hochsten Denkkrafte, setzt bei den Personen, welche sie bedienen, fast nur die niederen, gedankenlosen Krafte in Bewegung. Sie entfesselt dabei eine Unmasse Kraft uberhaupt, die sonst schlafen lage, das ist wahr, aber sie gibt nicht den Antrieb zum Hohersteigen, zum Bessermachen, zum Kunstlerwerden. Sie macht tatig und einformig- das erzeugt aber auf die Dauer eine Gegenwirkung, eine verzweifelte Langeweile der Seele, welche durch sie nach wechselvollem Mu?iggange dursten lernt.
221 Die Gefahrlichkeit der Aufklarung. — Alles das Halbverruckte, Schauspielerische, Tierisch-Grausame, Wollustige, namentlich Sentimentale und Sich-selbst- Berauschende, was zusammen die eigentlich revolutionare Substanz ausmacht und in Rousseau, vor der Revolution, Fleisch und Geist geworden war, — dieses ganze Wesen setzte sich mit perfider Begeisterung noch die Aufklarung auf das fanatische Haupt, welches durch diese selber wie in einer verklarenden Glorie zu leuchten begann: die Aufklarung, die im Grunde jenem Wesen so fremd ist und, fur sich waltend, still wie ein Lichtglanz durch Wolken gegangen sein wurde, lange Zeit zufrieden damit, nur die Einzelnen umzubilden: so da? sie nur sehr langsam auch die Sitten und Einrichtungen der Volker umgebildet hatte. Jetzt aber, an ein gewaltsames und plotzliches Wesen gebunden, wurde die Aufklarung selber gewaltsam und plotzlich. Ihre Gefahrlichkeit ist dadurch fast gro?er geworden als die befreiende und erhellende Nutzlichkeit, welche durch sie in die gro?e Revolutions-Bewegung kam. Wer dies begreift, wird auch wissen, aus welcher Vermischung man sie herauszuziehen, von welcher Verunreinigung man sie zu lautern hat: um dann, an sich selber, das Werk der Aufklarung fortzusetzen und die Revolution nachtraglich in der Geburt zu ersticken, ungeschehen zu machen.
222 Die Leidenschaft im Mittelalter. — Das Mittelalter ist die Zeit der gro?ten Leidenschaften. Weder das Altertum noch unsere Zeit hat diese Ausweitung der Seele: ihre Raumlichkeit war nie gro?er, und nie ist mit langeren Ma?staben gemessen worden. Die physische Urwald-Leiblichkeit von Barbarenvolkern und die uberseelenhaften, uberwachen, allzuglanzenden Augen von christlichen Mysterien-Jungern, das Kindlichste, Jungste und ebenso das Uberreifste, Altersmudeste, die Roheit des Raubtiers und die Verzartelung und Ausspitzung des spatantiken Geistes — alles dies kam damals an Einer Person nicht selten zusammen: da mu?te, wenn einer in Leidenschaft geriet, die Stromschnelle des Gemutes gewaltiger, der Strudel verwirrter, der Sturz tiefer sein als je. — Wir neueren Menschen durfen mit der Einbu?e zufrieden sein, welche hier gemacht worden ist.
223 Rauben und Sparen. — Alle geistigen Bewegungen gehen vorwarts, infolge deren die Gro?en zu rauben, die Kleinen zu sparen hoffen konnen. Deshalb ging zum Beispiel die deutsche Reformation vorwarts.
224 Frohliche Seelen. — Wenn auf Trunk, Trunkenheit und eine ubelriechende Art von Unflaterei auch nur von ferne hingewinkt wurde, dann wurden die Seelen der alteren Deutschen frohlich, — sonst waren sie verdrossen; aber dort hatten sie ihre Art von Verstandnis-Innigkeit.
225 Das ausschweifende Athen. — Selbst als der Fischmarkt Athens seine Denker und Dichter bekommen hatte, besa? die griechische Ausschweifung immer noch ein idyllischeres und feineres Aussehen, als es je die romische oder die deutsche Ausschweifung hatte. Die Stimme Juvenals hatte dort wie eine hohle Trompete geklungen: ein artiges und fast kindliches Gelachter hatte ihm geantwortet.
226 Klugheit der Griechen. — Da das Siegen- und Hervorragen-wollen ein unuberwindlicher Zug der Natur ist, alter und ursprunglicher als alle Achtung und Freude der Gleichstellung, so hat der griechische Staat den gymnastischen und musischen Wettkampf innerhalb der Gleichen sanktioniert, also einen Tummelplatz abgegrenzt, wo jener Trieb sich entladen konnte, ohne die politische Ordnung in Gefahr zu bringen. Mit dem endlichen Verfalle des gymnastischen und musischen Wettkampfes geriet der griechische Staat in innere Unruhe und Auflosung.
227 «Der ewige Epikur.«— Epikur hat zu allen Zeiten gelebt und lebt noch, unbekannt denen, welche sich Epikureer nannten und nennen, und ohne Ruf bei den Philosophen. Auch hat er selber den eigenen Namen vergessen: es war das schwerste Gepack, welches er je abgeworfen hat.
228 Stil der Uberlegenheit. — Studentendeutsch, die Sprechweise des deutschen Studenten, hat ihren Ursprung unter den nicht-studierenden Studenten, welche eine Art von Ubergewicht uber ihre ernsteren Genossen dadurch zu erlangen wissen, da? sie an Bildung, Sittsamkeit, Gelehrtheit, Ordnung, Ma?igung alles Maskeradenhafte aufdecken und die Worte aus jenen Bereichen zwar fortwahrend ebenso im Munde fuhren, wie die Besseren, Gelehrteren, aber mit einer Bosheit im Blicke und einer begleitenden Grimasse. In dieser Sprache der Uberlegenheit- der einzigen, die in Deutschland original ist — reden nun unwillkurlich auch die Staatsmanner und die Zeitungs-Kritiker: es ist ein bestandiges ironisches Zitieren, ein unruhiges, unfriedfertiges Schielen des Auges nach Rechts und Links ein Gansefu?chen- und Grimassen- Deutsch.
229 Die Vergrabenen. — Wir ziehen uns ins Verborgene zuruck: aber nicht aus irgend einem personlichen Mi?mute, als ob uns die politischen und sozialen Verhaltnisse der Gegenwart nicht genugtaten, sondern weil wir durch unsere Zuruckziehung Krafte sparen und sammeln wollen, welche spater einmal der Kultur ganz not tun werden, je mehr diese Gegenwart diese Gegenwart ist und als solche ihre Aufgabe erfullt. Wir bilden ein Kapital und suchen es sicherzustellen: aber, wie in ganz gefahrlichen Zeiten, dadurch, da? wir es vergraben.
230 Tyrannen des Geistes. — In unserer Zeit wurde man jeden, der so streng der Ausdruck eines moralischen Zuges ware, wie die Personen Theophrasts und Molieres es sind, fur krank halten, und von» fixer Idee «bei ihm reden. Das Athen des dritten Jahrhunderts wurde uns, wenn wir dort einen Besuch machen durften, wie von Narren bevolkert erscheinen. Jetzt herrscht die Demokratie der Begriffe in jedem Kopfe, — viele zusammen sind der Herr: ein einzelner Begriff, der Herr sein wollte, hei?t jetzt, wie gesagt,»fixe Idee«. Dies ist unsere Art, die Tyrannen zu morden, — wir winken mach dem lrrenhause hin.
231 Gefahrlichste Auswanderung — In Ru?land gibt es eine Auswanderung der Intelligenz: man geht uber die Grenze, um gute Bucher zu lesen und zu schreiben. So wirkt man aber dahin, das vom Geiste verlassene Vaterland immer mehr zum vorgestreckten Rachen Asiens zu machen, der das kleine Europa verschlingen mochte.
232 Die Staats-Narren. — Die fast religiose Liebe zum Konige ging bei den Griechen auf die Polis uber, als es mit dem Konigtum zu Ende war. Und weil ein Begriff mehr Liebe ertragt als eine Person, und namentlich dem Liebenden nicht so oft vor den Kopf sto?t, wie geliebte Menschen es tun (- denn je mehr sie sich geliebt wissen, desto rucksichtsloser werden sie meistens, bis sie endlich der Liebe nicht mehr wurdig sind, und wirklich ein Ri? entsteht), so war die Polis- und Staats-Verehrung gro?er, als irgend je vorher die Fursten-Verehrung. Die Griechen sind die Staats-Narren der alten Geschichte — in der neueren sind es andere Volker.
233 Gegen die Vernachlassigung der Augen. — Ob man nicht bei den gebildeten Klassen Englands, welche die Times lesen, alle zehn Jahre eine Abnahme der Sehkraft nachweisen konnte?
234 Gro?e Werke und gro?er Glaube. — Jener hatte die gro?en Werke, sein Genosse aber hatte den gro?en Glauben an diese Werke. Sie waren unzertrennlich: aber ersichtlich hing der erstere vollig vom zweiten ab.