte er das Wort ein paarmal hintereinander. Das war am Mittwoch gewesen, und am Freitag war meine Mutter tot. Das Wort fiel mir immer und immer wieder ein. Mir war es, als hatte es den Tod verkundet, doch meinte ich immer, er habe nur als Arzt auf die kurze Zeit aufmerksam machen
