zwischen Hellem und Dunklem, Altem und Jungem und uberall dort wie ein Jager auf der Lauer, wo es Ubergange, Senkungen, Erschutterungen, die Anzeichen inneren Quellens und Werdens gab: die Unruhe des Fruhlings trieb ihn umher, aber er selber war der Fruhling nicht! — Das ahnte er wohl zuzeiten, und wollte es doch sich selber nicht glauben, er, der ehrgeizige Priester, der so gern der Geister-Papst seiner Zeit gewesen ware! Dies ist sein Leiden: er scheint lange als Pratendent mehrerer Konigtumer, ja eines Universalreiches gelebt zu haben und hatte seinen Anhang, welcher an ihn glaubte: der junge Goethe war unter ihm. Aber uberall, wo zuletzt Kronen wirklich vergeben wurden, ging er leer aus: Kant, Goethe, sodann die wirklichen ersten deutschen Historiker und Philologen nahmen ihm weg, was er sich vorbehalten wahnte, — oft aber auch im stillsten und geheimsten nicht wahnte. Gerade wenn er an sich zweifelte, warf er sich gern die Wurde und die Begeisterung um: dies waren bei ihm allzuoft Gewander, die viel verbergen, ihn selber tauschen und trosten mu?ten. Er hatte wirklich Begeisterung und Feuer, aber sein Ehrgeiz war viel gro?er! Dieser blies ungeduldig in das Feuer, da? es flackerte, knisterte und rauchte — sein Stil flackert, knistert und raucht — aber er wunschte die gro?e Flamme, und diese brach nie hervor! Er sa? nicht an der Tafel der eigentlich Schaffenden: und sein Ehrgeiz lie? nicht zu, da? er sich bescheiden unter die eigentlich Genie?enden setzte. So war er ein unruhiger Gast, der Vorkoster aller geistigen Gerichte, die sich die Deutschen in einem halben Jahrhundert aus allen Welt- und Zeitreichen zusammenholten. Nie wirklich satt und froh, war Herder uberdies allzu haufig krank: da setzte sich bisweilen der Neid an sein Bett, auch die Heuchelei machte ihren Besuch. Etwas Wundes und Unfreies blieb an ihm haften: und mehr als irgend einem unserer sogenannten» Klassiker «geht ihm die einfaltige wackere Mannhaftigkeit ab.

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Geruch der Worte. — Jedes Wort hat seinen Geruch: es gibt eine Harmonie und Disharmonie der Geruche und also der Worte.

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Der gesuchte Stil. — Der gefundene Stil ist eine Beleidigung fur den Freund des gesuchten Stils.

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Gelobnis. — Ich will keinen Autor mehr lesen, dem man anmerkt, er wollte ein Buch machen: sondern nur jene, deren Gedanken unversehens ein Buch wurden.

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Die kunstlerische Konvention. — Dreiviertel Homer ist Konvention; und ahnlich steht es bei allen griechischen Kunstlern, die zu der modernen Originalitatswut keinen Grund hatten. Es fehlte ihnen alle Angst vor der Konvention; durch diese hingen sie ja mit ihrem Publikum zusammen. Konventionen sind namlich die fur das Verstandnis der Zuhorer eroberten Kunstmittel, die muhevoll erlernte gemeinsame Sprache, mit welcher der Kunstler sich wirklich mitteilen kann. Zumal wenn er, wie der griechische Dichter und Musiker, mit jedem seiner Kunstwerke sofort siegen will — da er offentlich mit einem oder zweien Nebenbuhlern zu ringen gewohnt ist — , so ist die erste Bedingung, da? er sofort auch verstanden werde: was aber nur durch die Konvention moglich ist. Das, was der Kunstler uber die Konvention hinaus erfindet, das gibt er aus freien Stucken darauf und wagt dabei sich selber daran, im besten Fall mit dem Erfolge, da? er eine neue Konvention schafft. Fur gewohnlich wird das Originale angestaunt, mitunter sogar angebetet, aber selten verstanden; der Konvention hartnackig ausweichen hei?t: nicht verstanden werden wollen. Worauf weist also die moderne Originalitatswut hin?

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Affektation der Wissenschaftlichkeit bei Kunstlern. — Schiller glaubte, gleich anderen deutschen Kunstlern, wenn man Geist habe, durfe man uber allerlei schwierige Gegenstande auch wohl mit der Feder improvisieren. Und nun stehen seine Prosa-Aufsatze da — in jeder Beziehung ein Muster, wie man wissenschaftliche Fragen der Asthetik und Moral nicht angreifen durfe — und eine Gefahr fur junge Leser, welche, in ihrer Bewunderung des Dichters Schiller, nicht den Mut haben, vom Denker und Schriftsteller Schiller gering zu denken. — Die Versuchung, welche den Kunstler so leicht und so begreiflicherweise befallt, auch einmal uber die gerade ihm verbotene Wiese zu gehen und in der Wissenschaft ein Wort mitzusprechen — der Tuchtigste namlich findet zeitweilig sein Handwerk und seine Werkstatte unausstehlich — , diese Versuchung bringt den Kunstler so weit, aller Welt zu zeigen, was sie gar nicht zu sehen braucht, namlich da? es in seinem Denkzimmerchen eng und unordentlich aussieht — warum auch nicht? er wohnt ja nicht darin! — , da? die Vorratsspeicher seines Wissens teils leer, teils mit Krimskrams gefullt sind — warum auch nicht? es steht dies sogar im Grunde dem Kunstler-Kinde nicht ubel an — , namentlich aber, da? selbst fur die leichtesten Handgriffe der wissenschaftlichen Methode, die selbst Anfangern gelaufig sind, seine Gelenke zu ungeubt und schwerfallig sind — und auch dessen braucht er sich wahrlich nicht zu schamen! — Da gegen entfaltet er oftmals keine geringe Kunst darin, alle die Fehler, Unarten und schlechten Gelehrtenhaftigkeiten, wie sie in der wissenschaftlichen Zunft vorkommen, nachzuahmen, im Glauben, dies eben gehore, wenn nicht zur Sache, so doch zum Schein der Sache; und dies gerade ist das Lustige an solchen Kunstler-Schriften, da? hier der Kunstler, ohne es zu wollen, doch tut, was seines Amtes ist: die wissenschaftlichen und unkunstlerischen Naturen zu parodieren. Eine andere Stellung zur Wissenschaft als die parodische sollte er namlich nicht haben, soweit er eben der Kunstler und nur der Kunstler ist.

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Die Faust-Idee. — Eine kleine Nahterin wird verfuhrt und unglucklich gemacht; ein gro?er Gelehrter aller vier Fakultaten ist der Ubeltater. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugegangen sein? Nein, gewi? nicht! Ohne die Beihilfe des leibhaftigen Teufels hatte es der gro?e Gelehrte nicht zustande gebracht. — Sollte dies wirklich der gro?te deutsche» tragische Gedanke «sein, wie man unter Deutschen sagen hort? — Fur Goethe war aber auch dieser Gedanke noch zu furchterlich; sein mildes Herz konnte nicht umhin, die kleine Nahterin,»die gute Seele, die nur einmal sich vergessen«, nach ihrem unfreiwilligen Tode in die Nahe der Heiligen zu versetzen; ja selbst den gro?en Gelehrten brachte er, durch einen Possen, der dem Teufel im entscheidenden Augenblick gespielt wird, noch zur rechten Zeit in den Himmel, ihn,»den guten Menschen «mit dem» dunklen Drange«: — dort im Himmel finden sich die Liebenden wieder. — Goethe sagt einmal, fur das eigentlich Tragische sei seine Natur zu konziliant gewesen.

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Gibt es» deutsche Klassiker«? — Sainte-Beuve bemerkt einmal, da? zu der Art einiger Literaturen das Wort» Klassiker «durchaus nicht klingen wolle: wer werde zum Beispiel so leicht von» deutschen Klassikern «reden! — Was sagen unsre deutschen Buchhandler dazu welche auf dem Wege sind, die funfzig deutschen Klassiker, an die wir schon glauben sollen, noch um weitere funfzig zu vermehren? Scheint es doch fast, als ob man eben nur 30 Jahre lang tot zu sein und als erlaubte Beute offentlich dazuliegen brauche, um unversehens plotzlich als Klassiker die Trompete der Auferstehung zu horen! Und dies in einer Zeit und unter einem Volke, wo selbst von den sechs gro?en Stammvatern der Literatur funf unzweideutig veralten oder veraltet sind, — ohne da? diese Zeit und dieses Volk sich gerade dessen zu schamen hatten! Denn jene sind vor den Starken dieser Zeit zuruckgewichen — man uberlege es sich nur mit aller Billigkeit! — Von Goethe, wie angedeutet, sehe ich ab, er gehort in eine hohere Gattung von Literaturen, als» National-Literaturen «sind: deshalb steht er auch zu seiner Nation weder im Verhaltnis des Lebens, noch des Neuseins, noch des Veraltens. Nur fur wenige hat er gelebt und lebt er noch: fur die meisten ist er nichts als eine Fanfare der Eitelkeit, welche man von Zeit zu Zeit uber die deutsche Grenze hinuberblast. Goethe, nicht nur ein guter und gro?er Mensch, sondern eine Kultur, Goethe ist in der Geschichte der Deutschen ein Zwischenfall ohne Folgen: wer ware imstande, in der deutschen Politik der letzten 70 Jahre zum Beispiel ein Stuck Goethe aufzuzeigen! (wahrend jedenfalls darin ein Stuck Schiller, und vielleicht sogar ein Stuckchen Lessing tatig gewesen ist). Aber jene andern funf! Klopstock veraltete schon bei Lebzeiten auf eine sehr ehrwurdige Weise; und so grundlich, da? das nachdenkliche Buch seiner spateren Jahre, die Gelehrten-Republik, wohl bis heutigen Tag von niemandem ernst genommen worden ist. Herder hatte das Ungluck, da? seine Schriften immer entweder neu oder veraltet waren; fur die feineren und starkeren Kopfe (wie fur Lichtenberg) war zum Beispiel selbst Herders Hauptwerk, seine Ideen zur Geschichte der Menschheit, sofort beim Erscheinen etwas Veraltetes. Wieland, der reichlich gelebt und zu leben gegeben hat, kam als ein kluger Mann dem Schwinden seines Einflusses durch den Tod zuvor. Lessing lebt vielleicht

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