mitbringt, wird nie ein guter Autor werden. Die edelsten Rennpferde sind mager, bis sie von ihren Siegen ausruhen durfen.

142

Keuchende Helden. — Dichter und Kunstler, die an Engbrustigkeit des Gefuhls leiden, lassen ihre Helden am meisten keuchen: sie verstehen sich auf das leichte Atmen nicht.

143

Der Halb-Blinde. — Der Halb-Blinde ist der Todfeind aller Autoren, welche sich gehen lassen. Diese sollten seinen Ingrimm kennen, mit dem er ein Buch zuschlagt, aus welchem er merkt, da? sein Verfasser funfzig Seiten braucht, um funf Gedanken mitzuteilen; jenen Ingrimm daruber, den Rest seiner Augen fast ohne Entgelt in Gefahr gebracht zu haben. — Ein Halb-Blinder sagte: alle Autoren haben sich gehen lassen. — »Auch der heilige Geist?«— Auch der heilige Geist. Aber der durfte es; er schrieb fur, die Ganz-Blinden.

144

Der Stil der Unsterblichkeit. — Thukydides sowohl wie Tacitus — beide haben beim Ausarbeiten ihrer Werke an eine unsterbliche Dauer derselben gedacht: dies wurde, wenn man es sonst nicht wu?te, schon aus ihrem Stile zu erraten sein. Der eine glaubte seinen Gedanken durch Einsalzen, der andere durch Einkochen Dauerhaftigkeit zu geben; und beide, scheint es, haben sich nicht verrechnet.

145

Gegen Bilder und Gleichnisse. — Mit Bildern, und Gleichnissen uberzeugt man, aber beweist nicht. Deshalb hat man innerhalb der Wissenschaft eine solche Scheu vor Bildern und Gleichnissen; man will hier gerade das Uberzeugende, das Glaublich-Machende nicht und fordert vielmehr das kalteste Mi?trauen auch schon durch die Ausdrucksweise und die kahlen Wande heraus: weil das Mi?trauen der Prufstein fur das Gold der Gewi?heit ist.

146

Vorsicht. — Wem es an grundlichem Wissen gebricht, der mag sich in Deutschland ja huten, zu schreiben. Denn der gute Deutsche sagt da nicht:»er ist unwissend«, sondern:»er ist von zweifelhaftem Charakter«. — Dieser ubereilte Schlu? macht ubrigens den Deutschen alle Ehre.

147

Bemalte Gerippe. — Bemalte Gerippe: das sind jene Autoren, welche das, was ihnen an Fleisch abgeht, durch kunstliche Farben ersetzen mochten.

148

Der gro?artige Stil und das Hohere. — an lernt es schneller, gro?artig schreiben, als leicht und schlicht schreiben. Die Grunde davon verlieren sich ins Moralische.

149

Sebastian Bach. — Sofern man Bachs Musik nicht als vollkommener und gewitzigter Kenner des Kontrapunktes und aller Arten des fugierten Stiles hort und demgema? des eigentlichen artistischen Genusses entraten mu?, wird es uns als Horern seiner Musik zumute sein (um uns grandios mit Goethe auszudrucken), als ob wir dabei waren, wie Gott die Welt schuf. Das hei?t: wir fuhlen, da? hier etwas Gro?es im Werden ist, aber noch nicht ist: unsere gro?e moderne Musik. Sie hat schon die Welt uberwunden, dadurch da? sie die Kirche, die Nationalitaten und den Kontrapunkt uberwand. In Bach ist noch zuviel krude Christlichkeit, krudes Deutschtum, krude Scholastik; er steht an der Schwelle der europaischen (modernen) Musik, aber schaut sich von hier nach dem Mittelalter um.

150

Handel. — Handel, im Erfinden seiner Musik kuhn, neuerungssuchtig, wahrhaft, gewaltig, dem Heroischen zugewandt und verwandt, dessen ein Volk fahig ist, — wurde bei der Ausarbeitung oft befangen und kalt, ja an sich selber mude; da wendete er einige erprobte Methoden der Durchfuhrung an, schrieb schnell und viel und war froh, wenn er fertig war, — aber nicht in der Art froh, wie es Gott und andere Schopfer am Abende ihres Werktages gewesen sind.

151

Haydn. — Soweit sich Genialitat mit einem schlechthin guten Menschen verbinden kann, hat Haydn sie gehabt. Er geht gerade bis an die Grenze, welche die Moralitat dem Intellekt zieht; er macht lauter Musik, die» keine Vergangenheit «hat.

152

Beethoven und Mozart. — Beethovens Musik erscheint haufig wie eine tiefbewegte Betrachtung beim unerwarteten Wiederhoren eines langst verloren geglaubten Stuckes» Unschuld in Tonen«: es ist Musik uber Musik. Im Liede der Bettler und Kinder auf der Gasse, bei den eintonigen Weisen wandernder Italiener, beim Tanze in der Dorfschenke oder in den Nachten des Karnevals, — da entdeckt er seine» Melodien«: er tragt sie wie eine Biene zusammen, indem er bald hier bald dort einen Laut, eine kurze Folge erhascht. Es sind ihm verklarte Erinnerungen aus der» besseren Welt«: ahnlich wie Plato es sich von den Ideen dachte. — Mozart steht ganz anders zu seinen Melodien: er findet seine Inspirationen nicht beim Horen von Musik, sondern im Schauen des Lebens, des bewegtesten sudlandischen Lebens: er traumte immer von Italien, wenn er nicht dort war.

153

Rezitativ. — Ehemals war das Rezitativ trocken; jetzt leben wir in der Zeit des nassen Rezitativs: es ist ins Wasser gefallen, und die Wellen rei?en es, wohin sie wollen.

154

«Heitere «Musik. — Hat man lange die Musik entbehrt, so geht sie nachher wie ein schwerer Sudwein allzuschnell ins Blut und hinterla?t eine narkotisch betaubte, halbwache, schlaf-sehnsuchtige Seele; namentlich tut dies gerade die heitere Musik, welche zusammen Bitterkeit und Verwundung, Uberdru? und Heimweh gibt und alles wie in einem verzuckerten Giftgetrank wieder und wieder zu schlurfen notigt. Dabei scheint der Saal der heiter rauschenden Freude sich zu verengern, das Licht an Helle zu verlieren und brauner zu werden: zuletzt ist es einem zu Mute, als ob die Musik wie in ein Gefangnis hineinklinge, wo ein armer Mensch vor Heimweh nicht schlafen kann.

155

Franz Schubert. — Franz Schubert, ein geringerer Artist als die anderen gro?en Musiker, hatte doch von allen den gro?ten Erbreichtum an Musik. Er verschwendete ihn mit voller Hand und aus gutigem Herzen: so da? die Musiker noch ein paar Jahrhunderte an seinen Gedanken und Einfallen zu zehren haben werden. In seinen Werken haben wir einen Schatz von unverbrauchten Erfindungen; andere werden ihre Gro?e im Verbrauchen haben. — Durfte man Beethoven den idealen Zuhorer eines Spielmannes nennen, so hatte Schubert darauf ein Anrecht, selber der ideale Spielmann zu hei?en.

156

Modernster Vortrag der Musik. — Der gro?e tragisch dramatische Vortrag in der Musik bekommt seinen Charakter durch Nachahmung der Gebarden des gro?en Sunders, wie ihn das Christentum sich denkt und wunscht: des langsam Schreitenden, leidenschaftlich Grubelnden, des von Gewissensqual Hin- und Hergeworfenen, des entsetzt Fliehenden, des entzuckt Haschenden, des verzweifelt Stillestehenden — und was sonst alles die Merkmale des gro?en Sundertums sind. Nur unter der Voraussetzung des Christen, da? alle Menschen gro?e Sunder sind und gar nichts tun, als sundigen, lie?e es sich rechtfertigen, jenen Stil des Vortrags auf alle Musik anzuwenden: insofern die Musik das Abbild alles menschlichen Tun und Treibens ware, und als solches die Gebardensprache des gro?en Sunders fortwahrend zu sprechen hatte. Ein Zuhorer, der nicht genug Christ ware, um diese Logik zu verstehen, durfte freilich bei einem solchen Vortrage erschreckt ausrufen:»Um des Himmels willen, wie ist denn die Sunde in die Musik gekommen!»

157

Felix Mendelssohn. — Felix Mendelssohns Musik ist die Musik des guten Geschmacks an allem Guten, was dagewesen ist: sie weist immer hinter sich. Wie konnte sie viel» Vor-sich«, viel Zukunft haben! — Aber hat er sie denn haben wollen? Er besa? eine Tugend, die unter

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