anders uberlegt und meint, es sei mit dem Gelde Zeit bis zum kunftigen Montag. Solange kanns also auch beim Notar bleiben.« Zu dem Rauber und dem Lahmen sich wendend, sagte er: »Folgt mir, ich will Euch in Eure Kammer fuhren.«

Ueber einen langen Korridor ging er ihnen voraus zu einem Stubchen ebener Erde. Dort setzte er den Leuchter auf einen Tisch und ging mit den Worten: »Na, ich denke, hier werden Sie ganz gut schlafen. Moge der liebe Gott Ihnen eine gute Ruhe bescheren!« – Der Rauber setzte sich, in finsteres Sinnen verloren, auf eine Bettkante. Der Lahme ging Chatelain in dem Gange hinterher ... »Na, was hast du noch auf dem Herzen?« fragte der Alte.

– »Ach, lieber Herr, mein Vater leidet oft an Krampfen in der Nacht. Allein kann ich nicht helfen. Ob mich Wohl jemand hort, wenn ich in der Nacht rufen sollte?«

Der alte Diener wies auf eine Tur nahe der Treppe ... »Da schlaft in jeder Nacht jemand,« sagte er; »du brauchst den Mann also nur zu wecken; er wird gleich bei der Hand sein.« – »Ach, lieber Herr, wenn Sie selbst zur Hand sein konnten?« – »Sei nur ohne Sorge!« antwortete Chatelain, »ich mu? im andern Part schlafen, kanns also nicht horen, wenn etwas hier vorgeht; aber Jean Rene ist ein kraftiger Bursche, der Wohl einen Ochsen niederschlagen konnte. Solltest du aber noch jemand anders brauchen, dann wecke nur die alte Kochin, die eine Treppe hoch neben unserer guten Herrin schlaft. Im Notfalle gibt die schon eine gute Pflegerin ab.« – »Vielen Dank, lieber Herr! Vielen Dank fur das Mitleid, das Sie mit meinem armen Vater haben.« –

Mit diabolischer Schlauheit hatte der schlimme Knabe einen Teil derjenigen Nachrichten erfahren, die er im Interesse der Plane, die Bakel mit der Eule hier verfolgten, in Erfahrung gebracht: er wu?te, da? der Teil des Gebaudes, in welchem er die Nacht zubringen sollte, nur von Frau Georges, Jungfer Marien, einer alten Kochin und einem Knechte bewohnt wurde.

»Hast du gehort,« flusterte ihm der Schulmeister zu, als er hereinkam, »die Leute reden von einem gro?en Posten Geld, der am Montag hier sein solle. Da konnten wir doch unsre Visite wiederholen! Hier bleiben zu wollen, ware doch sehr dumm, denn bei diesem gutmutigen Bauernvolk hielte ich es in Zeit von acht Tagen nicht mehr aus.« Mit ma?loser Wut setzte er hinzu: »Ja, ein guter Fang winkt uns hier, aber wenn es auch nicht der Fall ware, so kame ich doch wieder, in Gesellschaft der Eule, um mich an dem Weibe zu rachen, das ganz ohne Frage jenen Schurken von Rudolf Wider mich gehetzt hat ... An ihm kann ich mich nicht rachen, aber an meiner Frau kann ich es, und werde ich es! Sie soll mir bu?en fur alles, und mu?te ich Feuer ans Haus legen und mich unter den Trummern begraben lassen, so tate ich es, tate es auf jeden Fall!«

»Na, was meinen Sie, Alterchen, wenn ich Sie zu der Tur fuhrte, die in ihr Zimmer geht?« fragte der Lahme; »ich wei?, wo es liegt, ja, ich wei? es.« – »Was? Du wei?t, wo ihr Zimmer liegt?« rief Bakel mit grimmiger Freude. – »Ja, und noch mehr: die Hauptsache ist, da? hier in dem Haustrakt blo? ein einziger Mann schlaft, wei?, wo seine Tur ist; der Schlussel steckt drau?en... Knack! Den Schlussel herumgedreht, und der Mann ist eingesperrt!«

»Wer hat dir das alles gesagt?« fragte der Rauber, unwillkurlich aufstehend. – »Ich wei? noch mehr,« sagte der Junge wieder, »neben der Stube Ihrer Frau Gemahlin schlaft eine alte Kochin. Wieder knack! Den Schlussel herumgedreht, und auch die sitzt hinter Schlo? und Riegel! Dann sind wir Herren im Hause, haben Ihre Frau und die junge Mamsell im Sack, konnen sie beide abmurksen oder entfuhren, ganz wie Euer Gnaden bestimmen.«

Bakel schwieg geraume Zeit. Dann sagte er mit gra?licher Ruhe und entsetzlicher Aufrichtigkeit: »Hore mich an! Noch habe ich Leben genug in mir. Was sind Gefangnis, Bagno, Guillotine im Vergleich zu dem, was ich heut morgen erlitten!. Und so wird es immer um mich stehen. Komm, fuhre mich zu der Tur, hinter der meine Frau schlaft. Ich will sie erstechen. Was frage ich danach, ob ich dadurch mein Leben verwirke? Wenn ich blo? wei?, da? ich meine Rache gekuhlt habe! – O, wenn du wu?test, was ich leide, so hattest selbst du Mitleid mit mir! Ists mir doch, als mu?ten mir alle Adern im Kopfe springen! – Komm,« bat er den Jungen mit fast flehender Stimme, »fuhre mich hin zu der Tur, hinter der ich mein Weib finde! Alles, alles was sich dort befindet, soll dir dafur gehoren!« – »Altes Ungeheuer!« rief der Lahme mit einem Ausdruck von Verachtung, Unwillen und Abscheu, der seinem frechen Gesicht einen Anstrich von Ernst gab, »ich soll der Stiel zum Beile sein? Nein, lieber lie?e ich mich totschlagen, ehe ich Sie zu Ihrem armen Weibe fuhrte.«

»Dann gib das Licht her,« schrie der Rauber, wie von Sinnen, »damit ich ein Feuerchen anstecke, durch das ihr alle zusammen in Flammen aufgeht!« – »Hahaha! Hahaha!« lachte der Lahme, »hatte man dir nicht die Lichter ausgeblasen, dann konntest du sehen, da? wir gar keins da haben!« – Bakel seufzte, stohnte, streckte die Arme von sich und sturzte seiner vollen Lange nach mit dem Gesicht auf den Boden. Unbeweglich blieb er liegen ... »O, das ist mir nichts Neues, Alterchen,« rief lachend der Lahme, »du willst mich blo? zu dir locken, damit du mir eins auswischen kannst! Wenns dir zu langweilig wird, platt auf der Erde zu liegen, dann wirst du schon wieder aufstehen.« – Und barfu?, das Licht mit der Hand verdeckt haltend, schlich Rotarms Sohn sich auf den Gang, um von den Schlossern der vier Turen, die auf den Korridor hinausfuhrten, Wachsabdrucke zu nehmen.

Als er damit fertig war und wieder in die Stube zurucktrat, lag Bakel noch immer auf den Dielen. Nun wurde der Junge doch angstlich und legte das Ohr auf den Rucken des Raubers. Noch atmete er, und darum glaubte der Lahme, der Rauber brute noch immer uber einer List. Aber nur ein Zufall hatte Bakel vorm Tode bewahrt: der Zufall, da? er auf das Gesicht und auf die Nase gesturzt war und infolgedessen stark geblutet hatte. Jetzt versank er in jenen Zustand, halb Schlaf, halb Wahnsinn, der haufig auf epileptische Anfalle folgt, und hatte einen seltsamen, gra?lichen Traum:

Er sah sich wieder in dem Hause der Allee des Veuves, und Rudolf vor sich, sah sich wieder in dem Zimmer, worin er die gra?liche Strafe erlitten hatte, und in dem Zimmer war nichts verandert: Rudolf sa? an dem Tische, rechts von ihm stand der Neger, links, vor Besturzung ganz au?er sich, Schuri. Wie Raubvogel unbeweglich uber dem Opfer schweben, es gleichsam durch einen Zauber bannend, bevor sie es zerrei?en, so schwebt auch uber ihm eine riesige Eule mit dem Kopfe der Einaugigen, die ihr rundes, grunlich schillerndes Auge nicht von ihm wendet... Wie man im Dunkel, wenn man sich daran gewohnt, langsam die Gegenstande unterscheiden lernt, die man zuerst kaum gesehen, so erkennt auch Bakel, da? ihn ein gro?er Blutsee von dem Tische trennt, an dem Rudolf sitzt ...

Dieser starre Richter wachst langsam zu Riesengro?e, mit ihm der Neger und Schuri. Bis zur Zimmerdecke hinauf wachsen sie, die sich im selben Verhaltnis hebt, wie sie wachsen...

Bald aber verwischt sich dieses Bild. Aus der bewegten Oberflache steigt, wie mephitischer Dunst aus einem Sumpfe, bleicher Nebel auf, und mitten darin sieht Bakel bleiche Gespenster und Mordszenen auftauchen, bei denen er selbst die fuhrende Rolle spielt.

Zuerst sieht er einen kleinen Greis mit kahlem Scheitel, der einen braunen Rock anhat und uber den Augen einen grunen Schirm tragt. Er sitzt in einer Stube an einem Tische und zahlt beim Schein einer Lampe Goldstucke, die er zu Haufchen formt. Durch das von einem bleichen Mondstrahl erhellte Fenster, vor dem sich die Wipfel von Baumen schaukeln, erblickt Bakel sich selbst, sein boses Gesicht an die Scheiben pressend. Jeder Bewegung des kleinen Greises folgt er mit blitzenden Augen. Dann druckt er eine Scheibe ein, rei?t ein Fenster auf, sturzt sich auf sein Opfer und sto?t ihm ein langes Messer tief in den Rucken zwischen den Schultern ... so rasch, so sicher, da? die Leiche des Alten auf dem Stuhle sitzen bleibt, ohne sich im geringsten zu ruhren ...

Er will das Messer zuruckziehen. Es widersteht allen Anstrengungen. Und wie die Klinge seines Dolches im Leibe seines Opfers festsitzt, so sitzt auch seine Hand fest am Griffe des Dolches. Da hort er auf den Fliesen des Nebenzimmers Sporen klingen und Sabel klirren ... Naher, und naher kommt das Gerausch. Der Schlussel wird im Schlosse herumgedreht. Die Tur geht auf ... Und darauf verschwindet die Vision, aber uber ihm schwebt die Eule, schlugt mit den Fittichen und kreischt: »Der alte Richard in der Rue du Roule ... dein erster Mord! Morderchen! Morderchen! Morderchen!«

Der Nebel zerteilt sich. Ein ander Bild! ... Der Tag will grauen. Tot am Wege liegt ein Viehhandler. Die zertretene Erde, der aufgerissene Rasen lassen erkennen, da? das Opfer verzweifelten Widerstand geleistet hat. Der Mann hat funf Wunden in der Brust. Er ist schon tot, und noch immer pfeift er seinen Hunden und ruft laut: »Hierher, Karo, Flink, hierher!« – Und wieder schlagt die Eule, uber ihm schwebend, mit den Fittichen, afft das Rocheln des Sterbenden nach, lacht wieder funf Mal grell hintereinander und krachzt:

»Der Viehhandler aus Poissy – dein zweiter Mord! – Morderchen! Morderchen! Morderchen!«

Abermals deckt sich die Oberflache des Blutsees mit Nebel: diesmal ist er grunlich und transparent, scheint einem mit Wasser gefullten Kanale ahnlich zu sehen... Zuerst sieht man das Kanalbett mit dickem Schlamme bedeckt, der aus unzahligen, mit blo?em Auge nicht unterscheidbaren Reptilien besteht, die sich aber, wie unter einem Mikroskope, vergro?ern und entsetzliche Gestalten annehmen, die zu riesenhaften Verhaltnissen anwachsen.

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