Herr Germain?« Germain sah Schuri verwundert an... »Sie hatten mich gekannt?« fragte er. – »Freilich, und wollten. Sie meine Gegenwart auf blo?en Zufall zuruckfuhren, so befanden Sie sich im Irrtum,« erwiderte Schuri, »denn hatte ich Sie nicht gekannt, so sa?e ich jetzt nicht wieder im Zuchthause.«
»Ich verstehe den Sinn Ihrer Worte nicht,« sagte Germain; »inwiefern soll ich die Schuld an Ihrem Hiersein tragen?« – Schuri nahm seine Mutze ab, um dem Schwure, den er jetzt tat, hohere Bedeutung zu geben, und rief: »So wahr ich gesund sein will, ich habe den Einbruch blo? verubt –«
»Weil Sie Not und Hunger dazu trieben?« fragte Germain. – »Nein, ich hatte weder Hunger, noch war ich in Not, denn ich hatte 120 Franks bares Geld bei mir,« antwortete Schuri, »aber, bei meinem Schutzpatron!« – und wen er darunter meinte, wird dem Leser nicht fremd sein – »ich habs nur um seinetwillen getan, das hei?t: Sie habens blo? ihm zu danken, da? ichs getan! – Hab ich doch auch blo? von ihm die Puffe gelernt, die Skeletts Schadel auf Wochen zum Bienenkorbe machen werden ... Wenn ich von meinem Schutzpatron gesprochen habe, so durfen Sie mir schon glauben, da? die Sache infam ernst ist – denn sonst nehme ich seinen Namen nicht in den Mund, weil er mir zu heilig ist ...« –»Was habe ich aber mit Ihrem Schutzpatron zu tun?« fragte Germain. – »O, tun Sie doch nicht so, als wu?ten Sie das nicht! – Tun Sie doch nicht so, als ob Sie nicht wu?ten, da? er auch Ihr Schutzpatron ist!« – »Mein Schutzpatron?« – »Allerdings, denn er beschutzt auch Sie, und wenn Sie es wirklich nicht wissen sollten, nun, dann lassen Sie sich sagen, da? er zum wenigsten ein Prinz sein mu?, wenn ich ihn auch immer nur Herr Rudolf nenne ...«
»Und doch sind Sie im Irrtum, lieber Mann,« sagte Germain, »denn ich kenne keinen Prinzen.« – »Na, aber er kennt Sie, das steht fest – wenn Sie auch nichts davon merken. Es ist nun einmal seine Art so! Sobald er hort, da? jemand in Not ist, dann hilft er auch, und niemals wei? der, dem er geholfen hat, von wem die Hilfe ihm kommt... Wie ein Ziegel vom Dache, so fallt einem die Wohltat dieses Herrn Rudolf auf den Schadel, und Sie werdens schon bald merken, da? Ihnen was auf den Kopf fallt!« – »Ich verstehe nicht, was Sie mir da sagen!« – »Lassen Sie es nur gut sein, Sie werden noch ganz andere Dinge verstehen lernen! Um Ihnen nur einiges von meinem Schutzpatrone zu sagen, was er mir angetan hat: Vor ein paar Wochen besorgt er mir eine famose Stellung, druben in Algier, in der ich mein feines Auskommen gehabt hatte – ich fahre puppenlustig weg, beim schonsten Sonnenschein – in Marseille aber, als ich ankomme, ist der Himmel pechschwarz, nachdem es schon die Tage vorher sich immer mehr getrubt hatte – verstehen Sie mich? Na, wenn nicht, so sagen Sie, ob Sie schon mal einen Hund besessen haben?« – »Sind das alles Dinge, die Sie mir da mitteilen!« –
»Also einen Hund haben Sie noch nie besessen?« – »Nein.« – »Schade! So kann ich Ihnen eben nur sagen, da? ich, als ich von Herrn Rudolf so weit weg war, angstlich und unruhig wurde wie ein Hund, der seinen Herrn eingebu?t hat. Das mag dumm von mir gewesen sein, aber es war nun einmal so, Hunde sind nun mal nicht gescheit – wenn sie auch ihren Herren zugetan sind und sich auf gute Bissen genau so gut besinnen wie auf Prugel. Nun hat mir Herr Rudolf wohl Prugel, aber weit mehr noch gute Bissen gegeben und mich aus einem rohen, wilden Subjekte zu einem ehrlichen Kerl gemacht, und blo? durch ein paar Worte, die aber gewirkt haben wie Zauberei...«
»Und was fur Worte waren das?« fragte Germain. – »Ich hatte trotz allem Herz und Ehre im Leibe, wenn ich auch schon im Bagno gesessen hatte! Und hinein gekommen war ich nicht, weil ich etwa blo? gestohlen, nein! weil ich einen Mord begangen hatte... freilich blo? in einem Anfall von Jahzorn... ich war eben aufgewachsen wie ein Vieh und wu?te von Gott und Teufel nichts! Wenn mir das Blut zu Sinnen scho?, dann wurde es mir blutrot vor den Augen, und hatte ich ein Messer in der Faust, dann stach ich drauflos ohne Besinnen, wohin es traf. Umgang konnte ich blo? mit Lumpen und Banditen haben, und in solcher Gesellschaft lernt man eben nichts von Gottesfurcht und frommen Sitten. Aber trotzdem ich uberall verachtet wurde und arm wie eine Kirchenmaus war, arbeitete ich doch lieber, statt zu stehlen, und als mir Herr Rudolf sagte, das sei ihm ein Beweis dafur, da? ich noch Herz und Ehre im Leibe hatte – tausend Donner! Da ist's mir gewesen, als ob mich was an den Haaren packte und mich uber all das Ungeziefer, zwischen dem ich bis dahin herumgekrochen, tausend Fu? emporhobe... Kurz und gut, Herr Germain, Herr Rudolf hat mich zu einem andern Menschen gemacht, als er mir liebevoll sagte, ich sei nicht so schlecht, wie ich zu sein glaubte – und ihm allein habe ich es zu danken, wenn ich mich nicht mehr vor mir selbst entsetze...«
Und als Germain diese Worte horte, da ward es ihm immer unklarer, wie dieser Mann sich zu dem erschwerten Diebstahl hatte verleiten lassen, dessen er sich selbst anklagte.
Viertes Kapitel.
Germains Freilassung
Ohne Germains Verwunderung zu beachten, fuhr Schuri fort: »Wie gesagt also, als ich weg von Herrn Rudolf war, kam ich mir vor wie ein Wesen ohne Leib und ohne Seele; und je weiter ich mich von ihm entfernte, desto ofter sagte ich mir: der Herr Rudolf fuhrt ein seltsames Leben und befa?t sich mit so schlechten Subjekten, da? er seine Haut wohl zwanzigmal am Tage zu Markte tragt. Da konnt ich doch wohl seinen Hund abgeben, denn scharfe Zahne hatte ich doch ... und da, tausend Donner! verging mir der Mut, als ich auf ein Schiff gehen und zwischen ihn und mich das Meer bringen sollte! Seinem Agenten in Marseille hatte er geschrieben, er solle mir einen tuchtigen Batzen Geld geben. Aber ich habs nicht genommen, sondern hab dem Herrn blo? gesagt, er solle mir soviel geben, damit ich zu Fu? wieder nach Paris zuruck konnte, soweit weg von meinem gutigen Herrn hielte ich es nicht aus! ... Und so bin ich denn wieder hergewandert; als ich aber wieder hier war, wurde es mir angst, denn was sollte ich Herrn Rudolf sagen? Wie sollte ich es rechtfertigen, da? ich wider seinen Willen gehandelt hatte? Na, dachte ich, fressen kann er mich schlie?lich auch nicht! Ich ging also zu seinem Freunde, dem Herrn Murph, gefa?t auf eine tuchtige Strafpredigt, aber damit wars nichts, der Herr empfing mich, als sei ich erst tags vorher bei ihm gewesen, und fuhrte mich gleich zu ihm! Tausend Donner, als ich dem Manne gegenuber stand, der eine so tuchtige Faust und ein so edles Herz hat, der grimmig ist wie ein Leu und weich wie ein Kind, der ein Prinz ist und doch eine Bluse angehabt hat wie ich – und der mir – ich danke meinem Herrgott noch heute dafur – den Schadel verprugelt hat, da? ich tagelang nicht aus den Augen sehen konnte – sehen Sie, Herr Germain, da war ich wie umgewandelt und weinte wie ein Kind! »Verzeihen Sie es mir, Herr Rudolf,« sagte ich, »aber ich habs nicht aushalten konnen!« – Und er sagte drauf: »Du bist gerade zur rechten Zeit gekommen, mir einen Dienst zu erweisen.. drum hei?e ich dich aufrichtig willkommen – ein ehrlicher Mensch, an dem ich innigen Anteil nehme, ist zu Unrecht des Diebstahls angeklagt und sitzt in La Force ... er hei?t Germain und ist schuchtern; ich furchte, die bosen Menschen, mit denen er jetzt zusammen sein mu?, mochten ihm ein Leid antun, , . du wei?t ja, wie es im Gefangnisse zugeht.. Vielleicht konntest du dich uberzeugen, ob du dort alte Kameraden fandest, und sie durch Geld und gute Worte bestimmen, dem armen jungen Menschen im Falle der Not beizustehen?«
»Jetzt fangts mir klar zu werden an,« erwiderte Germain, »wie alles zusammenhangt – um mich zu schutzen, und um Ihrem Herrn Rudolf – wie Sie ihn nennen – einen Gefallen zu erweisen, haben Sie wieder gestohlen? Blo? um wieder hierher den Weg zu finden? O, daruber werde ich mir nun zeitlebens Vorwurfe machen! Und wie – wie soll ich Ihnen soviel Aufopferung danken?« – »Mir haben Sie nichts zu danken,« erwiderte Schuri, »Wohl aber Herrn Rudolf!« – »Und wie erklare ich mir den Anteil, den er an mir nimmt?« fragte Germain. – »Das wird er Ihnen selbst sagen, sofern er es nicht vorzieht, daruber gar kein Wort zu verlieren, denn zumeist begnugt er sich damit, Gutes zu tun, ohne mit Dank zu rechnen.« – »Er wei?, da? Sie hier sind?« fragte Germain. – »Tausend Donner, nein!« rief Schuri, »denn meinen Sie etwa, er hatte es mir erlaubt, solche Possen zu treiben und einen Einbruch bei mir selber zu fingieren? Hab ich mich doch verkleidet in der Rue du Temple eingemietet und dann mich selbst bestohlen, – wie ich das angestellt habe, kann Sie weiter nicht interessieren, blo? deshalb sage ich es, weil mit dem Einbruch niemand geschadigt worden ist als ich hochstens selbst, denn alles was ich gestohlen, hatte ich ja tags vorher erst gekauft und in die leer gemietete Wohnung schaffen lassen. Wenn ich nun den Beweis dafur erbringe, da? ich mich selbst bestohlen habe, was kann man mir dann von Gerichts wegen anhaben? Man kann mich hochstens mit ein paar Tagen bestrafen wegen groben Unfugs – das ist alles, und das nehme ich gern in Kauf, nachdem ich gesehen habe, da? ich gerade noch zurecht kam, Herrn Rudolf den Dienst zu erweisen, auf den er rechnete – Sie namlich vor Ungluck zu bewahren!«
Der Fron trat wieder herein ... »Germain, schnell zum Direktor! Er will Sie auf der Stelle sprechen. Und Ihr, Schuri, geht wieder in die Lowengrube. Ihr sollt dort an Skeletts Stelle die Aufsicht fuhren. Das Zeug dazu habt Ihr! Mit einem Manne wie Euch werden die Straflinge nicht Luderei treiben.« – »Nun, jetzt weigern Sie mir einen Handedruck doch nicht mehr?« fragte Germain. – »Nein, Herr! Gewi? nicht!« antwortete Schuri; »aber da fallt mir
