103 Lessing. — Lessing hat eine echt franzosische Tugend und ist uberhaupt als Schriftsteller bei den Franzosen am flei?igsten in die Schule gegangen: er versteht seine Dinge im Schauladen gut zu ordnen und aufzustellen. Ohne diese wirkliche Kunst wurden seine Gedanken sowie deren Gegenstande ziemlich im Dunkel geblieben sein, und ohne da? die allgemeine Einbu?e gro? ware. An seiner Kunst haben aber viele gelernt (namentlich die letzten Generationen deutscher Gelehrten) und Unzahlige sich erfreut. Freilich hatten jene Lernenden nicht notig gehabt, wie so oft geschehen ist, ihm auch seine unangenehme Ton-Manier, in ihrer Mischung von Zankteufelei und Biederkeit, abzulernen. — Uber den» Lyriker «Lessing ist man jetzt einmutig: uber den Dramatiker wird man es werden.
104 Unerwunschte Leser. — Wie qualen den Autor jene braven Leser mit den dicklichten, ungeschickten Seelen, welche immer, wenn sie woran ansto?en, auch umfallen und sich jedesmal dabei wehe tun!
105 Dichter-Gedanken. — Die wirklichen Gedanken gehen bei wirklichen Dichtern alle verschleiert einher wie die Agypterinnen: nur das tiefe Auge des Gedankens blickt frei uber den Schleier hinweg. — Dichter-Gedanken sind im Durchschnitt nicht so viel wert, als sie gelten: man bezahlt eben fur den Schleier und die eigene Neugierde mit.
106 Schreibt einfach und nutzlich. — Ubergange, Ausfuhrungen, Farbenspiele des Affekts, — alles das schenken wir dem Autor, weil wir dies mitbringen und seinem Buche zugute kommen lassen, falls er selber uns etwas zugute tut.
107 Wieland. — Wieland hat besser als irgend jemand deutsch geschrieben und dabei sein rechtes meisterliches Genugen und Ungenugen gehabt (seine Ubersetzungen der Briefe Ciceros und des Lucian sind die besten deutschen Ubersetzungen); aber seine Gedanken geben uns nichts mehr zu denken. Wir vertragen seine heiteren Moralitaten ebensowenig wie seine heiteren Immoralitaten: beide gehoren so gut zu einander. Die Menschen, die an ihnen ihre Freude hatten, waren doch wohl im Grunde bessere Menschen als wir, — aber auch um ein gut Teil schwerfalligere, denen ein solcher Schriftsteller eben not tat. — Goethe tat den Deutschen nicht not, daher sie auch von ihm keinen Gebrauch zu machen wissen. Man sehe sich die Besten unserer Staatsmanner und Kunstler daraufhin an: sie alle haben Goethe nicht zum Erzieher gehabt — nicht haben konnen.
108 Seltene Feste. — Kornige Gedrangtheit, Ruhe und Reife — wo du diese Eigenschaften bei einem Autor findest, da mache Halt und feiere ein langes Fest mitten in der Wuste: es wird dir lange nicht wieder so wohl werden.
109 Der Schatz der deutschen Prosa. — Wenn man von Goethes Schriften absieht und namentlich von Goethes Unterhaltungen mit Eckermann, dem besten deutschen Buche, das es gibt: was bleibt eigentlich von der deutschen Prosa-Literatur ubrig, das es verdiente, wieder und wieder gelesen zu werden? Lichtenbergs Aphorismen, das erste Buch von Jung-Stillings Lebensgeschichte, Adalbert Stifters Nachsommer und Gottfried Kellers Leute von Seldwyla, — und damit wird es einstweilen am Ende sein.
110 Schreibstil und Sprechstil. — Die Kunst zu schreiben verlangt vor allem Ersatzmittel fur die Ausdrucksarten, welche nur der Redende hat: also fur Gebarden, Akzente, Tone, Blicke. Deshalb ist der Schreibstil ein ganz anderer als der Sprechstil, und etwas viel Schwierigeres: — er will mit wenigerem sich ebenso verstandlich machen wie jener. Demosthenes hielt seine Reden anders als wir sie lesen: er hat sie zum Gelesenwerden erst uberarbeitet. — Ciceros Reden sollten zum gleichen Zwecke erst demosthenisiert werden: jetzt ist viel mehr romisches Forum in ihnen, als der Leser vertragen kann.
111 Vorsicht im Zitieren. — Die jungen Autoren wissen nicht, da? der gute Ausdruck, der gute Gedanke sich nur unter seinesgleichen gut ausnimmt, da? ein vorzugliches Zitat ganze Seiten, ja das ganze Buch vernichten kann, indem es den Leser warnt und ihm zuzurufen scheint:»Gib acht, ich bin der Edelstein und rings um mich ist Blei, bleiches, schmahliches Blei!«Jedes Wort, jeder Gedanke will nur in seiner Gesellschaft leben: das ist die Moral des gewahlten Stils.
112 Wie soll man Irrtumer sagen? — Man kann streiten, ob es schadlicher sei, wenn Irrtumer schlecht gesagt werden oder gut wie die besten Wahrheiten. Gewi? ist, da? sie im ersteren Fall auf doppelte Weise dem Kopfe schaden und schwerer aus ihm zu entfernen sind; aber freilich wirken sie nicht so sicher wie im zweiten Falle: sie sind weniger ansteckend.
113 Beschranken und vergro?ern. — Homer hat den Umfang des Stoffes beschrankt, verkleinert, aber die einzelnen Szenen aus sich wachsen lassen und vergro?ert — und so machen es spater die Tragiker immer von neuem: jeder nimmt den Stoff in noch kleineren Stucken als sein Vorganger, jeder aber erzielt eine reichere Blutenfulle innerhalb dieser abgegrenzten, umfriedeten Gartenhecken.
114 Literatur und Moralitat sich erklarend. — Man kann an der griechischen Literatur zeigen, durch welche Krafte der griechische Geist sich entfaltete, wie er in verschiedene Bahnen geriet und woran er schwach wurde. Alles das gibt ein Bild davon ab, wie es im Grunde auch mit der griechischen Moralitat zugegangen ist und wie es mit jeder Moralitat zugehen wird: wie sie erst Zwang war, erst Harte zeigte, dann allmahlich milder wurde, wie endlich Lust an gewissen Handlungen, an gewissen Konventionen und Formen entstand, und daraus wieder ein Hang zur alleinigen Ausubung, zum Alleinbesitz derselben: wie die Bahn sich mit Wettbewerbenden fullt und uberfullt, wie Ubersattigung eintritt, neue Gegenstande des Kampfes und Ehrgeizes aufgesucht, veraltete ins Leben erweckt werden, wie das Schauspiel sich wiederholt und die Zuschauer des Zuschauens uberhaupt mude werden, weil nun der ganze Kreis durchlaufen scheint — und dann kommt ein Stillstehen, ein Ausatmen: die Bache verlieren sich im Sande. Es ist das Ende da, wenigstens ein Ende.
115 Welche Gegenden dauernd erfreuen. — Diese Gegend hat bedeutende Zuge zu einem Gemalde, aber ich kann die Formel fur sie nicht finden, als Ganzes bleibt sie mir unfa?bar. Ich bemerke, da? alle Landschaften, die mir dauernd zusagen, unter aller Mannigfaltigkeit ein einfaches geometrisches Linien-Schema haben. Ohne ein solches mathematisches Substrat wird keine Gegend etwas kunstlerisch Erfreuendes. Und vielleicht gestattet diese Regel eine gleichnishafte Anwendung auf den Menschen.
116 Vorlesen. — Vorlesen konnen setzt voraus, da? man vortragen konne: man hat uberall blasse Farben anzuwenden, aber die Grade der Blasse in genauen Proportionen zu dem immer vorschwebenden und dirigierenden, voll und tief gefarbten Grundgemalde, das hei?t nach dem Vortrage derselben Partie zu bestimmen. Also mu? man dieses letzteren machtig sein.
117 Der dramatische Sinn. — Wer die feineren vier Sinne der Kunst nicht hat, sucht alles mit dem grobsten, dem funften zu verstehen: dies ist der dramatische Sinn.
118 Herder. — Herder ist alles das nicht, was er von sich wahnen machte (und selber zu wahnen wunschte): kein gro?er Denker und Erfinder, kein neuer treibender Fruchtboden mit einer urwaldfrischen unausgenutzten Kraft. Aber er besa? im hochsten Ma?e den Sinn der Witterung, er sah und pfluckte die Erstlinge der Jahreszeit fruher als alle anderen, welche dann glauben konnten, er habe sie wachsen lassen: sein Geist war