lassen?« – »Jawohl! Und dort ist sie noch!« – »Nein,« rief Rudolf, »dort ist sie nicht mehr!« – »Was sagen Sie? Nicht mehr dort? Und wo sollte sie sonst sein?« – »Ein Ungeheuer von Geiz und Habsucht, dem an dem Madchen viel gelegen war, hat es in die Seine werfen, hat es ertranken lassen!« – Aufspringend, schrie Sarah wie au?er sich: »Mein Kind! Mein Kind!« – Rudolf eilte auf sie zu. – Sie aber schrie, von gra?licher Verzweiflung gepackt, wieder und wieder: »Mein Kind! Mein Kind!« – »Das Madchen, das den Namen Schalldirne fuhrte, war Ihr Kind?« rief Rudolf. – »Ja, Schalldirne! Das war der Name, den mir dieses Weib nannte,« rief Sarah, »und ermordet hat man das Madchen?« –
Rudolfs Gesicht war jetzt ebenso bleich wie dasjenige Sarahs, und au?er sich vor Entsetzen, fragte er: »Sarah! Kommen Sie zu sich! und geben Sie mir Antwort! Das Madchen, das Sie durch jenes gra?liche Weib, durch dies Weib mit dem Spitznamen Eule aus Bouqueval rauben lie?en, war ...« – »War unser Kind!« fiel ihm Sarah ins Wort. – »Nein, nein,« erwiderte Rudolf, »Sie sprechen im Fieber! Das kann nicht sein! Sie wissen nicht, wie gra?lich das ware! Kommen Sie zu sich, fassen Sie sich! Der Schein trugt so oft, und wie oft trifft es sich nicht, da? der Wunsch der Vater des Gedankens ist! Ich mache Ihnen keine Vorwurfe, aber sagen Sie mir alles, was Sie zu der Meinung bestimmt, da? dieses Madchen unser Kind sei ... denn es kann ja nicht sein! es darf nicht sein! es ist unmoglich!«
Sarah sammelte muhsam ihre Gedanken und erwiderte mit matter Stimme: »Als ich horte, da? Sie sich verheiraten wollten, da war es mir nicht moglich, unser Kind bei mir zu behalten ... es war damals vier Jahre alt ...« – »Ich bat Sie doch damals, das Kind mir auszuliefern,« rief Rudolf mit herzzerrei?endem Tone, »all meine Briefe blieben aber unbeantwortet, und nur einen einzigen bekam ich, und der meldete mir des Kindes Tod.« – »Ich wollte mich an Ihnen rachen. Das war der Grund meiner Weigerung, Ihnen das Kind auszufolgen, das damals vier Jahre alt war ...« – Sie machte eine Pause. – »Mein Bruder brachte das Kind zu einer Frau Seraphim, der Witwe seines einstigen Dieners; die Frau sollte es erziehen, bis es in eine Pension gebracht werden konnte ... Bei einem durch seine Rechtlichkeit im besten Rufe stehenden Notar deponierten wir eine Summe, gro? genug, seine Zukunft zu sichern. Die Briefe, die von den beiden Leuten an meinen Bruder und mich geschrieben wurden, liegen dort in dem Kastchen. Nach einem Jahre horte ich, das Kind sei ernstlich krank, und nach acht Monaten hatte ich seinen Totenschein in den Handen. Aber das Kind war nicht tot, sondern diese Seraphim hatte es einem Bosewicht, der jetzt im Bagno von Rochefort sitzt, gegeben, und von ihm war es in die Hande der Eule gelangt. Die Seraphim aber trat in den Dienst Jakob Ferrands. Als mir die Eule dies Gestandnis machte, schrieb ich es nieder und daruber fiel ich ihrem Dolche zum Opfer. Die angefangene Niederschrift liegt auch in dem Kastchen dort, zusammen mit einem Bilde von dem Kinde aus seinem vierten Jahre ... Prufen Sie alles, Briefe, Aussage, Niederschrift und das Bild ... Sie kennen ja das Madchen, und Sie werden sich nicht langer uber die Identitat im Zweifel befinden ...«
Wahrend Sarah, erschopft durch die Worte, halb ohnmachtig auf ihren Sessel zurucksank, stand Rudolf wie vom Blitze getroffen da. Mit wachsender Angst erlangte er die Ueberzeugung, da? dieses Madchen in der Tat seine Tochter war, und daran, da? sie den Tod in der Seine gefunden, konnte er insofern nicht zweifeln, als gar keine Nachricht mehr von ihr zu erlangen gewesen war: trotz Doktor Griffons sorgfaltiger Behandlung und aller Pflege der Wolfin ungeachtet, hatte ihre Krankheit sich sehr in die Lange gezogen, und sie war lange korperlich und geistig so schwach geblieben, da? es ihr nicht moglich gewesen war, Frau Georges oder Rudolf von ihrer Lage zu benachrichtigen ...
Ein Blick auf das Bildnis, das ihm Sarah jetzt reichte, raubte ihm allen Zweifel: ja es waren dieselben Zuge, dieselben milden blauen Augen, und er fuhlte sich von seinen Gefuhlen so ubermannt, da? er ganzlich gebrochen auf einen Stuhl sank und das Gesicht mit beiden Handen, tief aufschluchzend, bedeckte.
Zweites Kapitel.
Rache.
Sarahs Gesichtszuge veranderten sich sichtlich, wahrend Rudolf, still vor sich hinbrutend, auf seinem Sessel sa?; Fieber schuttelte sie, und mit Bangen sah sie Rudolfs weiterem Verhalten entgegen. Sie kannte die Heftigkeit seines Wesens und war gefa?t auf eine schlimme Szene. Mit einem Male richtete er sich auf, verschrankte die Arme uber der Brust, trat mit drohender Miene auf sie zu und heftete die Blicke unverwandt auf sie... Mit dumpfer Stimme Hub er an: »So hat es kommen mussen! Ich zog den Degen gegen den Vater und werde nun gestraft in meinem Kinde... In diesem feierlichen Augenblicke mussen Sie entartete Mutter alles erfahren, was Sie durch Ihre rucksichtslose Selbstsucht angestiftet haben. Weib ohne Herz und ohne Glauben! Horen Sie mir zu?«
»Gnade, Rudolf, Gnade!« stohnte Sarah. – »Gnade? Gnade fur Sie, die um des schmahlichsten Stolzes willen meine wahre, aufrichtige Liebe ausnutzten, indem Sie mir gleiche Liebe vorspiegelten? Fur Sie, die dem Sohne die Waffen wider den Vater in die Hande spielten? die, statt uber ihr eigenes Fleisch und Blut zu wachen, es fremden, gewissenlosen Handen uberantworteten, um sich in habsuchtiger Weise zu bereichern? die nach meiner Hand nur strebten, um einen ma?losen Ehrgeiz zu stillen! Nein, fur Sie kenne ich keine Gnade! Fluch uber Sie, denn Sie waren der bose Geist meines Hauses, meiner Familie, waren mein eigener boser Geist!« – »Rudolf, Gnade! Gnade!« stohnte sie wieder, »uben Sie Erbarmen, uben Sie Erbarmen!« –
Rudolf aber fuhr unbeirrt fort: »Sind Sie des Tages noch eingedenk, vor siebzehn Jahren, als Sie die Folgen unserer geheimen Beziehungen nicht mehr verbergen konnten? Sie hielten unser Verhaltnis fur ebenso unaufloslich wie ich. Aber ich kannte den unbeugsamen Charakter meines Vaters und wu?te, welche Heirat er aus Staatsgrunden fur mich im Sinne fuhrte. Als ich ihm trotzte, als ich ihm erklarte, da? Sie vor Gott und den Menschen mein Weib seien, da? Sie Mutter seien, da kannte sein Zorn keine Grenzen: er weigerte sich, an meine Ehe mit Ihnen zu glauben; er drohte mir mit seinem Grimm, wenn ich noch einmal solchen Wahnsinns gegen ihn Worte liehe. Damals liebte ich Sie mit wahnsinniger Glut und wahnte, Ihr marmornes Herz schluge auch fur mich ... Ich erwiderte meinem Vater, da? ich nie einem andern Weibe als Ihnen angehoren wolle; er uberschuttete mich mit den argsten Schmahungen, erklarte unsre Ehe fur null und nichtig und schwur mit dem heiligsten Eide, da? er Sie zur Strafe fur solche Vermessenheit in seiner Residenzstadt an den Pranger stellen lassen wolle ... Ich wagte es, meinem Vater zu verbieten, in solchen entehrenden Ausdrucken von meinem Eheweibe zu sprechen, verma? mich drohender Reden ... Da erhob mein Vater die Hand wider mich, und ich – von Leidenschaft verblendet, zog den Degen und sturzte mich auf ihn ... Ware Murph nicht dazwischen gesprungen, den Sto? abzulenken, so ware ich zum Morder an meinem eigenen Vater geworden! Um Ihretwillen! Einzig und allein um Ihretwillen!«
»Von diesem Vorgange hatte ich keine Ahnung,« fiel Sarah ihm ins Wort. »Aber – habe ich nicht schwer gelitten durch Ihres Vaters Harte? Hat er nicht unsere Ehe fur geschieden erklart? Und warum beschuldigen Sie mich, Sie nicht geliebt zu haben?« – »Warum?« versetzte Rudolf, Sarah mit einem Blicke ma?loser Verachtung messend, »nun, ich will es Ihnen sagen. Nach dem schlimmen Auftritte mit meinem Vater wurde ich gefangen gesetzt, der Degen wurde mir abgenommen, und der Mann, durch den unsre Heirat bewirkt worden war, Polidori, wurde in Arrest gefuhrt. Er erbrachte den Beweis dafur, da? unsre Ehe von keinem wirklichen Geistlichen geschlossen worden, also null und nichtig sei, da? er Sie, mich und Ihren Bruder hinters Licht gefuhrt habe. Ja, Polidori tat noch mehr, indem er meinem Vater einen Brief, den Sie an Ihren Bruder gerichtet, und der wahrend einer seiner Reisen ihm entwendet worden war, aushandigte.«
»Genug! Genug!« rief die Grafin. – »In diesem Briefe gaben Sie Ihren ehrgeizigen Planen rucksichtslos Ausdruck, au?erten sich uber mich mit der kaltesten Verachtung und opferten mich Ihrem teuflischen Stolze. Ich galt Ihnen nur als Werkzeug, das zu erreichen, was Ihnen geweissagt worden war; Sie sprachen es unverhohlen aus, da? Ihnen mein Vater zu lange lebe..« – »O ich Torin!« rief Sarah, »jetzt wird mir alles verstandlich.« – »Und um Ihretwillen ware ich um ein Haar zum Vatermorder geworden!« rief Rudolf; »als er mir tags darauf, ohne jedes Wort des Vorwurfs, den Brief zeigte, der mir Ihre schwarze Seele offenbarte, sturzte ich vor ihm nieder und bat ihn um Gnade, um Verzeihung ... Seitdem haben mich Reue und Gewissensbisse in der Welt herumgejagt ...Ich legte mir eine Bu?e auf, die erst mit meinem Leben endigen wird. Ich habe mir die Aufgabe gestellt, das Bose zu verfolgen, das Gute zu belohnen, die Leidenden zu unterstutzen, die Wunden, die der Menschheit geschlagen werden, zu sondieren, Seelen dem Verderben zu entrei?en ... Weshalb ich dieses Gelubde, das ich streng zu erfullen trachte, Ihnen gegenuber erwahne? Wahrlich nicht, um mir ein Lob aus Ihrem Munde zu holen! Aber Sie mussen es kennen, um mich verstehen zu lernen ... um den Grund, der mich hierher gefuhrt hat, ermessen zu konnen ... Ich hatte mich dem Verlangen meines Vaters gefugt und mich mit einer Furstentochter
