Deutschlands vermahlt. Ich erfuhr, da? Sie sich mit einem Grafen Mac Gregor verehelicht hatten. Da verlangte es mich nach dem Kinde, das Sie mir geschenkt hatten. Ich forderte es von Ihnen. Sie lie?en mich ohne Antwort. Es gelang mir nicht, den Aufenthalt des Kindes zu ermitteln, fur dessen Unterhalt mein Vater aufs freigebigste gesorgt hatte. Endlich kam die Nachricht von dem Ableben unseres Kindes durch Sie an mich ... es war vor zehn Jahren – o! da? es damals wirklich gestorben ware! Wieviel Schmerz und Leid ware mir erspart geblieben!«
»Jetzt kann ich freilich nicht mehr an der Abneigung zweifeln, die Ihr Herz wider mich erfullt,« erwiderte Sarah, »der Brief an meinen Bruder ist mir Erklarung sattsam dafur ... Ja, Stolz und Ehrgeiz haben mich ins Ungluck gesturzt, unter dem Scheine von Leidenschaft barg ich ein eiskaltes Herz im Busen, und wahrend ich nur Verstellung und Selbstsucht kannte, heuchelte ich Offenherzigkeit und Hingebung ... Aber ich kannte die Grunde nicht, die Sie zum Hasse, zur Verachtung gefuhrt hatten, und sann auf Verwirklichung meiner Hoffnungen und Plane mit erhohtem Eifer ... Seit Sie zum Witwer, ich zur Witwe geworden, jagte ich von neuem dem Trugbilde nach, das mir in meinen Madchenjahren vor die Seele gezaubert worden war durch jene Wahrsagerin, und als ich durch Zufall meine Tochter wiederfand, erkannte ich in diesem unvermuteten Glucksfalle einen Wink der Vorsehung, ja ich wiegte mich in den Glauben, Ihre Abneigung wider mich wurde Ihrer Liebe zu unserm Kinde weichen, Sie wurden mich zu Ihrer Gattin erheben, um unserm Kinde zu dem Range in der Gesellschaft zu helfen, der ihm zusteht.«
»Aus Ehrfurcht vor dem schweren Leid, das mein Kind in seiner fruhesten Jugend getragen, ware ich wohl willens gewesen, wenn ich mich auch nie zu einem Zusammenleben mit Ihnen entschlossen hatte, durch eine Heirat, die unsers Kindes Geburt legitimierte, seine Stellung in der Welt so glanzend zu machen, wie sie bislang klaglich und elend gewesen.« – »O, so hatte mich also meine Zuversicht nicht getauscht?« – »Nicht den Tod Ihres Kindes beklagen Sie, wie ich recht wohl wei?, sondern den Verlust des gesellschaftlichen Dekors, nach welchem Ihr Herz ja allezeit getrachtet hat!« –»Rudolf!« – »Mochte dieser Schmerz,« fuhr Rudolf fort, »der letzte sein, den Ihr Gemut empfindet!«
»Der letzte Schmerz, ja! und auch die letzte Strafe, denn ich werde weder Schmerz noch Strafe uberleben.« – »Sie mussen aber noch, ehe Sie sterben, uber das Leben Kenntnis erhalten, das Ihre Tochter gefuhrt hat, seit Sie sie ins Elend gesto?en haben,« fuhr Rudolf mit unerschutterlicher Ruhe fort, »Sie besinnen sich noch auf jene Nacht, in der Sie mir mit Ihrem Bruder in ein verrufenes Wirtshaus der Altstadt gefolgt waren?« – »Ihr Blick erstarrt mir das Blut in den Adern!« – »Auf dem Wege zu diesem Wirtshause haben Sie ungluckliche Geschopfe gesehen, die – doch nein! Ich wage es nicht, Ihnen mehr davon zu sagen.« – »Gott! Was werde ich horen mussen!« rief Sarah. – »Diese unglucklichen Madchen,« fuhr Rudolf mit gewaltsamer Anstrengung fort, »die Schande ihres Geschlechts, waren die Gefahrtinnen unsers Kindes! – Sie werden ein junges, sechzehnjahriges Madchen darunter bemerkt haben, das schon war wie ein Engel, ein armes Kind, das sich aber inmitten des Verderbens, in das man es seit der fruhesten Kindheit gesturzt, so rein und jungfraulich erhalten hat, da? ihr die Diebe und Morder, die sie duzten, den Beinamen Marienblume gegeben haben ... . Sahen Sie dies junge Wesen niemals, Sie – liebevolle Mutter?« –
»Nein, mit keinem Blicke,« erwiderte Sarah fast mechanisch, so bedruckte sie die Angst. – »Wirklich?« versetzte Rudolf, bitter auflachend; »komisch! Ich aber sah sie, als sie von einem solchen ruden Patrone geschlagen, vielleicht gar ermordet werden sollte, und nahm mich ihrer an ... ja, Sie Rabenmutter! dies Madchen war unser Kind!« – »Lassen Sie mich! Lassen Sie mich!« – »Nein! Sie mussen weiter horen! Dieses ungluckliche Geschopf, das ich den Handen eines ehemaligen Galeerenstraflings entri?, war die Tochter Rudolfs von Gerolstein! In diesem Zusammentreffen mit meinem Kinde, das ich vom Tode errettete, ohne es zu kennen, lag ein Wink des Schicksals, der Vorsehung, ein Lohn fur den Mann, der seinen Mitmenschen zu helfen strebt, aber zugleich auch eine Strafe fur den Sohn, der sich am Vater vergriff ...«
»Ich sterbe in Fluch und Verdammnis,« flusterte Sarah, beide Hande vor das Gesicht schlagend. – »Ja, Frau Grafin,« fuhr Rudolf fort, kaum imstande, seine Gefuhle zu bezwingen, »wahrend Sie, umgeben von Reichtum, von einer Krone traumten, hat Ihre Tochter in Lumpen auf den Stra?en gebettelt, hat Hunger gelitten, hat im Winter auf einer Strohschutte in einem Stalle genachtigt.. hat von einem gra?lichen Weibe die argsten Mi?handlungen erlitten ... und als sie endlich fliehen konnte, als sie, kaum acht Jahre alt, ohne Brot und Obdach herumgeirrt in Nacht und Finsternis, ist sie verhaftet und ins Gefangnis abgefuhrt worden. Dort hat sie allabendlich Gott gedankt, da? sie den Handen jenes schlimmen Weibes entwunden war ... dort hat sie ihre beste Zeit verlebt ... Aber wieder kam ein Tag, an dem sie sich in Schmutz und Elend zuruckversetzt sah, an dem sie sich ohne Stutze, ohne Rat allen Gefahren der Armut und des Lasters uberantwortet sah ... Ha!« rief Rudolf, »Ihr Herz mu? verhartet sein wie Stein, da Sie das schreckliche Schicksal Ihrer Tochter mitanhoren konnen, ohne da? in Ihre Augen eine Trane tritt! Und wie herzensgut war das arme Wesen geblieben, denn sie fand ein Madchen, das noch unglucklicher war als sie, und ihm hat sie von dem wenigen abgegeben, das sie noch ihr eigen nannte! Von dem wenigen, das sie noch von dem Abgrunde der Schande trennte, in den man sie sturzte – und dann, dann kam ein Tag, ein furchterlicher Tag, an dem sie kein Brot, kein Obdach hatte, an dem entsetzliche Weiber sie fanden und berauschten und ...« Er konnte nicht ausreden. Einen gra?lichen Schrei aussto?end, fa?te er die Grafin am Armgelenk und schuttelte sie ... »Und das war mein Kind, mein Kind!« stohnte er. –
»Fluch uber mich!« flusterte Sarah, das Gesicht mit den Handen bedeckend, als scheute sie sich, ins Tageslicht zu blicken ... »Ja, Fluch uber Sie!« rief Rudolf, »denn Sie waren es, die das arme Wesen in solche Not, in solches Elend jagten! ... Und nicht genug mit diesem ersten Verbrechen an Ihrem Kinde! Sie mu?ten dem ersten das zweite folgen lassen, indem sie dafur sorgten, da? es von dem stillen, friedlichen Orte, wohin ich es hatte bringen lassen, geraubt und der Verbrecherwelt wieder in die Arme gefuhrt wurde! Fluch uber Sie! Fluch uber Sie, die das arme Kind wieder in die Hande des Schurken Ferrand brachte!«
Rudolfs Gesicht zeigte einen schrecklichen Grad von Ha? und Zorn. Unbeweglich und stumm stand er da, wie vernichtet durch den Gedanken, da? der Morder seines Kindes noch unter den Lebenden weile! Er sturzte zur Tur ... »Wohin? Wohin?« rief ihm Sarah nach, sich halb aufrichtend und ihm die Hande flehentlich entgegenstreckend ... »O, weichen Sie nicht von mir!« – Und verstort um sich schauend, als sei ihr ein grauenhaftes Gespenst erschienen, sank sie auf die Kniee... »Erbarmen, Erbarmen! Ich sterbe!«
»Sterben Sie! und nehmen Sie meinen Fluch mit!« rief Rudolf, der furchtbar war in seinem Zorne; »jetzt zu Ihrem Mitschuldigen! zu dem Schurken, dem Sie unser Kind in die Hande gespielt haben!«
Drittes Kapitel.
Aus Liebe von Sinnen.
Nacht wars, als Rudolf zu dem Notare kam ... Tiefes Dunkel herrscht in allen Raumen. Drau?en heult der Wind. Der Regen fallt in Stromen. – Auf dem Bett, in schwarzem Beinkleid und schwarzer Weste, liegt Ferrand: eine rote Binde um den Arm verrat, da? Polidori ihm eben zur Ader gelassen hat.
Polidori steht am Bett, mit der Hand vor den Augen, um seinen Genossen so manches Verbrechens bequemer betrachten zu konnen. Etwas Grauenhafteres und Ha?licheres la?t sich kaum denken als Ferrands blaulich-blasses Gesicht, das von kaltem Schwei?e bedeckt ist, dessen Augen so angeschwollen sind, da? sie wie zwei Beulen aussehen.
»Ich wei? nicht,« murmelte Polidori, »ob der Furst gewu?t hat, wie verfuhrerisch Cecily sein kann und von welcher sinnlichen Wut Jakob beherrscht wird ... annehmen la?t es sich freilich, ist doch seinem seltsam umfassenden Gesichte nichts fremd, umfa?t doch sein tiefdringender Blick Ursache und Wirkung aller Dinge! In seiner Gerechtigkeitsliebe kennt er keine Barmherzigkeit und hat gewi? Jakobs Strafe auf diese tierische, bis zur Wut gesteigerte Sinnlichkeit berechnet!« Er stand eine Weile, vor sich hinbrutend, da... Dann dachte er weiter: »Fur Ferrand ware es besser gewesen, er hatte sein Haupt auf das Schafott gelegt! Jeder Tod hatte vor der Qual den Vorzug verdient, die dieser Elende erduldet! Auch in mir erregt der Anblick seiner Leiden Grauen vor dem eignen Schicksale ... Was wird der Furst uber mich beschlie?en? Was hat er mir als Jakobs Mitschuldigem vorbehalten? ... Mich ihm als Huter zu sehen, kann der Rache des Fursten nicht genugen. Um mich leben zu lassen, hat er mir das Schafott schwerlich geschenkt! Vielleicht winkt mir ein lebenslangliches Gefangnis in Deutschland? ... O, das ware noch immer besser als der Tod! Vielleicht aber uberliefert er mich dem Henker, wenn Jakob seiner Krankheit unterliegt? ... Dem Fursten ist wohl, wie ich bestimmt wei?, das gegebene Wort heilig: aber la?t sich darauf bauen, da ich doch so oft gegen gottliche und menschliche Gesetze versto?en habe ... Es lag in meinem Interesse, Jakobs Fluch zu verhindern, und es liegt nun in meinem Interesse, Jakobs Leben
