Wein gedacht?« – »Sechs versiegelte Flaschen Hab ich vorn mit abgegeben, dazu ein Vierpfundbrot bester Sorte« ... »Sagt mal, spielt denn der dicke Lahme Ihren Mietsleuten noch immer Streiche?« – »Nein, den bin ich endlich los! Dieser Tage wird er wohl hier einziehen.« – »Warum hat man ihn eingesteckt?« – »Er hat mit einem, der gerade aus der Haft entlassen worden und die besten Absichten hatte, sich zu bessern, zusammen gemaust. Der Dicke lie? ihm eben keine Ruhe ... Ich bin auch fest uberzeugt, da? niemand als er den beiden Damen das Geld aus ihrem Koffer gemaust hat ... Man kann es den armen Dingern ja nicht verdenken, da? sie daruber schier aus dem Hauschen gerieten, waren es doch die letzten Goldfuchse, uber die sie geboten, aber sich an mich deshalb halten zu wollen, dazu lag doch kein Recht vor, und so etwas mu?te ich mir energisch verbitten.« – »Was fur Frauen waren denn das?« – ,,Ach, die oben im vierten Stock gewohnt haben. Ich furchte, sie werden wohl jetzt keine Wohnung mehr brauchen, denn die Mutter durfte Wohl schon ms Gras gebissen haben, und die Tochter scharft sich gewi? die Zahne dazu ... Aber zu ihrem Begrabnisse gebe ich keinen roten Sechser, zumal ich sicher um eine halbe Monatsmiete kommen werde ... Das ist eines der schlimmsten Jahre, die ich durchgemacht habe.« – »Ach, Micou, wann klaget und jammert Ihr nicht? Und dabei seid Ihr doch steinreich wie ein Krosus! Aber – ich werde wieder abgeholt – unsere Sprechstunde ist hier recht knapp bemessen!«

Der Hehler zuckte die Achseln und ging. Der Fron fuhrte Niklas wieder in seine Zelle. Hinter Micou meldete sich Lachtaube. Der Fron, ein freundlicher Mann in den Vierzigern, der Lachtaube in sein Herz geschlossen hatte, fuhrte sogleich Germain herein, der, als er das frische, reizende Gesicht der Freundin durch das Gitter schimmern sah, lebhaft errotete. Der Fron setzte sich rucksichtsvoll in die au?erste Ecke, so da? sie zusammen ungeniert plaudern konnten ... »Nun mu? ich mich doch erst uberzeugen, Herr Germain,« sagte Lachtaube, ihr hubsches Gesicht nahe an das Gitter haltend, »ob sich mit Ihrem Gesicht zufrieden sein la?t. Nur nicht so traurig, sage ich Ihnen, sonst werde ich bose.« – »Ist das lieb und nett von Ihnen zu kommen!« – »Ach, reden Sie nicht! Ich habe doch die gleiche Freude, Sie zu sehen! Aber was ich Ihnen heute bringe, erraten Sie gewi? nicht.« – »Was kann es anderes sein als Gutes, da es von Ihnen kommt?« erwiderte er; »wie soll ich Ihnen alles danken!« – »Da, ein Halstuch aus wei?er Wolle, das ich Ihnen gestrickt habe. Ich kann mir denken, wie kalt es hier sein mag in den gro?en Hofen, und ein klein wenig warmer halt es Sie doch?« – »Ach! Sie gonnen sich gewi? gar keinen Schlaf, strengen sich um meinetwillen uber die Krafte an ... Wie soll ich Ihnen das alles blo? danken!« sagte er wieder und wischte sich eine Trane aus den Augen ... »Was habe ich Ihnen eben gesagt?« rief Lachtaube; »wenn Sie durchaus nicht horen wollen, dann gehe ich auf der Stelle wieder heim, horen Sie? Ich kann mir wohl denken, da? die anderen Gefangenen sich lustig uber Sie machen ... Und wenn Sie durchaus nicht auf den freundlichen Fron horen und Ihr Benehmen andern wollen, dann wirds doch noch einmal kommen, wie er gesagt hat, man wird Ihnen was zu leide tun!« – »Ich kann mir nicht helfen, liebe Freundin, mit solchen Menschen Gemeinschaft zu haben, ist mir nicht moglich.« – »Ich glaube es Ihnen ja,« sagte Lachtaube, »habe ich doch gelesen, was Sie mir jungst aufgezeichnet haben, aber was bleibt denn anders ubrig als mit den Wolfen zu heulen? Fassen Sie doch Mut! Es werden schon wieder andere Zeiten kommen ... Ich habe auch anderes noch in Ihren Aufzeichnungen gelesen,« setzte das kluge Madchen hinzu, »und zwar Dinge, uber die ich eigentlich recht bose mit Ihnen sein sollte!«

»... und die Sie, wenn mich nicht solch herbes Ungluck verfolgte, nie erfahren hatten! Das schwore ich Ihnen ... Aber verzeihen Sie mir das torichte Zeug und vergessen Sie es ... Jetzt darf ich mich in solchen Traumen ja doch nicht mehr wiegen.«

Schon zum zweiten Male machte sie den Versuch, Germain ein Gestandnis zu entlocken, ohne da? es ihr gelang, ihn dazu zu bringen, denn das Ungluck hatte ihn schuchtern und mi?trauisch gemacht. Wie konnte er auch denken, da? ihn, auf dem jetzt solche Anklage lastete, ein Madchen wie Lachtaube noch lieben konnte! Sie aber, schmerzlich bedruckt, da? sie nicht verstanden wurde, unterdruckte einen Seufzer, noch immer hoffend, da? sich ihr eine Gelegenheit bieten werde, dem Manne ihrer Wahl ihr Herz zu offenbaren. Verlegen antwortete sie deshalb: »Ich sage das doch nur, weil ich meine, Sie sollten sich nicht unnutz in Gefahr begeben.« – »Und ich sage Ihnen meinerseits, da? ich zuweilen versucht habe, mich mit denjenigen Gefangenen zu befassen, die nicht gerade zu den abgefeimten Verbrechern gehoren; aber wenn Sie ahnen konnten, welche Sprache die Menschen fuhren! O, es kann einen schaudern.« – »Sie Aermster! Wie tief beklage ich Sie!« – »Und lebt man an solch schrecklichem Orte, in solch abscheulicher Gemeinschaft, dann,« rief er, »dann kann man sich wirklich denken, da? fur jemand, der unschuldig hierher gerat, wenig dazu gehort, als verstockter Sunder den Weg hinaus zu nehmen!« – »Aber nicht Sie, nicht Sie!« rief Lachtaube. – »Ich ebenso gut wie viele andere, die tausendmal besser sind als ich!« – »O sprechen Sie nicht so! Sie tun mir schrecklich weh!« – »Was soll ich Ihnen aber sagen, wenn Sie sich daruber beschweren, da? ich traurig sei? Andere Grunde zu Betrubnis und Kummer habe ich doch nicht,« sagte er, und wieder standen ihm Tranen in den Augen ... »Ich kenne nur ein Mittel, mich fur Ihr Mitgefuhl erkenntlich zu zeigen, und das ist, Ihnen nichts zu verheimlichen. Und so gestehe ich Ihnen mit Grauen, da? ich mich schon jetzt gar nicht wiederkenne. Wenn ich auch die Elenden verachte und fliehe, so wirkt doch ihre Anwesenheit, ihre Beruhrung niederdruckend, lahmend auf mich. Mir ist zumute, als wohnte ihnen die schlimme Macht inne, die Atmosphare zu verderben, in der sie leben. Ich fuhle, wie das Verbrechen durch all meine Poren eindringt. Und wurde ich auch freigesprochen von meinem Fehltritt, den ich doch nur, durch Mitleid getrieben, begangen habe, so wird mich doch immer der Umgang mit ehrlichen Menschen in Verlegenheit setzen und mit Scham erfullen. Denn in den Augen des Gesetzes gelte ich doch als untreu, wenn es auch minder schlecht ist, aus solcher Absicht, wie sie mich geleitet, sich an fremdem Eigentume zu vergreifen, als um sich zu bereichern. Ein Diebstahl bleibt es immer, was ich getan habe, wenn auch einer unter mildernden Umstanden. Mich mit unbescholtenen Menschen auf eine Stufe zu stellen, ist mir verwehrt, ich mu? mich vielmehr auf gleicher Stufe ansehen mit den schlechten Subjekten, in deren Gemeinschaft ich jetzt lebe. Und das – ich spure es recht wohl an mir – verhartet das Gewissen! Es mag ja wohl ein Trost sein, sich sagen zu konnen: ich bin nicht minder rechtschaffen als der ehrlichste Mensch auf Erden, bin bei weitem kein solcher Bosewicht wie diejenigen, deren Dach ich jetzt teile; aber das bleibt doch immer ein schlechter Trost!«

Auch dem Madchen war das Weinen nahe, und in einem ruhrenden, fast feierlichen Tone, den er noch nie an ihr gekannt, sagte sie: »Horen Sie, was ich Ihnen jetzt sage, Germain! Es ist recht und wahr, wenn ich mich auch nicht so gelaufig wie Sie ausdrucken kann ... Erstlich einmal sind Sie im gro?en Unrecht, wenn Sie meinen, Sie standen allein und verlassen da.« – »O, Sie durfen nicht meinen, da? ich je vergessen konnte, was Sie aus Mitleid fur mich getan ...« – »Sie sollen dies Wort auch nicht gebrauchen! Denn was ich fur Sie empfinde, ist nicht Mitleid. Und da Sie es allein nicht verstehen wollen, so mu? ich versuchen, es Ihnen klar zu machen ... Als wir Nachbarn waren, da liebte ich Sie wie einen treuen Kameraden, wie einen Bruder, wie einen braven Freund. Sie erwiesen mir mancherlei Gefalligkeit oder Aufmerksamkeit, und ich bemuhte mich, Ihnen alles wett zu machen, soweit ich bei meinen schwachen Kraften dazu imstande war. Wir machten Sonntags gemeinsame Ausfluge, Sie gaben mir Unterricht im Lesen und Schreiben, lie?en es auch an allerlei gutem Rat nicht fehlen, waren – mit einem Worte – der getreueste aller Nachbarn, die ich je gehabt habe, und der einzige, der nie Liebesdienste als Entgelt von mir verlangt hat. Und als Sie Ihr Quartier verlie?en, da gaben Sie mir einen gro?en Beweis von Vertrauen, indem Sie mir, dem armen Madchen, ein wichtiges Geheimnis anvertrauten, das machte mich stolz. Und ich dachte hinfort lieber und ofter an Sie als an meine andern Nachbarn.«

»Wirklich? Sie haben mich von andern bevorzugt?«– »Allerdings, und wie hatte ich es nicht gesollt? Ich hatte ja dumm und auch schlecht sein mussen! Ich habe nie anders bei mir gedacht, als: einen besseren Menschen als Germain gibts in ganz Paris nicht, und wenn ich eine Freundin besa?e, die ich recht glucklich sehen mochte, dann sagte ich zu ihr: Heirate Germain, denn seine Frau hat einmal den Himmel auf Erden!« – »Sie haben an mich gedacht, weil Sie meinten, ich schwarmte fur eine andere?« – »Allerdings, und niemand hatte sich mehr gefreut, Sie glucklich zu sehen, als ich ... Sie sehen, wie offen ich bin!«

»Und ich danke Ihnen dafur vom Grunde meines Herzens.« – »So standen also die Dinge, als Sie von dem herben Ungluck heimgesucht wurden, das Sie hierher fuhrte! Da erhielt ich den guten lieben Brief, in dem Sie mich ersuchten, jene Papiere zu holen, aus denen ich erfuhr, da? Sie mich immer geliebt, aber nicht gewagt hatten, mir es zu sagen, jene Papiere, in denen ich las« – und Lachtaube konnte sich der Tranen nicht enthalten – »da? Sie an meine Zukunft gedacht, und mir fur den Fall, da? Sie eines gewaltsamen Todes sturben, was Sie damals wohl zu furchten hatten, das Wenige vermachten, was Sie sich erspart hatten – was ich in jenem Augenblicke, als ich dieses – ich sage es mit tiefer Trauer im Herzen – Testament las, in welchem jede Zeile eine Erinnerung an mich enthielt, empfunden habe, das kann ich Ihnen nicht sagen... und doch sollte ich diese Beweise Ihrer Zuneigung erst erfahren, wenn Sie nicht mehr unter den Lebenden wandelten! Wer mochte sich da Wundern, da? aus solch edlem Benehmen Liebe erwachst?« – »Madchen! Was sagen Sie? Sie lieben mich? Ist's wahr, Sie konnten mich lieben?« – »Und warum sollte ich es nicht?« fragte mit triumphierendem Lacheln das Madchen, »und wenn Sie es

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