235

Der Gesellige. — »Ich bekomme mir nicht gut «sagte jemand, um seinen Hang zur Gesellschaft zu erklaren.»Der Magen der Gesellschaft ist starker als der meinige, er vertragt mich.»

236

Augen-Schlie?en des Geistes. — Ist man geubt und gewohnt, uber das Handeln nachzudenken, so mu? man doch beim Handeln selber (sei dieses selbst nur Briefschreiben oder Essen und Trinken) das innere Auge schlie?en. Ja, im Gesprach mit Durchschnittsmenschen mu? man es verstehen, mit geschlossenen Denker-Augen zu denken, — um namlich das Durchschnitts-Denken zu erreichen und zu begreifen. Dieses Augen-Schlie?en ist ein fuhlbarer, mit Willen vollziehbarer Akt.

237

Die furchtbarste Rache. — Wenn man sich an einem Gegner durchaus rachen will, so soll man so lange warten, bis man die ganze Hand voll Wahrheiten und Gerechtigkeiten hat und sie gegen ihn ausspielen kann, mit Gelassenheit: so da? Rache uben mit Gerechtigkeit uben zusammenfallt. Es ist die furchtbarste Art der Rache: denn sie hat keine Instanz uber sich, an die noch apelliert werden konnte. So rachte sich Voltaire an Piron, mit funf Zeilen, die uber dessen ganzes Leben, Schaffen und Wollen richten: soviel Worte, soviel Wahrheiten; so rachte sich derselbe an Friedrich dem Gro?en (in einem Briefe an ihn, von Ferney aus).

238

Luxus-Steuer. — Man kauft in den Laden das Notige und Nachste und mu? es teuer bezahlen, weil man mitbezahlt, was dort auch feil steht, aber nur selten seine Abnehmer hat: das Luxushafte und Gelustartige. So legt der Luxus dem Einfachen, der seiner entrat, doch eine fortwahrende Steuer auf.

239

Warum die Bettler noch leben. — Wenn alle Almosen nur aus Mitleiden gegeben wurden, so waren die Bettler allesamt verhungert.

240

Warum die Bettler noch leben. — Die gro?te Almosenspenderin ist die Feigheit.

241

Wie der Denker ein Gesprach benutzt. — Ohne Horcher zu sein, kann man viel horen, wenn man versteht, gut zu sehen, doch sich selber fur Zeiten aus den Augen zu verlieren. Aber die Menschen wissen ein Gesprach nicht zu benutzen; sie verwenden bei weitem zuviel Aufmerksamkeit auf das, was sie sagen und entgegnen wollen, wahrend der wirkliche Horer sich oft begnugt, vorlaufig zu antworten und etwas als Abschlagszahlung der Hoflichkeit uberhaupt zu sagen, dagegen mit seinem hinterhaltigen Gedachtnisse alles davontragt, was der andere geau?ert hat, nebst der Art in Ton und Gebarde, wie er es au?erte. — Im gewohnlichen Gesprache meint jeder der Fuhrende zu sein, wie wenn zwei Schiffe, die nebeneinander fahren und sich hier und da einen kleinen Sto? geben, beiderseits im guten Glauben sind, ihr Nachbarschiff folge oder werde sogar geschleppt.

242

Die Kunst, sich zu entschuldigen. — Wenn sich jemand vor uns entschuldigt, so mu? er es sehr gut machen: sonst kommen wir uns selber leicht als die Schuldigen vor und haben eine unangenehme Empfindung.

243

Unmoglicher Umgang. — Das Schiff deiner Gedanken geht zu tief, als da? du mit ihm auf den Gewassern dieser freundlichen, anstandigen, entgegenkommenden Personen fahren konntest. Es sind da der Untiefen und Sandbanke zu viele: du wurdest dich drehen und wenden mussen und in fortwahrender Verlegenheit sein, und jene wurden alsbald auch in Verlegenheit geraten — uber deine Verlegenheit, deren Ursache sie nicht erraten konnen.

244

Fuchs der Fuchse. — Ein rechter Fuchs nennt nicht nur die Trauben sauer, welche er nicht erreichen kann, sondern auch die, welche er erreicht und anderen vorweggenommen hat.

245

Im nachsten Verkehre. — Wenn Menschen auch noch so eng zusammengehoren: es gibt innerhalb ihres gemeinsamen Horizontes doch noch alle vier Himmelsrichtungen, und in manchen Stunden merken sie es.

246

Das Schweigen des Ekels. — Da macht jemand als Denker und Mensch eine tiefe, schmerzhafte Umwandlung durch und legt dann offentlich Zeugnis davon ab. Und die Horer merken nichts! glauben ihn noch ganz als den alten! — Diese gewohnliche Erfahrung hat manchen Schriftstellern schon Ekel gemacht: sie hatten die Intellektualitat der Menschen zu hoch geachtet und gelobten sich, als sie ihren Irrtum wahrnahmen, das Schweigen an.

247

Geschafts-Ernst. — Die Geschafte manches Reichen und Vornehmen sind seine Art Ausruhens von allzulangem gewohnheitsma?igem Mu?iggang: er nimmt sie deshalb so ernst und passioniert, wie andere Leute ihre seltenen Mu?e-Erholungen und — Liebhabereien.

248

Doppelsinn des Auges. — Wie das Gewasser zu deinen Fu?en eine plotzliche schuppenhafte Erzitterung uberlauft, so gibt es auch im menschlichen Auge solche plotzliche Unsicherheiten und Zweideutigkeiten, bei denen man sich fragt: ist's ein Schaudern? ist's ein Lacheln? ist's beides?

249

Positiv und negativ. — Dieser Denker braucht niemanden, der ihn widerlegt: er genugt sich dazu selber.

250

Die Rache der leeren Netze. — Man nehme sich vor allen Personen in acht, welche das bittre Gefuhl des Fischers haben, der nach muhevollem Tagewerk am Abend mit leeren Netzen heimfahrt.

251

Sein Recht nicht geltend machen. — Macht ausuben kostet Muhe und erfordert Mut. Deshalb machen so viele ihr gutes, allerbestes Recht nicht geltend, weil dies Recht eine Art Macht ist, sie aber zu faul oder zu feige sind, es auszuuben. Nachsicht und Geduld hei?en die Deckmantel-Tugenden dieser Fehler.

252

Lichttrager. — In der Gesellschaft ware kein Sonnenschein, wenn ihn nicht die geborenen Schmeichelkatzen mit hineinbrachten, ich meine die sogenannten Liebenswurdigen.

253

Am mildtatigsten. — Wenn der Mensch eben sehr geehrt worden ist und ein wenig gegessen hat, so ist er am mildtatigsten.

254

Zum Lichte. — Die Menschen drangen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glanzen. — Vor wem man glanzt, den la?t man gerne als Licht gelten.

255

Die Hypochonder. — Der Hypochonder ist ein Mensch, der gerade genug Geist und Lust am Geiste besitzt, um seine Leiden, seinen Verlust, seine Fehler grundlich zu nehmen: aber sein Gebiet, auf dem er sich nahrt, ist zu klein; er weidet es so ab, da? er endlich die einzelnen Halmchen suchen mu?. Dabei wird er endlich zum Neider und Geizhals — und dann erst ist er unausstehlich.

256

Zuruckerstatten. — Hesiod rat an, dem Nachbar, der uns ausgeholfen hat, mit gutem Ma?e und womoglich reichlicher zuruckzugeben, sobald wir es vermogen. Dabei hat namlich der Nachbar seine Freude, denn seine einstmalige Gutmutigkeit tragt ihm Zinsen ein; aber auch der, welcher zuruckgibt, hat sein

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