du und du zu stellen? Ins Gefangnis gehorst du, aber nicht unter ehrliche Leute!«
»Jawohl, ins Gefangnis gehort sie,« riefen die Arbeiter, »denn sie kennt den Morder!« – »Ist am Ende gar seine Mitschuldige!« riefen andere. – »Siehst du,« schrie die Bauerin, Marien die Faust unter die Nase haltend, »es gibt doch noch eine Gerechtigkeit!« – »Euch, brave Frau,« sagte Frau Dubreuil zu der Bauerin, »werde ich nun nicht wegschicken, im Gegenteil! Dankbar werde ich Euch sein fur den Dienst, den Ihr mir und meinem Kinde durch die Entlarvung dieses schlechten Geschopfes geleistet habt!«
Mit diesen Worten ging sie weg und zog Klara hinter sich her. Die Arbeiter machten Miene, Marien zu ergreifen. Schon reckten sich rohe Fauste nach ihr, um sie zur Burgermeisterei zu schleppen; da bahnte sich Frau Georges einen Weg durch die Menge ... »Ihr Bosen! Schamt Ihr Euch nicht, solche Gewalttat gegen ein ungluckliches Kind zu veruben!«
»Sie ist doch eine ...« riefen die Arbeiter. – »Sie ist meine Tochter!« erklarte Frau Georges; »und wenn Ihr wissen wollt, wie es sich um sie verhalt, dann fragt unsern lieben Herrn Laporte, den Ihr doch gewi? alle liebt und verehrt! Er schenkt niemand sein Wohlwollen, der es nicht verdient!«
Diese schlichten Worte gingen den Arbeitern sehr zu Herzen, denn Abbe Laporte wurde in der ganzen Gegend fast wie ein Heiliger verehrt. Frau Georges nahm Mariens Arm und wollte mit ihr weggehen, die Arbeiter raumten bereitwillig das Feld, aber die Bauerin trat einen Schritt vor und sagte resolut zu Frau Georges:
»Ich lasse das Madchen nicht aus dem Garne, bis sie beim Burgermeister angegeben hat, wie der Schurke hei?t, der meinen armen Mann ermordet hat, und wo er zu finden ist.« – »Liebe Frau,« versetzte Frau Georges, »hier braucht meine Tochter keine Aussage zu machen, und wenn das Gericht sie vernehmen will, wird es meine Tochter schon zu finden wissen. Bis dahin hat jedoch niemand ein Recht, sie zu verhoren.«
Wenige Minuten nach diesem Auftritte kam Peter mit dem Wagen, und Frau Georges stieg mit Marien ein, um nach Bouqueval zuruckzukehren.
Zweites Kapitel.
Eine Begegnung.
Die Sonne sank am Horizonte nieder. Die Ebene war still und ode. Marie war, dem Abbe ihr neues Leid zu klagen, auf dem Wege zur Pfarrei und naherte sich dem Hohlwege, durch den sie gehen mu?te, um zu der Wohnung des Geistlichen zu gelangen, als sie sich einem kleinen lahmen Jungen gegenuber sah, in blauer Bluse und blauer Mutze, der bitterlich geweint zu haben schien und, als er Marien erblickte, auf sie zulief.
»Ach, meine liebe gute Jungfer,« sagte er, »erbarmen Sie sich doch meiner! Meine Gro?mutter, eine schon sehr alte Frau, ist im Hohlwege gefallen und hat sich Schaden getan. Ich furchte, sie hat sich ein Bein gebrochen. Ich kann ihr nicht aufhelfen, denn ich bin zu schwach dazu.« Marie, durch den Schmerz des Lahmen geruhrt, antwortete: »Stark genug, deiner Gro?mutter beizustehen, bin ich auch nicht; aber wir wollen sehen, was sich fur die arme Frau tun la?t ... Du bist wohl nicht aus unsrer Gegend?« fragte sie, dem Lahmen folgend. – »Nein, meine liebe Jungfer,« versetzte der Junge, »wir sind aus Ecouen.« – »Und wohin seid Ihr unterwegs?« – »Wir wollen einen Pfarrer aussuchen, der auf jenem Berge dort wohnt,« antwortete der Lahme in der Absicht, Mariens Vertrauen noch zu mehren. – »Doch nicht zu dem Abbe Laporte?« – »Jawohl, zu ihm! Meine Gro?mutter ist sein Beichtkind.« – »Ach, ich wollte auch gerade zu ihm. Ist das ein seltsames Zusammentreffen!« sagte Marie, immer weiter, in den Hohlweg gehend. – »Gro?mutter, Gro?mutter!« rief der Junge, »da bin ich und bringe dir die Hilfe!« Er rief es, um Bakel und der Eule anzuzeigen, da? er mit der Beute komme, nach der sie ihn ausgeschickt hatten. Da wurde Hufschlag eines galoppierenden Rosses vernehmlich, und an der Wegbiegung tauchte ein Reiter auf, dem ein Reitknecht auf dem Fu?e folgte. Der Lahme erkannte in dem Reiter mit dem hubschen gebraunten Gesichte den Vicomte von Saint-Remy, der in dem Rufe stand, der Galan der Herzogin von Lucenay zu sein.
Mariens Schonheit fiel ihm auf der Stelle auf ... »Mein su?es Kind,« sprach er sie an, »mochten Sie mich nicht den Weg nach Arnouville fuhren?« – Marie schlug vor dem kecken Blicke des jungen Mannes die Augen nieder und erwiderte schuchtern: »Wenn Sie aus dem Hohlwege heraus sind, brauchen Sie ja blo? den ersten Fu?weg rechts entlang zu reiten. Die Kirschenallee, in die Sie dann gelangen, fuhrt Sie direkt nach Arnouville.« – »Vielen Dank, su?es Kind! Aber Sie mussen mir nun noch sagen, ob ich in Arnouville Frau Dubreuils Pachtgut leicht finden werde?«
Unwillkurlich erbebte das Madchen bei dieser andern Frage, denn sie wurde durch sie an die peinliche Szene erinnert, der sie vor ihrem Abschiede von Arnouville ausgesetzt gewesen war... . »Die Gutsgebaude sto?en an die Allee, die Sie nach Arnoubille fuhrt,« sagte sie schnell.
Nochmals, dankend, sprengte der Vicomte mit seinem Reitknechte davon.
Marien fiel die unbekannte Person ein, fur die man so schnell bei Frau Dubreuil den Pavillon hatte herrichten mussen, und die sicher niemand anders war als der junge schone Herr. Noch ein paar Minuten hallte der Hufschlag der beiden Rosse durch den Hohlweg, dann war alles still. Der Lahme atmete auf, und um seine beiden Genossen von neuem aufmerksam zu machen, rief er, aber noch immer mit gedampfter Stimme: »Gro?mutter! Ich bringe ein liebes kleines Ding, das dir auf die Beine helfen will. Bring also Bakel heran!« – »Geschwind, mein Kind!« drangte Marie, »der Reiter hat uns ein paar Minuten geraubt, und ich werde zu Hause erwartet.« – »Gewi?, Balg!« schrie die Eule, uber Marien herfallend, »wir warten schon lange zu Hause auf dich,« und mit der einen Hand ihr die Kehle umspannend, da? sie nicht schreien konnte, mit der andern sie unter dem Gesa? packend, um sie am Gehen zu hindern, warf sie die Ungluckliche Bakel in die Arme, wahrend der Lahme den grauen Mantel um sie schlug und sie so fest darein hullte, da? sie sich weder bewegen, noch anders als dumpf stohnen konnte.
»Nur hurtig zum Wagen hin!« rief die Eule. – »Aber wer soll mich fuhren?« fragte Bakel mit dumpfer Stimme, die leichte, weiche Last in seinen Herkulesarmen fast zerquetschend, – »Mein Mannchen denkt doch an alles,« sagte die Eule, schlug ihren Schal zuruck, knupfte ihr rotes Halstuch ab, drehte es der Lange nach Zusammen und rief Bakel zu: »So! Mach das Maul auf, nimm den Zipfel zwischen die Zahne und bei?e fest zu! Der Lahme fa?t das andere Ende und wird dich ziehen.« – Wenige Minuten nachher lag Marie in der Droschke, in der die Eule wieder hergefahren war. Trotzdem es Nacht war, wurde der Wagen festgeschlossen; die drei Verbrecher fuhren mit ihrem dem Tode nahen Opfer nach der Ebene Saint-Denis, wo Tom ihrer wartete.
Drittes Kapitel.
Clemence von Harville.
Als Rudolf Frau von Harville aus drohender Gefahr befreit hatte, war er, sehr angegriffen, aus der Rue du Temple nach seiner Wohnung zuruckgekehrt, den der armen Familie und dem als Lachtaube bekannten Madchen zugedachten Besuch auf den andern Tag verschiebend. In der vierten Stunde bekam er einen Brief ... »Ich verdanke Ihnen mein Leben und will Ihnen meinen Dank hierfur nicht schuldig bleiben. Morgen ists mir vielleicht nicht mehr moglich, Ihnen zu danken. Konnen Sie mir die Ehre erweisen, heute abend zu mir zu kommen, durften Sie diesen Tag, wie Sie ihn begonnen haben, durch eine edle Tat beschlie?en. Clemence von Harville.« – So sehr er sich daruber freute, der Marquise einen Dienst erwiesen zu haben, bedruckte es ihn doch, auf diese Weise in einen gewissen Grad vertraulicheren Verkehrs mit ihr getreten zu sein. Die Schonheit und Anmut der Frau hatten auch auf ihn ihren Eindruck nicht verfehlt, und da er die Freundschaft ihres Gemahls nicht aufs Spiel setzen mochte, hatte er es seit einiger Zeit vermieden, sich ihr zu nahern. Auch war ihm die Unterhaltung zwischen Tom und Sarah nicht aus dem Gedachtnis gekommen, die er in dem Gesandtschaftspalais erlauscht hatte. Um ihren Ha? und ihre Eifersucht auf sie zu rechtfertigen, hatte Sarah, und nicht ohne allen Grund, behauptet, Frau von Harville hege noch immer, wenn auch vielleicht ohne es sich selbst zu gestehen, ernste Zuneigung zu Rudolf. Sarah war zu klug und zu scharfsinnig, auch eine zu gute Kennerin des menschlichen Herzens, um nicht erraten zu sollen, da? Clemence, von dem Manne, der so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, sich fur verschmaht haltend, nur aus Aerger hieruber sich dem Wunsche ihrer Freundin gefugt und, fur Herrn Roberts vermeintliches Ungluck wohl erwarmt, daruber jedoch Rudolf selbst durchaus nicht vergessen hatte.
Gleich nachdem Rudolf sie auf die Gefahr aufmerksam gemacht hatte, in der sie schwebte, war sie in das funfte Stockwerk hinaufgeeilt. Dabei hatte sie von einer Windung aus, die die Treppe machte, Karl Robert in einem so anma?enden Anzuge angesehen, da? sie auf der Stelle erkannt hatte, wie sehr sie sich in dem Manne
