Besitz des Fermontschen Vermogens zu setzen; aber – er ist gezwungen worden, das Geld wieder herauszugeben, so da? –«

»–Dieses ungluckliche Madchen,« fiel Graf Saint-Remy ihr ins Wort, »wieder zu ihrem Gelde gelangen wird?« –

»Allerdings,« antwortete Frau von Harville, »aber Sie wissen wirklich noch nichts uber die schrecklichste aller Missetaten, die dieser Notar Ferrand begangen hat, getrieben von ma?loser Habsucht?«

»Nein, gnadige Frau, kein Wort!« sagte der Graf.

»Der Notar hat den Bruder der Frau von Fermont ermordet und das Gerucht verbreitet, da? sich derselbe selbst das Leben genommen habe, nachdem er das Vermogen seiner Schwester vergeudete.« –

»Das ist ja geradezu gra?lich!« rief der Graf; »an einen Selbstmord habe ich allerdings niemals recht glauben mogen, da Renneville doch immer die Ehrenhaftigkeit selbst war... . Aber – wo ist das Geld deponiert worden, das Ferrand zuruckerstattet hat?«

»Es wurde dem Pfarrer des Kirchspiels, in welchem der Notar Ferrand domiziliert, behandigt und wird Fraulein von Fermont ubergeben werden.«

»Es genugt nicht, da? einem solchen Schurken das Geld wiedergenommen wird, das er sich auf solch schurkische Weise zu eigen gemacht hat,« erwiderte der Graf, »solch ein Halunke mu? an den Galgen! Hat er doch nicht einmal, sondern zwiefaltig gemordet! Was diese arme Frau von Fermont mit ihrer Tochter gelitten, ist doch einzig und allein durch den schmahlichen Vertrauensmi?brauch des Schurken hervorgerufen worden.«

»O, ihn belastet noch ein weiterer Mord,« sagte die Marquise, »erst vor wenigen Tagen noch hat er sich Straflosigkeit dadurch zu sichern gestrebt, da? er ein blutjunges Madchen, an deren Tode ihm viel gelegen war, auf eine Seine-Insel geschickt, wo sie ins Wasser gesturzt worden ist.«

»Welch ein seltsames Zusammentreffen!« sagte der Graf. »Auf welcher Seine-Insel ist das passiert?« – »Bei Asnieres,« erklarte die Marquise. – »Sie ist's! sie ist's!« rief Saint-Remy. – »O, von wem sprechen Sie?« fragte die Marquise. – »Von dem jungen Madchen, an deren Tode dem Verbrecher sehr viel gelegen war.« – »Doch nicht Marienblume?« – »Q, Madame, Sie kennen sie?« rief der Graf. – »Ich habe das arme Kind von Herzen geliebt. O, wu?ten Sie, welch ein liebliches, welch ein edles treues Kind es war ... . Doch wie geht es zu, da? ...«

Der Graf fiel ihr ins Wort: »Doktor Griffon und ich haben ihr den ersten Beistand geleistet.« – »Den ersten Beistand?« wiederholte die Marquise, »ihr? und wo?« – »Auf der Insel bei Asnieres ... als sie gerettet worden war.«

»Das Madchen ist gerettet worden?« rief die Marquise, »und wie?«

»Ein wackeres Weib, derb, aber ehrlich, hat sie mit eigner Gefahr des Lebens aus der Seine gefischt,« versetzte »O, kaum wage ich an eine so gluckliche Wahrheit zu glauben, Herr Graf,« antwortete die Marquise, »sondern furchte fast, Sie mochten sich geirrt haben. Sagen Sie mir, Graf, wie sieht das Madchen aus? Ich beschwore Sie, wie sieht das Madchen aus?« – »Sie ist von hervorragender Schonheit, Marquise.« – »Blondine? Gro?e blaue Augen?«

– »Ja, Madame!«

»Sagen Sie eins noch: Als man sie in der Seine ertranken wollte, hat sich ein alteres Weib bei ihr befunden?«

– »Davon gesprochen hat sie, das stimmt. Doch nur andeutungsweise. Sie ist noch sehr schwach und kann erst seit gestern wieder sprechen. Aber ich glaube bestatigen zu durfen, da? eine bejahrte Frau sich in ihrer Gesellschaft befunden hat.«

Da faltete Clemence die Hande und rief: »Gelobt sei Gott! Ich werde also ihm die Botschaft bringen durfen, da? seine Schutzbefohlene noch lebt. Welche Freude fur ihn! Erst in seinem letzten Briefe an mich hat er mit schmerzlichen Ausdrucken von dem jungen Kinde gesprochen. O, Herr Graf! Wu?ten Sie, wie glucklich Sie mich durch diese Kunde machen! Und au?er mir noch eine andere Person, die dem armen Kinde noch mehr Liebe geschenkt, es noch mehr in seinen Schutz genommen hat ... aber – wo ist das Madchen jetzt?«

»Im Hause desselben Arztes, der dieses Spital leitet, des Doktor Griffon, in Asnieres. Doktor Griffon hat ja seine Gelehrtenschrullen, die mir gar nicht behagen, ist aber sonst ein sehr wackerer Herr, der dem Madchen alle nur denkbare Fursorge und Pflege angedeihen la?t.« –

»Ist das Madchen jetzt aus aller Gefahr?« – »Gewi?. Madame, doch erst seit ein paar Tagen. Heute wird ihr erst gestattet werden, an ihren Beschutzer zu schreiben.« – »Nun, diese Arbeit will ich ihr abnehmen,« rief die Marquise, »oder vielmehr, ich werde mir die Freude sichern, das arme Kind zu den Leuten hinzufuhren, die schon ihren Tod beklagen, die in tiefster Trauer um sie sind.«

»Da? man um Marienblumchen trauert, will mir freilich einleuchten,« erwiderte der Graf, »denn wer sollte sie kennen, ohne ihrem Zauber sich unterworfen zu fuhlen? Auf wen ubte nicht die Anmut und Sanftmut dieses Herrlichen Geschopfes eine geradezu unbeschreibliche Gewalt? Das Weib, das sie aus dem Wasser gerettet hat,« fuhr der Graf fort, »ist, wie gesagt, eine Person voll Mut und zu aller Aufopferung fahig, besitzt aber ein so heftiges, ungebardiges Temperament, da? sie »die Wolfin« genannt wird. Seit aber Marienblume nur ein paar Worte mit ihr gesprochen, ist die Wolfin wie umgewandelt. Ich habe es selbst mit angesehen, wie sie geschluchzt und geweint hat, als Doktor Griffon nach einer sehr schweren Krise am Leben des dem Ertrinken so nahe gewesenen Madchens verzweifelte.«

»Das will mich nicht weiter Wunder nehmen,« versetzte die Marquise, »ich kenne die Person dieses Namens.«

»Sie kennen die Wolfin, Madame?« versetzte Saint-Remy in heller Verwunderung, »wie ist das moglich?« – »Da? Sie sich daruber verwundern, lieber Graf, wundert nun freilich mich nicht,« erwiderte Clemence und lachelte vergnugt, denn sie fuhlte sich glucklich in dem Gedanken, dem Fursten eine so uberfrohe Kunde uberbringen zu konnen ... Aber wie gro? ware erst ihre Freude gewesen, hatte sie gewu?t, da? sie Rudolf eine von ihm fur verloren gehaltene Tochter wieder zufuhren sollte!

Nach Verlauf von etwa einer Stunde fuhrte Frau von Harville in Begleitung des Grafen von Saint-Remy Fraulein von Fermont, die vom Ableben ihrer Mutter noch keine Nachricht hatte, aus dem Burgerhospitale in ihr Palais und fuhr hierauf unverzuglich mit dem Grafen von Saint-Remy nach Asnieres, um dort Marienblumchen abzuholen und zu Rudolf zu bringen.

Sechstes Kapitel.

Hoffnung.

Die ersten Fruhlingstage nahten sich. Die Sonne bekam neue Kraft, der Himmel war rein, die Luft lau und mild. Auf die Wolfin gestutzt, versuchte Marienblume zum ersten Male ihre Krafte auf einem kurzen Gange im Garten des Doktors Griffon. Ihrem bleichen, abgemagerten Gesichte lieh die Sonnenwarme im Verein mit der korperlichen Bewegung eine leichte Rote. Da ihr bauerlicher Anzug bei der ungestumen Hilfe, die ihr die Wolfin geleistet, zerrissen worden war, hatte sie ein dunkelblaues Merinokleid angezogen, das durch eine wollene Gurtelschnur um ihren schlanken Leib gehalten wurde.

»Ach, die herrliche Sonne!« sagte sie zur Wolfin, neben einer Baumgruppe stehen bleibend, »hier konnten wir uns doch ein Weilchen setzen?« – »Warum fragen Sie da erst?« erwiderte Martinis Geliebte, die Achseln zuckend, nahm ihr Tuch ab und breitete es auf dem feuchten Sande aus.

»Aber, Wolfin,« sagte Marienblume, die Absicht ihrer Begleiterin zu spat bemerkend, so da? sie sie nicht mehr daran hindern konnte, »Sie ruinieren sich ja Ihr Tuch!« – »Was kommts auf den Lappen an?« erwiderte die andere barsch, »der Boden ist kalt, wollen Sie sich lieber erkalten?« – »Ach, Wolfin, Sie verhatscheln mich ja,« sagte Marienblume. – »Nun, da? man es tut, ist freilich nicht am Platze, strauben Sie sich doch immer gegen alles, was man zu Ihrem Wohle unternimmt! Sie mussen doch auch mude geworden sein, denn wir sind nun bereits eine reichliche halbe Stunde unterwegs. In Asnieres hat es gerade zwolf geschlagen.«

»Die Mudigkeit macht sich allerdings bei mir geltend,« meinte Marienblumchen, »aber recht gut getan hat mir der Spaziergang doch.« – »Wenn Sie Mudigkeit fuhlten, warum konnten Sie es mir nicht sagen, da? wir uns schon einmal unterwegs gesetzt hatten?« – »Ach, seien Sie mir deshalb nicht bose! Ich bin es nicht gewahr geworden, ist es doch ein herrlicher Genu?, nach so langer Bettlagerigkeit wieder einmal Sonne, Baume und Feld zu sehen!«

»Sie armes Ding!« antwortete die Wolfin, »es stand wirklich fur Sie recht schlimm, der Arzt hatte schon

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