beinahe alle Hoffnung aufgegeben.« – »Ach, Wolfin,« sagte Marienblume, »als ich unter Wasser geriet, fiel mir eine bose Frau ein, die mich gequalt hat, als ich noch kleines Kind war, und mich auch einmal hat ins Wasser werfen wollen. Da sagte ich zu mir, ich musse doch ein rechtes Ungluckskind sein, da ich in einem fort vom Schicksale so verfolgt wurde.«

»So? Waren das wirklich Ihre letzten Gedanken, als Sie den Tod vor Augen hatten?« – »Nein, nein!« erwiderte Marienblume, in heller Begeisterung, »mein letzter Gedanke vorm Tode, als ich sein Nahen fuhlte, galt dem hochsten Wesen, das ich fur meinen Gott halte, und ihm galt auch mein erster Gedanke, als ich mich erholte.« – »Ach, liebes Kind, Ihnen wohlzutun, ist wirklich eine rechte Freude. Es wird kaum einen zweiten Menschen geben, der so dankbar ware.« – »Ich kann mir auch nichts Ha?licheres denken als Undankbarkeit,« versetzte Marienblume, »wie schon ist es, sich sagen zu konnen, da? man jedem gerecht geworden ist. Mit solchem Bewu?tsein schlaft es sich su? ein und wacht es sich su? auf.« – »Fur Menschen wie Sie, konnte man durchs Feuer gehen,« sagte die Wolfin. – »O, und warum freue ich mich so, dem Leben wiedergeschenkt worden zu sein? Weil ich noch immer hoffe, Ihnen mein Versprechen erfullen zu konnen! Sie wissen ja doch, was fur Luftschlosser wir in Saint-Lazare noch gebaut haben!«

»Nun, auf den Beinen sind Sie ja wieder,« versetzte die Wolfin, »und wie mein Mann mir sagte, hatte ich ja getan, was in meinen Kraften stand.« – »O, das ist freilich wahr! Ach, wenn mir nur der Herr Graf nun bald sagen konnte, da? mir an meine liebe Frau Georges zu schreiben erlaubt sei! Sie wird gewi? um mich recht besorgt sein ... Herr Rudolf vielleicht auch!« setzte sie hinzu, bei dem Gedanken an »ihren Gott«, an »ihr hochstes Wesen« unter tiefem Erroten die Augen niederschlagend, »vielleicht meinen beide, ich sei tot.«

»Gleich den bosen Menschen, die Sie ins Wasser sturzten?« meinte die Wolfin, »o, es ist doch wirklich haarstraubend, wieviel Schlechtigkeit in der Welt herrscht!« – »Sie meinen wirklich, ich sei keinem zufalligen Ungluck ...« – »Ach, reden Sie blo? nicht so etwas, Kind! Es sollte ein Zufall sein, da? der Kahn, in dem Sie ubergesetzt werden sollten, ein Loch bekam, so gro?, da? man hatte hindurchspringen konnen? Freilich wollen sich die Martials drauf hinausreden; aber gelingen wirds ihnen nicht! Uber wenn ich von den Martials rede, so meine ich nicht meinen Mann, denn er pa?t nicht zu dieser Familie, er ist richtig, wie man sagt, aus der Art geschlagen, und auch Franz und Amandine gehoren nicht zu den Bosewichtern – der Mutter, der altesten Tochter und dem zweitaltesten Sohne, dem Niklas.«

»Welches Interesse konnten sie aber an meinem Tode haben?« fragte Marienblume; »ich habe doch niemand im Leben Boses zugefugt!«

»Wie konnen Sie wissen, weshalb man Ihnen derart nachstellt? Wenn diese Martialschen beiden Bosewichten schlecht genug sind, jemand ins Wasser zu sturzen, so sind sie doch ganz gewi? nicht dumm genug, das zu tun, ohne dabei ein ordentliches Stuck Geld zu verdienen! Beweis dafur, da? ich mich in dieser Hinsicht nicht auf falscher Fahrte befinde, sind mir ein paar Worte, die die Witwe zu meinem Geliebten im Gefangnisse gesprochen hat.«

»So hat er wirklich die schreckliche Frau besucht?«

»Ja, und es besteht weder fur sie, noch fur ihre Tochter und ihren Sohn Niklas, irgend welche Hoffnung mehr. Es ist gar vieles entdeckt worden, und der Schuft von Niklas hat sogar, um sich frei zu machen, Mutter und Schwester noch eines anderen schweren Verbrechens denunziert! Aber ihn hats nicht frei machen konnen, sie werden vielmehr alle zusammen aufs Schafott steigen mussen. Der Advokat hat kein Tuttelchen Hoffnung mehr, sie durchzubringen. Es musse einmal ein strenges Exempel statuiert werden, hei?ts bei der hohen Justiz diesmal.«

»Das ist ja schrecklich!« rief Marienblume, die Hande ringend, »fast eine ganze Familie!« – »Ja, falls Niklas nicht noch sich durch Flucht retten kann! Er ist im gleichen Gefangnisabteil wie ein anderer Bosewicht, der den Spitznamen Skelett fuhrt und ein Komplott angezettelt hat, sich und seine Komplizen zu retten. Mein Mann ist namlich so schwach gewesen, den Bruder im Stockhause zu besuchen. Dadurch hat der Niklas den Mut bekommen, meinem Manne bestellen zu lassen, er konne ausrei?en, sobald es ihm gefiele, und ist sogar so frech gewesen, hinzuzusetzen, der alte Micou moge Geld und Kleider, die ihn unkenntlich machen sollen, bereit halten,«

»Ihr Mann hat eben auch ein gutes Herz!« sagte Marienblume.

»Gut Herz hin, gut Herz her, Schalldirne!« rief die Wolfin unwillig, »der Schinder soll mich holen, wenn ich es leide, da? mein Mann sich fur einen, der Wegen Mordes angeklagt ist, auch nur den Finger na? macht, mag es gleich sein Bruder sein! Wenn Martial nicht anzeigt, da? sich die beiden, Skelett und Niklas, mit Gedanken, auszubrechen, tragen, so ist's schon vielmehr als sich eigentlich verantworten la?t ... Aber das kann im Grunde niemand erwarten, da? ein vernunftiger Mensch solche Gedanken fur etwas anderes als Wind nimmt ... Zudem ziehen wir in den nachsten Tagen von hier weg, sobald Sie nur erst wieder ganz gesund sind, so da? Sie meiner Hilfe nicht langer bedurfen. Und ich will dann schon Sorge tragen, da? weder mein Mann noch die Kinder in den nachsten Jahren den Fu? wieder in diesen Sundenpfuhl von Paris setzen! Fur Martial war es immer ein schreckliches Bewu?tsein, als Sohn eines Mannes angesehen zu werden, der gekopft worden ist! Wie soll es aber erst mit ihm werden, wenn es hei?en wird, da? auch Mutter, Bruder und Schwester gekopft worden!«

»Ach, solange bleiben Sie doch bei mir, liebe Wolfin, bis ich mit Herrn Rudolf Ihretwegen gesprochen habe?« fragte Marienblume, »ich will ihm sagen, da? Sie sich wieder zum Guten gewandt haben, da? ich Ihnen mein Leben zu verdanken, und da? ich Ihnen versprochen habe, dafur zu sorgen, da? Sie hierfur auch einen entsprechenden Lohn bekommen! Wie konnte ich allein all das vergelten, was Sie an mir getan haben? Wenn ich davon spreche, da? Sie mir das Leben gerettet haben, so werde ich der Wahrheit ja nur zur Halfte gerecht, denn was Sie weiter fur mich getan haben durch die aufopfernde Pflege wahrend meiner Krankheit ... .«

»Was habe ich mehr getan als meine Pflicht!« antwortete die Wolfin, »wie soll ich es leiden konnen, da? Sie von Personen, die Ihnen ihre Gunst zuwenden, Gutes fur mich erbitten? Das mu?te mich ja in ein recht eigennutziges Licht setzen!« – »Aber, liebe Freundin, lassen Sie mich doch nur machen!« erwiderte Marienblume, »von Eigennutz Ihrerseits kann keine Rede sein – sondern nur davon, da? ich meine Dankesschuld abtrage.«

»Horen Sie doch!« rief da die Wolfin, »ist das nicht Wagengerassel? Gewi?!« und sie sprang auf – »es kommt ein Wagen! Er kommt naher und naher heran... . Da, jetzt fahrt er am Gitter vorbei. Eine Dame sitzt drin.« – »Ach Gott!« sagte Marienblumchen ergriffen, »mir ist's doch ganz so, als hatte ich sie schon einmal gesehen! In Saint-Lazare ... ach ja, sie ist es, und sie war damals so gutig zu mir!« – »Aber wie sollte sie wissen, da? Sie hier seien?« fragte die Wolfin. – »Daruber kann ich allerdings nichts sagen; aber die Person, von der ich so oft gesprochen habe, kennt die Dame, und wenn diese Person will, Wolfin, und Gott gebe, es sei an dem, dann durfen wir mit Zuversicht rechnen, da? die Luftschlosser, die wir zusammen in Saint-Lazare gebaut, Wirklichkeit werden!«

»Ach, schon ware es nun freilich,« sagte die Wolfin, tief seufzend, »wenn sich fur meinen Mann irgendwo im Walde ein Platz als Forster ober Jagdhuter fande! Aber das sind Traume, und bis Traume sich verwirklichen ...«

Schnelle Schritte wurden vernehmlich. Franz und Amandine, denen der gutige Graf von Saint-Remy bei der Wolfin zu bleiben erlaubt hatte, kamen herbeigerannt mit der Meldung, es kame eine schone Dame mit Herrn von Saint-Remy, und beide verlangten auf der Stelle, Marienblumchen zu sehen!

»Nun, liebe Wolfin,« sagte das Madchen, »ich habe mich also doch nicht geirrt!« – Und fast im namlichen Augenblicke erschien Graf Saint-Remy mit der Marquise von Harville. Kaum hatte die letztere das Madchen erblickt, als sie auf sie zueilte und sie liebevoll in die Arme schlo? ... »Liebes, liebes Madchen! liebes armes Madchen!« rief sie, »sind Sie wirklich durch Gottes gutige Fugung vor einem so jahen Tode bewahrt geblieben! Ach, wie freue ich mich, Sie wiederzusehen, wieder in meine Arme zu schlie?en! Wir haben Sie ja alle fur tot gehalten und so tief, so tief betrauert!«

»Auch ich freue mich innig, da? Sie mich nicht vergessen haben, liebe gute Dame, denn ich habe nicht vergessen und werde es mein Lebtag nicht vergessen, wie gutig Sie gegen mich gewesen sind,« sagte Marienblumchen, die Umarmung der Marquise mit Anmut und Bescheidenheit erwidernd.

»O, Sie wissen wirklich nicht, liebes Kind, wie erfreut alle Ihre Freunde gewesen, als sie vernahmen, da? Sie gerettet seien! Und wie werden sich erst diejenigen freuen, die bis zur Stunde noch um Sie trauern!«

Marienblumchen nahm die Wolfin, die schuchtern beiseite getreten war, an der Hand und sagte zu der Marquise: »Wenn sich die gutigen Herrschaften, die mir ihre Huld zuwenden, tatsachlich daruber freuen, da? ich dem Leben erhalten geblieben, dann wird es mir wohl erlaubt sein zu bitten, einen Teil des mir zugedachten Wohlwollens auf die Freundin hier zu ubertragen, deren Aufopferung ich das Leben allein zu verdanken habe.«

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