rief der Junge, »die Eule kommt geflogen! Sie liegt prall neben dir!« Im andern Augenblick hatte er den Handkorb gepackt und rannte die Stufen wieder hinauf.

»Ich hab sie, ich hab sie!« rief Bakel aus der Tiefe herauf. – »Na, dann gratuliere ich!« versetzte der Junge lachend, eine Weile auf der obersten Stufe stehenbleibend. – »Hilfe, Hilfe!« schrie die Eule, dem Ersticken nahe. – »Lahmer, ich danke dir,« rief Bakel, »und verzeih dir alles Bose, was du mir angetan ... Zum Lohne sollst du die Eule schreien horen, das Totenkauzchen – pa? auf, pa? auf!«

Der Lahme hielt das Licht hoch, die gra?liche Szene, die sich im Keller abspielen sollte, zu beleuchten; aber die Finsternis war zu dicht, als da? sich etwas hatte erkennen lassen ... Die beiden Teufel kampften mit ma?loser Wut, aber ohne da? ein Laut horbar wurde, die lauten Atemzuge ausgenommen, die ja gewaltsame Anstrengungen immer zu begleiten pflegen ... Noch einmal versuchte die Eule, von dem Lahmen Beistand zu bekommen: es war ihr letztes Mittel – »Rufe deinen Vater, Junge, zum Lohne sollst du meinen Henkelkorb bekommen!« Aber auch dieses Mittel half nicht ... »Danke bestens, Eule, fur die Freigebigkeit!« antwortete er, »aber sie kommt ein bi?chen zu spat, denn den Korb habe ich mir schon zugeeignet, wei? auch schon, was fur Schatze er birgt ... nur schade, da? du einen Diamanten mit in den Keller hinunter genommen ... Hattest ihn auch noch mir lassen konnen!« – Nach einer kleinen Pause setzte er, hohnisch grinsend, hinzu: »Ich will dir was sagen, Eule, ich hatt' Appetit auf Zwiebelkuchen ... schaff mir welchen, dann helf ich dir aus der Patsche ... sonst nicht! sonst ganz gewi? nicht!« – »Junge, la? doch mit dir reden!« bettelte die Eule, aber sie konnte nichts weiter sagen ... Dann folgte eine neue Pause ... »So, Kanaille,« horte der Lahme Bakel sprechen, der dem Weibe einen Knebel zwischen die Lippen gezwangt hatte, »nun sollst du mich durch dein Geschrei nicht mehr belastigen. Da? ich die Geschichte nicht gleich zum Ende bringe, wird dich wohl weiter nicht wundern ... Du hast mich genug ausstehen lassen, drum Folter gegen Folter! Ehe ich dich umbringe, will ich dir noch ein paar Wortchen erzahlen ... du sollst deine Freude dran haben, Weib!«

»Morderchen,« rief ihm der Lahme zu, »spielen darfst du mit ihr, aber umbringen darfst du sie nicht! Das la? dir gesagt sein, horst du? Ich halte was auf meine Eule, wir haben schon ein paar Stuckchen zusammen ausgefuhrt, und ich bin der Meinung, wir konnen in Zukunft noch ganz schon miteinander vorwarts kommen. Also la? sie eine Weile zappeln, dann aber la? sie laufen ... oder ich rufe den Vater herzu!« – »Aengstige dich nicht, Junge,« rief Bakel hinauf, »ihr soll blo? werden, was ihr zukommt, nicht mehr, aber auch nicht weniger! Eine kleine Lehre wird ihr schon heilsam sein, verla? dich drauf!« – »So ist's recht, Bakelchen! So ist's recht,« rief der Junge, »und nun la? den Tanz losgehen ... Spiel ihr einen strammen Galopp auf! Rennen kann sie ja wie ein Rebhuhn!« – Er dachte nicht anders als da? Bakel die Eule nur schinden, nicht aber ums Leben bringen werde ...

»So Kanaille,« nahm Bakel wieder das Wort, aber mit weit gro?erer Ruhe, als vordem, »nun wollen wir reden! Seitdem ich drau?en in Bouqueval im Traume all meine Verbrechen noch einmal durchlebt habe, – wenig fehlte, so hatte ich damals meinen Verstand eingebu?t – seitdem ist eine seltsame Veranderung mit mir vorgegangen. Meine fruhere Bosheit macht mich schaudern. Ich wehrte dir, als du die Schalldirne mit Vitriol verbrennen wolltest. Aber seit du mich hierher in diesen Keller gebracht, seitdem du mich Durst und Hunger leiden lie?est, seitdem ich allem Grausen vor meinen Gedanken anheimfiel, seitdem ich dasselbe Schicksal litt, das ich dem Manne bereiten wollte, der mich nachher so furchtbar strafte, seitdem verabscheue ich meine fruheren Mordtaten, werde aber keine Barmherzigkeit gegen dich uben, horst du? sondern werde dir dienen, wie du mir gedient hast, im Namen unserer Opfer! ... Still, Eule! Auch du sollst bereuen lernen!« –

»Bravo, bravo, Blinder! Du spielst deine Rolle wirklich famos, das mu? man sagen!« rief der Lahme, und dabei klatschte er wie unsinnig in die Hande ...

»Im Traume hab ich sie alle wiedergesehen, die durch mich ihr Leben gelassen haben: den kleinen Alten in der Rue du Roule – die ersaufte Frau – den Viehhandler – und uber all diesen Gespenstern schwebtest du, Eule! Horen sie auf, all die Gespenster, uber den schwarzen Schleier, den ich vor Augen habe, hin und her zu ziehen, dann foltern mich andere Qualen, dann kommen Vergleiche, die mich zu vernichten drohen ... Dann sage ich zu mir: Ware ich ein ehrlicher Mann geblieben, dann ware ich jetzt frei und konnte ruhig und glucklich leben, in Ehren und geliebt von den Meinigen ... statt da? ich geblendet, gefesselt, meinen Mitschuldigen in die Hande geliefert, hier in diesem Keller hausen mu? ... Sieh, diese Gedanken ubten solchen heilsamen Einflu? auf mich, da? mein Grimm verraucht, da? es mir wird, als fande ich die Kraft nicht, den Willen nicht, dich zu bestrafen.«

Er hatte der Eule, wahrend er so sprach, unwillkurlich einige Freiheit gewahrt, und die Eule hatte sie benutzt, den Dolch zu fassen, den sie nach Sarahs Ermordung in ihr Leibchen geschoben hatte, und Bakel einen Stich in die Seite zu versetzen, der ihm einen schrillen Schmerzensschrei entlockte ...

All sein Ha? wurde hierdurch wieder wachgerufen ... »Ha, Schlange!« rief er mit zornbebender Stimme, und packte die Eule in demselben Moment, als sie entweichen wollte, »dazu bist du hergekrochen? Na, warte! ich will dich zermalmen wie einen Wurm ... Da, sieh die Gespenster! Dort aus dem Dunkel kommen sie hervor, bleiche Gerippe, aber das Blut raucht unter ihnen ... He? Furchtest du dich vor ihnen? O, straube dich nicht! Sei ruhig, Kanaille! Du sollst sie nicht sehen die Gespenster, denn ich will dich blenden, wie er mich blendete! Wie ich, sollst du hinfort keine Augen mehr haben ... Dann, Eule, stehen wir einander wieder gleich – dann konnen wir wieder spielen mit gleichen Karten!«

Die Eule schrie so furchterlich, da? der lahme Junge auf dem Treppenabsatze, auf dem er noch immer kauerte, wie von einer Tarantel gestochen, in die Hohe fuhr ... »Krachze, Eule, krachze dein Totenlied!« rief Bakel leise, »sei froh, denn nun siehst du sie nicht mehr, die unter unsern Handen verbluteten! den kleinen Alten in der Rue du Roule, die ersaufte Frau, den Viehhandler – keinen mehr siehst du! Aber ich sehe sie! da kommen sie heran im Gansemarsche, einer immer bluttriefender als der andere ... O! wie kalt sie sind! wie bleich sie sind!« – In dem Aufschrei des Entsetzens, der sich von seinen Lippen rang, erlosch der letzte Schimmer von Vernunft, der den Geist dieses Bosewichtes noch erhellte ... Hinfort kam kein Wort mehr uber seine Lippen ... wie ein wildes Tier rannte er in dem Keller umher, nur dem Instinkte der Vernichtung noch gehorchend...

Im Keller unten vollzog sich Entsetzliches ... Ein wildes Stampfen, unterbrochen durch dumpfes Gerausch, wie wenn ein Knochenkasten von einem Steine abprallte, auf dem er zerschmettern soll... Dazwischen krampfhaftes Klagegeschrei und teuflisches Gelachter. Zuletzt Todesrocheln ... Dann wieder Gestampf und dumpfe Schlage... Starr vor Grauen hockte der lahme Junge nach wie vor auf dem Treppenabsatze, bis ihn fernes Gerausch von Tritten und Stimmen aufschreckte. Am Treppenhalse wurde Licht sichtbar. Manner kamen die Treppe herunter gerannt. Im nachsten Augenblick fullte der Keller sich mit Polizisten, an ihrer Spitze Detektiv Borel... Der lahme Junge wurde gepackt, der Korb der Eule ihm abgenommen. Detektiv Borel stieg an der Spitze einiger Leute in den Keller hinunter. Alle wichen zuruck vor dem gra?lichen Anblick, der sich ihnen bot ... Bakel, der sich von der Kette freigemacht hatte, die seinen Fu? an einen schweren Stein gefesselt hielt, rannte, ein Bild des Grauens, mit starrem Haar, langem Barte, schaumendem Munde, triefend von Blut, den Leichnam der Eule an beiden Beinen hinter sich her schleifend, wie ein wildes Tier in dem Keller herum ... Nur mit Gewalt konnten ihm die blutigen Ueberreste seiner Kumpanin entwunden werden, und es wahrte geraume Zeit, bis es gelungen war, ihn zu fesseln. Dann brachte man ihn in die Schenkstube hinauf, wo Niklas Martial, seine Mutter und Schwester und Barbillon bereits gefesselt unter scharfer Bewachung am Boden lagen. Man hatte sie in dem Augenblicke festgenommen, als sie der Diamantenmaklerin den Garaus hatten machen wollen.

Als Rotarm, in dessen Beisein das Haus auf das scharfste durchsucht worden war, von Borel in die Schenkstube gefuhrt wurde, verzerrten sich die Zuge der alten Frau Martial unwillkurlich, und ihre kleinen, truben Augen funkelten wie die einer wutenden Schlange ... Sie zweifelte keinen Augenblick mehr an Rotarms Verrat und zischte ihm zu: »Da? du meinen Aeltesten nach Toulon gebracht, hab ich schon lange gewu?t ... Jetzt verschacherst du auch uns, Ischarioth! Nun, sei es! Die Welt soll sehen, wie echte Martials zu sterben wissen.«

Schaumend vor Wut, spuckte sie ihm ins Gesicht, als sie an ihm vorbei nach dem Polizeiwagen abgefuhrt wurde. Mit Barbillon, Niklas und Rotarm wurde sie ins Zuchthaus abgefuhrt, wahrend Bakel in die Irrenabteilung gebracht wurde.

Siebentes Kapitel.

Nachricht uber allerhand Figuren des Romans.

Ein paar Tage nach diesen Vorgangen begab Rudolf sich in das Haus in der Rue du Temple. Wie der Leser wei?, hatte er, um der List Ferrands ein Gegengewicht zu schaffen, aus einem Gefangnisse in Deutschland Cecily,

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