16 Jahre alt sein. Auf dem noch immer schonen Antlitz liegt ein Zug sanfter Schwermut, das edle Profil von Klaras jugendlichem Gesicht tritt auf der grauen, groben Leinwand, auf der ihr Kopf ruht, eindrucksvoll hervor.

Die Mutter steht am Bette ihres Kindes und beruhrt mit ihrer kalten Hand dessen fieberhei?en Arm... »Wie sie jetzt friert!« sagt sie, »und vor einer Stunde war sie noch hei? vom Fieber. Zum Gluck wei? sie nicht, da? sie Fieber hat ... Ach, und die Decke ist so dunn! Ich mochte noch mein Schaltuch uber sie legen; wenn ich es aber von der Tur nehme, gaffen die betrunkenen Manner wieder, wie gestern, durchs Schlusselloch ... Ein grauenhaftes Haus! Hatte ich gewu?t, was fur Menschen hier hausen, ware ich nicht eingezogen. Aber ich konnte es ja doch nicht wissen! Und ohne Ausweispapiere wird man in anderen Hausern ja auch nicht zugelassen!« Zornig unterbrach sie sich... »Ha! Es ist doch schandlich, wie mich dieser Notar betrogen hat! Und obendrein vollig au?er stande zu sein, auch nur das geringste gegen ihn zu unternehmen! ... Hatte ich wenigstens Geld noch, den Proze? zu Ende zu fuhren! So mu? ich das Andenken meines armen edlen Bruders in den Schmutz ziehen sehen, mu? es mit anhoren, da? er seinem Leben ein Ende gemacht habe, weil er finanziell ruiniert gewesen sei! mu? den Schimpf auf ihm sitzen lassen, da? er mein und meiner Tochter Vermogen vergeudet habe! , . Aber ich habe nichts in Handen gegen diesen Schurken von Notar und konnte weiter nichts erreichen, als da? ich ihm einen Skandal an den Hals hange, aus dem aber auch ich nur Schaden ernten konnte! ... O, durch diesen Schurken in die schlimmste Not gebracht worden zu sein, ist kaum Zu ertragen ... Wahrend ich von guten Zinsen standesgema? leben konnte, ware ich ihm nicht in die Hande gefallen, mu? ich jetzt Zuflucht zu Almosen nehmen! ... O, wie oft habe ich schon daran gedacht, in Stellung zu gehen als Dame irgend eines Hauses oder auch in eine solche geringerer Beschaffenheit; wie gern mochte ich an Stelle der Wartefrau der Dame im ersten Stockwerk sein! Mit dem Lohne, den diese Dame bezahlt, konnte ich fur meine Tochter sorgen... wer wei?, ob meine Tochter nicht durch sie irgend eine standesgema?e Unterkunft fande? O Gott! Wenn du doch bald Hilfe deinen armen Kindern senden mochtest!«

Es wurde dreimal heftig an die Tur geklopft ... Frau von Fermont fuhr zusammen, und Klara schreckte aus ihrem Halbschlummer auf ... »Ach Gott, Mama!« rief Klara angstlich, »wer klopft denn so? Es wird doch nicht wieder der lahme Mensch sein, der uns schon einmal belastigt hat?«

Ihre Angst schwand jedoch, als sie Micous Stimme horte ... »Gnadige Frau, mein Neffe kommt von der Post wieder. Es liegt ein Brief da mit einem X und einem Z signiert. Er kommt von weither und kostet 8 Sous. Bestellungsgebuhr zugerechnet, sind 20 Sous dafur zu entrichten.«

»Mutter,« rief Klara, »der Brief ist aus der Provinz, sicher von Herrn von Saint-Remy oder von Orbigny ... Mutter, wir sind gerettet, du brauchst nun nicht langer zu leiden, brauchst dir meinetwegen keine Sorge mehr zu machen, sondern wirst wieder glucklich werden wie in deinem fruheren Leben. Siehst du, der liebe Gott ist doch gerecht und allgutig!« Wahrend das junge Madchen das sagte, erhellte ein Hoffnungsstrahl ihr reizendes Gesicht ...

»Ach, Herr, ich danke... geben Sie her, geben Sie her!« rief Frau von Fermont, rasch den Tisch beiseite schiebend und die Tur halb offnend ... »Zwanzig Sous, meine Gnadige,« sagte der Hehler, ihr den ersehnten Brief vor die Augen haltend. – »Ich will's Ihnen gleich geben,« sagte die Frau. – »O, solche Eile hats damit nicht,« erwiderte der Hehler, »ich gehe jetzt auf den Boden. In zehn Minuten werde ich wieder da sein und im Vorbeigehen das Geld mitnehmen.«

Micou gab der Frau den Brief und ging ... »Sieh, Kind,« sagte Frau von Fermont, »der Brief kommt aus der Normandie. Aubiers lautet der Poststempel, also kommt er von Orbigny.« Ihn eine Weile lang betrachtend, sagte sie dann: »Kind, wir halten unser Gluck oder Ungluck in der Hand!« aber den Mut, das Siegel zu brechen, fand sie erst nach geraumer Zeit ...

»Gnadige Frau,« las sie dann mit bewegter Stimme. »Herr von Orbigny ist geraume Zeit schon krank und hat Ihnen, solange ich vom Schlosse abwesend war, nicht antworten konnen. Ich bin nun erst heute fruh in Paris angekommen und beeile mich, Ihnen zu schreiben, nachdem ich Herrn von Orbigny Kenntnis von Ihrer Zuschrift gegeben. Er erinnert sich nur unbestimmt noch der Beziehungen, in denen er zu Ihrem verstorbenen Herrn Bruder gestanden haben soll. Der Name Ihres Herrn Gemahls ist dem Herrn Grafen nicht unbekannt, er kann sich jedoch nicht mehr entsinnen, bei welcher Gelegenheit er ihn hat nennen horen. Was Sie uber Herrn Notar Ferrand zu schreiben belieben, erscheint dem Grafen als schmahliche Verleumdung, denn Herr Ferrand ist auch sein Notar. Er meint, Sie mu?ten arg verblendet sein, einen Mann von solcher Frommigkeit und Rechtschaffenheit derartig zu beschuldigen. Es tut dem Herrn Grafen au?erordentlich leid, Sie in einer so prekaren Lage zu wissen; da er aber au?er stande ist, Einblick in Ihre Verhaltnisse sich zu verschaffen, ist es ihm unmoglich, Ihnen irgendwelche Hilfe angedeihen zu lassen ... Mit der Versicherung unseres aufrichtigen Mitgefuhls und meiner besonderen Hochachtung Grafin von Orbigny,«

Mutter und Tochter sahen einander tiefbetroffen an. Keine der beiden Frauen konnte ein Wort uber die Lippen bringen ... Da klopfte Micou an die Tur und rief: »Darf ich um die 20 Sous bitten, gnadige Frau?« – »Gewi?, gewi?, solche frohe Kunde ist wohl wert, da? man dafur gibt, wovon man zwei Tage lang leben kann,« sagte Frau von Fermont, zu dem alten Koffer herantretend, dem das Schlo? fehlte, und buckte sich, ihn zu offnen ...

Kaum hatte sie einen Blick hineingetan, als sie entsetzt in die Hohe fuhr und ausrief: »Klara, Klara, wir sind bestohlen! Es ist kein Geld mehr in dem Koffer!« – Und mit blitzenden Augen, die Wangen von tiefer Glut ubergossen, rannte sie zur Tur hin und schrie dem Hehler zu: »Herr Micou! In dem Koffer hat ein Beutel mit Gold gelegen. Er ist mir gestohlen worden. Sicher vorgestern, als ich mit meinem Kinde einen kurzen Ausgang machte. Das Geld mu? wieder zur Stelle. Es war mein letztes! Sie sind mir verantwortlich dafur!«

»Was faseln Sie?« rief Micou... »bestohlen wollen Sie sein? Hier in meinem Hause? Sie sagen das nur, weil Sie sich um die 20 Sous drucken wollen, die Sie mir schuldig sind!« – »Wenn ich mein Geld nicht wiederbekomme,« rief Frau von Fermont, »so zeige ich Sie auf der Polizei an ... wer au?er Ihnen hat hier noch einen Schlussel zu den Zimmern im Hause?« – »So? Auf die Polizei wollen Sie gehen? Nun, das wird sich sehr schon ausnehmen,« erwiderte Micou, »aber Sie vergessen wohl ganz, da? Sie gar keine Ausweispapiere uber Ihre Person haben?« –

Die arme Frau stand wie vom Blitze getroffen ... Die Kraft, die sie solange geheuchelt hatte, wich endlich von ihr ... Klara rief entsetzt: »Mutter, Mutter! Was ist dir denn?« – Micou, trotz seiner funfzig Jahre noch ein rustiger Mann, konnte dem Mitleid, das ihn ergriff, nicht widerstehen und fa?te die Frau, die von einer Ohnmacht umnachtet wurde, unter die Arme, schob mit dem Knie die Tur zu dem Kabinett auf, wo Klara auf dem Bette ruhte, und fugte: »Entschuldigen Sie, liebes Fraulein, da? ich hier eintrete, wahrend Sie noch im Bett liegen; aber die Frau Mama ist ja ganz von Sinnen ... Gott gebs, da? es nicht schlimmer mit ihr werde!« Mit diesen Worten setzte er die Ohnmachtige auf den Schemel neben dem Bette und ging, lie? aber die Tur angelehnt, da der dicke Lahme das Schlo? davon losgerissen hatte .

Kurz nach dieser letzten Erschutterung kam die Krankheit zum Ausbruch, die schon lange im Korper der Frau keimte. Ein hitziges Fieber befiel sie, sie redete irre, und wahrend sie so lange ihre kranke Tochter gepflegt hatte, sah sich nun diese genotigt, nach fremder Hilfe Ausschau zu halten, und befand sich dabei in der schrecklichsten Angst, jeden Augenblick den Banditen hereinbrechen zu sehen, der in der Stube nebenan hauste ...

Achter Teil.

Erstes Kapitel.

Graf von Saint-Remy.

Vicomte von Saint-Remy wohnte in der Rue Chaillot, in einem schmucken kleinen Hause, das zwischen Hof und Garten stand. Der Stadtteil ist trotz der Nahe der Elysaischen Felder, der vornehmsten Promenade von Paris, doch verhaltnisma?ig still und einsam. Da? eine solche Wohnung fur den jungen Elegant, der hauptsachlich auf sein Gluck bei der Frauenwelt spekulierte, ihre besonderen Vorteile bot, braucht nicht erst gesagt zu werden, bemerkt sei nur, da? durch die Pforte des gro?en Gartens, die in ein vollig odes, die Rue Chaillot mit der Rue Marboeuf verbindendes Ga?chen fuhrte, jedermann unbemerkt zu ihm gelangen konnte.

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