heute noch, — aber unter jungen und immer jungeren Gelehrten! Und Schiller ist jetzt aus den Handen der Junglinge in die der Knaben, aller deutschen Knaben geraten! Es ist ja eine bekannte Art des Veraltens, da? ein Buch zu immer unreiferen Lebensaltern hinabsteigt. — Und was hat diese funf zuruckgedrangt, so da? gut unterrichtete und arbeitsame Manner sie nicht mehr lesen? Der bessere Geschmack, das bessere Wissen, die bessere Achtung vor dem Wahren und Wirklichen: also lauter Tugenden, welche gerade durch jene funf (und durch zehn und zwanzig andere weniger lauten Namens) erst wieder in Deutschland angepflanzt worden sind, und welche jetzt als hoher Wald uber ihren Grabern neben dem Schatten der Ehrfurcht auch etwas vom Schatten der Vergessenheit breiten. — Aber Klassiker sind nicht Anpflanzer von intellektuellen und literarischen Tugenden, sondern Vollender und hochste Lichtspitzen derselben, welche uber den Volkern stehen bleiben, wenn diese selber zugrundegehen: denn sie sind leichter, freier, reiner als sie. Es ist ein hoher Zustand der Menschheit moglich, wo das Europa der Volker eine dunkle Vergessenheit ist, wo Europa aber noch in drei?ig sehr alten, nie veralteten Buchern lebt: in den Klassikern.

126

Interessant, aber nicht schon. — Diese Gegend verbirgt ihren Sinn, aber sie hat einen, den man erraten mochte: wohin ich sehe, lese ich Worte und Winke zu Worten aber ich wei? nicht, wo der Satz beginnt, der das Ratsel aller dieser Winke lost, und werde zum Wendehals daruber, zu untersuchen, ob von hier oder von dort aus zu lesen ist.

127

Gegen die Sprach-Neuerer. — In der Sprache neuern oder altertumeln, das Seltene und Fremdartige vorziehen, auf Reichtum des Wortschatzes statt auf Beschrankung trachten, ist immer ein Zeichen des ungereiften oder verderbten Geschmacks. Eine edle Armut, aber innerhalb des unscheinbaren Besitzes eine meisterliche Freiheit zeichnet die griechischen Kunstler der Rede aus: sie wollen weniger haben, als das Volk hat — denn dieses ist am reichsten in Altem und Neuem — aber sie wollen dies Weniger besser haben. Man ist schnell mit dem Aufzahlen ihrer Archaismen und Fremdartigkeiten fertig, aber kommt nicht zu Ende im Bewundern, wenn man fur die leichte und zarte Art ihres Verkehrs mit dem Alltaglichen und scheinbar langst Verbrauchten in Worten und Wendungen ein gutes Auge hat.

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Die traurigen und die ernsten Autoren. — Wer zu Papier bringt, was er leidet, wird ein trauriger Autor: aber ein ernster, wenn er uns sagt, was er litt und weshalb er jetzt in der Freude ausruht.

129

Gesundheit des Geschmacks. — Wie kommt es, da? die Gesundheiten nicht so ansteckend sind wie die Krankheiten — uberhaupt, und namentlich im Geschmack? Oder gibt es Epidemien der Gesundheit? —

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Vorsatz. — Kein Buch mehr lesen, das zu gleicher Zeit geboren und (mit Tinte) getauft wurde.

131

Den Gedanken verbessern. — Den Stil verbessern — das hei?t den Gedanken verbessern, und gar Nichts weiter! — Wer dies nicht sofort zugibt, ist auch nie davon zu uberzeugen.

132

Klassische Bucher. — Die schwachste Seite jedes klassischen Buches ist die, da? es zu sehr in der Muttersprache seines Autors geschrieben ist.

133

Schlechte Bucher. — Das Buch soll nach Feder, Tinte und Schreibtisch verlangen: aber gewohnlich verlangen Feder, Tinte und Schreibtisch nach dem Buche. Deshalb ist es jetzt so wenig mit Buchern.

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Sinnesgegenwart. — Das Publikum wird, wenn es uber Gemalde nachdenkt, dabei zum Dichter, und wenn es uber Gedichte nachdenkt, zum Forscher. Im Augenblick, da der Kunstler es anruft, fehlt es ihm immer am rechten Sinn, nicht also an der Geistes-, sondern an der Sinnesgegenwart.

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Gewahlte Gedanken. — Der gewahlte Stil einer bedeutenden Zeit wahlt nicht nur die Worte, sondern auch die Gedanken aus, — und zwar beide aus dem Ublichen und Herrschenden: die gewagten und allzufrisch riechenden Gedanken sind dem reiferen Geschmack nicht minder zuwider als die neuen tollkuhnen Bilder und Ausdrucke. Spater riecht beides — der gewahlte Gedanke und das gewahlte Wort — leicht nach Mittelma?igkeit, weil der Geruch des Gewahlten sich schnell verfluchtigt und dann nur noch das Ubliche und Alltagliche daran geschmeckt wird.

136

Hauptgrund der Verderbnis des Stils. — Mehr Empfindung fur eine Sache zeigen wollen, als man wirklich hat, verdirbt den Stil, in der Sprache und in allen Kunsten. Vielmehr hat alle gro?e Kunst die umgekehrte Neigung: sie liebt es, gleich jedem sittlich bedeutenden Menschen, das Gefuhl auf seinem Wege anzuhalten und nicht ganz ans Ende laufen zu lassen. Diese Scham der halben Gefuhls-Sichtbarkeit ist zum Beispiel bei Sophokles auf das Schonste zu beobachten; und es scheint die Zuge der Empfindung zu verklaren, wenn diese sich selber nuchterner gibt, als sie ist.

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Zur Entschuldigung der schwerfalligen Stilisten. — Das Leicht-Gesagte fallt selten so schwer ins Gehor, als die Sache wirklich wiegt — das liegt aber an den schlecht geschulten Ohren, welche aus der Erziehung durch das, was man bisher Musik nannte, in die Schule der hoheren Tonkunst, das hei?t der Rede, ubergehen mussen.

138

Vogelperspektive. — Hier sturzen Wildwasser von mehreren Seiten einem Schlunde zu: ihre Bewegung ist so sturmisch und rei?t das Auge so mit sich fort, da? die kahlen und bewaldeten Gebirgshange ringsum nicht abzusinken, sondern wie hinabzufliehen scheinen. Man wird beim Anblick angstvoll gespannt, als ob etwas Feindseliges hinter alledem verborgen liege, vor dem alles fluchten musse, und gegen das uns der Abgrund Schutz verliehe. Diese Gegend ist gar nicht zu malen, es sei denn, da? man wie ein Vogel in der freien Luft uber ihr schwebe. Hier ist einmal die sogenannte Vogelperspektive nicht eine kunstlerische Willkur, sondern die einzige Moglichkeit.

139

Gewagte Vergleichungen. — Wenn die gewagten Vergleichungen nicht Beweise vom Mutwillen des Schriftstellers sind, so sind sie Beweise seiner ermudeten Phantasie. In jedem Falle aber sind sie Beweise seines schlechten Geschmackes.

140

In Ketten tanzen. — Bei jedem griechischen Kunstler, Dichter und Schriftsteller ist zu fragen: welches ist der neue Zwang, den er sich auferlegt und den er seinen Zeitgenossen reizvoll macht (so da? er Nachahmer findet)? Denn was man» Erfindung«(im Metrischen zum Beispiel) nennt, ist immer eine solche selbstgelegte Fessel.»In Ketten tanzen«, es sich schwer machen und dann die Tauschung der Leichtigkeit daruber breiten, — das ist das Kunststuck, welches sie uns zeigen wollen. Schon bei Homer ist eine Fulle von vererbten Formeln und epischen Erzahlungsgesetzen wahrzunehmen innerhalb deren er tanzen mu?te: und er selber schuf neue Konventionen fur die Kommenden hinzu. Dies war die Erziehungs-Schule der griechischen Dichter: zuerst also einen vielfaltigen Zwang sich auferlegen lassen durch die fruheren Dichter; sodann einen neuen Zwang hinzuerfinden, ihn sich auferlegen und ihn anmutig besiegen: so da? Zwang und Sieg bemerkt und bewundert werden.

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Fulle der Autoren. — Das Letzte, was ein guter Autor bekommt, ist Fulle; wer sie

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