Klara, die schon fast eine Woche im Spitale lag, zeigte trotz der von ihrer Krankheit – schleichendes nervoses Fieber – angerichteten Verheerungen in ihrem holden Antlitz noch immer die Spuren seltener Schonheit. Sie hatte die Nacht in heftigen Schmerzen zugebracht und war eben in einen leichten Schlummer gesunken, als Doktor Griffon zu ihrem Bette trat, begriffen auf seinem Inspektionsgange, der dem ihm nicht blo? seine Assistenzarzte, sondern auch ein Cotus von Studenten der Medizin zu begleiten pflegten.

Aber das dadurch hervorgerufene Gerausch hatte Klara nicht geweckt. Erst als Doktor Griffen sie leicht an der Achsel beruhrte, fuhr sie auf, nicht wenig erschrocken, die vielen Manner um ihr Bett herumstehen zu sehen, darunter nicht wenige in noch recht jugendlichem Alter. All ihre Krafte in einen einzigen Angst- und Schreckensruf zusammenfassend, stohnte sie: »Mutter, Hilfe! Hilfe, Mutter, Hilfe«

Da ging die Tur des Saales auf, und eine tief in Schwarz gekleidete Dame trat in Begleitung des Spitaldirektors und eines alteren Herrn uber die Schwelle. Die Dame war keine andere als die Marquise von Harville, der Herr der Graf von Saint-Remy.

»Ich bitte Sie dringend,« sagte Frau von Harville, »geleiten Sie mich zu dem Fraulein von Fermont.« – »Fraulein von Fermont,« versetzte der Direktor, »befindet sich im Bett Nummer 17 dieses Saales.« – »O, uber das ungluckliche Kind,« rief Frau von Harville, vom tiefsten Schmerze ergriffen, »da? ich sie hier finden mu?, ist geradezu gra?lich«

Als die Marquise, dem Direktor auf dem Fu?e folgend, sich der Mannergruppe naherte, die das Bett der jungen Dulderin umstand, drangte der Graf von Saint-Remy sich zu Doktor Griffon und sprach im lebhaftesten Unwillen: »Sie werden das arme Kind ums Leben bringen, denn was Sie jetzt vorhaben, ist ja geradezu ein Mord an ihm!« – »Aber, lieber Saint-Remy, so lassen Sie sich doch sagen ...« – »Und ich wiederhole, da? Ihr Verhalten grausam im hochsten Ma?e ist! Frau von Fermont gilt mir als meine Tochter, und ich verbiete Ihnen, sich ihr zu nahern. Wenn Sie auf Ihrem Willen bestehen, so werde ich Sorge tragen, da? sie auf der Stelle aus dem Saale getragen wird.«

»Aber, mein lieber Freund, so lassen Sie sich doch belehren! Das Fraulein ist an einem schleichenden Fieber erkrankt. Ich wollte die Gelegenheit nicht ungenutzt vorbeigehen lassen, sondern an ihr ein neues Heilmittel, Phosphor, versuchen Sie durfen mir hierin unter keinen Umstanden entgegen sein, denn Sie entziehen unserer arztlichen Wissenschaft eines der interessantesten Versuchsobjekte.«

»Waren Sie kein faktischer Narr,« entgegnete Saint-Remy, »so wurde ich Sie als den argsten Barbaren dieses Jahrhunderts betrachten.« Clemence horte diesen Disput zwischen den beiden Mannern mit wachsender Unruhe an; aber die jungen Studenten standen in so dichtgedrangter Schar um das Bett der Patientin herum, da? der Spitaldirektor sich gezwungen sah, mit lauter Stimme zu sagen: »Platz, meine Herren, Platz fur die gnadige Frau Marquise von Harville, die sich herbemuht hat, um unserer Nummer Siebzehn einen Besuch zu machen.«

Infolge dieser Aufforderung traten samtliche Herren respektvoll zuruck ...

»Herr Direktor,« wandte Graf von Saint-Remy sich an diesen, »die Dame wird von Gott hierher gewiesen! Gleich mir, hat sie innigsten Anteil an dem Geschick des jungen Madchens und seiner Mutter genommen. Mir wollte es indessen nicht gelingen, uber den Verbleib der beiden unglucklichen Personen etwas zu ermitteln. Sie war glucklicher in dieser Hinsicht, denn sie hat sie gefunden und gerade noch rechtzeitig, um einen der unerhortesten Auftritte von Barbarei zu verhindern. Meine Herren, ich beschwore Sie, sich zu entfernen,« wandte er sich an die Begleiter Doktor Griffons, »nicht wenige von Ihnen werden eine Schwester haben. Denken Sie sich diese an die Stelle dieses armen Kindes von sechzehn Jahren, und Sie werden von keinem geringeren Abscheu erfullt werden als ich ... Sobald Fraulein von Fermont wieder zu klarem Bewu?tsein gelangt ist, werde ich Sorge tragen, da? sie aus dem Spitale gebracht wird, wie ich schon Ihrem Herrn und Meister zu sagen die Ehre hatte.« –

»Ich will mich nicht dawider auflehnen,« antwortete Doktor Griffon, »aber ich bedinge mir aus, sie in Behandlung zu behalten, denn sie leidet an einem Fieber, uber das wir Aerzte noch immer im Dunkeln tappen. Ich leide unter keinen Umstanden, da? mir solches wertvolle Objekt unter den Handen verschwindet.«

»Geht Ihnen denn die Wissenschaft wirklich uber alles?« rief der Graf, »so da? Sie der strengsten Humanitatsgesetze abwendig werden konnen?« »Aber, lieber Graf,« erwiderte Doktor Griffon, »was soll denn aus der ganzen Heilwissenschaft werden, wenn wir keine Experimente mehr machen sollen? ... Wo bildet anders sich der Arzt als am Krankenbett? Sie versprechen; mir also, mich nicht um mein schleichendes Fieber zu bringen?«

»Unter der Bedingung, Doktor,« antwortete Saint-Remy, »da? das Madchen transportabel ist.« – »O, ganz gewi? ist das der Fall.« – »Nun, dann entfernen Sie sich mit Ihren Herren!«

»Meine Herren,« wandte sich der Doktor zu seinen Jungern, »so leid es mir tut, Sie um ein geradezu vorzugliches Studienobjekt zu verkurzen, kann ich doch zu meinem Leidwesen nichts daran andernd. Ich behalte mir aber vor, Sie uber den Verlauf der Krankheit regelma?ig zu unterrichten.«

Nach diesen Worten setzte Doktor Griffon an der Spitze seines Cotus seinen Inspektionsgang fort und lie? den Grafen von Saint-Remy mit der Marquise von Harville allein zuruck bei Fraulein Klara von Fermont.

Funftes Kapitel.

Marienblumchen

Wahrend des letzten Teiles des hier geschilderten Auftrittes war Fraulein von Fermont der Marquise von Harville uberlassen worden, die sich mit den beiden barmherzigen Schwestern in ihre Pflege teilte. Eine von ihnen hielt das bleiche schwere Haupt des jungen Madchens, wahrend die Marquise, uber das Bett gebeugt, der Kranken den Schwei? von der kalten Stirn wischte. Graf von Saint-Remy betrachtete, tief bewegt, dies ergreifende Bild, als ihm plotzlich ein trauriger Gedanke durch den Kopf scho? ...

»Und die Mutter des unglucklichen Madchens?« fragte er leise die Marquise.

»Gerechter Gott!« rief die Marquise, »sie ist tot. Ich erfuhr,« setzte sie hinzu, »erst gestern Abend bei meiner Ruckkehr, wo sich Frau von Fermont aufhielte, und in welch hoffnungslosem Zustande sie sich befande ... So fruh es mir mit meinem Arzte moglich war, begab ich mich zu ihr.. Ach, lieber Graf! Welch ein Bild bot sich mir da! Die Armut in all ihren Schrecken! Und von Hoffnung, die arme, im Sterben liegende Frau zu retten, nicht die geringste Moglichkeit!«

»Ach, wenn sie ihrer jugendlichen Tochter gedacht hat, mu? es ein schwerer Todeskampf gewesen sein!« rief Saint-Remy. – »Nun, der Name ihrer Tochter war ihr letztes Wort.« – »O, schrecklich, schrecklich!« rief der Graf, »und sie war eine aufopfernde Frau, eine zartliche Mutter! Ach, es ist gra?lich!«

Eine barmherzige Schwester unterbrach die Unterhaltung des Grafen mit der Marquise und sagte zur letzteren: »Das junge Madchen ist sehr schwach. Sie hort kaum. Vielleicht kommt sie gerade wieder ein wenig zu sich. Sofern es Sie nicht beschwert, solange hier zu verweilen, bis die Kranke vollig wieder zum Bewu?tsein gekommen, mochte ich mir erlauben, Ihnen meinen Stuhl anzubieten.«

»O, bitte, mir ganz angenehm,« erwiderte die Marquise, »will ich doch Fraulein von Fermont erst verlassen, wenn ich sie wieder bei Bewu?tsein und klarem Verstandnis ihrer Situation wei?. Zum wenigstens soll sie, wenn sie die Augen wieder aufschlagt, ein wohlwollendes Antlitz aus ihrer Sphare erblicken ... Der Arzt meinte, sie konne ohne Gefahr aus dem Spitale geschafft werden. Ich werde sie also gleich mitnehmen.«

»Ach, Marquise,« rief Saint-Remy, »moge Gott Sie fur all das Gute, das Sie der Menschheit erweisen, reichlich belohnen! Verzeihen Sie, da? ich Ihnen noch immer nicht gesagt habe, in welchen Beziehungen ich zu dem Herrn von Fermont, dem Gemahl der verstorbenen Dame, gestanden. Er war mein liebster Freund. Ich habe mit ihm in Angers gewohnt und bin dort weggezogen, weil ich gar keine Kunde von der edlen Frau erhielt, die eines Tages, als sie erfuhr, da? ihr Bruder in Paris sich selbst das Leben genommen, mit ihrer Tochter dorthin gereist war. Nach einiger Zeit erfuhr ich, die arme Frau hatte ihr ganzes Vermogen eingebu?t, was doch fur sie um so schrecklicher sein mu?te, als sie bis dahin im Wohlstande gelebt hatte.«

»Nun, das trifft freilich zu, aber Sie scheinen noch nicht zu wissen, da? die Frau auf die gemeinste Weise um ihr Hab und Gut betrogen worden ist.«

»Doch nicht durch ihren Notar?« fragte Saint-Remy; »solcher Argwohn ist mir allerdings aufgestiegen.«

»Es war ein elendes Subjekt, dieser Notar Ferrand!« rief die Marquise emport, »nicht blo? dieses Verbrechen hat er begangen, sondern ein noch weit schlimmeres: und einzig und allein in der Absicht, sich in

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