sich ein Mensch setzen kann.« – »Und doch hat es nach wie vor Leute gegeben, die solchen Ehrenmann als Geizhals verschrien haben« rief mit scheinbarer Entrustung Polidori; dann wandte er sich an den Notar mit der Aufforderung, die letzten Paragraphen des fur die Armenbank festgesetzten Statuts dem Abbe selbst vorzulesen. Mit sichtlichem Widerstreben und sich wiederholt mit der Hand uber die Stirn streichend, griff Ferrand zu dem Schriftstuck und las, oft stockend:

»Zum Direktor der Bank wird Herr Franz Germain bestellt, als Hausverwalter der Pfortner des Hauses Rue du Temple Nr. 17, Herr Pipelet, gewahlt. Es wird ein Aufsichtsrat eingesetzt, bestehend aus Herrn Abbe Dumont, dem Maire und dem Friedensrichter des Stadtbezirks. Die Eroffnung der Bank wird in den gro?eren Blattern Frankreichs inseriert, vorwiegend in solchen, die von Leuten gelesen werden, zu deren Nutzen die Bank arbeiten soll. – Die Stifter wiederholen zum Schlusse, da? sie keinerlei Verdienst beanspruchen an der Wohltat, die sie fur einen Teil der Menschheit damit im Sinne haben. Der einzig leitende Gedanke dabei ist das Wort unseres Heilandes: Liebet euch untereinander!«

Ferrand beide Hande inbrunstig druckend, rief der Abbe: »Ihr Platz wird droben im Himmel neben dem sein, der diese hehren Worte gesprochen hat!«

Die Krafte drohten Ferand zu verlassen, und ohne auf die letzten Worte des Abbes zu antworten, behandigte er ihm die zur Grundung der Anstalt und zur Stiftung der Rente fur Morel und seine Familie notwendige Summe.. »Ich darf wohl annehmen, Herr Abbe,« sagte er, »da? Sie dieses Amt nicht ablehnen. Zudem wird ein Fremder, Sir Walter Murph mit Namen, der mir im Auftrage seines Herrn bei dem Entwurfe des Planes zur Grundung der Armenbank beigestanden hat, Ihnen einen gro?en Teil der hierzu notwendigen Arbeit abnehmen und sich Ihnen, sofern Sie es wunschen, schon heute zur Verfugung stellen. Und nun,« setzte er hinzu, »haben Sie wohl die Gute, mich allein zu lassen. Ich bin sehr erschopft.« – »Verzeihen Sie, Herr Abbe,« setzte Polidori hinzu, »als Arzt meines Freundes mu? ich ihm Ruhe zubilligen. Ich kann Sie auch nicht gleich begleiten, sondern werde wohl noch zu einem physischen Aderlasse schreiten mussen.«

Der fromme Herr verstand die Anspielung nicht, obgleich er hatte sehen mussen, da? Ferrand zusammenzuckte. Er unterschrieb die Quittung, sprach noch ein paar salbungsvolle Worte und ging.

Kaum aber hatte sich die Tur hinter ihm geschlossen, als Ferrand einen schrecklichen Fluch ausstie?. Die solange verhaltene Wut und Verzweiflung brachen ungestum hervor. Mit verzerrten Zugen und unstetem Blick rannte er im Zimmer umher wie ein wildes Tier an der Kette. Mit kalter Ruhe beobachtete Polidori sein Opfer. Mit gra?licher Stimme rief Ferrand endlich: »Den Satan uber dich! all mein schones Geld geht in diesen windigen frommen Stiftungen zum Teufel! Mich Menschenverachter zwingt man zu solchem Blodsinn? Ist denn dein Herr der Teufel in Person?« – Ohne die geringste Aufregung zu zeigen, antwortete Polidori: »Ich habe keinen Herrn, Ferrand, wohl aber, wie du, einen, der uber mich richtet!« – »Ha! Da? ich mich dieser Fuchtel beugen mu?!« knirschte Ferrand, »wofur habe ich zusammengescharrt mein Leben lang? Wenn mir jetzt viel bleibt, so sind's knapp hunderttausend Franks ... Und dich Elenden hat man mir zum Kerkermeister gesetzt!« – »Das entspricht ganz dem Systeme des Fursten Rudolf,« antwortete Polidori, »er straft das Verbrechen durch das Verbrechen, den Verbrecher durch seine Kumpane. So wie du habe auch ich das Schafott verdient, und wenn ich gegen die Befehle handle, die ich als dein Kerkermeister bekommen habe, dann fallt eben mein Kopf. Ein unbestechlicherer Huter hatte dir nicht gesetzt werden konnen. Fliehen konnen wir auch nicht, denn wir konnen keinen Schritt aus dem Hause setzen, ohne den Leuten in die Hande zu sturzen, die Tag und Nacht vor der Tur lauern. Fugst du dich aber, wie auch ich es mu?, dann sind wir wenigstens sicher, keinen Kopf kurzer gemacht zu werden. Lassen wir also alles Gelust zu Widerstand!«

»Ha! Wohin ich mich wende, uberall Verderben, uberall Schande und Tod! Und was ich am meisten furchte, von allem in der Welt am meisten, das ist eben der Tod! Fluch uber mich, uber dich, uber die ganze Welt!« – »Dein Ha? umfa?t die Welt, und deine Liebe nur Paris, hochstens, wenn deine Bankgrundung weite Bahnen zieht, noch Frankreich ... Ich meine, das ware doch wenigstens ein Trost!« – »Ha! Spotte nur, du Unmensch!« zischte Ferrand. – »Wer ist schuld gewesen, da? wir in diese Lage gerieten!« erwiderte Polidori; »Niemand als du! Warum hast du meinen Brief wie eine Reliquie am Halse getragen? den Brief, der sich auf den Mord bezog, aus dem du hunderttausend Franks gewannest? da es uns so gluckte, ihn als Selbstmord auszuspielen?« – »Warum, Elender? Hast du nicht die Halfte fur deine Mittaterschaft bekommen?« zischte Ferrand, »trug ich den Brief nicht bei mir als ein Schutzmittel gegen dich? um dir die Lust zu weiteren Erpressungen zu benehmen? Auf diese Weise wu?test du doch, da? du mich nicht verraten konntest, ohne dich mit mir zu verderben! An diesem Briefe hingen also mein Leben und Vermogen, und aus diesem Grunde habe ich ihn fortwahrend als einen Schatz bei mir getragen.« – »Freilich, das war nicht ungeschickt von dir, denn wenn ich dich verriet, konnte ich weiter nichts gewinnen als den Weg mit dir aufs Schafott und doch hat uns deine Ueberklugheit ins Ungluck gebracht, wahrend uns mein Verhalten noch immer vor Strafe fur dieses Kapitalverbrechen bewahrt hat. War es meine Schuld, da? mein Brief eine zweischneidige Waffe war? Weshalb mu?test du so toricht sein, diesem Satan von – Cecily solch furchtbare Waffe in die Hande zu liefern?« – »Still! Nenne dies Weib nicht mehr!« schrie Ferrand, dessen Gesicht sich vor Wut verzerrte.

»Nun, blo? keine Krampfe wieder!« sagte Polidori kalt, »soviel steht aber fest, da? unsre Vorsichtsma?regeln fur gewohnliche Justizverhaltnisse ausreichten. Die au?ergewohnliche Justiz des Mannes aber, in dessen Hande wir geraten sind, geht andere Wege! Er konnte dir durch den gewohnlichen Rechtsweg den Kopf abschlagen lassen; was aber ware die Folge gewesen? Deine einzigen beiden Verwandten sind tot, also hatte der Fiskus dein Vermogen eingezogen zum Nachteile derer, die du in Schaden gesetzt hast ... Dadurch aber, da? er so verfahrt, ist Morel mit seiner Familie in Zukunft vor Not geschutzt; Frau von Fermont, Herrn von Rennevilles Schwester, bekommt ihre hunderttausend Franks wieder – ob er jetzt als Selbstmorder gilt oder nicht, kann ihm und den Seinigen wenig nutzen.. Germain, von dir unrechter Weise zum Diebe gemacht, bekommt seinen ehrlichen Namen wieder und zugleich eine ehrenvolle und gesicherte Lebensstellung ... Durch deinen Tod durch Henkershand hatte die menschliche Gesellschaft nicht das geringste gewonnen: dadurch, da? dir das Leben geschenkt wird, gewinnt sie sehr viel.«

»Eben das versetzt mich ja in solche Wut! Aber – es ist nicht meine einzige Qual.« – »Das wei? Furst Rudolf, der uns das Leben versprochen hat, wenn wir seine Befehle blindlings vollziehen. Wenn ich auch nicht wei?, was er ferner uber uns beschlie?en wird, so wei? ich doch, da? er sein Versprechen halten wird, aber auch, da? er, sollte er meinen, da? wir unsre Verbrechen noch nicht hinlanglich gebu?t, es dahin bringen wird, da? wir den Tod dem Leben, das er uns la?t, tausendmal vorziehen werden. Du kennst den Fursten nicht! Halt er sich fur berechtigt, keine Gnade walten zu lassen, so ist kein Feuer grausamer.« – »Ich werde tun, was du verlangst, sofern ich nur lebe, denn sterben mag ich nicht. In der Kirche wird gepredigt von denen, die verdammt sind; aber fur diese ist noch keine Strafe ersonnen worden, die der von mir empfundenen gleich kame. Mich qualt sowohl Liebe als Ha?, und statt einer einzigen fuhle ich doppelte Wunden. So schrecklich mir der Verlust meines Vermogens ist, so wurde der Tod mir doch noch schrecklicher sein. Und doch wird mir das Leben nur eine Qual sein ohne Ende, wahrend ich den Tod um deswillen scheue, weil er mir das Gluck, meine Phantasie mit dieser Cecily zu nahren, raubt.«

»Dir winkt wenigstens der eine Trost,« sagte Polidori mit seiner gewohnlichen Ruhe, »da? du an all das Gute denken darfst, womit du deine Verbrechen gesuhnt hast.« – »Ja, spotte nur,« versetzte der Notar grimmig, »du wei?t recht gut, wie sehr ich die Menschen hasse, und wie fuchswild ich bin uber solchen Unsinn von Bu?e, der sich ganz hubsch ausnimmt bei alten Huren und Betschwestern! Hol mich der Satan! Andere sollen sich masten von dem Gelde, das ich in all den Jahren zusammengescharrt habe? Das ist ein Gedanke, an dem ich noch allen Verstand einbu?e! Obendrein noch diese pfaffische Salbaderei, wahrend mir das Herz in Blut und Galle schwamm! Ha! umbringen hatte ich ihn konnen, wenn ich allein mit ihm gewesen ware! O, es ist zuviel, es ist zuviel! ... Mir verwirrt sich tatsachlich alles in meinem Kopfe, solchen Anwandlungen ohnmachtiger Wut, solchen ewig sich erneuernden Qualen kann ich nicht widerstehen ... und das alles um dieser Cecily halber! Ha, ob diese Kreatur es ahnt, was ich um ihretwillen leide! Wei? du es, Cecily, da? du mein Damon warest?«

Erschopft und fast au?er Atem, sank er auf einen Sessel nieder und rang die Hande. Aber Polidori wunderte sich nicht uber diese Ausbruche von Wut und Grimm, denn als Arzt entging es ihm nicht, da? der Grimm uber sein Vermogensverlust und seine unbefriedigte Liebesraserei dem Notar ein schleichendes Fieber zugezogen hatte. Ein Klopfen an der Tur unterbrach ihn in seiner Betrachtung daruber ... »Jakob,« flusterte er, »raffe dich zusammen! Es kommt jemand.« – Aber Ferrand horte das Klopfen nicht: in krampfhaften Zuckungen wand er sich, halb auf dem Schreibtische liegend. –

Polidori offnete die Tur. Der Bureauvorsteher verlangte, am ganzen Leibe zitternd, auf der Stelle seinen Prinzipal zu sprechen. – »Ich glaube nicht,« antwortete Polidori, »da? Sie damit Gluck haben werden, denn Herr

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