„Einen kleinen Vergnugungsausflug. Glauben Sie nicht, da? ich auch ein bi?chen Entspannung verdient habe? Da ware zum Beispiel der Getwydh-Wald, ein Gebiet, wo unsere Bewegungsfreiheit nicht beschrankt ist.“
Flandry blickte an der untersetzten Gestalt seines Chefs vorbei aus dem Fenster. Ein Gartenroboter rasselte mit seinen Schermessern uber den Rasen. Ein Sekretar des diplomatischen Stabes stand drau?en auf einer der Wohnkuppeln und flirtete gelangweilt mit der Frau des Marineattaches. Hinter ihnen stie?en Ardaigs alte Turme in den Himmel. Der Nachmittag war hei? und still.
„Sehr gut, Chef“, sagte er.
Sie verlie?en das Buro und gingen zum Landeplatz, und Flandry fuhlte ein Kribbeln sein Ruckgrat uberlaufen. Die merseiischen Techniker kamen regelma?ig zu Inspektionen der Luxusmaschine, aber an diesem Nachmittag hielt ein einziger Mann vom Sicherheitspersonal der Botschaft Wache. Neidvoll sah er zu, wie Abrams und Flandry an Bord des langen, blauen, tropfenformigen Ungetums gingen. Abrams schlo? die Tur und schritt voraus in den Salon. „Getwydh-Wald, Hauptparkplatz“, sagte er. „Funfhundert Stundenkilometer bei beliebiger Hohe.“
Die Maschine nahm mit anderen Maschinen Kontakt auf. Der Start wurde freigegeben, und die Maschine hob sich gerauschlos uber die Baumwipfel.
Abrams durchsuchte seine Uniformtaschen nach einer Zigarre. „Wir konnten einen trinken“, schlug er vor. „Fur mich Whisky und Wasser.“
Flandry brachte es, und fur sich selbst einen doppelten Cognac. Als er sich wieder gesetzt hatte, war die Maschine etwa sechstausend Meter hoch und befand sich im Horizontalflug. Bei dieser Geschwindigkeit wurde es ein paar Stunden dauern, bis sie das Naturschutzgebiet erreichten. Flandry war schon einmal dort gewesen, anla?lich eines Wochenendausflugs, den Oliveira fur Hauksberg und Gefolge arrangiert hatte. Er erinnerte sich an riesenhafte Baume, buntgefiederte Vogel, den starken Geruch von feuchtem Humus und den wunderbaren Geschmack einer Quelle. Aber am lebhaftesten erinnerte er sich an das Gesprenkel von Sonne und Schatten auf Persis' dunnem Sommerkleid. Nun sah er aus dem breiten Fenster den Ozean im Westen, unter sich Felder, Hugelland und vereinzelte Burgen, und im Osten beschneites Bergland.
„Passen Sie auf“, sagte Abrams aus einem Rauchschleier. „Ich mu? Ihnen was erklaren.“
Flandry sa? steif und nippte nervos von seinem Cognac. „Wenn es vertraulich ist“, sagte er, „sollten wir dann nicht lieber warten, bis wir angekommen sind?“
„Hier ist es sicher. Sie haben mein Wort.“ Abrams starrte finster auf die Zigarre und rollte sie zwischen den Fingern. „Flandry, ich brauche Sie fur einen Job. Er konnte gefahrlich werden, und angenehm ist er bestimmt nicht. Sind Sie dabei?“
Flandrys Herz pochte hart. „Es wird mir wohl nichts anderes ubrigbleiben, nicht?“
Abrams legte den Kopf auf die Seite und spahte zu ihm heruber. „Keine schlechte Antwort fur einen Neunzehnjahrigen. Aber ich will wissen, ob Sie auch innerlich dabei sind, mit Kopf und Herz, sozusagen.“
„Ja, Chef. Ich denke schon.“
„Ich glaube Ihnen.“ Abrams nahm einen hastigen Schluck und neigte sich vorwarts. „Wie ich die Dinge sehe, hat Brechdan nicht die leiseste Absicht, den Konflikt auf Starkad gutlich aus der Welt zu schaffen. Eine Weile dachte ich, er werde uns vielleicht fur irgendeine andere Sache, die er haben will, den Frieden anbieten. Aber wenn das der Fall ware, hatte er uns nicht so lange hingehalten und ware langst damit herausgekommen. Die Merseier teilen unsere Vorliebe fur forensische Beredsamkeit nicht. Wollte Brechdan ein Abkommen, ware Hauksberg jetzt mit konkreten Vorschlagen auf der Erde und nicht hier.
Brechdans Leute kommen mit immer neuen Kleinigkeiten und unwichtigen Einwanden. Selbst Hauksberg — und er ist die Geduld in Person — hat allmahlich die Nase voll. Das ist vermutlich der Grund, warum Brechdan ihn und seinen Stab auf eine oder zwei Wochen zur Jagd nach Dhangodan eingeladen hat. Erstens bringt das wiederum eine Verzogerung mit sich; zweitens besanftigt er damit den Arger unseres Grafen. Eine Geste des guten Willens, verstehen Sie?“
Flandry nickte. „Ich glaube aber, da? der Graf recht hat, und da? Brechdan es ehrlich meint“, sagte er. „Der durchschnittliche Merseier ist jedenfalls aufrichtig und anstandig. Davon habe ich mich uberzeugt.“
„Sicher, Sie haben recht. Aber wie dem auch sein mag, Starkad ist zu wichtig. Und wahrend wir hier herumsitzen, kann alles mogliche passieren. Ich kam mit der Absicht her, kurz vor unserer Abreise eine gute Schaunummer abzuziehen. Und zuerst sah auch alles gut aus. Aber nun hat sich alles elend lange hingezogen, die Lage hat sich verandert, und meine gunstige Gelegenheit konnte vorbeigehen. Wir mussen bald handeln, denn die Chancen dafur werden standig geringer.
Ich will Ihnen nicht mehr sagen, als ich mu?“, fuhr Abrams fort. „Nur dies: Ich habe in Erfahrung gebracht, wo Brechdans Geheimakten sind. Es war nicht schwierig; jeder wei? davon. Und ich glaube, ich kann einen Agenten dort hineinschleusen. Das schwierigste Problem wird sein, wie wir die Information unbemerkt herausbringen. Ich wage nicht abzuwarten, bis wir alle abreisen. In der langen Zeit kann zuviel schiefgehen. Auch kann ich nicht allein vorzeitig aufbrechen. Ich bin zu verdachtig. Es wurde so aussehen, als hatte ich erreicht, was immer ich mir vorgenommen haben konnte. Hauksberg selbst wurde es mir wahrscheinlich verbieten, weil er — nicht ganz zu Unrecht — vermuten wurde, da? ich ihm seine Friedensmission verpfuschen wolle.“
„Sie wollen also, da? ich das Material wegschaffe, wenn Sie es haben?“
„Sie sind gar nicht so dumm, Flandry.“
„Da mussen Sie aber einen sehr guten Draht zum merseiischen Hauptquartier haben.“
„Ich habe mich schon mit schlechteren behelfen mussen“, sagte Abrams selbstzufrieden.
„Es mu? etwas sein, das Sie schon auf Starkad eingefadelt hatten“, sagte Flandry langsam. Er war wie gelahmt.
„Lassen wir das“, sagte Abrams schnell. „Das Geschaftliche…“
„Nein, ich will Klarheit haben.“
„Sie?“
Flandry starrte an Abrams vorbei wie ein Blinder. „Wenn der Kontakt so gut war“, sagte er, „werden Sie auch eine Warnung vor dem U-Boot-Angriff auf Ujanka bekommen haben. Und Sie haben nichts gesagt. Niemand war vorbereitet. Mit etwas weniger Gluck ware die Stadt zerstort worden.“ Er stand auf. „Ich habe die toten Bewohner liegen sehen.“
„Setzen Sie sich!“
„Ein Granatwerfer am Hafen hatte es verhindern konnen.“ Flandry wandte sich zum Gehen. „Manner und Frauen und kleine Kinder wurden in Stucke gerissen, lebendig unter Trummern begraben, und Sie haben nichts getan!“
Abrams sprang auf. „Halt! Warten Sie!“
Flandry drehte sich mit blitzenden Augen um. „Warum, zum Teufel, sollte ich?“ fuhr er ihn an.
Abrams packte seine Handgelenke. Flandry versuchte sich loszurei?en, doch der andere hielt ihn fest. Wut verzerrte das dunkle Chaldaergesicht. „Horen Sie mich an!“ rief Abrams. „Ich wu?te es. Ich wu?te, welche Folgen mein Stillschweigen haben wurde. Als Sie die Stadt retteten, kniete ich nieder und dankte Gott dafur. Aber denken Sie doch nach, was geschehen ware, wenn ich gehandelt hatte! Runei ist nicht dumm. Er hatte gemerkt, da? ich eine Quelle hatte, und fur diese Quelle gab es genau eine Moglichkeit. Mein Draht ware abgerissen. Und ich war schon dabei, ihn zu einer Leitung in Brechdans eigenes Buro zu verlangern. Um die Wahrheit uber Starkad zu erfahren. Wie viele Leben konnten dadurch gerettet werden? Nicht nur menschliche, auch andere, merseiische! Gewi?, es ist ein schmutziges Spiel, aber es hat eine Faustregel, die nicht nur praktisch ist, sondern auch eine Ehrensache. Man verrat seine Informanten nicht. Man gibt seine Quelle nicht preis. Das tut man nicht.“
Flandry rang nach Luft. Abrams lie? ihn los, und er ging zuruck und warf sich in seinen Sessel. Abrams blieb stehen und wartete.
Flandry blickte auf. „Es tut mir leid“, murmelte er. „Ich bin wohl uberreizt.“
„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen.“ Abrams klopfte ihm auf die Schulter. „Einmal mu?ten Sie es erfahren. Besser jetzt als spater von einem anderen. Und wissen Sie, Sie geben mir Hoffnung. Ich fragte mich schon, ob es auf unserer Seite uberhaupt noch jemanden gabe, der das Spiel nicht nur um seiner eigenen faulen Sache willen spielte.“
Er setzte sich. Eine Weile blieb es still zwischen ihnen, dann machte Flandry einen Versuch. „Ich bin jetzt wieder in Ordnung, Chef.“
Abrams grunzte. „Sie werden Ihre Sinne beisammen haben mussen. Ich sehe eine Moglichkeit, die Information bald in die Hande zu bekommen, aber auch das ist mit einem ziemlich schmutzigen Trick verbunden; einem erniedrigenden obendrein. Vielleicht fallt Ihnen eine bessere Idee ein, aber ich habe es vergeblich