ein, Sie konnten doch wohl niederschreiben, was ich Ihnen gesagt habe, und Herrn Rudolf uber den Fall berichten? Dann erfahrt er doch, wie es zusammenhangt, und braucht sich uber mich keinerlei Gedanken zu machen!«

Germain versprach es ihm und ging ins Direktorialzimmer. Zu seiner nicht geringen Verwunderung fand er dort Lachtaubchen, seine Braut, deren Augen in Tranen schwammen, aber es waren Tranen, durch die sich ein heiteres Lacheln stahl ... Auf ihrem Gesicht lag es wie ein Schimmer von Verklarung... »Ich habe Ihnen eine frohe Nachricht mitzuteilen,« redete der Zuchthausdirektor Germain an ... »es liegt der Gerichtsbeschlu? vor, Sie au?er Verfolgung zu sehen. Mithin liegt mir weiter nichts mehr ob, als Sie sofort wieder in Freiheit zu setzen.«

Lachtaube wollte etwas sagen, konnte es aber nicht. Ihr war das Herz zu voll von Freude. Sie konnte blo? nicken, da? es sich so verhalte, wie der Gefangnisdirektor sagte, und uberglucklich die Hande falten.

Funftes Kapitel.

Ferrands Strafe.

Wir fuhren den Leser abermals in Jakob Ferrands Kanzlei, und finden ihn dort in Gesellschaft des Pfarrers der Gemeinde und Bradamantis, alias Polidori. Seit Cecilys Flucht war Ferrand fast unkenntlich geworden. Auf sein leichenfahles Gesicht hatte sich dort, wo die Backenknochen vorstanden, eine fieberhafte Rote gelagert. Seine durren Hande waren hei? und trocken, und die mit Blut unterlaufenen Augen, schlecht verhullt durch die gro?en grunen Brillenglaser, glanzten im unheimlichen Feuer eines verzehrenden Fiebers. Anders das Gesicht Polidoris. Etwas Bittereres, Hohnischeres. Kalteres als die Zuge dieses Bosewichtes hatte sich niemand denken konnen. Die bleiche, von Runzeln bedeckte Stirn war von einem Wald brennendroter Haare eingerahmt; die transparenten, grunlich schimmernden Augen standen dicht uber einer scharfgebogenen Habichtnase, und der Mund mit den dunnen, eingezogenen Lippen verriet Heimtucke und Bosheit.

Beide standen, als sie des Pfarrers ansichtig wurden, auf... »Nun, mein wurdiger Freund Ferrand,« fragte der Abbe, »wie stehts um Ihr Befinden?« – »Ich kann von einer Besserung noch immer nichts verspuren,« antwortete Ferrand, »das Fieber will nicht weichen, und die Schlaflosigkeit bringt mich schier um... Aber Gottes Wille geschehe!« – »Herr Abbe,« sagte seinerseits Polidori, »mit meinem lieben Freunde Ferrand wirds, wie es scheint, nun und nimmer anders: er findet Linderung seiner Leiden nur im Wohltun.« – »Verschwenden Sie, bitte, nicht Lobesworte an mich, die ich nicht verdiene,« sagte der Notar trocken, kaum imstande, Zorn und Ha? zu verbergen; »uber Gute und Bose zu richten, steht nur dem Herrn zu. Ich bin nichts als ein elender Sunder,« – »Wir sind allzumal Sunder,« entgegnete der Abbe, »besitzen aber nicht alle die christliche Liebe, die Sie auszeichnet, mein wurdiger Freund! Wieviel oder, richtiger, wie wenige gibts hienieden, die sich gleich Ihnen losrei?en von dem irdischen Gut und nur darauf sinnen, als wahre Christen Wohlzutun und mitzuteilen? ... Eine Frage: sind Sie noch immer gewillt, sich Ihres Amtes zu entau?ern?« –

»Ich habe meine Kanzlei gestern verkauft, Herr Abbe, und was wohl zu den Seltenheiten gehort, sie ist mir bar auf Heller und Pfennig bezahlt worden ... Was ich dabei gelost habe, soll zu der Anstalt verwendet werden, uber deren Grundung ich schon mit Ihnen gesprochen habe, und deren Plan nunmehr endgiltig feststeht. Ich werde Ihnen denselben vorlegen.« – »O, mein wurdiger Freund,« sagte der Geistliche mit Bewunderung, »Leute wie Sie, sind wirklich selten und nicht genug zu preisen.« – Mit einem Lacheln voll Ironie, das aber dem Abbe entging, bemerkte hierzu Polidori: »Menschen, die Reichtum mit Frommigkeit, Verstand mit Gemeinsinn verbinden, gehoren eben, wie Sie sagen, zu den Seltenheiten!« – Ob dieser abermaligen Ironie ballte Ferrand abermals wild die Fauste. Aber ein Seitenblick Polidoris hielt ihm im Zaume, und dann drangte er allen Grimm in einen Seufzer zusammen, den wohl jeder andere gehort und richtig gedeutet hatte als der fromme Geistliche, der uber der frommen Stiftung, die seiner Pfrunde winkte, alles andere verga?. Polidori wandte sich zu ihm mit der Frage, ob er nicht auch wahrgenommen habe, da? sich Ferrands Gemutsstimmung seit dem in seinem Hause durch die Luise Morel verursachten Skandale so stark verschlimmert habe? – Wahrend es den Notar kalt uberrieselte, fragte der Abbe: »Ist denn Ihnen die Sunde dieses Madchens auch schon bekannt? ich dachte, Sie seien erst vor wenigen Tagen nach Paris gekommen?« – »Das wohl! Aber Jakob hat mir, als seinem Arzte und Freunde, alles gebeichtet; er schreibt die Nervenzerruttung, die ihn befallen, einzig und allein dem Unwillen zu, der ihn uber Luisens Sundhaftigkeit erfullt. Aber noch andere herbe Schlage sollten ihn heimsuchen, und zwar in unmittelbarer Folge! Eine seit langen Jahren in seinem Hause bedienstete Frau ...«

»Doch nicht die Frau Seraphim?« fiel der Pfarrer ihm ins Wort, »es ist mir zu Ohren gekommen, da? die ungluckliche Frau durch einen unglucklichen Zufall ums Leben gekommen ist. Nun, zehnjahrige treue Dienste vergi?t man nicht so leicht, und eine derartige Treue gereicht dem Herrn wie dem Diener zur Ehre,« – »Ich beschwore Sie, Herr Abbe,« antwortete der Notar, »lassen Sie mich mit Lobspruchen aus dem Spiele –«

»Aber wer soll Ihnen sonst gerecht werden?« warf Polidori ein, »lassen Sie sich durch solche Reden nur nicht irritieren, Herr Abbe; Sie bekommen noch weitere Unglucksschlage zu horen! Die Person, die nach Luise Morel und der Frau Seraphim dem lieben Ferrand die Wirtschaft gefuhrt hat, kennen Sie wohl nicht? Es war eine gewisse Cecily...«

Ferrand sprang wie von einer Tarantel gestochen in die Hohe. Unter seinen Brillenglasern flammten die Augen wie Blitze, und uber sein bleiches Gesicht scho? gluhende Rote ... »Schweig! Schweig!« rief er; »kein Wort mehr! Ich verbiete es dir!« – »Aber so seien Sie doch nur ruhig!« sagte der Abbe, »und lassen Sie mir von Ihrem Freunde berichten, welch neue Handlung des Edelsinns ich an Ihnen zu preisen habe ... Ich kenne diese Person nicht, denn unser Freund hat seit einiger Zeit die Beziehungen zur Kirche wegen geschaftlicher Ueberburdung vernachlassigen mussen.« – »Nicht wegen Ueberlast, Herr Abbe, sondern weil er ein neues gutes Werk im Sinne hat, das er Ihnen hat verheimlichen wollen ... Weil mein lieber Freund bei seiner neuen Hausverwalterin alle Tugenden vorfand, Zuchtigkeit, Sanftmut und Frommigkeit, hat er sich entschlossen, ihr schon bei Lebzeiten ein Legat auszusetzen, das sie in den Stand setzt, in ihrer Heimat wohlzutun und mitzuteilen ... Ja, er ist noch weiter gegangen, indem er dieser wurdigen Person Urlaub auf unbestimmte Zeit erteilt hat, damit sie die notigen Veranstaltungen zu den Spenden, die sie durch diese edelsinnige Freigebigkeit ihres Brotherrn austeilen kann, selbst treffe. – Und auch dies ist noch nicht alles: Es ist ihm zu Ohren gekommen, da? eine adelige Dame, eine Frau von Fermont, mit ihrer Tochter unverschuldeterweise in Not und Elend geraten ist. Dieser Dame hat er heute bare hunderttausend Franks bei seiner Bank uberwiesen, mit dem Bedingnis, da? sie jahrlich eine Messe lesen lassen solle fur das Seelenheil derjenigen Menschen, die vielleicht mit Schuld tragen an dem Ungluck, das diese Dame betroffen hat ... Und noch ein drittes, Herr Abbe: und gerade aus diesem letzten Beispiele werden Sie ersehen, wie weit die Edelherzigkeit unseres immer im Verborgenen wirkenden Wohltaters geht.« – »O, erzahlen Sie, bitte!« rief der Abbe. »Ich brenne darauf, von allen Taten unseres verehrten Freundes Kenntnis zu erhalten.« »Erwagen Sie, Herr Abbe, diese letzte Tat in ihrer ganzen Gro?e!« nahm Polidori wieder das Wort; »Sie wissen, da? die schlechte Auffuhrung jener Luise Morel ihren Vater derma?en erschuttert hat, da? er um seinen Verstand kam, aber das entsetzliche Elend, das hierdurch uber die Familie selbst kam, hat unsern Freund bestimmt, ihr jahrlich eine Rente von 2000 Franks auszusetzen, so da? sie aller unmittelbaren Not uberhoben ist. Die Rente – und hierin kommt ein weiteres wichtiges Moment zur Beurteilung unsers Freundes zur Geltung – soll nach Morels Tode auf seine Frau und auf die Kinder ubergehen,«

Polidori, solange Zeit uber Ferrands Mitschuldiger, weidete sich daran, ihn mit all seinen Sunden zu foltern: den Habsuchtigen durch Habsucht, den Heuchler durch Heuchelei, den Wollustigen durch Wollust; und da? er ihn im tiefsten Innern traf, das stand auf dem Gesichte des Elenden deutlich zu lesen.

»Und nun komme ich zum Schlusse,« nahm Polidori wieder das Wort; »unser geliebter Freund hat die Bekanntschaft eines andern Wohltaters der Menschheit gemacht, der sich unter dem Namen eines Herrn Rudolf verbirgt, und im Verein mit diesem hat er sich zur Grundung eines Bankhauses fur Arme zusammengetan, wo sich der kleine Handwerker, der unbemittelte Beamte, in Not geratene Witwen, bestrafte Missetater, die wieder als ehrliche Menschen leben wollen, unverzinsliche Darlehen gegen Burgschaft oder auf Pfander verschaffen konnen, mit dem Rechte der zweijahrigen Ruckzahlung oder Einlosung. Jeder der beiden Grunder zahlt 50 000 Franks als Grundstock ein, und als Direktor wird Herr Franz Germain eingesetzt mit einem Jahresgehalt von 8000 Franks, und zwar auf speziellen Wunsch des Stifters Ferrand, der die Rechtschaffenheit und den Flei? dieses achtbaren jungen Mannes auf diese Weise nicht blo? belohnen, sondern auch vor aller Welt dokumentieren will., Verdient solcher Edelsinn nicht allgemeine Bewunderung, Herr Abbe?« –.»Unstreitig, lieber Freund, unstreitig,« rief dieser, schier verzuckt vor Bewunderung, »mich setzt in der Tat nichts an ihm mehr in Erstaunen. Fruher oder spater mu?te solcher Wohltater der Menschheit zu solchem Schritte gelangen: solche Anstalt ist das erhabenste Denkmal, das

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