solange wie moglich hinzuhalten. Freilich werden die Symptome seiner Krankheit fortwahrend bedrohlicher, und ihn zu retten, bedarf es fast eines Wunders ... Was soll ich machen?«
Drau?en hatte der Sturm den hochsten Grad erreicht, und ein Schornstein, den der Wind umsturzte, polterte mit Getose auf das Dach und in den Hof.
Ferrand wurde aus seiner Erstarrung geruttelt und machte eine Bewegung in seinem Bette. Die Augen noch immer geschlossen, rief er leise: »Polidori, Polidori! Horst du nicht? Cecily ruft! Sie erwartet mich oben.« – »Hinauf gehen wirst du nicht,« versetzte Polidori, »ich halte dich und lasse dich nicht!« –
Ferrand, im au?ersten Ma?e erschopft, konnte gegen Polidori nicht ankampfen, und dieser hielt ihn mit starker Faust zuruck. – »Du willst mich daran verhindern?« achzte er. – »Ja. Im Nebenzimmer brennt auch eine Lampe, und du wei?t doch, wie Lichtschein auf deine Nerven wirkt.«
»Cecily ist oben. Sie wartet auf mich,« sagte Ferrand, »durch Feuer ginge ich, den Weg zu ihr zu finden ... La? mich los! Sie hat zu mir gesagt, ich sei ihr alter Tiger – nimm dich in acht! Meine Klauen sind scharf!« – »Du bleibst!« rief Polidori, »und wenn es nicht anders geht, so binde ich dich fest!« Plotzlich spitzte er die Ohren. Gerausch unten im Hofe, ein Wagen fuhr vor... »Still,« rief er, »horst du seine Stimme?« – »Geh! Du willst mich tauschen; aber ich lasse mich nicht tauschen... . Cecily ist oben. Horst du sie nicht? Ich mu? zu ihr und werde zu ihr gelangen!« –»Keinen Fu? setzest du aus dem Zimmer!« erklarte Polidori, »oder –« – »Und wenn du mich hindern willst,« antwortete Ferrand dumpf, »so mu?t du – sterben!« – Polidori schrie auf... »Schurke!« rief Polidori, »du hast mich am Arme verletzt, aber deine Hand war nicht sicher, du hast mich blo? geritzt.« – »Und doch ist deine Verwundung todlich. Ich habe dich mit Cecilys Dolche verwundet, den ich stets bei mir trage, seit sie mir entwichen ... . Warte nur ab! Das Gift wirkt schnell. Warum hast du mich hindern wollen, zu Cecily hinauf zu gehen?« – Er tappte im Dunkeln vorwarts und suchte die Tur.
»Ha! mein Arm wird steif,« murmelte Polidori, »todliche Kalte schleicht mir durch die Adern, die Knie zittern mir unter dem Leibe, mein Blut wird zu Eis ... Zu Hilfe, zu Hilfe! Schwindel befallt mich!« Noch einmal versuchte er sich aufzuraffen: aber es gelang ihm nicht mehr, er sturzte ohnmachtig auf die Dielen. Ferrands Mitschuldiger war gerichtet. Eine Tur wurde aufgerissen. Scheiben klirrten. Rudolfs kraftige Stimme erklang, und eilige Schritte wurden laut. In demselben Augenblick, als Ferrand, mit dem giftigen Dolch in der Faust, die Tur zum Nebenzimmer aufri?, um die Treppe hinauf zu rennen, trat Furst Rudolf, schrecklich wie der Geist der Rache, von der entgegengesetzten Seite her den Fu? uber die Schwelle setzend. – »Ungeheuer!« donnerte er Ferrand zu, »mein Kind hast du gemordet! Du sollst...«
Er konnte nicht vollenden. Ferrand, wie vom Blitze getroffen, fuhr sich mit beiden Handen nach den Augen und schlug mit einem schrecklichen Aufschrei, der nichts Menschliches an sich hatte, mit dem Gesicht auf den Boden nieder.
Der jahe Lichtglanz, der seine Augen traf, bereitete ihm solch gra?lichen Augenschmerz, als hatte er in die Sonne hinein gestarrt. Er wand sich in den schrecklichsten Zuckungen, zerkratzte den Boden mit den Nageln, wie um sich ein Loch zu graben, das ihn den bosen Strahlen entruckte. Rudolf, sein Diener und der Hauswart, der den Fursten hinauf begleitet hatte, blieben, von Grauen ergriffen, stehen, ohne ein Glied zu ruhren.
Erst nach langen Martern lie? der Anfall nach. Wie es der gewohnliche Verlauf bei epileptischen Krankheiten ist, folgte auf den lange anhaltenden Gesichtsschmerz ein Anfall von Wahnsinn. Die Glieder wurden starr, die bislang geschlossenen Lider offneten sich; die Augen suchten das Licht gierig, statt es zu fliehen; die Pupillen drehten sich, und uber die Zuge seines ha?lichen Gesichts fuhr es wie ein Wetterleuchten. Alles Menschliche entwich daraus, die ihm innewohnenden bestialischen Triebe schienen allen Verstand zu ertoten, schienen ihm die Einbildung zu schaffen, als sei er, was ihm Cecily wiederholt zugeschrieen, kein Mensch mehr, sondern ein Tiger. Keuchend stie? er unheimliche Laute hervor, die bislang starren Glieder losten sich, und wieder von Zuckungen befallen, schlug er vom Sofa herunter. Aber sich aufzurichten, war ihm nicht moglich, die Krafte versagten ihm, wie ein Wurm wand er sich an der Erde hin, bald hier-, bald dorthin, ganz wie ihn seine Visionen trieben ... Zuletzt kauerte er sich in einen Winkel des Zimmers wie in eine Hohle; und wie er nun bald die Zahne fletschte, bald damit knirschte, die Muskeln verzerrte und Flammenblitze aus den Augen scho?, gewann er tatsachlich Ahnlichkeit mit dem Tiger, diesem wildesten aller Raubtiere ...
»Tiger! Tiger!« heulte er, »ha! Blut! Leichen zerrissen in meiner Hohle! Schalldirne, der Bruder jener adeligen Witwe, Luisens Kind, die Eule: das sind die Leichen! O, und auch Cecily wird ihren Teil bekommen ... denn meine Klauen sind scharf und spitz... Ich bin ein alter Tiger, hab Moos auf meinem Schadel und Haare auf den Zahnen ... Niemand soll es wagen, mir mein Weibchen, meine Cecily, abwendig zu machen ... Ha! Sie ruft wieder, sie ruft wieder!« Und das ha?liche Gesicht weit vorstreckend, lauschte er... Kurze Pause. Dann kauerte er sich wieder an die Wand hin und heulte: »Wo ist sie? Warte! Ich komme, o, ich komme. Geh, geh! Bei? in den Sand und brulle ... Was sie fur gro?e Augen macht! O, Cecily, Cecily, dein Mannchen kommt, dein Mannchen kommt!« Und sich gewaltsam zusammenraffend, richtete er sich auf den Knieen empor ... »Ha! Sie hat gebissen! Sie umschlingt mich mit ihrem eiskalten Leibe! Ich kann mich ihr nicht entwinden... . O, diese Augen! Blo? nicht ihren schillernden Blick! Zu Hilfe, zu Hilfe! Die Schlange! Die schwarze Schlange! Hinweg von mir, hinweg! Beim Zeichen des Kreuzes, hinweg!« –
Mit der Hand auf den Fu?boden gestutzt, versuchte Ferrand sich zu bekreuzigen. Seine bleifarbige Stirn triefte von kaltem Schwei?e; seine Augen wurden matt und glasern. Es machten sich alle Anzeichen eines nahen Todes geltend. – Stumm und starr standen Rudolf und die anderen Zeugen der schrecklichen Szene. Ferrand hatte sich auf die Knie erhoben und fuchtelte mit den Armen in der Luft nach all den Trugbildern seiner armen Opfer, und diesem letzten krampfhaften Aufzucken folgte eine todliche Erschutterung. Steif und leblos sank er ruckwarts, die Augen schienen ihm aus den Hohlen zu treten, gra?liche Zuckungen verzerrten ihm das Gesicht, blutiger Schaum trat ihm auf die Lippen, seine Stimme nahm einen pfeifenden Klang an wie die eines Wasserscheuen, denn in ihrem letzten Stadium hat diese furchtbare Krankheit, die grauenhafte Strafe der Sinnenlust, die gleichen Symptome wie die Wut. Eine letzte Vision stieg vor dem Auge des Bosewichtes auf, und die Worte stammelnd: »Cecily, Cecily, gieriges Gespenst! Mein Fleisch raucht, mein Mark verkohlt... Cecily, Feuer, Cecily! Tigerin! Tigerin!« verschied er unter wilden Zuckungen ...
Von Schauder geschuttelt entfernte sich Rudolf.
Viertes Kapitel.
Im Spital
Marienblume war, wie dem Leser erinnerlich sein wird, nach ihrer Errettung durch die Wolfin in das Landhaus des Doktor Griffon gebracht worden, der im stadtischen Burgerspitale angestellt und ein sehr gelehrter Herr war, im Kreise seiner Kollegen als ein »Furst der Wissenschaft« galt und diesen Ruf der neuen Richtung, die er vertrat, der Vivisektion, zu verdanken hatte. Ihm war jede Kranke nichts anderes als ein »Versuchsobjekt«, neue Heilmethoden und Heilmittel zu erproben. Um zur richtigen Erkenntnis uber Wert oder Unwert derselben zu gelangen; um den Uebergang von einer alten zu einer neuen Kurweise zu ermitteln, pflegte er eine bestimmte Anzahl von Kranken in Behandlung zu nehmen zur Halfte nach der bisherigen, zur Halfte nach der neuersonnenen Weise; dann stellte er fest, wieviel nach der einen, wieviel nach der andern geheilt und »draufgegangen« waren; das Verfahren, das die Minderheit von Todesfallen aufwies, bekam den Vorzug und wurde im Spitale eingefuhrt.
Fuhren wir nun den Leser in den gro?en Saal des Krankenhauses, der ein im hochsten Grade betrubendes Bild bot. Langs der gro?en, dustern Mauern, in denen sich hier und da wie in einem Stockhause vergitterte Fenster befinden, stehen zwei Reihen Betten, die durch eine an der Decke hangende Lampe matt erhellt werden. Es herrscht eine so unreine, mit allerhand Krankheitsmiasmen angefullte Luft, da? neue Patienten gemeinhin erst eine Art Staupe durchmachen mussen, bis sie sich an den Aufenthalt gewohnen. Das typische Zeichen fur den Aufenthalt ist eine fahle Blasse.
Die nachtliche Stille wird haufig durch Aechzen, Wehklagen, schwere Seufzer oder banges Gestohn unterbrochen. Tritt einmal vollige Stille ein, so hort man noch immer die eintonigen, taktma?igen Schwingungen der Uhrenpendel, die die fur schlaflose Kranke so entsetzlich langsam hinschleichende Zeit verkunden.
Unter den Frauen, die in diesem Saale weilen, befand sich die Tochter jener unglucklichen Frau von Fermont, die durch die Schlechtigkeit und Habsucht des Notars Ferrand um ihr ganzes Vermogen gekommen war.
