Zukunft, in deren Morgenrote zu blicken ein unbeschreibliches Gluck sein mu?.
186 Zuruckbildend. — Alle Verbrecher zwingen die Gesellschaft auf fruhere Stufen der Kultur zuruck, als die ist, auf welcher sie gerade steht; sie wirken zuruckbildend. Man denke an die Werkzeuge, welche die Gesellschaft der Notwehr halber sich schaffen und unterhalten mu?: an den verschmitzten Polizisten, den Gefangniswarter, den Henker; man vergesse den offentlichen Anklager und den Advokaten nicht; endlich frage man sich, ob nicht der Richter selber und die Strafe und das ganze Gerichtsverfahren in ihrer Wirkung auf die Nicht-Verbrecher viel eher niederdruckende, als erhebende Erscheinungen sind; es wird eben nie gelingen, der Notwehr und der Rache das Gewand der Unschuld umzulegen; und so oft man den Menschen als ein Mittel zum Zwecke der Gesellschaft benutzt und opfert, trauert alle hohere Menschlichkeit daruber.
187 Krieg als Heilmittel. — Matt und erbarmlich werdenden Volkern mag der Krieg als Heilmittel anzuraten sein, falls sie namlich durchaus noch fortleben wollen: denn es gibt fur die Volker-Schwindsucht auch eine Brutalitats-Kur. Das ewige Leben-wollen und Nichtsterben-konnen ist aber selber schon ein Zeichen von Greisenhaftigkeit der Empfindung: je voller und tuchtiger man lebt, um so schneller ist man bereit, das Leben fur eine einzige gute Empfindung dahinzugeben. Ein Volk, das so lebt und empfindet, hat die Kriege nicht notig.
188 Geistige und leibliche Verpflanzung als Heilmittel. — Die verschiedenen Kulturen sind verschiedene geistige Klimata, von denen ein jedes diesem oder jenem Organismus vornehmlich schadlich oder heilsam ist. Die Historie im Ganzen, als das Wissen um die verschiedenen Kulturen, ist die Heilmittellehre, nicht aber die Wissenschaft der Heilkunst selber. Der Arzt ist erst recht noch notig, der sich dieser Heilmittellehre bedient, um jeden in sein ihm gerade ersprie?liches Klima zu senden — zeitweilig oder auf immer. In der Gegenwart leben, innerhalb einer einzigen Kultur, genugt nicht als allgemeines Rezept, dabei wurden zu viele hochst nutzliche Arten von Menschen aussterben, die in ihr nicht gesund atmen konnen. Mit der Historie mu? man ihnen Luft machen und sie zu erhalten suchen; auch die Menschen zuruckgebliebener Kulturen haben ihren Wert. — Dieser Kur der Geister steht zur Seite, da? die Menschheit in leiblicher Beziehung danach streben mu?, durch eine medizinische Geographie dahinterzukommen, zu welchen Entartungen und Krankheiten jede Gegend der Erde Anla? gibt, und umgekehrt, welche Heilfaktoren sie bietet: und dann mussen allmahlich Volker, Familien und Einzelne so lange und so anhaltend verpflanzt werden, bis man uber die angeerbten physischen Gebrechen Herr geworden ist. Die ganze Erde wird endlich eine Summe von Gesundheits-Stationen sein.
189 Der Baum der Menschheit und die Vernunft. — Das, was ihr als Ubervolkerung der Erde in greisenhafter Kurzsichtigkeit furchtet, gibt dem Hoffnungsvolleren eben die gro?e Aufgabe in die Hand: die Menschheit soll einmal ein Baum werden, der die ganze Erde uberschattet, mit vielen Milliarden von Bluten, die alle nebeneinander Fruchte werden sollen, und die Erde selbst soll zur Ernahrung dieses Baumes vorbereitet werden. Da? der jetzige noch kleine Ansatz dazu an Saft und Kraft zunehme, da? in unzahligen Kanalen der Saft zur Ernahrung des Ganzen und des Einzelnen umstrome — aus diesen und ahnlichen Aufgaben ist der Ma?stab zu entnehmen, ob ein jetziger Mensch nutzlich oder unnutz ist. Die Aufgabe ist unsaglich gro? und kuhn: wir alle wollen dazutun, da? der Baum nicht vor der Zeit verfaule! Dem historischen Kopfe gelingt es wohl, das menschliche Wesen und Treiben sich im Ganzen der Zeit so vor die Augen zu stellen, wie uns allen das Ameisen- Wesen mit seinen kunstvoll geturmten Haufen vor Augen steht. Oberflachlich beurteilt, wurde auch das gesamte Menschentum gleich dem Ameisentum von» Instinkt «reden lassen. Bei strengerer Prufung nehmen wir wahr, wie ganze Volker, ganze Jahrhunderte sich abmuhen, neue Mittel ausfindig zu machen und auszuprobieren, womit man einem gro?en menschlichen Ganzen und zuletzt dem gro?en Gesamt-Fruchtbaume der Menschheit wohltun konne; und was auch immer bei diesem Ausprobieren die Einzelnen, die Volker und die Zeiten fur Schaden leiden, durch diesen Schaden sind jedesmal einzelne klug geworden, und von ihnen aus stromt die Klugheit langsam auf die Ma?regeln ganzer Volker, ganzer Zeiten uber. Auch die Ameisen irren und vergreifen sich; die Menschheit kann recht wohl durch Torheit der Mittel verderben und verdorren, vor der Zeit, es gibt weder fur jene, noch fur diese einen sicher fuhrenden Instinkt. Wir mussen vielmehr der gro?en Aufgabe ins Gesicht sehen, die Erde fur ein Gewachs der gro?ten und freudigsten Fruchtbarkeit vorzubereiten, — einer Aufgabe der Vernunft fur die Vernunft!
190 Das Lob des Uneigennutzigen und sein Ursprung. — Zwischen zwei nachbarlichen Hauptlingen war seit Jahren Hader: man verwustete einander die Saaten, fuhrte Herden weg, brannte Hauser nieder, mit einem unentschiedenen Erfolge im Ganzen, weil ihre Macht ziemlich gleich war. Ein Dritter, der durch die abgeschlossene Lage seines Besitztums von diesen Fehden sich fernhalten konnte, aber doch Grund hatte, den Tag zu furchten, an dem einer dieser handelsuchtigen Nachbarn entscheidend zum Ubergewicht kommen wurde, trat endlich zwischen die Streitenden, mit Wohlwollen und Feierlichkeit: und im Geheimen legte er auf seinen Friedensvorschlag ein schweres Gewicht, indem er jedem einzeln zu verstehen gab, furderhin gegen den, welcher sich wider den Frieden straube, mit dem andern gemeinsame Sache zu machen. Man kam vor ihm zusammen, man legte zogernd in seine Hand die Hande, welche bisher die Werkzeuge und allzuoft die Ursache des Hasses gewesen waren, — und wirklich, man versuchte es ernstlich mit dem Frieden. Jeder sah mit Erstaunen, wie plotzlich sein Wohlstand, sein Behagen wuchs, wie man jetzt am Nachbar einen kaufs- und verkaufsbereiten Handler, anstatt eines tuckischen oder offen hohnenden Ubeltaters, hatte, wie selbst, in unvorhergesehenen Notfallen, man sich gegenseitig aus der Not ziehen konnte, anstatt, wie es bisher geschehen, diese Not des Nachbars auszunutzen und aufs hochste zu steigern; ja es schien, als ob der Menschenschlag in beiden Gegenden sich seitdem verschonert hatte: denn die Augen hatten sich erhellt, die Stirnen sich entrunzelt, allen war das Vertrauen zur Zukunft zu eigen geworden, — und nichts ist den Seelen und Leibern der Menschen forderlicher, als dies Vertrauen. Man sah einander alle Jahre am Tage des Bundnisses wieder, die Hauptlinge sowohl wie deren Anhang: und zwar vor dem Angesicht des Mittlers, dessen Handlungsweise man, je gro?er der Nutzen war, den man ihr verdankte, immer mehr anstaunte und verehrte. Man nannte sie uneigennutzig — man hatte den Blick viel zu fest auf den eigenen, seither eingeernteten Nutzen gerichtet, um von der Handlungsweise des Nachbars mehr zu sehen, als da? sein Zustand infolge derselben sich nicht so verandert habe wie der eigene: er war vielmehr, derselbe geblieben, und so schien es, da? jener den Nutzen nicht im Auge gehabt habe. Zum ersten Male sagte man sich, da? die Uneigennutzigkeit eine Tugend sei: gewi? mochten im Kleinen und Privaten sich oftmals bei ihnen ahnliche Dinge ereignet haben, aber man hatte das Augenmerk fur diese Tugend erst, als sie zum ersten Male in ganz gro?er Schrift, lesbar fur die ganze Gemeinde, an die Wand gemalt wurde. Erkannt als Tugenden, zu Namen gekommen, in Schatzung gebracht, zur Aneignung anempfohlen sind die moralischen Eigenschaften erst von dem Augenblicke an, da sie sichtbar uber Gluck und Verhangnis ganzer Gesellschaften entschieden haben: dann ist namlich die Hohe der Empfindung und die Erregung der inneren schopferischen Krafte bei vielen so gro?, da? man dieser Eigenschaft Geschenke bringt, vom Besten, was jeder hat: der Ernste legt ihr seinen Ernst zu Fu?en, der Wurdige seine Wurde, die Frauen ihre Milde, die Junglinge alles Hoffnungs- und Zukunftsreiche ihres Wesens; der Dichter leiht ihr Worte und Namen, reiht sie in den Reigentanz ahnlicher Wesen ein, gibt ihr einen Stammbaum und betet zuletzt, wie es Kunstler tun, das Gebilde seiner Phantasie als neue Gottheit an — er lehrt sie anbeten. So wird eine Tugend, weil die Liebe und die Dankbarkeit aller an ihr arbeitet, wie an einer Bildsaule, zuletzt eine Ansammlung des Guten und Verehrungswurdigen, eine Art Tempel und gottlicher Person zugleich. Sie steht furderhin als einzelne Tugend da, als ein Wesen fur sich, was sie bis dahin nicht war, und ubt die Rechte und die Macht einer geheiligten Ubermenschlichkeit aus. — Im spateren Griechenland standen die Stadte voll von solchen vergottmenschlichten Abstrakten (man verzeihe das absonderliche Wort um des absonderlichen Begriffs willen); das Volk hatte sich auf seine Art einen platonischen» Ideenhimmel «inmitten seiner Erde hergerichtet, und ich glaube nicht, da? dessen Inwohner weniger lebendig empfunden wurden, als irgend eine althomerische Gottheit.
191 Dunkel — Zeiten. — »Dunkel-Zeiten «nennt man solche in Norwegen, da die Sonne den ganzen Tag unter dem Horizonte bleibt: die Temperatur fallt dabei fortwahrend langsam. — Ein schones Gleichnis fur alle Denker, welchen die Sonne der Menschheits-Zukunft zeitweilig verschwunden ist.